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Zum Geleit
Der Dialog mit dem heutigen Schäßburg auf allen
Ebenen ist und bleibt notwendig. Seit Jahren versuchen wir diesem Form
und Gestalt zu geben. Schon mehrere Beiträge von und über uns,
angefangen mit offenen Briefen, Berichterstattung über unsere Treffen
bis hin zur Einbringung in die Aktivitäten der Lokalen Agenda 21
wurden in Schäßburg veröffentlicht.
Heute lassen wir die Stimme Schäßburgs in unseren Nachrichten
zu Worte kommen. Der Schäßburger Mircea Purenciu, Journalist
des sehr informativen und objektiven Schäßburger Wochenblattes
"Jurnalul Sighisoara Reporter" - man könnte sagen der Großkokler
Bote von heute - kam unserer Bitte nach, unseren Lesern im Leitartikel
als Gastkommentar die aktuellen Probleme der Stadt und deren Zukunftsaussichten
als Weltkulturerbe darzustellen.

Schäßburg im Wandel der Zeit. Umbruch in der Mühlgasse
und dem Kleinen Markt, 1997.
Foto: W. Lingner
Bericht aus Schäßburg:
Ein Paket klarer Strategien
Die Kälte draußen und die Wetterprognose für die nächsten
Tage kündigen das nahe Jahresende 2003 an. Es war das 14. Jahr nach
der politischen Wende im Dezember 1989 in Rumänien und gleichzeitig
das 14. Jahr einer Übergangsperiode, deren tatsächlicher Abschluss
allerdings mit dem von Regierenden im Bericht zur Lage des Landes genannten
nicht übereinstimmt. Es war auch das erste Jahr eines Planjahrfünfts,
das uns von der versprochenen Aufnahme in die EU trennt und das wir sicher
nicht schon in viereinhalb Jahren beenden werden. Es gibt sogar Stimmen
der Opposition, nach denen wir es bloß zur Hälfte schaffen
würden. Um so mehr scheint mir eine Einschätzung der Lage unserer
Gemeinschaft und ihrer nachhaltigen Entwicklungsperspektive viel wichtiger
zu sein. Dank der lokalen Eigenständigkeit ist es in einem immer
größeren Maße möglich, die Unterschiede zwischen
den Ortschaften, ja sogar zur allgemeinen Lage im Land zu erkennen. Aus
diesem Grund werde ich einen Bericht schreiben, der mit jenem, der in
Brüssel vorgelegt wurde, nicht identisch ist: einen Bericht über
Schäßburg Ende 2003 mit allen seinen guten und weniger guten
Dingen, vor allem aber mit denen die noch zu tun sind.

Blick von der Bergschule über die Stadt in die Weißkircher
Aue, 2000
Foto: D. Hubatsch
Um die Gefahr einer subjektiven Darstellung zu reduzieren, habe ich mich
der "sozial-ökonomischen und Umweltanalyse" der "Lokalen
Agenda 21 Schäßburg" sowie der Statistiken einiger Institutionen
und der in der Zeitung "Jurnalul Sighisoara Reporter" veröffentlichten
Beiträge bedient. Ich gebe zu, dass dieser vorliegende Versuch von
mir, einem kritisch eingestellten Autor stammt, dessen Kritik nach Meinung
einiger nicht immer scharf genug ist, der sich aber seit zwei Jahren bemüht,
von seinen Mitbürgern gehört und verstanden zu werden.
Funktionsfähige Marktwirtschaft - ja, jedoch wie weitgehend und
bis wann?
Mit der Privatisierung von SC SIBAC SA, der ehemaligen Baumwollweberei
(einst W. Löw , danach "23.August") in diesem Jahr wurde
der Prozess der Privatisierung der staatlichen Betriebe in Schäßburg
beendet.
Weiterhin kann zum Kapitel "Errungenschaften" vermerkt werden,
dass einige wichtige Betriebe wie "Tarnava" (Konfektion) "Cesiro"
(Fayencefabrik), "Siceram" (Ziegelfabrik), VES (Fabrik für
Emaillegeschirr), weiterhin in betrieb sind und gute Ergebnisse aufweisen,
sowie einige neue Firmen wie "Hochland" (Milchverarbeitung in
der ehem. Butterfabrik), "Parat RO" (Airbag und Autozubehör
Herstellung in der ehem. Nicovala) und seit kurzem "Sket Cableteam"
(Kabelfertigung in der ehemaligen Möbelfabrik und Maschinen zur Kabelherstellung
in der ehem. Nicovala), aber auch jene mit dem Profil Konfektionen.
Dieser positiven Situation ist es zu verdanken, dass das Arbeitsamt in
seiner kürzlich vorgelegten Statistik nur 965 Personen führt
die Sozialhilfe oder Arbeitslosenunterstützung erhalten. In dieser
Zahl sind auch viele Personen aus dem Umland erfasst, so dass behauptet
werden kann, in Schäßburg hat die große Mehrheit der
arbeitsfähigen Einwohner einen Arbeitsplatz gesichert. Diese Tatsache
lässt die hiesige Wirtschaft in einem rosigen Licht erscheinen. Der
Schein trüg jedoch, denn Schäßburg wird sich - wie aus
einer Analyse der "Lokalen Agenda 21" hervorgeht - in den nächsten
Jahren mit einigen schwierigen Problemen auseinandersetzen müssen:
- Erstens zahlt die in der Stadt angesiedelte Industrie niedrige Löhne
und Gehälter, was zu geringen Einnahmen für den Stadthaushalt
führt. Die Perspektive, dass die Einkommen wesentlich steigen werden,
ist begrenzt, denkt man an die lohnintensive Bekleidungsindustrie wie
auch an den hohen Energieverbrauch in der Keramik- und Glasindustrie.
Die notwendige Produktivitätssteigerung durch Einführung neuer
Technologien, also weiterer Investitionen, geht zu Lasten der reinen Lohnfertigung.
Höhere Löhne als in anderen Ländern werden aber unsere
Kunden dazu treiben, sich in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion
nach billigeren Produzenten umzusehen. Wenn China im Jahr 2005, wie beabsichtigt,
dem internationalen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) beitritt, wird der
Markt mit Billigwaren überschwemmt werden. Es ergibt sich demzufolge
in der lokalen Industrie die Notwendigkeit eines Strukturwandels. Deshalb
habe ich bei den neuen Firmen nur solche aufgezählt, die für
Schäßburg wirklich ein neues Profil bedeuten und nicht die
zahlreichen Konfektionsbetriebe.
Weiterhin ist festzustellen, dass die kleinen und mittelgroßen Firmen
alle, ob es nun Fertigungs-, Handels- oder Dienstleistungseinheiten sind,
mit Unterkapitalisierung und dem Bedarf zur Neuausrüstung zu kämpfen
haben, wobei die Erfolgsaussichten wenig optimistisch stimmen.
- Zweitens ist bei uns der Dienstleistungssektor noch unterentwickelt.
Er ist noch weit davon entfernt, der Bevölkerung und der Stadt durch
gute Leistungen und Qualität eine stetige Einkommenssteigerung zu
sichern. Ohne auf die ganze Problematik dieses Wirtschaftssektors einzugehen,
kann an einem Beispiel die Situation erklärt werden: der Tourismus
ist trotz gelungener Investitionen in den letzten Jahren weiterhin Saison
abhängig, mit Spitzenzeiten in denen Qualität nicht gewährleistet
wird und übers Jahr ungleiche Einkommen erzielt werden. In diesem
Zusammenhang sei auch ein vernachlässigtes Problem angeführt:
die nach internationalen Standards ungenügende Qualifikation des
Personals. Bekanntlich sind die Einkommen in diesem Sektor kleiner als
die Trinkgelder zufriedener Gäste.
- Drittens spielt die Situation in der Landwirtschaft des Umlandes eine
wichtige Rolle. Tatsache ist, dass die bäuerlichen Betriebe bloß
das Existenzminimum erwirtschaften. Es ist wahr, hier treten die Fehler
der Politik der letzten 14 Jahren zu Tage, es fehlt an Eigeninitiative
und Unternehmergeist. Wie kann z.B. die Tatsache anders erklärt werden,
dass die Zahl der Höfe die Milchkühe halten, sogar niedriger
ist als 1989 und es keine auf Milchproduktion spezialisierte kleine und
mittlere Farmen gibt, obwohl in der Stadt die Firma "Hochland"
praktisch jede Menge Milch abnehmen und verarbeiten könnte? Denken
wir auch an die Möglichkeit, technische und Heilpflanzen anzubauen,
Obst- und Weinbau zu betreiben. Diesbezüglich könnten die Erfahrungen
unserer Partnerstädte Blois (Frankreich) und Citta di Castello (Italien)
in der Landwirtschaft, verbunden mit der Entwicklung der Lebensmittelindustrie,
übernommen werden. Gleichzeitig müsste die Möglichkeit
ausländischer Investitionen in der Landwirtschaft geprüft werden;
sie sind heute im Vergleich zur Industrie, wo deutsches Kapital vorherrscht,
verschwindend klein. Es geht nicht darum, Investoren nach ihrer Herkunft
auszuwählen, sondern Investoren zu finden, die professionelle und
finanzielle Voraussetzungen mitbringen, um hier etwas Neues aufzubauen.
Die Schlussfolgerung ist: Schäßburg braucht in kürzester
Zeit ein Paket klarer Strategien für die nahe und weitere Zukunft,
die im Einklang stehen mit den Erkenntnissen der "Lokalen Agenda
21" die auf die natürlichen und humanen Bedingungen abgestimmt
sind. Zwecks einer professionellen Auseinandersetzung mit dieser Thematik
wäre es erforderlich, an beratende Firmen mit nachweisbar guten Ergebnissen
heranzutreten bzw. ihnen die Möglichkeit zu geben, in Schäßburg
Filialen zu gründen.
Systematisierung und Stadtsanierung
In den vergangenen Jahren, vor allem im letzten Jahr, hat sich der "Gesundheitszustand"
der Stadt bedeutend verbessert. Der Stadtrat hat sich sehr um die Wiederherstellung
der Infrastruktur, um den Wohnungsbau, die Neugestaltung der Fassaden,
die Sanierung einiger Gebäude , vor allem der Schulen bemüht.
In Kürze werden eine Mehrzweckhalle, was Funktionalität und
Ausstattung betrifft, eine der vier besten im Land, weiterhin drei Turnhallen
für Schulen ihrer Bestimmung übergeben werden. Eines meiner
besonderen Anliegen, der Park im Zentrum wurde hergerichtet, an mehreren
Stellen in der Stadt sind Blumenbeete angelegt worden.
In gleichem Maße haben auch die beiden "Restauro - Vereine"
zur Gesundung der Stadt beigetragen. Es sind die Filialen der deutschen
Messerschmitt - und Hermann - Niermann - Stiftung . Diese haben drei bedeutende
Gebäude auf der Burg, die Bergkirche, das Haus mit dem Hirschgeweih
und die Bergschule mit dem dazugehörigen Gebäudekomplex, restauriert.
Nicht zu übersehen sind auch die privaten Investitionen für
den Fremdenverkehr sowie die der Nichtregierungsorganisationen (ONG´s)
auf der Burg. Wenn wir auch weitere bereits laufende Projekte wie auch
die der kommenden zwei Jahren in Betracht ziehen, scheint es, als würde
Schäßburg einer Jahrzehnte langen Last los : hunderte neue
Wohnungen sind geplant, ebenso die Erneuerung der Straßenentwässerung,
die Trinkwasserversorgung aus Zetea, Erneuerung der Straßenbeläge
und Gehsteige, ein neues Bahnhofsgebäude, eine Umgehungsstraße
für den Schwerlastverkehr, Zubringer zur 25 km weit geplanten Autobahn,
ein neues Krankenhaus usw. Auf den ersten Blick scheint dieser Geldregen
von Millionen Dollar nach mehr als sechs Jahrzehnten der "Dürre",
unglaublich. Tatsächlich ist das erhöhte Interesse an Schäßburg
nur natürlich angesichts des touristischen Potentials dieser Stadt,
der geografischen Lage und nicht zuletzt durch die Aufnahme in die Liste
des Weltkulturerbes. Diese Tatsachen allein rechtfertigen eine nachhaltige
Entwicklung von Schäßburg und Umgebung, anders als eine wirtschaftliche
Entwicklung aufgrund riskanter Projekte wie "Dracula-Park".
Außer dem Vorteil für die Bevölkerung selbst, zielen die
Anstrengungen, ausgehend von der einmaligen mittelalterlichen Bausubstanz,
darauf hin, einen Raum von besonders großer touristischer Attraktivität
im Zentrum des Landes zu schaffen. Mit der Altstadtsanierung und der städtischen
Erneuerung Schäßburgs, im Einklang mit anderen nationalen Programmen
- Bukowina, Schwarzmeerküste, Karpaten - könnte ein touristischer
Gesamtkomplex geschaffen werden, ein durch die oberflächliche Vorgangsweise
des ehemaligen Ressortministers fast verfehltes Ziel.
Alles schön und gut, aber gerade das Objekt, dem in Schäßburg
das größte Interesse gilt, die Burg, ist in den bisherigen
Projekten am wenigsten konkretisiert worden. Es gibt neuerdings auch in
Schäßburg Studien zur Erneuerung der Versorgungsleitungen,
Auflistungen aller notwendigen Arbeiten an den Wehranlagen, Türmen
und Gebäuden, auch liegen Versprechungen der Stadt und einzelner
Sponsoren vor, aber ein Programm, das als Grundlage für alle Beteiligten
dienen könnte, gibt es nicht. Zugegeben, das Procedere der Ausarbeitung
eines solchen Programms für die Burg ist alles andere als einfach.
Ein gemeinsames Vorgehen von Stadt, Ministerien, Sponsoren usw. müsste
zu einer Neufassung des "Programmes zur touristischen Entwicklung
des Raumes Schäßburg" führen, das die Unterstützung
durch die Regierung finden sollte. Die Übernahme des Tourismusressorts
durch das Bau- und Verkehrsministerium von Miron Mitrea, der sich in den
letzten Jahren für die Lösung mehrerer Problem der Stadt stark
gemacht hatte, ist eine Chance für die Umsetzung eines solchen Programmes.
Gleichzeitig ist es dringend notwendig, sogenannte "Modernisierungen"
von Handelsräumen und Gebäuden im Denkmal geschützten Bereich
schon im Keime zu ersticken. Wir denken dabei an nicht genehmigte bauliche
Veränderungen, aber auch an Änderungen aufgrund von Baugenehmigungen,
die leichtfertig erteilt wurden. Ohne eine eiserne Disziplin und strenges
Vorgehen gegen Bausünder werden die Burg und die Altstadt zu leiden
haben, sowohl in ihrem Aussehen als auch den Wert des historischen Erbes
betreffend. Die Stadtverwaltung hat in diesem Sinne erste Schritte unternommen
und wir glauben, es müsste auch ein neues Reglement für die
Erteilung von Genehmigungen und Kontrolle der Bauarbeiten erarbeitet werden..
Über Bürger und Gemeinschaften
Zu den bisher aufgezählten Problemen kommen natürlich noch weitere
hinzu:


Beginn der großen Restaurierungsarbeiten auf der
Burg, das Haus mit dem
Hirschgeweih, 2001, eine Leistung der Messerschmitt-Stiftung München.
Foto: D. Hubatsch
Die Gewährleistung des Umweltschutzes, der wichtigsten öffentlichen
Dienstleistungen (Schulwesen, Gesundheitswesen, öffentliche Ordnung)
und des Kulturlebens. Es sind Bereiche, in denen in den letzten Jahren
positive Veränderungen stattgefunden haben, zumindest in dem Maße,
in dem sie von der Stadt abhingen. Ich möchte hier die Gründung
der beiden Studiengänge für Kunst und Design sowie für
touristische Dienstleistungen erwähnen, die inzwischen gut funktionieren.
Weitere Aufgaben in diesen Bereichen sind nach meiner Meinung in den Analysen
der "Lokalen Agenda 21" richtig und umfassend dargelegt.
Das wichtigste Problem in dieser entscheidenden Phase des vielseitigen
Aufbruchs der Stadt scheint mir die Art und Weise zu sein, wie sich jeder
Einzelne und die Gemeinschaft aller Schäßburger in diese Aktionen
einbringen. Schließlich sind alle Probleme, von denen hier die Rede
ist, ihre Probleme und sie sind es auch, die als erste dazu aufgefordert
sind, anzupacken, um sie zu lösen. Ich muß dieses Thema anschneiden,
weil festzustellen ist, mit welcher Gleichgültigkeit die Schäßburger
der "Lokalen Agenda 21" gegenüber stehen. Ich verstehe,
es fällt schwer nach Jahrzehnten der Bevormundung, sich dessen bewußt
zu werden, das jeder selbst seinen Beitrag dazu leistet und mitdenkt,
was in seiner Straße, in seinem Stadtviertel, in seiner Stadt getan
werden muss. Es werden keine Antworten auf die Fragen Wie? und Womit?
erwartet, sondern bloß die Auflistung der dringenden Probleme. Ich
stelle fest - und die "Lokale Agenda 21" bestätigt es -
, dass die Menschen zwar ganz genau wissen, was in ihrem Umfeld nicht
in Ordnung ist oder fehlt, aber jeder wartet darauf, dass andere das feststellen
und Maßnahmen ergreifen. Die Spitzen der Stadtverwaltung und sogar
die lokalen Organisationen der wichtigsten politischen Parteien nehmen
heute zu diesem Phänomen eine gleichgültigere Position ein als
in den 90er Jahren, und die Kluft zwischen ihnen und der Bevölkerung
wird größer. Uns Einwohnern der Stadt ist noch nicht bewußt
geworden, dass die finanziellen Mittel unserer Stadt nicht mehr "von
oben" zugeteilt werden, sondern aus unserem Beitrag zum Haushalt
entstehen; bisher kam alles in den großen Staatstopf und andere
Städte erhielten Zuschüsse von unserem Geld, da sie konkrete
Programme hatten und nicht wir. Wir verstehen außerdem nicht, dass
es immer wieder günstige Situationen gibt, die sofort genutzt werden
müssen, weil eine solche Gelegenheit vielleicht nie wiederkehren
wird. Wir denken leider nicht daran, dass das allgemeine Bild, das sich
ein Fremder von unserer Stadt macht, von uns allen abhängt. Ernste
Investoren suchen Standorte, wo sie auch eine moralische Garantie für
das Gelingen ihres Vorhabens vorfinden, und diese können nur die
Menschen vor Ort geben.
Als ein Beispiel zu dem gesagten, eine Begebenheit aus diesem Sommer.
Vor dem Festival Mittelalterlicher Kunst waren die Einwohner aufgefordert
worden, Unterkünfte für die Besucher anzubieten. Es kamen keine
Meldungen. Als dann am Vorabend des Festivals die vielen Gäste eintrafen,
wurden sie vom Bahnhof bis zur Burg immer wieder angesprochen: "Haben
Sie schon ein Quartier? Sie könnten bei mir wohnen ..." Viele
Angebote entsprachen bei weitem nicht den Anforderungen an eine zivilisierte
Wohnung, wie eine Gruppe, die auf Quartier-Suche war, feststellte. Einige
Schäßburger mit entsprechenden Räumlichkeiten hätten
sich aber melden und einen kleinen Nebenverdienst sichern können.
Ihre Gleichgültigkeit ist zumindest unverständlich.
Es gibt noch eine Mentalität, die abgelegt werden müßte:
Man wartet auf den glücklichen Zufall, schnell viel Geld verdienen
zu können, oder ist auf der Suche nach einem besser bezahlten Arbeitsplatz.
Eine Mentalität, die den Schäßburgern früher eher
fremd war, trachteten sie doch danach, an ihrem Arbeitsplatz gute Arbeit
zu leisten. Dieses Streben nach dem schnellen Geld führt zu einer
relativ großen Fluktuation der Arbeitskraft und auch dazu, dass
viele durch Selbstständigkeit versuchen, mehr zu verdienen; auch
führt es dazu, dass notwendige Dienstleistungen für die Schäßburger
bzw. auch für Gäste fehlen oder mangelhaft sind.
Und noch eine Feststellung zum Thema Verhalten des Einzelnen und in der
Gruppe. Es gibt keine Solidarität zwischen Nachbarn, Arbeitskollegen,
in den Nachbarschaften sowie innerhalb konfessioneller Gemeinschaften.
Dieses Fehlen des Zusammengehörigkeitsgefühls ist die schmerzhafteste
Eigenschaft, weil sie die Existenz der Gemeinschaft unserer Stadtbevölkerung
gefährdet, die Effizienz aller lokalen Aktionen schmälert, die
Handlungsfähigkeit der drei wichtigen Faktoren - Stadtverwaltung,
Wirtschaft und Nichtregierungsorganisationen (ONG); lähmt. Es muß
gehandelt werden, eine das Problem vertiefende soziologische Analyse mit
Hilfe einer dazu qualifizierten Firma könnte Aufschluß geben.
In diesem Jahr hatte die Stadtverwaltung die Einwohner zum Dialog aufgefordert.
Die Antwort war eisiges Schweigen. Kommunikationsprobleme haben auch Wirtschaftseinheiten
und regierungsunabhängige Organisationen festgestellt, sogar zwischen
diesen und der Stadt klappt die Zusammenarbeit nicht, wie das Beispiel
Albert-Haus zeigt. Dabei wäre es so einfach, eine Arbeitsgruppe,
bestehend aus Vertretern der Stadtverwaltung, der Wirtschaft und der regierungsunabhängigen
Organisationen, zu bilden, um die Probleme einvernehmlich zu lösen.
Was tun?
Diese Frage hat nichts mit Lenins gleichnamigem Werk zu tun, sie ergibt
sich von selbst nach der Aufzählung aller dieser Probleme. Als Antwort
zitiere ich aus der Festansprache von Herrn Karl Scheerer, gehalten in
diesem Jahr auf dem Schäßburger Treffen in Fürth: "Es
gibt nur einen Weg: Wir alle müssen die Ärmel hochkrempeln und
unseren Einfluss geltend machen, dass Abhilfe geschaffen wird."
Wir müssen bestrebt sein, für unser Schäßburg eine
nachhaltige Entwicklung zu sichern und die günstige Gelegenheit dazu
in dieser Zeit nutzen. Schäßburg muss seinen Ruf als "Perle
Siebenbürgens" behalten.
In wieweit das Programm das die "Lokale Agenda 21" ausarbeitet,
alle für die Stadt wichtigen Projekte (z. B. das Europäisches
Zentrum für Unterricht und Kultur, oder das Zentrum für Ganzheitliche
Medizin) erfasst, wird sich zeigen. Es wird auf jeden Fall viele Vorschläge
enthalten, die von der Stadtverwaltung mit weiteren Vorschlägen für
Maßnahmen und Einrichtungen zu ergänzen sind, welche die Attraktivität
für Investoren erhöhen. Unsere Partnerstädte könnten
uns helfen vor allem bei der Fortbildung des Verwaltungspersonals in europäischem
Maßstab. Und die vielen Schäßburger in der Diaspora könnten
ebenfalls zur Mitarbeit herangezogen werden - als Fachleute auf verschiedenen
Gebieten und als Botschafter unserer Burg, zur Wiederherstellung des Gemeinsinns.
Wie dem auch sei, ich stelle fest, zum Jahresende bietet Schäßburg
so vielfältige Möglichkeiten des Handelns und der Verwirklichung,
wie selten zuvor.
Mircea Purenciu (Schäßburg)

Letztes Update: 2004-01-09
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