HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Lehrer, Politiker und Pfarrer

Dr. Johann Wolff (1865 - 1943) - ein genialer Organisator
Gedenken zu seinem 60. Todestag


Dr. Johann Wolff

Am 14.8.2003 jährte sich zum 60. Mal der Todestag von Dr. Johann Wolff, der 50 Jahre lang als Lehrer, Direktor des "Bischof Teutsch"-Gymnasiums und zuletzt als Stadtpfarrer das öffentliche Leben der Stadt und Gemeinde Schäßburg geprägt hat. Als sein Nachfolger Dr. W. Wagner am Abend des Todestages mit dem evangelischen Schäßburger Presbyterium u. a. auch die anstehenden Trauerfeierlichkeiten vorbereitete, wurde, wie 1927 bei Stadtpfarrer Dr. Jakobi und 1918 bei Stadtpfarrer D. Johann Teutsch, ein Ehrenbegräbnis beschlossen. Die Begräbnisfeierlichkeiten fanden am Dienstag, dem 17.8.1943, unter großer Beteiligung der Gemeinde und aller politischen und kirchlichen Würdenträger aus Stadt, Land sowie Landeskonsistorium statt.

Wer war Johann Wolff?
Dr. Johann Wolff entstammt einem alten Bauerngeschlecht aus Großschenk, wo er am 8. November 1865 geboren wurde. Mit 13 Jahren brachte ihn sein Vater " auf die Schule" nach Schäßburg. Nach Beendigung des Gymnasiums studierte er an den Universitäten in Jena, Berlin, Straßburg und Klausenburg Philosophie und Theologie und krönte die Studienjahre mit einer wissenschaftlichen Abhandlung über die Sprachreinigungsbestrebungen des 17. Jahrhunderts, mit der er den Doktorgrad erwarb. Nach einem Probejahr und einer kurzen Lehrtätigkeit in seiner Heimat Großschenk trat Wolff 1890 seinen Dienst an der Schäßburger Bergschule an, die damals noch Gymnasium und Seminar in sich vereinte. 1905 wurde ihm die Leitung der Schule als Rektor übertragen, die er 22 Jahre innehatte. Dem Deutschunterricht galt seine besondere Liebe, Aufmerksamkeit und Begeisterung als Schulmann und Lehrer. Hier trat er das Erbe seines Lehrers Michael Albert an. In seinem Nachruf rühmt Gustav Schotsch "den zeitgemäßen, lebendigen Deutschunterricht" wie auch die durch Zusammenarbeit mit dem Kronstädter Dr. O. Netoliczka geschaffenen Schullesebücher zur Neugestaltung des Kernfaches, insbesondere die große Ausgabe des deutschen Lesebuches der Mittelschule. (Groß-Kokler Bote vom 22.8.43) Darüber hinaus wird festgehalten, dass Johann Wolff die Entwicklung des deutschen Erziehungswesens sehr aufmerksam verfolgte und deshalb auch stets bemüht war, "die seiner Leitung anvertraute Schule den neuzeitlichen Anforderungen entsprechend umzugestalten". "Die Lernschule zu einer Arbeitsschule ... auszugestalten ... und so ein freudigeres und freundschaftlicheres Zusammenarbeiten von Lehrern und Schülern im Sinne einer Schulgemeinde, herbeizuführen." (a.a.O.)

Wolff selbst beurteilt gelegentlich seiner Verabschiedung 1938 diese Arbeit, indem er sagt: "Ich setzte es mir zum Ziel, ein Mittler zu werden zwischen meinem Volke und dem Mutterlande ... unser Volk an die großen, schöpferischen Lebensströme des Mutterlandes anzuschließen - ohne untreu zu werden dem heiligen Erbe unserer siebenbürgisch-sächsischen Vergangenheit." (Groß-Kokler Bote vom 25.12.1938) Diesem Ziel diente dann auch der Umbau des Internates "Alberthaus" - "aus einer engen Bezirksanstalt zu einer großen, gemeinschaftlichen Anstalt, um auch armen, begabten Schülern, auch den ersten schwäbischen Jungen, zu helfen und freie Bahn für die Tüchtigen zu schaffen." (a.a.O.)

Über seine Berufsarbeit als Lehrer und Rektor hinaus betätigte sich Johann Wolff auch im politischen Leben unseres Volkes. Schon in den 90-er Jahren des 19. Jahrhunderts gehörte er zu den führenden Köpfen der so genannten "grünen Bewegung" unter den politisch Verantwortlichen, die den etablierten Pragmatikern gegenüber einen eigenständigen Weg einforderten. Sie hielten das nationale Gewissen wach, und durch ihre Verbindung zu den Schwaben und Rumänen öffneten sie den Weg für die Jahre nach 1918. Wolff war in verschiedenen Vertretungskörpern der Stadt, im Komitat und in der Volksorganisation politisch tätig. Ebenso im Wirtschaftsleben als Vorstand der Gewerbebank und schließlich für kurze Zeit auch als Vertreter im Senat. In diesem Sinne fand Wolffs starkes völkisches und soziales Empfinden früh den Weg in die sächsische Erneuerungsbewegung. Der extremen Ausformung der Idee stand er allerdings reserviert bis ablehnend gegenüber, was bestimmt auch ein Ertrag erworbener politischer Reife und Weisheit war.

Dr. Johann Wolff wurde am 18. Dezember 1927, als 62-jähriger Rektor des "Bischof Teutsch"-Gymnasiums, in das Schäßburger Stadtpfarramt berufen. Bezeichnend ist die Begründung, die Kurator Julius Adleff gelegentlich der Verabschiedung Wolffs gleichsam nachlieferte: "Vor 11 Jahren war sie (die Gemeinde) in großer Not, verschuldet und ohne Führer. In dieser Not baten wir den Mann, den wir als Leiter der Bergschule und als unseren Führer in völkischen Belangen kannten, uns seine Führerfähigkeiten zur Verfügung zu stellen." (Groß-Kokler Bote vom 25.12.1938)
Schweren Herzens hat Wolff dieses "schönste Amt" der Schäßburger Kirchengemeinde angenommen und es dann mit der ihm eigenen Tat- und Schaffenskraft ausgefüllt, denn die Zeiten waren ernst und schwierig. Auf ihn warteten nicht nur die Kernaufgaben eines evangelischen Geistlichen wie Seelsorge und Predigttätigkeit. Darüber hinaus mussten die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Gemeinde geordnet und die diakonischen Aufgaben ausgebaut werden. Vor allen Dingen mussten die beiden Gotteshäuser - Bergkirche und Klosterkirche - und auch die Siechhofkirche restauriert werden. "Ohne vielen Streit" wurden sodann diese notwendigen Arbeiten beschlossen und durchgeführt:

  • 1928/29 wurden an der Klosterkirche umfangreiche und großzügige Restaurierungsarbeiten durchgeführt (neue Heizanlage, Erneuerung des Gestühls, Ausmalen der Wände, Errichtung einer Gedenkstätte für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne der Kirchengemeinde).
  • 1934 wurde die Bergkirche erneuert: Turm und Dach wurden gründlich ausgebessert und mit einem Blitzableiter sowie mit Dachrinnen versehen; die vielfach beschädigten Strebepfeiler wurden ausgebessert und deren große Steinfiguren neu unterfangen und befestigt. Noch umgestaltender wurden die Innenarbeiten: der Barockaltar (M. Stock) wurde bis auf den Altartisch abgetragen, die großen Figuren der vier Evangelisten aufgestellt, ebenso das große Holzkreuz. Der Bretterboden und das Pflaster wurden neu hergerichtet. Der gesamte Raum wurde aus der Vertünchung freigelegt, ebenso die Kanzel. Alte Wandgemälde kamen zum Vorschein (J. Misselbacher).
  • Nicht vergessen wollen wir den Bau der Aussegnungshalle zur Aufbewahrung der Toten (Totenhalle) im ehemaligen Goldschmiedeturm (1935/36).

Bereitwillig hat die Kirchengemeinde Schäßburg für alle diese Arbeiten die Mittel immer wieder zur Verfügung gestellt, gerade auch zur räumlichen Ergänzung und Ausgestaltung der Bergschule, der Mädchenschule, der Turnschule und auch zum Neubau des Kindergartens.
Dr. Johann Wolff war im Stadtpfarramt ein genialer Organisator und guter Haushalter, während er auf der Kanzel eher Schulmann blieb, der gerne seine Lieblingsdichter Goethe und Schiller zitierte. Im Pfarramt sah er eine volkspolitische Aufgabe, die er allerdings im guten Sinne gelöst, weil er sie pflichtbewusst und mit Hingabe wahrgenommen hat. Als Bezirksdechant hat Wolff während der verhältnismäßig kurzen Amtsdauer alle 31 Gemeinden besucht.

Wofür stand und steht Johann Wolff?
Dr. Johann Wolff ist der letzte Schäßburger Stadtpfarrer, der seinen Weg in das Pfarramt über die Schule gegangen ist. Er steht als Lehrer, Politiker und Pfarrer für den Geist, der mit den großen Vorgängern am Schäßburger Gymnasium - G. P. Binder, G. D. Teutsch, Fr. Müller und Fr. Teutsch - fast ein Jahrhundert lang die Einheit des sächsischen Volkes erfüllte: Kirche als Dach für die sächsische Volksorganisation. Und doch steht er schon am Scheideweg. Bei seinem Abschied sagte er: "... versinkt (vergeht) doch eine Welt, die mich ein halbes Jahrhundert lang erfüllt und beglückt hat".
Abschied und Tod Johann Wolffs fallen in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. In unserem Volk tobte ein nie da gewesener Weltanschauungskampf. Die segensreiche Einheit zwischen Kirche und Volk war zerbrochen. Beide haben nie wieder richtig zueinander gefunden. So steht Dr. Johann Wolff für eine vergangene Zeit. Mit seinem Leben und Werk geht eine Epoche zu Ende. Mit diesem Ende kündigt sich schon ein Umbruch, eine andere Zeit an.

Dr. August Schuller, Pfarrer
(Hamburg)


 

 

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