HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Einst Webblattmacher in der Seidenweberei

Schwere Kindheit, schwere Jahre unter den Kommunisten
Johann Bell, jetzt Rentner in Nürnberg, wurde 90


Johann Bell

Am 1. Mai hat der Schäßburger Johann Bell in Nürnberg (Eibach) seinen 90. Geburtstag gefeiert. 28 Personen waren zum festlichen Mittagessen in einer nahen Gastwirtschaft erschienen: seine beiden Söhne mit Familie, Freunde und Bekannte. "Es war wie ein kleines Schäßburger Treffen. So schön habe ich noch nie Geburtstag gefeiert", meint der rüstige Jubilar und fügt lächelnd hinzu: "aber ich war ja auch noch nicht 90."
Zwei Tage später besuchte ich ihn. "Sie müssen unbedingt kommen, wenn Sie ein schönes Bild machen wollen", hatte er am Telefon gesagt. Ein Bild vom Tisch mit den vielen Glückwunschkarten und Geschenken zu seinem 90.

Keiner sieht Johann Bell sein hohes Alter an. Seit seine Frau vor drei Jahren gestorben ist, hält er seine Wohnung selbst in Ordnung, besorgt seine Einkäufe, kocht ("allerdings nicht jeden Tag, meistens koche ich mir für zwei, drei Tage"), pflegt das Grab auf dem Eibacher Friedhof (Ein Nachbar: Es ist eines der schönsten Gräber auf diesem Friedhof".) und fährt täglich, wenn es das Wetter erlaubt, 15 bis 20 km mit dem Fahrrad. "Das werde ich weiterhin tun, so lange ich gesund bin und keine Gleichgewichtsstörungen habe. ... Ich bin zufrieden mit meinem Leben."

Es war ein arbeitsreiches Leben. Herr Bell lässt sich nicht lange bitten, er erzählt gerne daraus. "Ich komme aus ganz armen Verhältnissen. Mein Vater war Tagelöhner, und oft langte sein Einkommen nicht, um die ganze Familie satt zu kriegen; wir Kinder haben oft Hunger gelitten. Mit 12 bin ich aus der Schule ausgetreten, um arbeiten zu gehen. Zuerst als Maurergehilfe beim Bau des Sandersaales, dann als Laufbursche in der Seidenweberei. Nach einem Jahr konnte ich meinen Eltern das Geld für zwei Ferkel geben, und dann haben auch wir im Winter ein Schwein schlachten können, so wie es damals bei den meisten Schäßburger Familien Brauch war."


Johannes Bell an der Blattmaschine - Archivbild

Am Anfang seiner beruflichen Laufbahn in der Schäßburger Seidenweberei, der er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand treu blieb, stand Herr Albert Möckesch, Geschäftsführer. Ihm hatte er es zu verdanken, dass er die Berufe Weberei und Blattmacherei1) erlernen und die Gewerbeschule besuchen konnte. "Die Blattmacherei ist ein seltener Beruf und verlangt präzise Arbeit", erklärt Herr Bell. "Ein Blattmacher verdiente in der Herrenzeit (damit meint er die Zeit vor der Nationalisierung) mehr als ein Obermeister in der Weberei. Wir bekamen das Rohmaterial für die Blätter aus der Schweiz, und so lange Material vorhanden war, habe ich Blätter hergestellt. 1947 erhielten die Baumwollwebereien den Auftrag, Amerika-Leinwand herzustellen; die sollte 10 Zentimeter breiter sein als unsere Erzeugnisse. Dafür mussten alle Blätter verlängert werden. Zum Glück erlaubte mir die Direktion, in der Blattmacherei alte Blätter zu verlängern, natürlich in meiner Freizeit. ... 1948 wurde die Fabrik verstaatlicht, unser erster Direktor war Ladislaus Bock, vorher Webmeister, ein sehr vernünftiger Mann mit viel Verständnis. Leider blieb er nicht lange. In den 50-er Jahren war dann alles Rohmaterial aufgebraucht, aus dem Westen kam nichts nach, und es begann die Flickarbeit. Wir machten aus zwei alten ausgedienten Blättern eines, das dann noch zu gebrauchen war."

Herr Bell stand mit seinem ehemaligen Blattmeister Staub, der 1939 ausgewandert war, in Briefwechsel und berichtete ihm. "Der wunderte sich, wie wir es auch ohne Material schafften, die nötigen Blätter sicher zu stellen. Aber die Not macht erfinderisch." Zur Zeit des Kommunismus bekam ein Blattmacher nur wenig Lohn. "Unsere Arbeit wurde nicht richtig eingeschätzt, eine Funktion galt mehr ..." Johann Bell übernahm eine Gruppe Weber als Meister und arbeitete in zwei Schichten, um für seine Familie ein annehmbares Auskommen zu haben. "Meine Frau hatte anfangs auch in der Seidenweberei gearbeitet, und als die Kinder größer waren, wollte sie wieder eintreten. Da habe ich zu ihr gesagt: Bleib zu Hause und erziehe die Kinder zu anständigen Menschen, das ist wichtiger. Sie war eine sehr fleißige Frau und hat im Garten viel gearbeitet, so dass wir von dort einen beachtlichen Nebengewinn erwirtschaften konnten. Sie konnte im Haushalt gut wirtschaften und alles so einteilen, dass unser Einkommen für alle reichte."

Der Jubilar hat viel erlebt - im Beruf, beim rumänischen Militär, im Krieg, während der Deportation in Russland, auf der Flucht aus dem Lager ... Diesmal bleibt er beim Thema Berufsleben. Das beendete er 1974, nach fast 47 Jahren Arbeit. Sein Chefingenieur Toth hatte ihn damals zum Bleiben überreden wollen: "Mai stai, daca? nu lucrezi, o sa? te curet¸i în curînd!" (Bleib noch, wenn du nicht mehr arbeitest, wirst du bald zugrunde gehen.) Herr Bell beruhigte ihn: "Ich werde die Hände sicher nicht in den Schoß legen, es wartet zu Hause genug Arbeit auf mich." Das Haus war noch nicht fertig, und im Garten gab es genug zu tun, auch für ihn.

Zuerst, in den 70-er Jahren, gingen die beiden Söhne, dann konnte 1984 auch das Ehepaar Bell nach Deutschland aussiedeln. Und Johann Bell packte hier wieder an: Zuerst arbeitete er in einer Friedhofsgärtnerei in Nürnberg, dann im Nürnberger Hafen und schließlich verdiente er sich ein Zubrot zur Rente, indem er in Privatgärten nach dem Rechten sah. "Ich habe bis zu meinem 80. Lebensjahr gearbeitet, und ich wurde überall geschätzt. Dann war es aber genug."

Horst Breihofer (Nürnberg)


1) Das Webeblatt ist ein kammförmiges Gebilde mit Blattstäben, oben und unten in parallelen Leisten eingebunden, es erfüllt im Webvorgang folgende Funktionen: Kettfadenführung und Gewebedichte, Schussfadenanschlag und Webschützenführung.

 

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