HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Über Lehrer-Originale und Schüler-Schlaumeier

Wie ich zum Sammler wurde / Meine Schuljahre an der Bergschule

Im Gymnasium hatten es mir von Anfang an die beiden Fächer Naturkunde und Physik angetan. Das lag wahrscheinlich an meiner Veranlagung, aber besonders auch an den reichhaltigen Sammlungen, die zum Unterricht dieser Fächer von Prof. Heinrich Höhr und Prof. Karl Roth angelegt worden waren, und die an anderen Gymnasien in Siebenbürgen, ja wahrscheinlich ganz Rumänien, wohl nicht ihresgleichen hatten.

Jedes Mal, wenn wir ihre, für mich "heilige Hallen" durchschritten, konnte ich nicht Augen genug haben, alles zu erhaschen. Natürlich war Prof. Höhr sehr stolz auf seine Sammlung, die er in enormer Arbeit aufgebaut hatte. Auch mit selbst erlegtem Getier. Und wir jungen Schlaumeier wussten diesen Jäger- und Sammlerstolz des alten Herrn auch auszunutzen: Um der Aufgabenabfragung zu entgehen, bettelten wir, wenn uns seine Stimmung als zugänglich empfanden, uns eines seiner Jagderlebnisse zu erzählen oder uns durch seine Sammlung zu führen. Die Schilderung seiner Jagden war sehr dramatisch und verriet den einst leidenschaftlichen Florianjünger, wobei man aber nicht recht wusste, ob nicht auch ein Quäntchen Jägerlatein beigemischt war. Dass wir diese Geschichten schon mehrmals erzählt bekommen hatten, tat dem von uns angestrebten Zweck ja keinen Abbruch. Und so gaben wir auch jedes Mal Zeichen der Bewunderung von uns, wenn er den mächtigen, auf ihn zurasenden Keiler "mit einem wohl gezielten Schuss mitten ins Licht (Auge) gefällt" hatte.

Führte Herr Professor in seine naturkundliche Sammlung, gab es viel zu bestaunen: vom kleinen Kolibri, nicht größer als ein bunt schillernder Schmetterling, bis hin zum starken Adler, von der Kreuzotter im Spiritusglas bis zum menschlichen Skelett. Fast alle seine Objekte hatte er in "Lebensgemeinschaften" angeordnet. So gab es die "Lebensgemeinschaft Wald und Flur", oder die "Lebensgemeinschaft Hochgebirge" - und so fort. Nach dem Besichtigungsgang kam dann die Aufgabe, über das Gesehene schriftlich zu berichten, also einen kurzen Aufsatz zu schreiben. Ich stellte unseren Unterrichtsgang meist als einen tatsächlichen Ausflug in die freie Natur dar, wobei ich auf dramatisierende Effekte auch nicht verzichtete. Dann lautete das etwa so:
"Herr Professor führte uns einen steilen Bergpfad hinan. Hoch über uns zog der starke Aar seine Kreise, mit seinem scharfen Auge nach einem unvorsichtigen Murmeltier spähend, denn in seinem Horst warteten drei Jungadler, gefüttert zu werden. ... Da krachte plötzlich aus der gegenüberliegenden Felswand ein Schuss. Der hatte einem Gamsbock gegolten. Leider konnten wir nicht erkennen, ob der Jäger getroffen hatte. Aber eine kleine Gamsherde sahen wir hastig über die Felsen davon springen. Als wir höher gestiegen waren, wies Herr Professor uns an, auch auf die Pflanzenwelt um uns zu achten, denn da blühte es in den wunderbarsten Farben. Alpenrose und Enzian, ja sogar das seltene Edelweiß wuchs da auf kargem Fels. Und zu alldem kam zum Schluss die herrliche Aussicht vom mühsam erreichten Berggipfel. Hier saßen wir nun eine Weile, packten unsere Fettbrote aus und stärkten uns vor dem Abstieg. Es war ein wundervoller Tag!"

Durch Professor Höhrs Sammlung angeregt, begann ich zunächst Käfer und Schmetterlinge zu sammeln, die ich, mit Stecknadeln aufgespießt, in selbst gefertigten Schau-Schachteln aufbewahrte. Ich hatte aber nicht mit der zerstörerischen Gefräßigkeit noch kleinerer Insekten gerechnet: Bald war meine kleine Sammlung durch solche Biester zerstört. Nun verlegte ich mich auf das Sammeln beständigerer Objekte: nämlich von Steinen und Mineralien. Diesem Sammeln bin ich, mit Unterbrechungen, bis heute treu geblieben. Auch diese "toten" Materialien öffnen unserem Blick einen Spalt zu den Wundern unserer Erde, ihrer Entstehung und ihrer Veränderung. Vulkanische, metamorphe und sedimentäre Gesteine, dazu die Formen- und Farbenvielfalt der Mineralien: Da kann man nur staunen! Goethe hatte Freude an seiner umfangreichen Sammlung, und der Lieblingsstein Friedrichs des Grossen war der milchiggrüne Chrysopras. Dass man verschiedenen Mineralien besondere Kräfte zuschreibt, macht sie zudem noch interessanter.

Für den Hobbysammler auf diesem Gebiet gibt unser heimatliches Schäßburg aber nur wenig her. Zwar wies Professor Höhr im Schleifengraben auf die dünne, gelbliche Schicht vulkanischer Asche hin, die während der eruptiven Tätigkeit des Harghita - Gebietes bis auf Schäßburger Gefilde verweht worden war, aber ansonsten herrscht hier Sandstein, als Ablagerung des einstigen Meeresbodens, vor. Wer also als junger Sammler mehr finden will, muss dort suchen, wo entweder der Kokelfluss Schotter herbeigeschafft und abgelagert, oder dort, wo man zu Bahndamm- oder Straßenbau Fremdschotter herbeigekarrt hat. Das wusste ich - und tat es auch. Und dabei hat sich was Amüsantes zugetragen: Beim Heimweg aus der Schule entdeckte ich eines Tages gegenüber der Wulkeschischen Wirtschaft am Beginn der Oberen Baiergasse, dass da ein frisch angefahrener Haufen Bruchschotters lag. Da sah ich mir die Granit-, Gneis- und Quarzbrocken genauer an und steckte manches Stück in meine Hosentasche. Als ich der Ansicht war, dass da nichts mehr für mich zu holen sei, verließ ich den Haufen. Wie ich mich unserem Hause näherte, erblickte ich meine Mutter aufgeregt, im Gassentürchen auf mich wartend. Als ich sie fragte, was denn passiert sei, erzählte sie mir, dass eine "gute Nachbarin" vorbeigekommen sei und ihr berichtet habe, dass im Kopf ihres Sohnes etwas nicht stimmen müsse, denn der trampele auf einem Schotterhaufen herum, stecke Steine in seine Hosentasche und werfe sie dann auch wieder weg. Sie glaube, dass ich zu einem Nervenarzt gebracht werden solle. Kein Wunder also, dass meine Mutter, außer sich vor Angst, auf mein Heimkommen gewartet hatte! Wir haben nachher beide herzlich gelacht.
Ein Lehrer ganz anderer Art als Professor Höhr war der damals auch sehr betagte Physik-Professor Karl Roth, kurz "Physi" genannt. Durch Taubheit gehandikapt, zog er dennoch mit eisernem Willen seine Unterrichtsstunden durch. Und ich muss dankbar bekennen: Was ich heute in Physik weiß, hab ich im Kern bei ihm gelernt. Und das hat sich festgesetzt! Da hat nachher der Seminarprofessor für Physik nicht mehr viel dazutun können. Ich hab mich später gefragt, wie sich Herr Roth überhaupt traute, trotz seiner Taubheit zu unterrichten; dazu noch Knaben im richtigen Flegelalter! Ich glaube, sein pädagogisch gewollter Mix aus Strenge und Witzigkeit, aber dann besonders seine hervorragende Fachkompetenz, gepaart mit der Anschaulichkeit seiner vielen praktischen Experimente, die ihm die überreich ausgestattete Lehrmittelsammlung erlaubte durchzuführen, ermöglichten ihm einen sehr effektiven Unterricht.


Die Bergschule - Foto: D. Hubatsch

Ob die Schüler das Dargebotene verstanden hatten, erkannte er meist an der "hübschen Zeichnung", die die Schüler als Lernkontrolle an der Tafel oder im Aufgabenheft liefern mussten. Ich hab ihn insgeheim bewundert, obwohl ich auch mitlachen musste, wenn irgendjemand, seine Taubheit ausnutzend, sich laut hinter seinem Rücken über ihn lustig machte. Ich lachte aber mit schlechtem Gefühl und fand auch sein Ausrasten zurecht, wenn er dann der Situation nur mit Hilfe des "Zeigestockes" Herr werden konnte. Vielleicht hat er manchmal den Unrechten getroffen, denn ihm fiel natürlich der zuerst ins Auge, der am auffälligsten lachte oder sich vielleicht sichtlich hinter dem Vordermann zu verbergen suchte. Seine eigenen Witze, die er in seine Stunden einstreute, waren natürlich immer dieselben und längst jedem bekannt wie etwa die Frage mit gleich mitgelieferter Antwort: "Was schmeckt am besten?" "Gebügelte Regenwürmer, und Sodawasser nachgespritzt!" Da "durfte" man von Herzen lachen, wobei das Lachen von uns übermütigen Flegeln aber eher dem Gewieher in einem Pferdestall glich.

Seine Unterrichtsstunden folgten einem feststehenden Ritual: Aufstellen der Schüler in zwei sich gegenüberstehenden Reihen vor der Tür des Physiksaales. Dann wurde die Tür von innen aufgerissen und scharfen Blicks stellte der Professor fest, wer nicht in der Reihe stand oder Faxen gemacht hatte. Der bekam meist sofort seinen Senf ab. (Unter den Schülern wurde kolportiert, er ergucke sich seine schwarzen Schäflein dabei schon durch das Schlüsselloch.) Dann erfolgte der Einmarsch in geordneter Reihe durch die Physikalien - Sammlung in den eigentlichen Unterrichtsraum. Einnahme der "angestammten" Plätze. Gruß. Abfragung anhand einer Zeichnung an der Tafel, oder es wurde ein Extemporale abverlangt. Hierauf einer der allbekannten Witze, die wahrscheinlich den "Hundsmücken-Stau" der pubertierenden Schüler entschärfen sollte. Danach erfolgte die Darbietung des neuen Unterrichtsstoffes. Dann, nach einem Blick auf die bereitgelegte Taschenuhr, die anzeigte, dass die Unterrichtsstunde abgelaufen sei, der Abschiedsgruß und der Abmarsch - wieder in geordneter Reihe. Hausarrest oder sogar Stubenarrest waren "Geschenke", die manch einer mit auf den Heimweg bekam: entweder wegen nicht gemachter Hausaufgabe oder wegen schlechten Benehmens während der Stunde.

In ihrem Verhalten waren sie oft sehr schrullig, diese alten Herrn, aber in ihren Lehr-Ergebnissen, meiner Meinung nach, erfolgreich. Ich könnte jetzt noch andere dieser Lehrer-Originale nennen, wie zum Beispiel Herrn Prof. Wilhelm Teutsch (Petrenz), der uns unbarmherzig die deutsche Grammatik eingepaukt hat. Das war wie auf dem Exerzierplatz: Nominativ! Genitiv! Dativ! Akkusativ! Die meisten seiner Zöglinge begriffen es. Ausnahmen in Sache Geduld und Durchhaltevermögen (man bedenke ihr Alter!) waren Prof. Wilhelm Hann, dessen psychische Belastbarkeit an ihre Grenze gekommen war, und Prof. Gustav Schuller (Mops), der wegen seiner einseitigen Lähmung nicht mehr zurechtkam.
Zur jüngeren Lehrergeneration gehörte der Musikprofessor Paul Schuller, der, mit seiner Fidel oder am Klavier, uns die schönsten deutschen Lieder mit auf den Lebensweg gab. So manches dieser Lieder trug mein Befinden in Freud und Leid und war mir willkommene Lebenshilfe in Anfechtung und Not.

Wie bekannt, gingen im Herbst 1948 die deutschen Schulen aus kirchlicher in staatliche Trägerschaft über. Aus dem "Bischof-Teutsch-Gymnasium" wurde das Lehrerseminar. Einige, meist jüngere Lehrer blieben da, andere kamen hinzu. Auch bisher ungewohnte Fächer wurden unterrichtet: natürlich Pädagogik. Aber zum Beispiel musste auch jeder Schüler ein Instrument spielen lernen: entweder Violine oder Klavier. Ja, da hab ich eine aus den Fugen gehende Geige quälen müssen. Ich bewundere heute noch die unaussprechlich große Geduld des Geigenlehrers unserer Gruppe, Professor Julius Hollitzer. Um die Misstöne nicht zu stark hervortreten zu lassen, zogen wir uns unsere Geigenbögen übers Haupthaar. Das hatte eine, dem Kollophonium entgegen gesetzte Wirkung. Wie gut, dass jedes Mittel auch sein Gegenmittel hat. So konnten aller Ohren geschont werden. Ich glaube, dass unser Lehrer insgeheim froh war, wenn er die längste Zeit der Unterrichtsstunde die Geigen stimmen musste! Das klang zwar auch wie Katzengejammer, war aber objektive Notwendigkeit, während unser "heikles" Zusammenspiel doch mehr subjektive Ursachen hatte.
Nun, da ich Herrn Professor Dr. Hollitzer erwähnt habe, wird noch etwas in meiner Erinnerung lebendig. Das war allerdings noch in der Gymnasialzeit, da der genannte Herr das Direktorat des Gymnasiums innehatte. Damals gehörte auch das Museum "Alt Schäßburg" gegründet von Dr. Joseph Bacon, der evangelischen Kirche. So ergab es sich, dass der Gymnasialdirektor auch Leiter des Schäßburger Heimatmuseums, das in den vielen Stockwerken des Stundturmes untergebracht, war. Dieses Museum wirkte auf mich wie ein Magnet. Beim Heimweg aus der Schule musste ich an dem Stundturm vorbei. Da standen, nahe einem kleinen Fenster neben dem Eingang , alte Grabsteine. Ich konnte nicht anders, als manchmal auf einen derselben hinaufzusteigen, um einen Blick durchs Fenster werfen zu können. Im Parterre war das "vorgeschichtliche Schäßburg" untergebracht. Da gab es aus der so genannten "Wietenbergkultur" stammende Getreidehandmühlen aus schlackigem Basalt, seltsam geritzte Tongefäße und verschiedene Messer aus Feuerstein, die dann ihre kulturgeschichtliche Fortsetzung durch entsprechende Gerätschaften aus Bronze und Eisen fanden. Besonders interessant fand ich einen einseitig abgewetzten Schienbeinknochen, den man als prähistorischen Schlittschuh interpretierte. Gebrannte Tonziegeln, die man auf dem "Burgstadel" gefunden hatte und die den Stempel einer römischen Legion trugen, gaben Zeugnis davon, dass auch die alten Römer nahe unserer Stadt wahrscheinlich ein Standlager errichtet hatten.


Deckenfresko im Treppenhaus der Bergschule.
Foto: D. Hubatsch

Jetzt wird es niemanden mehr wundern, dass ich, wenn Professor Hollitzer nach einer Unterrichtsstunde fragte, wer sich zu Reinigungsarbeiten im Stundturm melde, fast immer dazu bereit war. Meist zu Viert kehrten wir dann die vielen Treppen und Räume und entfernten den Taubenmist aus dem Turmumgang. Von hier aus konnte man, wie aus der Vogelschau, in allen Richtungen auf die Stadt blicken. Die Menschen, die unter unserem Turm durchgingen, wirkten wie Zwerge. Und da verspürten wir Lausbuben eine unheimliche Lust, auf die da unten zu spucken. Besonders, wenn wir unter ihnen Mitschüler oder gar Lehrer erkannten. Dass die Spucke aus dieser Höhe die Personen unten Gott sei Dank kaum erreichte, ging uns nicht durch unseren Sinn. So hatten wir unsere diebische Freude. Weshalb ich mich fast begierlicht zu dieser freiwilligen Putztruppe meldete? Nun, ich konnte mich in manchen Räumen einfach nicht satt sehen! Besonders die Waffenkammer hatte es mir angetan. Da gab es Exponate aus mehreren Jahrhunderten der Verteidigung unserer Stadt. Am meisten beeindruckten mich die schweren Hakenbüchsen, deren Rohren man noch den Schmiedehammer der Waffenschmiede ansah. Eine davon lag in einer der Schießscharten, durch die sie ehemals auf die Belagerer der Burg abgefeuert worden war. Da gab es auch lange und kurze Handfeuerwaffen. Besonders auffallend eine sechsläufige Pistole und eine, an deren Lauf man einen kleinen Dolch hochklappen konnte, sodass man sie nach abgegebenem Schuss noch als Stichwaffe weiterbenutzen konnte. Dann gab es die große Stadt-Ratsstube, die früher tatsächlich diesem Zweck gedient hatte. Hier schauderte mir vor einem großen Ölbild, worauf dargestellt war, wie man einem unredlichen oder verräterischen Ratsherrn "das Fell" (die Haut) abgezogen und zur Warnung der anderen Stadträte an die Wand geheftet hatte. Gruselig war es auch in der kleinen, schummerigen Turmapotheke mit den vielen beschrifteten Flaschen und den Tiegeln und altertümlich-groben Zangen und Sägen (!). Da spürte ich fast körperlich das "Ritsche - Ratsche" des mit solchem Bader-Besteck an Arm- und Beinknochen hantierenden Stadtmedikus. Jedoch suchten unsere Augen dann auch belustigt jenes Medizinglas, wo auf lateinisch "Weißer Hundedreck" stand. Was damit wohl zu kurieren war?

Lokalpatriotischen Stolz empfand ich, wenn ich vor der Fotokopie jenes Briefes stand, den der berühmte Napoleon Bonaparte dem in Schäßburg geborenen österreichischen General Michael Benedikt Melas zusammen mit einem Ehrendegen (die Originale befinden sich im Militärhistorischen Museum in Wien) nach der von den Franzosen beinahe verlorenen Schlacht bei Marengo (1800) als ritterliche Anerkennung zukommen ließ.
Von dem noch berühmteren Bürger unserer Stadt, dem Raketenpionier Hermann Oberth war damals noch nichts vorhanden, da er ja noch in Deutschland und den USA lebte und wirkte. Nach Berichten aus der alten Heimat hat er jetzt im Schäßburger Turmmuseum die ihm gebührende Ehrung gefunden.

Sepp Polder (Crailsheim)

 

 

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