HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Aus der Geschichte des ehrbaren Handwerks in Schäßburg

"Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit..."

Aus den Aufzeichnungen des Uhrmachers Reinhold Schneider

Seltene und heute ausgestorbene Berufe, die früher in Schäßburg ausgeübt wurden

(nach Reinhold Schneider,überarbeitet und ergänzt von Walter Roth)


Auf dem Marktplatz zu Schäßburg, Ölgemälde, 1,20 x 80 v. K. Natzi ca. 1928 (Privatbesitz) -
Repr. W. Lingner

Schäßburg war eine Gewerbestadt, doch spielt auch die Landwirtschaft in der Ökonomie noch lange Zeit eine große Rolle. Am verbreitetsten war der Weberberuf, bis nach 1854 die Weberei durch die Konkurrenz der englischen und amerikanischen Leinwand, die über die Donaufürstentümer ins Land gelangte, stark geschädigt wurde. Die Industrialisierung bewirkte ihrerseits den Niedergang des Weberhandwerks. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Schäßburg 24 Gewerbe, die zu Genossenschaften zusammengeschlossen waren, sowie 30 Eigenständige. Die üblichen Berufe wie Schuster, Schneider, Schlosser, Schmied u. a. waren zu starken Zünften zusammengeschlossen. Sie besaßen ihre eigenen Befestigungstürme, die sie in Stand zu halten und im Kriegsfall zu verteidigen hatten.

Reinhold Schneider erwähnt in seinen "Erinnerungen" rund 25 Berufe, die er z. T. als ausgefallen, ausgestorben und selten einstuft. Einige dieser Berufe wurden unmodern, weil sie überholt waren, d. h. ihre Erzeugnisse nicht mehr gebraucht wurden; andere wiederum wurden als Arbeitsverrichtungen von der inzwischen erstarkten Industrie übernommen. Im Folgenden sollen diese Berufe nach R. Schneider aufgezählt und ggf. kurz beschrieben werden:

  1. Der Turmwächter. Auf dem Stundturm postiert, trommelte er nachts alle Stunden aus und war für die Brandwache zuständig. Bei Feuer läutete er die Sturmglocke. Auch das Morgen-, Mittag- und Abendläuten gehörte zu seinen Pflichten.
  2. Der Lohmüller mahlte in der Lohmühle die Eichenrinde, die zum Gerben von Sohle und Leder gebraucht wurde. In Schäßburg gab es eine Lohmühlgasse - eine Sackgasse zwischen Bahn- und Walbaumgasse.
  3. Der Blaufärber. Die Arbeit des Blaufärbers bestand im Färben des groben Wolltuches, das die Bauern kauften.


    Der Blaufärber

  4. Der Filzmacher bereitete die "Stumpen", pelzkappenartige Gebilde, für den Hutmacher vor. Dazu diente eine hölzerne Form, auf die mit der "Zienenbiss" Wollbüschel "geschossen" wurden. R. Schneider weiß noch genau, dass der letzte Filzmacher Herr Beck in der Hüllgasse war.
  5. Der Hutmacher färbte den rohen Stumpen und zog ihn nass auf eine hölzerne Form, auf der durch heißes Bügeln der gewünschte Hut entstand. Die Hutmacher wohnten in der Hüllgasse. Bekannte Hutmacherfamilien waren: Keller, Galter und Lingner.


    Der Hutmacher

  6. Der Wollwäscher und Kämmer bereitete die Wolle handgerecht und knotenfrei zum Spinnen vor.
  7. Der Walker bediente die Walkmühle, die von einem Wasserrad angetrieben wurde. In der Walkmühle wurde das Wollgewebe geklopft, bis es verfilzte und reißsicherer wurde.
  8. Der Fackler stellte "Fackelchen" her, Vorläufer der Streichhölzter. Diese bestanden aus Holzspänchen oder einem Stückchen Flachs oder Hanf, das in Schwefel getaucht wurde. Ein glimmender Zunder konnte sie sofort in Brand versetzen. Der letzte, der dieses Handwerk ausübte, war der "Faklemisch", der im Pförtnerhäuschen links vom Hinteren Tor wohnte.
  9. Der Zundermacher. Ein großer Baumpilz, der manchmal auf Nussbäumen wächst, wurde gekocht, geklopft, "gedehnt" und wie Leder "gereckt". Daraus konnte man Kappen oder auch Zierstücke für Jacken herstellen. Die Abfälle wurden als Zündzunder verwendet.
  10. Der Bogner und Armbruster fertigte aus Eibe den Bogen bzw. aus Ahorn die Armbrust. Die Sehne wurde aus Darmsaite hergestellt. Die Spannvorrichtung vervollständigte die Armbrust.
  11. Der Pfeilschnitzer heißt in Mundart "Ziehnemacher". Gemeint ist der hintere Teil des Pfeiles, den man beim Spannen des Bogens anfasst und der für die Treffsicherheit wichtig ist.
  12. Der Sehnenmacher. Die Sehne bestand aus Darm, der zu einer gewundenen Schnur verarbeitet wurde und mit Alaun gegerbt war. Sie diente zum Bespannen des Bogens von Musikinstrumenten, als Radantrieb und zum Nähen von Wunden.
  13. Der Rastelbinder stellte aus Draht Vorrichtungen zum Rösten und Grillen her.
  14. Der Bürstenbinder und Pinselmacher. Die Bürsten und Pinsel wurden aus Tierhaaren gefertigt, anschließend mit einem Draht in ein Brettchen eingezogen. Im Spaß nannte man die Bürstenbinder auch Fürstenkinder.
  15. Der Messerschmied. Messerschmiede waren meistens Zigeuner, welche Messer, große Gabeln, kleine Spieße, Nägel und Schuheisen herstellten.
  16. Der Gelbgießer fertigte aus Messing und Bronze Schnallen, Schellen, Ziernägel, Kleiderhänger u. a. Rudolf Midi am Hennerberg war in Schäßburg Gelbgießer.
  17. Die Tapisseriestickerin bestickte Wandbehänge, Altardecken, Trachtenkleider, Vordrucke von Handarbeiten.
  18. Die Guverriererin, ein anderer der wenigen Frauenberufe, nähte Leibchen, Hemden und Trachtenkleider mit dichten Säumchen. In Schäßburg war das Frau "Lameila".
  19. Der Mantelschneider. "Bandi Graef" war Mantelschneider. Er fertigte Kirchenpelze an.
  20. Der Knopfsticker. Ein aus Holz gedrechselter Knopf wurde mit einem kunstvollen Muster umstrickt. Diese Knöpfe dienten zum Befestigen des Steppdeckenbezuges.
  21. Die Klöpplerin. Diese heute fast vergessene Technik, die früher von vielen Frauen beherrscht wurde, diente zu Fertigung von Spitzen.
  22. Der Stärrbäcker buk nur Brot und sonst keine Backwaren. Den Teig bereiteten die Hausfrauen zu und trugen ihn zum Bäcker.
  23. Der Vogelfänger. Es war ein Beruf der Ärmsten. Sie fingen mit Lockvögeln, Fallen und Leimruten ("Zeisichtuppen") Vögel und verkauften sie. Der "Knopf" war ein beliebtes Revier der Vogelfänger.
  24. Der Bartscherer und Barbier. Er zog auch Zähne, setzte Schröpfköpfe an, fertigte Masken, Perücken und Bärte. Solch ein "Wundarzt" war Herr Klusch aus der Hintergasse Nr. 2, der seinen Erben ein schönes Vermögen hinterließ.
  25. Der Grauhosenschneider. Der Kunde musste sich auf den Boden legen, auf dem das Wollzeug ausgebreitet war. Nun zeichnete der Grauhosenschneider die Beinumrisse des Kunden mit Kreide auf den Stoff und erhielt so den "Schnitt" für die Hose. Solche Hosen waren so steif, dass sie von alleine standen. Herr Leonhardt in der Mühlgasse übte diesen Beruf aus.
  26. Der Knopfmacher fertigte durch Drechseln Knöpfe aus Horn, Knochen und Holz.
  27. Der Scherenschleifer.


    Der Scherenschleifer

Sicher gab es in Schäßburg außerdem noch andere seltene Berufe, die R. Schneider nicht erwähnt, wie z. B. den Scherenschleifer, den Besenbinder, den Darmputzer, die Kragenbüglerin. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Schäßburg eine Grockengießerei. Der Glockengießer hieß Manchen. Das Schild seiner Werkstatt wurde später im Museum "Alt Schäßburg" aufbewahrt. Manchen pflegte vor Beginn eines Glockengusses niederzuknien und zu beten.


 

balken.gif (7924 Byte)

Letztes Update: 2004-07-23 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg