HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


As saksesch Mottersproch

Kleiner Schäßburger Sprachführer

Ein nützliches Handbuch von Gustav Schotsch (1940) für zugeroaste Mediascher, Hermannstädter, Kronstädter und andere Hergelaufene.


Prof. Gustav Schotsch

1. Kapitel: Handelt von den unterschiedlichen Sprechweisen des Schäßburgers.
Der Schäßburger beherrscht im allgemeinen vier Sprechweisen: Hochdeutsch, Katholischdeutsch, Gemeinsächsisch und Schäßburgerisch. Im letzten Falle ist seine Gruß- und sonstige Ausdrucksweise so eindeutig und unmissverständlich, daß sich jede Erläuterung erübrigt. In den andern Fällen jedoch ergeben sich bei dem Versuch einer Verständigung mit den Eingeborenen gewisse Schwierigkeiten, die zu beheben der Zweck dieses kleinen Ratgebers ist.

2. Kapitel: Lautlehre.
Unter den Selbstlauten ergeben sich für Hergelaufene die größten Schwierigkeiten bei der Nachbildung des Lautes ea, z. B. in Keakel. Hier kann nur rastloses Üben zum Ziele führen. Man spreche immer wieder Wortgruppen wie "Dea verfleachter Heangd!" - Das dicke L ist hier womöglich noch dicker als sonstwo auf Sachsenboden. Wer den Ehrgeiz hat, es ganz tadellos nachzusprechen, muss dem Eingeborenen aufs Maul sehen und vor allem fleißig üben; doch hüte man sich hierbei vor Übertreibungen, da sonst infolge übermäßiger Inanspruchnahme des hinteren Gaumens leicht Brechreiz entsteht. Für kräftige Lautverbindungen wie: "tsch" hat der Schäßburger eine Vorliebe. So wird in seinem Munde alles Kurze kurtsch; ein Schotsch zum Tschotsch und die Schokolade zur Tschokolad: (Man hört in dieser Form geradezu das genießerische "Lutschen" des glücklichen Besitzers der Tschokolad heraus.)

3. Kapitel: Von den Wortarten
Die Dingwörter sind teils männlich, z. B. der Eis, teils weiblich wie die Rahm, die Knoche, die Schinke, teils sächlich wie das Kukuruz und det Saal. Weiblich ist auch die Floh, Mehrzahl die Fleh; z. B. in dem aus der Zeit der Stimmviehbewirtschaftungen überlieferten klassischen Ausspruch: "Mer haben eso viel Salmiakwurst und Krodekes (Groserkäse) gefressen, daß mer uns die Fleh auf'm Bauch knicken kennten!" Der Mund ist in Schäßburg nie männlich, sondern teils sächlich: det Mel, det Schleifes, - teils weiblich: de Gosch, de Låpp, de Gåckes, de Brassel. Von unbestimmten Zahlwörtern sei erwähnt "mehr wieviel" und "e ketj"; z. B. "loß mich uch e ketj zurpen!" Der Begriff "nichts" wird meist umschrieben durch Ausdrücke wie: en Flur, e Peke, en Heangdsknifel, oder en Heangdspels. Das Verhältniswort "bei" auch mit dem Wenfall verbunden; z. B. "So e Rotzleffel und geht schon bei die Medcher!" Von dem Fürwort "Sie" lautet die besitzanzeigende Form "Inihr"; z. B.: "Inihre wilde Übergroß!" Hierher gehört auch die schöne Wendung: "Ihre welche, die was Kinder haben". Unter den Zeitwörtern nimmt "ziehen" eine hervorragende Stelle ein. Der Schäßburger geht nicht, er zieht baden; - er zieht in den Wald um Buretz. Er freut sich dann, wenn er im letzteren Falle einen, der sich schon früher aufgemacht hat, doch noch "erdehnt". - Offenbar von "ziehen" abgeleitet ist "Ziehgarr": "Hireh Seck, gämer en Ziehgarr!"
Bekanntlich ist der Schäßburger von sehr gewinnendem Wesen: Er gewinnt nicht nur im Tarock und in der Lotterie, er gewinnt auch eine Schiwer aus dem Finger und das Bitschki oder das Budjilaar aus der Tasche.
Was der Schäßburger macht, das macht er gründlich. Während andere Leute bloß hinfallen, überdreht er sich. Auch braucht er ziemlich viel Platz, um sich darin zu bedrehn. Das Zeitwort "schelten" fehlt in seinem Wortschatz; dafür wird man hier "zusammengeschimpft", was jedenfalls eine gründlichere Sache ist als das zahme Schelten. Es steht dafür ein reicher bodenständiger Wortschatz zur Verfügung, von dem "licht Fråtzen" oder "licht Stäck Flisch", dem "fele Maßleng", dem "Makalele", "Tockefläcker", "Goasentepp" und "Limhoken" bis zum "Schwenjsmogen", "Gåldjennogel" und "Bandariver"; oder von der "lichten Zadder", dem "Schoaselt", der "Fensterkräm" bis zur "Stränz" und dem "lichte Schämpes". Nötigenfalls wird auch der rumänische oder magarische Sprachschatz herangezogen, und der "Dracu" oder "Kutyafene" marschieren auf mit "bassamasta" oder "teremtete".
Ich hatte einmal - es ist freilich schon lange her - Gelegenheit, einer besonders "tatterigen" Hausfrau zuzuhören, wie sie ihre szekler Dienstmagd einen halben Nachmittag lang "zusammenschimpfte", wobei sie sich bis zu der Feststellung verstieg: "Te jó vagysz az akasztófára!" (du bist reif für den Galgen!); das Unglücksmensch hatte nämlich einen Korondertopf (Preis zwei Kreuzer) zertrümmert. Man ersieht aus diesem Beispiel übrigens, daß die Schäßburger Hausfrauen noch eine fünfte Sprache beherrschen: Das Küchenmagharisch, eine Mischung von Szeklerisch und Sächsisch. Wir geben einige Proben:
"Tedd a strimplit és a réklit a kasztenbe! Menj a fireinbe és hoz egy liter bort, de jere homor, ne áljál megint diskurálni a falumbelikkel, mer kitépem a czópodat!
Oder: "manj, csinálaz ágyba ésfekete belé!"
Ansätze zu einem Küchenrumänisch: Z.B.: "Pune bijeleisen la platen sa bejelim firhanjele!
Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zurück zu den Wortarten. Unter den Interjektionen oder Empfindungswörtern des waschechten Schäßburgers finden wir da "tjieha!" als Ausdruck der Bewunderung und "pieha!" als Ausdruck des Abscheus. Zustimmung wird durch "Ka" ausgedrückt; Ablehnung durch: "Ja deine Groß!" Überraschung äußert sich in "Jesses Thesi!", Enttäuschung wird mit "Na buck", Verlustmit "Adje Pepi" quittiert. Wer seine Thesi und diese Pepi eigentlich sind, konnte trotz vielfachen Nachfragens bis jetzt noch nicht festgestellt werden. Vermutlich gehören diese Frauenzimmer zur Sippe der ebenso rätselhaften Balegrieß.

4. Kapitel: Von den Sätzen
Die Sätze sind teils Aussagesätze; z. B. "Ich bitt, Herr Lehrer, der Lutsch hat in Eeren gespuckt!"; teils Fragesätze wie: "Wor än Otch gihst te?" (Der Otch - Attich -, das bekannte Unkraut, wird hier wohl beschönigend gebraucht für ein klangverwandtes, aber nicht zum Pflanzenreich gehörendes Wort, das dem Schäßburger sehr geläufig ist). Man hört aber auch den Aufforderungs- und Begehrungssatz: "Gang än Dich!" (Unsere oben geäußerte Vermutung wird hiedurch sehr bekräftigt!) - Häufig ist zu hören: "Bis ruhig oder ich geb dir eine Pletsch, daß du dich überdrehst!" oder "- - daß du deine Üebergroß in Paradi schaust!" Häufig hört man auch die rhetorische Frage: "Kennst te de Bus?" Woran sich sofort ein hier nicht wiederzugebender Aufforderungssatz in ausgesprochenem Schäß-burgerisch anschließt. Auf die Frage: "Äm wefel äs et?" lautet eine beliebte Antwort: "Draviertel iwert Stuwenack!" Fragen nach dem Grund beginnen mit "um was?"; z. B. "Um was bist du eso grandig?" Antwort: "Um das!" Oder im Sächsischen: "Äm wat riedst te näst?" Antwort: "Nor!" - Begründende Nebensätze werden auch wohl mit dem Bindewort "damit" eingeleitet, z.B. in der Ablehnung einer von der Schulleitung verlangten Unterschrift: "Damit ich ein Schäßburger Birjer bin und mir von keinm Professor nix befellen laß."

 

 

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