HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

As saksesch Mottersproch

Ergänzung Siebenbürgisch-sächsische Sprichwörter

Der siebenbürgisch-sächsische Dialekt und insbesondere die Schäßburger Mundart ist reich an bildhaften, formelhaften Redensarten, Vergleichen und sprichwörtlichen Redewendungen. Diese Anschaulichkeit gibt der Sprache Kraft, Frische, Lebendigkeit und Farbigkeit, ja Poesie. Sie ist ein Kennzeichen des Siebenbürgisch-Sächsischen. Altüberlieferte Weisheit, Humor und Satire, oft auch Derbheit sprechen aus diesen sinnlich-konkreten Ausdrücken der sächsischen Volkssprache. "Dieser Vorrat überlieferter Redensarten bildet den eigentlichen Geist, Gehalt und Reichtum, das eigentliche innerste Leben der Sprache" - sagt Rudolf Hildebrand. Und Karl Simrock meint über die außerordentliche Vielfalt der Sprichwörter: "... alle ... aufzuschreiben (ist), so wenig möglich als die Sterne zu zählen oder die See auszuschöpfen..."

Sprichwörter sind feste Satzkonstruktionen mit lehrhafter Tendenz, die sich auf das praktische Leben bezieht. Sie werden als Mikrotext "zitiert" (1), z. B. "Bäs det Gras wiest, äs der Hoast krepiert," "Spass gewännt e Loch". Aus Sprichwörtern können sich phraseologische Wendungen entwickeln. So ist z. B. die Wendung "Se hun noch näkest gedielt" aus dem Sprichwort "Bäm Dielen dielt em zeklich uch de Frängdscheft" hervorgegangen.
Selten im Siebenbürgisch-Sächsischen ist das sog. Sagwort als Sonderform des Sprichwortes. Im Sagwort wird eine Handlung oder ein Erlebnis mitgeteilt, zu dem ein gesprochenes Wort wiedergegeben wird. Es kommt dabei zu einem überraschenden, witzigen Ergebnis (1), z. B. "Et äs ålles en Iwergång, sot der Fus, wä em der Kierschner det Fel iwer de Ihren zuch." Sprichwörtliche Redensarten sind volkstümliche, bildliche Wendungen, deren bildliche Motivation heute aber oft nicht mehr durchschaut wird und denen in der Regel das Lehrhafte fehlt (1), z. B. "Gestånk fuer Dånk", "De Bang hot e Loch". Die Sprichwörter waren schon alt, als sie das erste Mal gesammelt und gedruckt wurden. 1529 gab Johannes Agricola die erste deutschsprachige Sammlung heraus. 1541 folgte die bis heute wichtige 7000 Sprichwörter enthaltende von Sebastian Franck. Im 19. Jahrhundert kam es in Europa zu einer wahren Flut von Sprichwörtersammlungen. Von besonderem Wert für das deutsche Sprachgebiet sind die Sprichwörtersammlungen von Wilhelm Körte ("Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Deutschen," 1837), Josua Eislein ("Die Sprichwörter und Sinnreden des deutschen Volkes in alter und neuer Zeit", 1840) und Karl Simrock ("Die deutschen Sprichwörter", 1846). Wissenschaftlich interessant ist die komparatistische Sammlung von Ida v. Düringsfeld "Das Sprichwort als Kosmopolit", 1866 (2).

Hier werden deutsche Sprichwörter mit Entsprechungen aus zahlreichen europäischen und außereuropäischen Sprachen und Dialekten verglichen. Das Siebenbürgisch-Sächsische ist leider nicht vertreten. Karl Friedrich Wilhelm Wander gab zwischen 1867 und 1880 in fünf großen Bänden ein über 250.000 Einträge umfassende "Deutsches Sprichwörterlexikon" heraus. Heute gibt es eine spezialisierte Wissenschaftsdisziplin die Sprichwörterkunde (Parömologie). In Siebenbürgen sammelte Josef Haltrich "Sprichwörter, sprichwörtliche Redensarten, formelhafte Ausdrucksweisen, Interjektionen und Rätsel" (4). Im Sächsischen werden natürlich auch zahlreiche Sprichwörter gebraucht, die aus der deutschen Hochsprache übernommen wurden. Bei den eigenen Sprichwörtern lassen sich manchmal Einflüsse rumänischer und ungarischer Sprichwörter feststellen, z. B. "E schärrt de Kuelen äm seng Däpen" - sprichwörtliche Redensart, aus dem Rumänischen; "Mät Firzen gälft em nichen Oar" (Ungarisch). Leider werden heute Sprichwörter in der Alltagssprache nicht so häufig gebraucht wie einst. Viele Sprichwörter sind nur noch in Sammlungen zu finden und sind nicht mehr aktiv im Sprachgebrauch - ein "Bildverlust" des Siebenbürgisch-Sächsischen.
Es folgt ein Strauß typisch sächsischer Sprichwörter. Die Mehrzahl sind Haltrichs Sammlung entnommen, einige aus der eigenen Erinnerung aufgezeichnet:
"Um Åingd platscht de Gissel", "Elend spånn de Giess un"; "Den Teiwel mess em net lihren Kängder ze erwerjen"; "Der Heangd måcht engden åf den däcksten Tupes"; "En licht Åkes verleist em net"; "Wi än de Wede sätzt kå leicht Flure schneden"; "Wat em mät dem Mel erhålde keun, terf em net mät den Haingden erårbeden; "Ihr äs mit w Båflisch (åwer Ihr uch Båflisch schot net"; "Aus der Kroh wird nichen Dauf"; "In Kroh päckt der ånderen net de Ujen aus"; "Ålt Scheiren brän um ärchsten"; "De geat Geter säkt em äm Staul"; "Aus dem Heangd måcht em nichen Båflisch"; "Dåt äs en Blåingder uch se Kniecht"; "Kleach schwejen äs schwerer wä kleach rieden"; "No'm Ren breocht em nichen Månkel"; "Wåt spätz ufet, hirt ståmpich åf"; "Tschorlt et net esi trept et doch"; "De ålt Schajen schmeist em net ewech, bäs em de noaen net versakt hot".
In einer späteren Folge sollen die viel häufiger im Sprachgebrauch vorkommenden sprichwörtlichen Redensarten und formelhaften Ausdrucksweisen im Siebenbürgisch-Sächsischen zu Wort kommen.

Walter Roth (Dortmund)

Literatur
1. Deutsche Sprache. Kleine Enzyklopädie. VEB Bibliographisches Institut, Leipzig, 1983.
2. v. Düringsfeld, Ida, Das Sprichwort als Kosmopolit. H. Fries Verl., Leipzig, 1866. Reprint 2004, G. Olms Verl., Hildesheim, Zürich, New York.
3. Fritz, Karl August, Das große illustrierte Buch der Sprichwörter und Spruchweisheiten. Parkland Verl., Köln, 2003.
4. Haltrich, Josef, Zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen. Kleinere Schriften. In neuer Bearbeitung herausgegeben von J. Wolff. Carl Graeser Verl., Wien, 1885.

 

 

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Letztes Update: 2004-07-24 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg