HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Die Schäßburger Patriziertracht

Ende des 18. Jahrhunderts: sächsische "Bürgertracht" / Unterschiede nach Geschlecht, Alter, Stand, Amt / Ende des 19. Jahrhunderts: Man kleidet sich nun "städtisch"

Die Blütezeit der sächsischen Patriziertracht beginnt Mitte des 16. Jahrhunderts und reicht bis Ende des 19. Jahrhunderts und steht in direktem Zusammenhang mit dem kulturellen "Volkswerden" der Siebenbürger Sachsen im Reformationszeitalter.
Mehr als zwei Jahrhunderte lang hat sich diese in ihren Grundformen um die Mitte des 16. Jahrhunderts unverwechselbar gestaltete Kleidung des südsiebenbürgischen Patriziats als Repräsentationshabit der wirtschaftlichen und politischen Führungsschicht der Siebenbürger Sachsen behauptet.


Anlässlich eines festlichen Empfangs Frauen in Schäßburger Patriziertracht mit den
verschiedenen Bockelungen und reich bestickten Schürzen, ca. 1930. - Archivbild


Frauen und Mädchen in Schäßburger Patriziertracht, 1926.
- Archivbild

Die Langlebigkeit der sächsischen Patriziertracht als standesgemäßes Gesellschaftskleid beruht auf dem Bemühen, die alten, als "sächsisch" empfundenen und konstant gepflegten Bekleidungsgrundformen mit dem ständig wechselnden Modeempfinden in Einklang zu bringen. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts verlor die Patriziertracht als "sächsische Nationaltracht" allmählich ihre gesellschaftliche Daseinsberechtigung (zum Wertmaß wurde die höfische Wiener Gesellschaft). Die Oberschicht behielt noch einige Grundformen der "sächsischen Kleidung", sofern sich diese nach höfisch-österreichischem Vorbild ummodeln ließen. Aus der sächsischen Patriziertracht wurde eine sächsische "Bürgertracht". Doch die Bürgertracht zeigte keineswegs das Bild einer sächsischen Einheitstracht. Die Kleiderprivilegien erfolgten in wohldosierter Abstufung, jede Durchlässigkeit sozialer Grenzen vermeidend (Hermannstädter Kleiderordnung von 1752).

Die Tracht kennt aber auch genaue Abstufungen und Unterschiede für Altersstufen, Geschlecht und Stand, Würde, Amt oder Rang des Einzelnen und veranschaulicht so die Gliederung der Gemeinschaft, indem sie die von der Tradition vorgeschriebenen Erkennungszeichen streng einhält.

Leider sind uns aus dem 16. bis 19. Jahrhundert nur sehr wenige Bilder der Tracht überliefert, und so ist es nur möglich, anhand der Quellentexte und einzelner Fotografien sowie einer Radierung von Hans Hermann die Schäßburger Patriziertracht zu beschreiben.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in Schäßburg sowie in allen anderen siebenbürgischen Städten die Tracht erst von den Männern und später auch von den Frauen aufgegeben, und man kleidete sich städtisch. Die Tracht wurde nur noch zum Kirchgang oder bei Hochzeiten, Konfirmationen, Empfängen und sonstigen Festen getragen.


Die Männertracht

Die Männertracht behielt als ältestes Statussymbol den "Dolman" bei, der über dem Hemd getragen wurde. Der Dolman ist orientalischen Ursprungs. Nachdem im 16. Jahrhundert Siebenbürgen unter türkische Oberhoheit kam, beeinflusste die orientalische Mode die magyarischen Adelskreise, die von den sächsischen Oberbeamten der Städte übernommen wurde. Ihre Kleidung ließen sie aus teuren ausländischen Stoffen herstellen. Zuerst trug man den Dolman knöchellang, dann wadenlang, später bis über die Knie. Richter und Amtspersonen trugen über dem Dolman noch einen wadenlangen Mantel, "das Mente" genannt, das aus feinem Tuch mit Zobel- oder Marderverbrämung angefertigt war. Der Dolman wurde mit vielen Knöpfen und Schlingen bis zum Gürtel geschlossen. Der Gürtel konnte aus Wolle geflochten oder aus Tuch beziehungsweise Leder sein. Der aus Schnüren zusammengesetzte Gürtel wurde laut Felmer etliche Male um den Leib geschlungen und vorne mit Schnüren, an denen zwei Quasten angebracht waren, geschlossen. Eine Silberplatte als Schließe stand nur der obersten Klasse zu. Unter dem Dolman trugen die Männer ein Hemd, das am Hals und an den Handgelenken reich bestickt war.3 Außerdem trugen die Männer und Burschen enge Hosen und Schaftstiefel wie die Ungarn, und im Sommer statt der Mardermütze einen breitkrempigen Hut.


Patriziertracht um 1890. Julius und Wilhelmine Balthes.
- Archivbild

Bezüglich des so genannten Mentes (Mantels) und des Dolman galten Tuchvorschriften. Gewöhnliches blaues, einheimisches "Kerntuch" ist das verbreitetste, darüber hinaus wird der Mehrzahl der Bürger höchstens noch "Breslauer 40er Ellen Tuch" oder so genanntes "Französisches" zu tragen erlaubt. Nur die besseren Bürger durften sich für ihre Festtracht allerlei ausländische Waren beilegen: "Norder", "Gorlitzer" oder "Holländisch Tuch". Ebenso musste das Futter des Mentes der sozialen Klasse angepasst sein. In den beiden untersten Klassen war nur weißes oder schwarzes Lammfell erlaubt. Die nächste Klasse durfte Fuchsklauen oder den Rücken der Wildkatze verwenden. Von da weiter aufwärts herrscht der Fuchs: Fuchsrücken in der sechsten, Wammen und Klauen in der fünften, Wammen oder Rücken in der vierten und in der höchsten Klasse wird der Luchs als Futter und Verbrämung verwendet.

Die Frauentracht

Die Frauentracht bewahrte den deutschen Charakter treuer, indem sie an den größtenteils noch aus der alten Heimat mitgebrachten Kleidungsstücken festhielt:

Das Trachtenhemd
Das Trachtenhemd war bei den Patrizierinnen aus feinstem, durchsichtigem, ausländischem Gewebe und oft mit echter Goldstickerei geziert. Auch Spitzeneinsätze (die "Bürteln") sowie breite, bestickte, oft mit Spitzen besetzte Ärmelbündchen (die "Fluiren") zierten die weiten Ärmel. Die Vorderteile waren an zwei Quadraten, die ebenfalls reich bestickt waren, angereiht.

Der Seggel
Über diesem Hemd trug man den "Seggel" ("Seidel"), ein in einem Stück geschnittenes, tief dekolletiertes Oberkleid, das vom Schluss abwärts in breite, stehende Falten gelegt war, wodurch die gewünschte Weite erreicht wurde. Der Seggel wurde aus Seidenbrokat gefertigt und hatte hinten viele Falten. Am Rocksaum durften ihn breite Samtstreifen zieren, die zu der Farbe des Seggels im Gegensatz standen und dadurch die Pracht des Gewandes in merkbarer Weise erhöhten.3 Am Seggel waren die Hängel und das Leibchen mit Samt eingefasst und mit Spitzen verziert. Oft zierte auch ein Pelzstreifen den oberen Ausschnitt des Leibchens. Ursprünglich wurde das Leibchen mit großen Hafteln auf der Brust geschlossen. Diese Haftel ("Krepeln") waren je nach Stand aus den verschiedensten Metallen. Zur Zeit Maria Theresias und Katharinas II. von Russland wurden an der Patriziertracht "Latzel", ein eingesetzter Spiegel im Mieder, der mit Gold, Silber und Seide ausstaffiert war, angebracht.4 Die jungen Mädchen trugen zum dunklen Oberteil einen weiß gefältelten Rock.


Mit der Vereinsfahne des Männergesangsvereins 1925.
Die Männer haben die Tracht schon abgelegt. - Archivbild


Die Tracht der konfirmierten Mädchen um 1900. -
Foto: H.G. Roth

Die Schürze
Eine lange, gefältelte Schürze, die oft so hauchfein war, dass die Brokatmusterung des Seggels und die breiten Samtstreifen deutlich sichtbar blieben, verschönerte die Tracht.

Die Kopfbedeckung
Die Schäßburger Patrizierfrau ging gebockelt zur Kirche. Die Bockelung war ein unverzichtbarer Kopfputz, der - betrachtet man die verschiedenen Fotografien - sehr unterschiedlich ausgeführt wurde. Auf dem Haupte trugen die verheirateten Frauen die "Sternhaube". Über dieses Häubchen wurde der Schleier gelegt, der nur den verheirateten Frauen zukam. Bei der Bockelung wurden auch Bänder verwendet, die fest um den Kopf gelegt wurden und das Haar bedeckten. Um den Hinterkopf zu betonen, wurde das Häubchen ausgepolstert, oder die Zöpfe und ein stoffüberzogenes Drahtgestell bildeten über dem Scheitel eine Erhöhung, über die das Häubchen gelegt wurde. Der Schleier wurde am Haar, am Häubchen oder an den Bändern mit Schleiernadeln, so genannten "Bockelnadeln", befestigt. Diese waren mit Edelsteinen (Türkis) und echten Perlen besetzt und aus Silber oder Gold gearbeitet. Der Schleier umrahmte das Gesicht, legte sich in feinen Falten um Hals und Schultern und bedeckte den Leibchenausschnitt fast vollständig.


Auf dem Heimweg aus der Klosterkirche um 1900. -
Radierung: Hans Hermann

Die Töchter der Patrizierinnen trugen einen mit Perlen oder mit Goldfäden bestickten Borten. Den Rücken hinab fielen nicht nur die bunten Seidenbänder, sondern oft auch die schön geflochtenen Zöpfe.


Gliedergürtel aus vergoldetem Silber, 18. Jh.


Spangengürtel, 17. Jh.


Borten, goldbestickt.


Borten, Perlenstickerei.


Patritzierhemd mit Bockelheftel, 16. Jh.


Bockeltuch mit verschiedenen Bockelnadeln.


Schneckenheftel und Bockelheftel, 17. und 16. Jh.

 

Der Gürtel
Als unentbehrlich gehörte zu der Frauentracht der Gürtel. Die weibliche Patriziertracht griff beim "Spangengürtel" auf die Beschaffenheit eines spätmittelalterlichen Hüftgürtels zurück. Der Spangengürtel bestand aus einer silbernen Drahtborte, der so genannten "Matz", die mit verschiedenen erhabenen, kostbaren Spangen besetzt und auf ein breites Samtband genäht war. An beiden Enden war dieser Gürtel mit vergoldeten Silbersenkeln versehen, welche so wie die Spangen mit Perlen und Edelsteinen verziert waren. Um 1700 schufen die Goldschmiede, indem sie die Scharniertechnik verwendeten, einen neuen Typ Patriziergürtel, den "Gliedergürtel". Dieser war aus Silber gefertigt, mit Gold überzogen und mit Steinen besetzt.

Das Heftel
Das älteste und kostbarste Schmuckstück der Frauen war das "Heftel". Es wurde an einem schmalen Band, das um den Hals gelegt war, getragen. Auch das gewölbte Heftel mit einem erhobenen Einsatz in der Mitte war aus Silber gearbeitet und oft feuervergoldet und mit Schnecken, Laubwerk und Edelsteinen verziert.

Das typische Schmuckensemble Heftel - Gürtel - Bockelnadeln drückte der weiblichen Patriziertracht den unverwechselbar sächsischen Stempel auf. Die Kleidung gab letztendlich nur den wirkungsvollen Hintergrund für diese Schmuckstücke ab. Um dem ästhetischen Anspruch dieses Schmucks und der Kostbarkeit seiner Materialien Gold, Silber, Perlen, Aquamarine, Türkise und Rubine, dazu Emailfluss, gerecht zu werden, waren dieses größtenteils Auftragsarbeiten bei namhaften Goldschmieden der Zeit wie Michael und Petrus Perelheffter, Georgius May, Michael Schwartz, Johannes Süssmilch u. a.

Der Kürschen
In der kalten Jahreszeit trugen die Frauen als Obergewand den "Kürschen", einen ärmellosen Umhang, der an seinen Rändern mit breiten Pelzstreifen geschmückt war. Bei der Patriziertracht war der Kürschen aus Marder oder Hermelin. Darüber wurde der schwarze "Krause Mantel" getragen.

Die Fußbekleidung
Eigentlich gehörten zur Patriziertracht Stiefel aus weichem Leder, jedoch war die Fußbekleidung am meisten der Mode unterworfen und die Frauen trugen Halbschuhe oder sogar Sandaletten.

Wegen des Variantenreichtums, den die einzelnen Trachtenteile sowohl im Laufe ihres historischen Wandels wie auch in ihrer individuellen Ausgestaltung zeigen, wäre ausreichendes Foto- und Bildmaterial für umfangreichere Studien vonnöten, um die Vielfalt der Patriziertracht auch für Schäßburg in ihrer Bandbreite dokumentieren zu können.

Inge Konradt (Geretsried)

 

 

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