HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Aus dem Kulturleben der Stadt Schäßburg im 19 Jahrhundert

Angelina, oder die Türken vor Schäßburg

Singspiel in 3 Akten von Michael Albert und Emil Silbernagel
Uhraufführung November 1887

Rückblick:

Der Anstoß, dieses Ereignis in die Schäßburger Nachrichten von heute einzubringen gab das hier dargestellte wunderbare Bild der Erstaufführung im Jahre 1887.
Es erreichte uns über das Internet aus Hamilton/Kanada, vermittelt durch Monika Ferrier, (Nachkomme Siebenbürgischer Eltern) von dem Besitzer des Bildes Rick Kunz aus Washinkton / USA dessen Großvater Josef Kamilli mit Großmutter Wilhelmine geb. Fröhlich 1926 aus Schäßburg nach Amerika auswanderten und das Bild in ihre neue Heimat mitnahmen.
Damit wurden vielseitige Nachforschungen eingeleitet: erstens unseren Spendern Rick Kunz und Monika Ferrier behilflich in der Ahnenforschung zu sein und zweitens dann natürlich das faszinierende Bild der Uraufführung für unsere Schäßburger zu dokumentieren.
Behilflich dabei waren uns Frau Heidemarie Stürzer geb. Silbernagel aus Inning am Ammersee, Trudi Theil aus Weinsberg, die beiden Herrn Niculae Tescula und Razvan Hobai aus Schäßburg, sowie die Siebenbürgische Bibliothek Gundelsheim.
Alle Dokumente aus den Jahren 1887 (Uraufführung), 1891 (Druck Libretto M. Albert), 1913 (2. Aufführung durch den Männergesangverein) und 1933 (3. Aufführung durch den Männergesangverein) stehen uns heute zur Verfügung. Trotz intensiven Suchens aber, bleibt die Partitur des Stückes von Emil Silbernagel verschollen. Wir werden weiter recherchieren.

Und nun einiges über die Geschichte, Herkunft und Aufführung des Singspieles:

Historischer Hintergrund

Die Türken kamen aus den asiatischen Steppen und fielen 1354 in Europa ein. 1395 waren sie das erste Mal in Siebenbürgen, woraufhin der römisch- deutsche Kaiser Sigismund von Luxenburg einen anti Osmanischen Kreuzzug organisierte, der jedoch bei Nikopolis scheiterte. Schäßburgs Leidenszeit beginnt  mit der Katastrophe von  Mohacs 1526, bei der das ungarische Heer, vernichtend geschlagen wurde.
Dem in der Türkenabwehr bewährten Siebenbürgen  blieb die osmanische Besatzung erspart, die Anerkennung der türkischen Oberhoheit, allerdings war nicht zu vermeiden.
Die Türkenabwehr durch die sich die Siebenbürger Sachsen  in das große Antemurale Christianitatis eingereiht und einen „Schutz und Schirm der gesamten Christenheit“ gebildet hatten, gehört zu ihren größten historischen Leistungen im Mittelalter.
An diese schweren Zeiten und den Erfolg der Türkenabwehr und Vertreibung derselben um 1700, erinnern in Schäßburg  einige Flurnamen  wie : Türkenschanze, auf dem Eichrücken, Türkensteg und Türkenhülle, in der Wench und das Türmchen auf der Steilau.
Dies ist auch der Stoff, aus dem der Heimatdichter Michael Albert, das Singspiel Angelina geschaffen hat, und das „unser Emil Silbernagel“, vertonte.

Der Dichter Michael Albert.

Michael Albert wurde 1836 in Trappold geboren, und nach dem Besuch des Gymnasiums in Schäßburg, studierte er Germanistik und Theologie in Jena, Berlin und Wien. Danach kehrte er in seine Heimat zurück und wurde Gymnasiallehrer an der Bergschule in Schäßburg. Er schrieb eine Vielzahl von Gedichten, Dramen, Novellen und Libretti.

Der  Komponist Emil Silbernagel.

Emil Silbernagel wurde 1841 in Prag–Wischegrad geboren. Mit  12 Jahren besuchte er das Konservatorium in Prag. (1852-1855)
1873 kommt er nach Schäßburg und wird hier Musiklehrer an der Bergschule, Stadtkantor und Musikdirektor des Musikvereins. Diese Stelle hat er bis zu seinem Tode im Jahre 1901 innegehabt.
Michael Albert und Emil Silbernagel, Lehrerkollegen, hatten  ein besonders freundschaftliches Verhältnis. Aus dieser künstlerischen, gegenseitigen Inspiration entstanden die drei Werke „Angelina“,  „Sezia“ und  „Klotz und Trotz“.

Erstaufführung November 1887,  Dargestellt im „Groß Kokler Boten“ Nr. 463 / 13. November 1887


Uraufführung "Angelina oder die Türken vor Schäßburg" in Schäßburg. 19. November 1887. - Foto: Ludwig Schuller

 

Mögen die nachfolgenden Zeilen diesem Bedürfnisse entsprechen!

Das Grundmotiv zum Texte der Operette, die als Dichtung ein humoristisches Volksstück sein will und dies auch im besten Sinne ist, entnahm der Dichter der, in der Müller’schen Sagensammlung enthaltenen, spezifisch Schäßburger Heckepfennig-Sage, und diesem leitenden Motive gemäß hätte die Operette auch richtiger den Titel: „Heckepfennig“ getragen. Die Handlung ist nicht streng lokal; sie ist gegen des Dichters Wunsch im Titel lokalisiert worden. Wir Schäßburger können uns wohl denken, die Handlung spiele in unserer Stadt; dazu bestärken uns auch die neuen, von Herrn Ludwig Schuller angefertigten, farbenprächtigen und stimmungsvollen Dekorationen.
Musikalisch leiten die Operette nur wenige, eine nachfolgende, etwas gedrückte, Stimmung im voraus andeutende Takte ein, dann hebt sich rasch der Vorhang, und wir sehn vor uns auf dem Burgplatze, im Halbkreise knieend, den Chor des städtischen Volkes. Vorne, rechts auf der Bühne, steht der, von Assessor Schuster dargestellte, Stadtschreiber Simeon und blickt in ein tubusartriges Instrument, das auf dreibeinigem, mannshohem Gestelle steht und nach rechts hinausgerichtet ist. Im Vorraume seiner Wohnung, die das untere Stockwerk eines seitwärts im Hintergrunde stehenden Thurmes einnimmt, sitzt auf einem dreibeinigen Schemel, Schustermeister Knoll (dargestellt von Julius Balthes), mit seiner Arbeit beschäftigt; neben ihm erblicken wir seine, von Frau Elise Bakon gegebene, Gattin Sarah und Frl. Baku als ihre stimmbegabte Tochter: Lieschen, das „Schusterlieschen“. Das Bild schließt der prächtige, neue Vorhang Schullers mit dem im Alter und Aussehen etwas zurückgesetzten Ausblicke vom Schäßburger Burgplatze in die Leichengasse, auf Friedhof und die Bergkirche.
Die Stadt ist von den Türken eingeschlossen, und das schwere Lösegeld zur Aufhebung der Belagerung kann die Stadt nicht aufbringen. „Hilf uns, Herr, aus schweren Nöten,“ singt der Chor ... „Sei uns nah in Angst und Weh! Miserere domine!“ Inzwischen findet Herr Stadtschreiber Simeon, der zugleich Chronist und Magier ist, sein Horoskop gut gelaunt, sieht Seltsames und Wunderbares; bis über zwei Jahrhunderte hinaus überblickt er die Welt-Geschicke und die seiner Stadt. Man fragt ihn aber erfolglos nach der nächsten Zukunft, der etwaigen Aufhebung der Türkenbelagerung. Die nächste Zeit sieht in seinem Horoskope sehr vernebelt und verschwommen aus; Türken und Christen liegen sich, nach des Instrumentes Aussage, gegenseitig in den Armen; Dinge und Menschen vermengen sich; keine Klarheit, alles ineinanderfließend, wie Thauwetter. Die Zukunft dagegen ist klarer; sie zu schildern, gestattet selbst die eingeflochtene, ansprechende Walzermelodie. Das Horoskop zeigt die Stadtthürme ergraut; niemand stürmt sie mehr. Dafür steht mitten auf dem Marktplatze, zu des Chores gerechtem Staunen, ein Kaffeehaus, dort mischen die späten Enkel an grünen Marmortischen die Karten und bedecken sich, auf Sophas hingestreckt, mit großen Zeitungsblättern. In den Gassen fahren sie auf einem Rade; auf den Hüten tragen die Frauen Vogelnester, u. drgl. mehr. Inzwischen ruft die Glocke zur Kirche, und mit feierlich ernstem Gesange bewegt sich der Chor langsam in die Kirche. Stadtschreiber Simeon folgt mit Horoskop und Chronik.
Lorenz, ein junger Patrizier, aber (Darsteller; Fritz Berwerth) kann die Zeit nicht thatlos vergeuden: er will sein Streitroß satteln, die Rüstung anlegen und dem Pascha zur Befreiung der Stadt das Lösegeld mit blutigen Streichen heimzahlen. Dem entschlossenen, heimlich geliebten, jungen Manne stellt sich warnend Lieschen entgegen. Das Hohnwort „Schusterlieschen“ ist Lorenzens Dank für die sanfte Fürsorge, während er stürmisch abgeht. Den zürnenden Eltern, welche den Schimpfnamen heftig beklagen, eine musikalisch wirksame Szene, singt Lieschen die prächtige Arie, eine Perle der ganzen Operette: „Bin das arme Schusterlieschen; blonde Zöpfe hab’ ich schon ...“. Dichter und Musiker halten sich hier in bezaubernder Frische und Gemütsinnigkeit die Wage.
In dem hexenartigen Weibe Angelina (dargestellt von Frl. Josefine v. Sternheim), tritt uns gleich darauf eine neue Gestalt entgegen, die sich uns in der Folge als eine Hauptstütze der Handlung offenbart. Sie ist das verhüllte, feenhafte Menschenglück, ersehnt, gesucht, verkannt, verflucht. Hier überschattet sie die Menschen, Türken und Christen, mit einer Traumwelt. Den Vorsatz hiezu spricht Angelina in die eigentümliche, geheimnisvolle Musik hinein, und das Melodrama wirkt auf den Geist, wie die Sage, die jetzt in ihr Recht eintritt.
Angelina gibt Knoll, während in der Musik sofort ein dämonischer Zauber hörbar wird, einen Heckepfennig, der, fortgeworfen, immer wiederkehrt und die Schürze, das Haus mit Gold füllt, ein märchenhaftes Lösegeld, das noch darüber ausreicht zum verderblichen Prassen und Schlemmen. Das Rasseln und Klirren der, in Knolls Hause von den Ehegatten ausgeschütteten, funkelnden Münzen, malt uns hörbar die Musik und flicht dies Motiv gelegentlich wieder ein in Lieschens Arie: „Ich kann’s nicht fassen; was wird geschehn? ... O Vater, o Mutter, zurück, zurück! Nicht Gottes Wille ist unser Glück“, wobei die Melodie in wehmütiger Zartheit ausklingt. Angelina mit Lieschen bleiben allein auf der Szene und die Musik tritt in lieblicher Schönheit in ihr freundliches Amt.
Knoll will aber jetzt gleich hoch hinaus; er will sich ein Haus bauen wie ein Serail, mit Wänden wie Email, mit Böden und Decken aus Glas in den verschiedensten Farben; in den Goldpokal wünscht er sich feinen Wein aus Spanien und vom Rhein, und Frau Sarah kommt bei ihren einfacheren Wünschen mit ihm in heftigen Widerstreit. Lieschen kann den rasch aufflackernden, häuslichen Hader nicht dämpfen, und doch müssen sie ja alle schweigen, von dem leichtverratenen Zauber. In dieser Einsicht kommen die drei Erregten im komischen Terzett, inmitten des Zwistes, immer wieder überein.
Das Lösegeld zur Befreiung der Stadt ist aber nun da, und in breitem, musikalischem Satze, in dem sich Freude und wohlgefälliges Behagen malt, kann dies Knoll in der nächsten Szene dem verwunderten Chore vortragen: „Ein Schatz ward gehoben in voriger Nacht“, gibt er an. Des Chores Staunen geht bald in einen munteren Ton über: „Besorgt den Frieden, Meister Knoll! Besänftiget des Pascha Groll!“ ja, Knoll wird Bürgermeister und das Volk beugt dem neuen Führer willig den Rücken, zumal Knoll klingendes Gold zwischen die darnach haschenden und suchenden Massen wirft, wobei sich das Münzenrollen- und -Rasseln in der begleitenden Musik plastisch abprägt. Dann folgt der breit und voll gehaltene, im Orchester mit schmetterndem Blech instrumentierte, Schlußchor des ersten Aktes, der ein Meisterwerk musikalischer Gefühlsmalerei ist. Es herrscht ein hinreißender Jubel darin, und in den wechselnd aufsteigenden Stimmen auf den verschiedensten Seiten, in allen Ecken und Enden sprühen die Funken des wiedergewonnenen Freiheitsgefühles, des neuen Glückes auf wie leuchtendes Feuerwerk.
Im zweiten Akte tritt uns gleich eingangs ein unerwartetes, lebendiges Bild entgegen. Eine außergewöhnlich freudige Stimmung der Akteinleitung im Orchester ließ uns ein frohes Genußleben vermuten; in der Flöte rollen die Töne noch immer fort, gleich warmen Perlen der Lust und des Frohsinns, und wie der Vorhang aufgeht, lagert der Chor auf einem freien Platze, innerhalb der Stadt unter grünen Bäumen, hinter denen sich auf der Anhöhe die Thürme und Basteien in der Stadtmauer malerisch ausnehmen, an Tischen und trinkt und singt. Mit Barett, Wamms und Degen sitzen auch Schüler dazwischen, Vaganten und Bachanten. „Werfet von euch, Büchs und Klingen“, hören wir, „Mag die Welt in Trümmer sinken; trinken laßt uns, trinken, trinken. Drunter mag es gehn und drüber ... je toller desto lieber!“
Der Bürgermeister will diese Stadt regieren, wie es noch Keiner je verstanden hat; Ein jeder lebe frei; es gebe keine Polizei, nicht Werktag noch Steuer, nur ewige ... Sonntagsfeier. Das heißt Leben! Und es ist kein Wunder, wenn der vortreffliche Walzer: „Streich’ vom Gesichte die Falten!“ auch uns elektrisiert. Da fesselt uns plötzlich inmitten der Festfreudigkeit ein ganz besonderes Lied. Einer der munteren Studenten (Frl. Bertha Müller) singt es, und seine Kameraden begleiten ihn hie und da. Nach des Stadtschreibers Horoskop soll es nämlich nach zweihundert Jahren in der Stadt ein seltsames Gefängnis, einen großen Weinkeller, geben mit verführerischen Zaubergeistern als Gefangenen in den eisernen Banden mächtiger Fässer. Von diesem Weinkeller hat der Student nun ein Liedchen gedichtet, entzückend erdacht und vorgetragen, in dem uns Fräulein „Kokelblümchen“ auf seinen netten Füßchen kußbereit entgegenhüpft, mit ihm, im weichen Blicke die „Haube“ verlangend, die holde „Mädchentraube“. Fräulein „Rieseling“ sehn wir auf Flügeln, wie einen Schmetterling, der Blumenduft gesogen, dicht hinter ihm, mit rotem Bande geschmückt, das „Traminermädchen“ und wonnesam Fräulein „Elevner“, ein Kind von hohem Stande. Die Ballkönigin im Keller, in dessen Tiefen wir, die Sorgen zu vergessen, niedergestiegen, ist, umduftet von des Lenzes Hauch, die feueräugige Blume: „Muskateller“. Wir fassen die Eine und die Andere der Zaubergestalten um die Hüfte, und ein Tanz beginnt, zuerst beseligend und leise, dann toller, immer toller, bis zuletzt im Kreise herum mittanzt der Keller. Dies ist wieder eine Einlage, bei der wir nicht wissen, ob im Reize der Erfindung der Dichter, oder der Musiker obenan ist.
Als bald darauf der Chor den Walzer singt: „Hier unter grünen Bäumen laßt uns den Reigen schlingen“ ... da hat auch der strenge Patrizier Lorenz Lust zum Tanzen und zwar mit dem einst verachteten Lieschen, an dem ihm jetzt die Goldreifen und Steine im Haare und die Meerperlen auf der schneeweißen Brust gar gut gefallen. Die Szene entzückt uns durch weiche, arienhafte Melodien im Liebeswerben des Jünglings und läuft aus in einen edlen Walzer vereinigter Lust im Duette.
Inzwischen hat sich auch der Chor zum Tanze gereiht, und die fröhliche Weise schlingt bereits die Paare ineinander, da schmettern Trompetenstöße in die Szene herein, in der Musik kollert es und stürzt es übereinander wie sinkende Mauern und rollende Steine. Da ist etwas geschehn, etwas Großes, Unerwartetes. Schon hört man fremdländische, eigenartige Töne, Marschmelodien, darein schmettern Trompeten und Posaunen, die Pauke und die Cinellen, dann schwirrt die Musik hinauf in das Pikkolo, gleich darauf zurücksinkend in das eintönige Anfangsmotiv auf der Violin G-Saite, und Türken marschieren auf die Bühne, Türken, Türken ohne Ende. In ihrer Sorglosigkeit und Festeslust ist die Stadt eingenommen worden. Das Lösegeld hat man, dem drängenden Pascha zu zahlen, vergessen und vergeblich beklagt man diese Versäumnis jetzt, da es zu spät ist. Der Pascha Hassan Agha (Darsteller Friedrich Fr. Schuster), steht bald auf dem Burgplatze vor seinen martialischen Kolonnen; der „Türkenmarsch“, ein in sich abgeschlossenes, kleines musikalisches Meisterstück, klingt aus, und mit der veränderten Szene ist auch der Charakter der Musik ein anderer geworden, ernster, düsterer, strenger. In gemessenem, tiefem Baß, führt sich Hassan Agha ein, und wild bewegt verheißen seine turban-häuptigen Krieger der Christenheit den Untergang und Preis ihrem Hassan Agha, Allah und Mahomet. Ergreifend klingt der Chorgesang der Stadtbewohner hinter der Szene: „Hilf uns Herr aus schweren Nöten! ... Miserere domine!“
Aber Knoll besitzt einen Schatz, vor dem sich selbst die Türken beugen, und bald spielt wieder das Heckepfennig-Motiv in die Musik herein; der Pascha wird weich; er widerruft seine grausamen Anordnungen von Aufhängen, Köpfen, Erdrosseln, und es entringt sich ihm vor dem Golde Knolls die erstaunte Frage: „Du Zaubermann, wer bist du?“ Die Türken ihrerseits jauchzen, da sie jetzt wieder Hoffnung haben können, ihren ausgebliebenen Sold zu erhalten.
Türken und Christen schließen endlich einen Bund; die Letzteren in ihrem Freudenrausche leiden alles: Araber, Juden, Heiden. Schutz und Frieden kündet frohgelaunt der Pascha allen; diese Stadt will ihm gefallen.
Heissa, Hussa! jubelt der Chor; laut und rauschend fällt das Orchester ein mit verstärktem Bleche, und Tanz beschließt den Akt, in den sich auch die befriedigten Türken mischen.


Titelblatt der 2. Auflage 1891

Die Einleitung zum dritten Akte im Orchester bildet in ihren einzelnen Motiven einen Nachklang zu den Vorgängen seit dem Eintritte des Heckepfeunig-Zaubers und bereitet in stimmungsvollen Sätzen vor auf die nachfolgende Klärung der Ereignisse in einer inneren Neugeburt der im Stücke handelnden Menschen. Ganz wunderbar wirkt das eingefügte, edle Violin-Solo (vorgetragen von Baptist Teutsch), das zuerst breit und tief gehalten, an Stärke allmählich wachsend, in die höheren Lagen aufsteigt und sich zuletzt im rauschend einfallenden Orchester verliert.

Die Zustände in der von den Türken eingenommenen Stadt sind inzwischen ganz sonderbare geworden. In der Nacht leben und genießen die Menschen, am Tage schlafen sie, und so muß der Nachtwächter am Tage seinen Dienst verrichten. Selbst der Pascha hat sich in diesen Taumel der Lust prächtig hineingefunden, ist darüber aber derart nervös und lebensschwach geworden, daß er dem Sachsen Knoll seinen Harem vermacht, worauf sich Sultan-Knoll im heiteren Liede nicht wenig zu Gute thut; auch er ist ja durch das ununterbrochene Jubilieren gegen alles abgestumpft, aber das Türkische macht ihm doch noch Spaß. Der Nachwächter (Samuel Both), Stadtschreiber Simeon, Knoll und der Pascha Hassan Agha, die sich in ihrer wehmütigen Katzenjammerstimmung in dieser humorreichen Szene zusammengefunden, wandern endlich, im stimmungsvollen Quartett umschlungen, Einer mit dem Andern zur kalten Quelle, sich zu laben und zu stärken nach „so großen, schweren Werken.“
Patrizier Lorenz tritt auf und bringt seiner Geliebten, Lieschen, ein Ständ­chen, ebenfalls am Tage, statt in der durch die Poesie geheiligten Nachtzeit; das Orchester begleitet piccicato. Bald tönt Lieschens Stimme dazwischen; Lorenz aber kommt es vor, als habe sie sich vom Golde bethören lassen und wolle ihn nicht erhören, da wächst erregt seine Stimme, in heldenmütigem Mute ist er endlich entschlossen, des Goldes Wirkung in der Stadt zu vernichten und mit kühnem Wagen die Türken aus der Stadt zu schlagen. Er stellt sich an die Spitze einer tapferen Männerschaar; ein Bürgeraufruhr entbrennt, den die Musik treu wiedergibt, während ihn die offene Szene zeigt, und im Gefechte der Männer werden die Anhänger des Schlemmers Knoll sammt den Türken zurückgedrängt, Letztere vertrieben. Knoll, aufs Höchste mißstimmt, will die undankbare, verruchte Stadt ebenfalls verlassen und sich wenigstens den Harem des Sultan retten. Da schäumt der Chor der Frauen wild auf gegen ihn, sein eigenes Weib stürzt sich angstbleich vor und löst, erbittert, den Zauber: „Knoll hat einen Heckepfennig“, wirft sie kühn in den erstaunten Chor; Knoll hat sie nicht zurückhalten können. Nun fährt er bei diesem Verrate in seine Taschen und senkt traurig das Haupt; der Heckepfennig ist fort, mit ihm der Zauber, das Glück, der Reichtum. Als bald darauf das Schusterlieschen, ärmlich gekleidet, wie im ersten Akte, wieder mit seinem bekannten Liede im Bühnenhintergrunde erscheint, blickt uns die wiedereingekehrte Armut weh­mütig entgegen, und wir vermeinen, im schönen Liede einen Hauch von der Klage über die rasch abwelkende Blüte des Menschenglückes herauszuhören.
Aber die Menschen vor uns sind neugeboren wie der sonnenverbrannte Grasboden nach dem heilsamen Sommerregen. In ihrer soliden Armut wird Lieschen Lorenzens Weib, dieser selbst, als Besieger der Türken durch Tapferkeit, der Stadt neuer Bürgermeister. Angelina, wie im ersten Akte erscheinend, und vom Chore als Unheilbringerin bedroht, entpuppt sich als das personifizierte Menschenglück, das, in dieser Stadt mißverstanden, derselben, ehe es wieder in seine Verborgenheit zurückkehrt, nur der Liebe goldenen Sonnenschein, neben Arbeit und Not für Trank und Brod, zurücklassen kann. Der Magier Simeon sieht wieder in die Zukunft; er sieht die Menschen wühlen, sich befehden, schaffen, sich mühn; doch nach Jahrhunderten suchen sie nach dem Heckepfennig und können ihn nicht finden; er ist nicht nur Simeons Vaterstadt, er ist der Menschheit abhanden gekommen, für immer. „So gib uns Eines, Herr, den Frieden“, fleht der Schlußchor in feierlicher Stimmung, und dieser senkt sich auf die Stadt nieder, begleitet von weihevollen, glücklich ausklingenden, Harmonieen.

– Johann Leonhardt –

 

Zweitaufführung November 1913, Auszug aus der „Schäßburger Zeitung“ Nr. 93 / 19. November 1913

Schäßburger Männergesangverein

... Im Vordergrunde des Stückes steht die stattliche Erscheinung des Schuster -  Bürgermeisters Knoll, von Herrn Hans Polder schauspielerisch ohne Tadel durchgeführt, in der melodiösen Partien voll Klang und Kraft gesungen, in den dramatischen Szenen noch ringend und suchend; neben ihm und um ihn seine musikalische treffsichere Gattin „Sarah“, Frau Berta Kroner, resolut und tapfer, auch wenn sie singt und spielt, eine „tatterige“ sächsische Frau, die allen bösen Zauber von ihrer Schwelle bannt.
Das Schusterlieschen,  das Frl. Grete Gutt stand auf der Höhe; hier war die junge Sängerin in ihrem Element und beherrschte ihre Leistung ; die lieblichen Melodien liegen in ihrer Rolle  und kamen zu voller Wirkung. Ihr Herzenswunsch, der junge Lorenz, hatte eine schwerere und weniger dankbare Aufgabe ; es ist die einzige Partie, die etwas ins Heldenhafte zieht. Herr Karl Ballmann war mit gutem Erfolg bemüht, in Spiel und Stimme den Anforderungen zu entsprechen. Die Titelrolle der „Angelina“ tritt stark zurück; es ist die Art der Feen zur Zeit zu kommen, zur Zeit zu gehen und nirgend längeren Aufenthalt zu nehmen. So hat es auch Fräulein Klärchen Henning halten müssen; wir hätten sie gerne länger gesehen und gehört. Ihr dunkelgefärbter schöner Mezzosopran illustrierte vortrefflich das Rätselhaft-Geheimnisvolle ihrer Feenschaft. Die ausgesprochen komischen Partien ( Stadtschreiber, Pascha, Nachtwächter waren gut besetzt; Herr Karl Schneider (Pascha) wirkte mehr lyrisch als unheimlich – düster, wie wir es von einem Bühnenpascha erwarten müssen; seine guten Stimmmittel gestatten ihm gewiss auch stärkere und härtere Töne anzuschlagen. Herr Karl Tichy ( Stadtschreiber ) war im Spiel überaus frisch und beweglich; sein heller hoher Tenor hat leider enge Grenzen;
Herr Wilhelm Najasek als Nacht – bzw. Tagwächter war eine kugelrunde Leistung . Nicht unvergessen soll bleiben das frische Studentenquintett, vor allem die flotte Vorsängerin, Frl. Grete Zelber, die das prächtige „Kellerlied“ mit reizender Jugendlust und keckem Übermut herausträllerte. Es ist dies, auch an heimischen Beziehungen so reiche „Kellerlied“ ohne Zweifel die schönste Einlage des Singspiels; sie mahnt an vergangene Zeiten, in denen man den Alkoholteufel noch nicht so gründlich studiert hatte und arglos besingen durfte.
Neben den Einzelleistungen der Solisten sei dankbar auch der Masse der selbstlosen „Arbeiter“ gedacht, die in Chor und Orchester so lange gedient und so treu mitgewirkt haben ...
In Spiel und Sang des Chores fiel die rege Teilnahme und frische Begeisterung aller Mitwirkenden wohltuend auf. Und wem sollen wir das Hauptverdienst für die gelungene Wiederaufführung  der „Angelina“ zusprechen?
Wir rechnen auf Einstimmigkeit wenn wir sagen : dem Chormeister des Vereins „Seminarprofessor Ludwig Fabini“.              – ca. 1913 –

 

Ausblick:

Trotz intensiven Suchens aber, bleibt die Partitur des Stückes von Emil Silbernagel verschollen. Wir suchen weiter.
Deswegen sind alle Schäßburger und Musikfreunde aufgerufen, sich an dieser  Suche  zu beteiligen.
Auch bitten wir nach weiteren Bildern im Familienarchiv (besonders 1913) zu suchen, eventuell Mitwirkende  als Groß- oder Urgroßeltern in Bild und Text zu erkennen und uns zur weitern Dokumentation dieses mitzuteilen.
Sollten die Noten aufgefunden werden, wäre eine erneute Aufführung, oder Verfilmung erstrebenswert ; um der Schäßburger Musikgeschichte eine entsprechende Stelle  im Raume der Tonkunst zu sichern.

Dr. Rolf  Schneider (Oberhausen)

 


 

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