HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Eine Schäßburgerin vor 100 Jahren

Marie Stritt, Präsidentin des internationalen Frauenkongresses in Berlin und Vorsitzende des Bundes deutscher Frauenvereine

Eine Frau als Titelblatt einer Illustrierten - heute wahrlich nichts Besonderes. Aber vor 100 Jahren? Dazu noch eine gebürtige Schäßburgerin und als Porträtfoto die ganze erste Seite der größten Massenillustrierten, der "Berliner Illustrierten Zeitung"! Das war im Juni 1904 zum Auftakt des Internationalen Frauenkongresses in Berlin, als dessen Präsidentin die Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine Marie Stritt amtierte. Der glanzvolle Höhepunkt der Frauenbewegung jener Zeit war sicher auch einer im Leben dieser Frau, die am 18.2. 1855 als Marie Bacon in Schäßburg geboren wurde. 1928 ist sie in Dresden gestorben. Die Urne mit ihrer Asche wurde auf unserem Bergfriedhof beigesetzt. Manche Schäßburger werden sich vor allem noch an ihren Bruder erinnern, Dr. Josef Bacon, Stadtphysikus und Begründer des Museums im Stundturm.


 

Seine zwei Jahre ältere Schwester hatte 1873 Schäßburg verlassen, um Schauspielerin zu werden. Theaterhochschule in Wien. Erstes erfolgreiches Engagement in Karlsruhe. Dann mit dem Opernsänger Albert Stritt verheiratet. Zwei Kinder. In Dresden niedergelassen. Ab 1894 immer stärker in der Frauenbewegung engagiert, nicht zuletzt von ihrer Mutter, Therese Bacon, inspiriert. Mitinitiatorin des Frauenrechtschutzes in Deutschland. Organisierte ab 1896 den Widerstand gegen den Entwurf des frauenfeindlichen Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB), von 1899 bis 1910 an der Spitze des Bundes deutscher Frauenvereine. Und im Juni 1904 Präsidentin des Internationalen Frauenkongresses, zu dem mehrere tausend Frauen aus aller Welt als Delegierte und Besucherinnen nach Berlin kamen.

Marie Stritt hielt die Eröffnungsansprache, in der sie kurz die Zielstellungen für die vier Sektionen skizzierte: Frauenbildung, Frauen-Erwerb und -Berufe, soziale Einrichtungen und Bestrebungen sowie rechtliche Stellung der Frau.
Ob auch Frauen aus Siebenbürgen an dem Kongress teilnahmen, ist nicht bekannt. Aber im gleichen Jahr 1904 fand in Schäßburg ein Ereignis statt, in dessen Vorgeschichte die Namen Bacon und Stritt auch eine Rolle spielten: Die Eröffnung der Lehrerinnenbildungsanstalt. Frauen als Lehrerinnen, wofür sich vor allem auch der von Therese Bacon gegründete Schäßburger Verein für Frauenbildung einsetzte, war für manche sächsische Männer, besonders in Hermannstadt, jahrelang ein Graus. Dem lägen aus Deutschland importierte abwegige Gedanken u. a. von Marie Stritt zu Grunde, die von deren Mutter verbreitet würden, hieß es einmal in einem Beitrag "Die Frauenfrage in Schäßburg" im "Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt".
Längst war dieser Streit vergessen, als Marie Stritt, in vielen Ländern eine gefragte Rednerin, im April 1912 eine Vortragsreise durch Siebenbürgen unternahm: Schäßburg, Kronstadt, Hermannstadt, Mediasch… Thema: Frauenwahlrecht. Für die Siebenbürger Sachsen damals auch noch eine neue Sache. Marie Stritt, Vorsitzende des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht, hat sie mit Überzeugungskraft vertreten.

Mit ihrer Heimat Siebenbürgen fühlte sie sich immer verbunden. 1908 veröffentlichte die in Kronstadt erscheinende Kulturzeitschrift "DIE KARPATHEN" in mehreren Folgen einen ausführlichen Beitrag von Marie Stritt "Frauenbewegung und Kulturfortschritt", vielleicht auch im Ergebnis einer Vortragsreise oder einer Besuchsreise nach Siebenbürgen.
Zwei Wissenschaftlerinnen, eine in Berlin und eine in Frankfurt am Main, sind gegenwärtig dabei, Arbeiten über Leben und Werk von Marie Stritt fertig zu stellen, darunter eine Doktor-Dissertation. Ein würdiger Beitrag zum bevorstehenden 150. Geburtstag dieser Schäßburgerin.

Richard Ackner (Neubrandenburg)


 

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Letztes Update: 2004-07-25 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg