HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Dem Holzwurm den Kampf angesagt

Praktikum in Schäßburg: Studenten aus Deutschland und Ungarn restaurieren und konservieren Henndorfer Truhen

Vom 11. bis 21. August dieses Jahres fand in Schäßburg das deutsch-ungarische Studienpraktikum zur Konservierung der Henndorfer Truhen statt. Das Praktikum wurde vom Fachbereich: "Konservierung und Restauration" der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst der Hildesheimer Universität (Holzminden-Göttingen) zusammen mit der Restaurationsabteilung der Kunstuniversität von Budapest innerhalb eines "Sokrates" genannten Projektes veranstaltet und durchgeführt. Die evangelische Kirche von Schäßburg stellte dafür drei Räume zur Verfügung. An diesem Studienpraktikum nahmen 15 junge Leute aus Deutschland und sechs aus Ungarn, begleitet von sechs Professoren und vier Technikern teil.

Die Konservierung der ungefähr 120 bemalten mittelalterlichen Truhen aus der Wehrkirche zu Henndorf war notwendig geworden, weil ihr Fortbestand wegen des schlechten Zustandes, in dem sie sich befinden, gefährdet war. Frau Prof. Dr. Gerdi Maierbacher-Legl ist der Meinung, dass "für diese Kulturzeugnisse einer deutschen Insel im Südosten Europas ein wissenschaftlich gegründetes Konzept zur nachhaltigen Konservierung in situ zwingend erforderlich" ist. Der Aktion vorausgegangen war eine umfangreiche Analyse innerhalb der Seminarien der Restaurationsabteilung; dabei waren die historische Aussagefähigkeit der Objekte, die Herstellungstechnologie, der gegenwärtige Zustand sowie die Art der Beschädigung dokumentiert worden. Der Behandlungsplan ist unter dem Postulat entstanden, in Siebenbürgen tätig zu werden, um den vorhandenen Bestand zu bewahren.

Natürlich mussten bei der Planung die Rahmenbedingungen in Siebenbürgen berücksichtigt werden, die, wie Frau Prof. Maierbacher-Legl bemerkt, keineswegs vergleichbar mit denjenigen im westlichen Mitteleuropa sind. "Davon konnten wir uns während unserer Reise nach Rumänien im August 2000 überzeugen. Da es in Rumänien selbst keine geeignete Ausbildungsmöglichkeiten für Holzrestauratoren gibt und es sich beim untersuchten Truhenbestand um Zeugnisse der historischen Vergangenheit der deutschen Minderheit in Rumänien bzw. der Siebenbürger Sachsen handelt, liegt es nahe, dass die Studenten des Studiengangs Restaurierung unserer Hochschule das erarbeitete Konservierungskonzept auch selbst dem stark gefährdeten Bestand der Truhen in Henndorf zugute kommen lassen und vor Ort umsetzen."


Studentinnen bei der Arbeit - Foto: V. Muntean

Am ersten Tag dieses Praktikums begannen die Studenten ihre Arbeit nach einem kurzen Arbeitsgespräch. Ein Raum war in ein kleines Labor umgewandelt worden: Die nötigen Geräte und Werkzeuge sowie verschiedene Chemikalien lagen bereit. Die Studenten zogen weiße Schutzanzüge und Handschuhe an, schützten sich mit Masken gegen Bakterien. Dann wurden allerlei Substanzen vorbereitet. Auf einigen Behältern warnte ein Totenkopf vor unsachgemäßer Handhabung. Ein Student bereitete mit der nötigen Vorsicht eine Entkeimungslösung gegen Bakterien und Pilze vor.
Prof. Uwe Noldt von der Universität aus Hamburg, Fachmann auf dem Gebiet der Wurmstichbehandlung, zeigte mir das Werk der gefräßigen Holzwürmer unter dem Mikroskop. Eine angeschlossene Kamera hielt die Schäden fest.
Frau Prof. Dr. Gerdi Maierbacher - Legl erzählte, dass solche Projekte wie dieses auch in Polen, Lettland und im ehemaligen Jugoslawien abgewickelt wurden; sie seien an der Internationalisierung solcher Projekte sehr interessiert. Sie teilte mir ihren Wunsch mit, mit einer Hochschule aus Rumänien zusammenzuarbeiten. Ihre Absicht bezüglich des Projektes in Schäßburg: zunächst 20 mittelalterliche Truhen und später dann alle restlichen zu konservieren.

Bei ihrer Arbeit hatten die Studenten und Professoren auch Schwierigkeiten bei der Festlegung des Alters des Holzes aus dem die Truhen angefertigt sind. Der Grund dafür: In Rumänien gibt es keine Daten hinsichtlich der Bäume der vergangenen Jahrhunderte. Für die ersten Holzmuster wird das Alter nun in Deutschland festgestellt.

Im Gespräch mit dem evangelische n Pfarrer Halmen betonte dieser die Notwendigkeit, dass die Hochzeitstruhen in ihrem "Heimatort" aufbewahrt werden: "Es wäre ein großer Verlust, wenn diese Truhen an einen anderen Ort gebracht würden. Es ist sehr wichtig, dass diese Werte vor Ort bleiben, bzw. in Henndorf. In Zukunft werden sie sicher eine touristische Sehenswürdigkeit bilden."

In Gesprächen mit den Studenten versuchte ich zu erfahren, was sie an dieser Arbeit so fasziniert, aber auch was ihnen in Rumänien gefällt. Vanessa Kaspar (Deutschland): "Bei dieser Arbeit ist besonders interessant, dass jeder Gegenstand ein Unikat ist, für das eine geeignete Lösung gefunden werden muss. Ich bin zufrieden mit dieser Arbeit, insbesondere weil ich dadurch die Möglichkeit hatte, einige Orte in Rumänien zu besuchen. Es tut mir sehr leid, dass ich nicht länger in Rumänien bleiben kann, um noch mehrere Gegenstände zu restaurieren, weil es hier sehr viele solche beschädigte Gegenstände gibt". Carola Schüller (Deuschland): "Mir gefällt die Stadt sehr gut. Ich finde es interessant, in einem anderen Land und unter anderen Bedingungen zu arbeiten. Etwas Besonderes ist für mich die Tatsache, dass hier in Rumänien viele Leute Deutsch sprechen. Das ist super." Borda Matyas (Ungarn) " Mir gefällt die Arbeit hier sehr, weil es bis jetzt an der Hochschule nur Theorie gab; jetzt habe ich die Möglichkeit, meine theoretischen Kenntnisse in der Praxis anzuwenden. Ich bin begeistert von den Materialien und vom Werkzeug, von der Schutzkleidung, die uns zur Verfügung stehen. Interessant ist auch, was wir in den Truhen gefunden haben, zum Beispiel verschiedene Lebensmittelreste ... In Rumänien war ich schon, in Schäßburg bin ich zum ersten Mal." Berke Mata (Rumänien) "Ich bin Studentin an der Kunsthochschule von Großwardein und habe von diesem Lager in Budapest gehört. In einem Telefongespräch mit der zuständigen Professorin sagte mir diese, dass ich auch kommen darf. Es gibt hier sehr viele Neues für mich."

Bei einem erneuten Besuch kurz vor Abreise der Gruppe teilte mir Frau Prof. Dr. Gerdi Maierbacher-Legl mit, dass nicht alle Ziele, die man sich gestellt hatte, erreicht wurden. "Aber eins haben wir sicherlich erreicht: Die Studenten haben neue Beziehungen zu den Menschen in einem anderen Land geknüpft, sie haben neue Menschen kennen gelernt. Wir durften nicht vergessen, dass sie Ferien haben, und deshalb haben sie auch Ausflüge in die Umgebung unternommen - Hermannstadt, Fogarasch, natürlich Henndorf. Für die Truhen haben wir nach einem geeigneten Aufbewahrungsort Ausschau gehalten; das Henndorfer Klima ist nicht günstig. Ich habe vorgeschlagen, sie in der Bergkirche aufzubewahren. Das soll aber nicht falsch verstanden werden: Es handelt sich nicht um eine Schenkung an Schäßburg, die Truhen werden bloß hier gelagert, bis wir im nächsten Jahr mit der Arbeit fortfahren können. Zum Schluss kann ich sagen, dass ich mit der geleisteten Arbeit sehr zufrieden bin. Die Beziehungen zwischen den Studenten waren sehr angenehm, und sie haben gern gearbeitet. Wir haben uns vorgenommen, im nächsten Jahr wieder zu kommen und die Konservierungsarbeiten fortzusetzen."

Vasile S. Muntean (Schäßburg)



 

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