HOG-Schäßburg / Siebenbürgen


Zum Geleit

Schäßburgs europäische Zukunft


Mehrzweckhalle auf der Pfarrerswiese, Schäßburg hat Zukunft - Foto: Harald Gitschner


In den Schäßburger Nachrichten Folge 20, Dezember 2003, kam Mircea Purenciu, Redakteur der Schäßburger Lokalzeitung Jurnalul Sighisoara Reporter, zu Wort. Vorausgegangen war die Veröffentlichung von Beiträgen der HOG im Schäßburger Wochenblatt, wie unsere Erklärungen zum Themenpark auf der Breite, Vorschläge im Rahmen der Agenda 21 aber auch die regelmäßige Vorstellung der aktuellen Folgen unserer Schäßburger Nachrichten. Das Echo auf diesen ungewöhnlichen Leitartikel war vielfältig. Aus München meldete sich Frau Carina Jahn mit einem Brief an den Autor. Die international engagierte Freundin Schäßburgs setzte sich detailliert mit dessen Feststellungen, Thesen und Vorschlägen zur Entwicklung Schäßburgs auseinender, was wiederum zu Antworten Purencius in mehreren Folgen im JSR führte.

Dieser offene deutsch-rumänische Dialog ist bezeichnend für die derzeitigen Entwicklungen auf allen Ebenen im Hinblick auf den 2007 geplanten Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union, mit der sich auch für Schäßburg große Chancen eröffnen.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen sind auch unsere, in der Satzung der HOG Schäßburg e.V. verankerten Ziele und Aufgaben auszulegen, wir müssen unsere Arbeit entsprechend den aktuellen Gegebenheiten und Perspektiven neu ausrichten.

Das Zusammenwachsen Europas bietet auch jüngeren Generationen in der HOG Möglichkeiten sich vielfältigst einzubringen. Die aktuelle Großwetterlage sollte uns zu pragmatischem Handeln bewegen, zum Vorteil unserer Gemeinschaft hier, unserer Landsleute in Schäßburg wie auch unseres Heimatortes insgesamt. Ein verklärtes Heimatbild, Zurücklehnen und Zuschauen unter Berufung auf historisch bedingte Wunden und Demütigungen, bringt uns alle nicht weiter.
Beim diesjährigen Heimattag in Dinkelsbühl wurde von offizieller Seite immer wieder auf die mögliche Brückenfunktion der Siebenbürger Sachsen hingewiesen. Die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen hat sich dieser Herausforderung gestellt, sie wurde dafür von deutscher wie auch von rumänischer Seite gewürdigt. In seinem Grußwort sagte Rumäniens Europaminister Alexandru Farcas: "Ihre Unterstützung und jene der bundesdeutschen Behörden, die wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Beziehungen, die Freundschaften, die Sie so lebendig pflegen, helfen Siebenbürgen und Rumänien sich im wiedervereinigten Europa wiederzufinden".

Die Frage ist nun, ob auch wir Schäßburger diese Aufgabe annehmen wollen. Die Antwort ist für mich eindeutig: ja. Es gilt mitzuhelfen unsere Heimatstadt und ihre Bevölkerung auf dem Weg in ein modernes Europa zu begleiten, 60 Jahre Isolation zu überbrücken, historische Wahrheiten, Leistungen und Fehlleistungen in Ihrer Vielfalt objektiv darzustellen.

Gemeinsam mit unterschiedlichsten Gruppen und Institutionen ist es uns bereits gelungen, Schäßburg vor dem unwürdigen Stempel einer Dracula-Stadt und finanziellem Desaster zu bewahren. Ein Umdenken ist auch bei der Mehrheitsbevölkerung festzustellen. Sich auf die sächsisch geprägte Vergangenheit zu besinnen, sich dazu zu bekennen und Verantwortung für den Erhalt deren steinernen Zeugnisse übernehmen zu wollen, gehört mit zu einem aufkeimenden gesunden Lokalpatriotismus. Unsere Vorschläge im Rahmen der Agenda 21 zu den Themen Infrastruktur und Stadtmarketing wurden ganzseitig im JSR unter der Überschrift "Ne trebuie o constiinta sighisoreana" - wir brauchen ein Schäßburger Gewissen - veröffentlicht.
Die Rückbesinnung auf authentische Werte statt Mythen, Erkennen der Ehre die Schäßburg durch die Erklärung zum UNESCO - Weltkulturerbe erfahren hat, eröffnet neue Chancen, nicht zuletzt wirtschaftlicher Art. Sicher wird auch die Zeit kommen, wenn die Stadt im deutschen Sprachgebrauch bedenkenlos Schäßburg genannt wird, so wie Bukarest statt Bucuresti, Warschau statt Warszawa oder wie im englischen Sprachgebrauch Munich statt München . Es ist eine Frage der Bildung, der Toleranz und des Respekts in einem durch kulturelle, religiöse und ethnische Vielfalt gestärkten Europa. Auch das Thema mehrsprachiger Ortsschilder ist aus europäischer Perspektive und bei ehrlichem Umgang mit der Geschichte neu zu bewerten.

Zurück zur Gegenwart - im sozialen und kulturellen Bereich Tradition und Moderne, in Wirtschaft und Verwaltung Eigenständigkeit statt Zentralismus, so werden die Grundsteine für die von allen gewünschte Entwicklung gelegt. Sächsische Traditionen und Einrichtungen werden anerkannt und teilweise wieder belebt. Seit längerer Zeit schon werden Nachbarschaften eingerichtet und Richttag gefeiert, es gibt den Siebenbürgischen Karpaten Verein wieder, der sich auch den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben hat. Die Tradition des bekannten Kammerchores wird z.T. vom orthodoxen Kirchenchor fortgeführt. Unter den Mitgliedern der preisgekrönten sächsischen Tanzgruppe des Forums sind keine deutschen Namen zu finden. International bekannte, aus Rumänien stammende Musiker organisieren alljährlich Sommerakademien für klassische Musik.
Schäßburg ist als Schulstadt wieder im kommen. Neben neuen Gymnasien und Lyzeen gibt es inzwischen drei universitäre Studiengänge. Die ehemalige Handballhochburg ist Leistungszentrum des Rumänischen Handballverbandes. Mit vier neuen Schulsporthallen und einer Mehrzweckhalle ist dafür auch die Infrastruktur gegeben.

Das Engagement der Messerschmitt- wie auch der Hermann-Niermann-Stiftung macht Schule, Altbauten und weitere Schulen werden renoviert. Nach den bekannten Investitionen von Schuster, PARAT, SKET hat nun die Firma Wintershall zusammen mit "Romgaz" die größte Erdgasquelle Rumäniens in Betrieb genommen und wird weitere Millionen Dollar investieren.
Bei besserer Infrastruktur und nach aktivem Stadtmarketing hätten sicher noch einige von den rund 10 000 in Rumänien engagierten deutschen Firmen, den Weg nach Schäßburg gefunden. Die Verwaltung nutzt noch in unzureichendem Maße die kräftig sprudelnden Geldquellen der EU zur Vorbereitung der Beitrittsländer. Die Mittel der Förderprogramme PHARE, ISPA, EFRE, ESF, SAPARD wurden kürzlich für Rumänien und Bulgarien weiter aufgestockt. Was damit zu erreichen ist, zeigt uns das Beispiel Portugal.

Die Bevölkerung und die Verwaltung freuen sich auf geplante übergeordnete Investitionen, wie die Trinkwasserversorgung vom Stausee Zetea (Hargita), der neue Bahnhof und die Autobahn Großwardein - Klausenburg - Kronstadt, die vor Dunnesdorf das Kokeltal queren wird. Mit einer verbesserten Verkehrsanbindung werden Wirtschaft einschließlich dem Tourismus profitieren. Seit wenigen Wochen verkehrt zwischen Schäßburg und Hermannstadt einer der 120, von Siemens gelieferten modernen Triebwagenzüge ("Blaue Pfeil"),
Erst wenn in Schäßburg selbst Geld verdient wird, werden die Burg und andere Kulturdenkmäler nachhaltig im Bestand gesichert werden. Trotz aller externen Hilfen müssen Bevölkerung und Verwaltung ihre Zukunft selbst gestalten. Eigeninitiative ist so nötig wie noch nie, will man sich doch in der freien Marktwirtschaft behaupten.

Das weltweite UNO-Projekt der Agenda 21 wurde als Bürgerforum zur nachhaltigen Entwicklung in Schäßburg noch recht halbherzig betrieben. Trotzdem ist ein Umdenken von Befehlsempfängern zu mündigen, aktiven Bürgern im Ergebnis der kürzlich stattgefundenen Kommunalwahlen zu erkennen. Pluralismus ist angesagt, eine demokratische Meinungsfindung wird die notwendige Dynamik garantieren.
Der oben erwähnte Journalist hat seinen Beobachterstatus aufgegeben und will als Chef der Liberalen und gewählter Stadtrat die Zukunft seiner Heimatstadt mitgestalten. Erstmals stellten sich Kandidaten des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien zur Wahl und errangen mit eigenem Programm und dem Slogan "Ein Mann, ein Wort" auf Anhieb die zweithöchste Stimmenzahl und drei Direktmandate für Harald Gitschner, Stefan Gorczica und Adolf Hügel, im Stadtrat. Diesen Vertrauensvorschuß seitens der Gesamtbevölkerung gilt es nun durch harte Arbeit zu bestätigen. Die Einbeziehung weiterer Bürgervereinigungen und nichtregierungsnaher Organisationen (ONG) zur Bewältigung der anstehende Probleme wäre empfehlenswert.

Der alte und neue Bürgermeister, Ioan Dorin Danesan, wird nun mit dem neuen Stadtrat ein im letzten Jahr auf Sparflamme liegendes Projekt wieder aufgreifen müssen. Es ist die geplante Partnerschaft mit der Stadt Dinkelsbühl. Deren neuer Oberbürgermeister, Dr. Christoph Hammer hat sich in der Begrüßungsansprache zum Heimattag an Pfingsten 2004 wie auch in Gesprächen mit Vertretern unserer HOG klar zur Städtepartnerschaft mit Schäßburg ausgesprochen. Auch bei diesem Projekt besteht die Möglichkeit, die konkrete Brückenfunktion der in Deutschland lebenden Schäßburger, der HOG, anzunehmen..

Eine Städtepartnerschaft muss jedoch in der Bevölkerung verwurzelt sein, sie muß behutsam wachsen und mit Leben erfüllt werden. Ein Ansatz in dieser Richtung ist das im August nun zum dritten mal von der Stadt Dinkelsbühl organisierte und von der HOG geförderte Jugendcamp mit Schäßburger Beteiligung.
Wir müssen uns auf die Zeit vorbereiten, wenn sich weder die HOG noch unser Heimatort im Ausland befinden.

Hermann Theil (Weinsberg)


 

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Letztes Update: 2004-07-22 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg