HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

„Sighisoara, Schäßburg, Segesvar“

von Gheorghe Baltag

   

Erschienen 2004 im Verlag NEREAMIA NAPOCAE, Klausenburg. Klebebindung, Format 17 x 24 cm, 327 Seiten, Preis 300.000 Lei / 7,50 E
Ich habe die ehrenvolle und zugleich schwere Aufgabe, Ihre Aufmerksamkeit auf das neue, außergewöhnlich wertvolle Buch des promovierten Historikers Gheorghe Baltag zu lenken. Der als Archäologe der Völkerwanderungszeit bekannte Wissenschaftler wurde kürzlich vom Präsidenten Rumäniens mit dem Orden für „Kulturelle Verdienste“ ausgezeichnet. Dieses Buch wurde vom Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien, Ortsforum Schäßburg, herausgegeben.
Vor meinem geistigen Auge läuft die Zeitspanne des Buches ab, vom 12. Jahrhundert bis 1945. Ein außergewöhnliches Bild wird da skizziert, wie sich ein langer Treck von „hospites regis“ aus dem Westen Deutschlands zu dem später Schäßburg – Segesvar – Sighisoara genannten Ort bewegt, wo sie sich niederlassen, es ist eine Einwanderungswelle, die mit der Einrichtung der „Universitas Saxonum“ ausläuft. Eine über Jahrhunderte aufstrebende Stadt schien trotz Bränden, Epidemien, Überschwemmungen in der Zwischenkriegszeit ihre Ruhe gefunden zu haben.
Doch es begann der Zweite Weltkrieg und es kam der schwarze Sonntag am 14. Januar 1945, an dem der Zug nach Osten wieder aufgenommen wurde. Es waren aber nicht mehr die „hospites regis“ sondern Sklaven, die in Güterzügen in die weiten Gebiete Russlands zum sogenannten „Wiederaufbau“ verschleppt wurden. Die 224 Männer und 240 Frauen, die in die damalige UdSSR deportiert wurden, hatten einen einzigen letzten Wunsch, die Glocke der Bergkirche noch mal zu hören. Im Archiv des Rathauses wird das Dokument bzw. der Deportationsbefehl aufbewahrt, aus dem der Verantwortliche hervorgeht: das Alliierte, bzw. das sowjetische Hochkommissariat. 55 der deportierten Schäßburger kehrten nicht mehr zurück, sie starben in der Fremde.
In den letzten Zeilen des Buches steht: „Zwischen 1945 und 1995, in einem Zeitraum etwa gleich mit dem der Einwanderung in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts (1150–1200), nach 800 Jahren, sind die Nachfahren der Kolonisten auf unterschiedlichsten Wegen in deutsche Gebiete zurückgewandert. Auch das ist ein Zeichen.“
Mit einem Vorwort von Akademiemitglied Stefan Stefanescu und einer kurzen Einleitung des Autors beginnt dieses Werk Baltags, das eine schmerzhafte Lücke in der vielseitigen Geschichtsschreibung dieses Gebietes füllt.
In den neun Kapiteln dieser Monografie, mit dem Untertitel „Die Geschichte Schäßburgs von der Gründung bis 1945“, wird auf hervorragende Art das politische, wirtschaftliche, soziale sowie das kulturell-wissenschaftliche Leben der Siedlung an der Großen Kokel im Einzelnen als auch interdisziplinär dargestellt.
Bezeichnend für den hohen wissenschaftlichen Anspruch in der Betrachtung einzelner Perioden Schäßburger Geschichte ist der jeweilige historische Vorspann zur generellen politischen Lage in Siebenbürgen, im Hermannstädter Gebiet und im Schäßburger Stuhl.
Das erste Kapitel behandelt das 12. bis 14. Jahrhundert. Nach den Etappen der Integration Siebenbürgens in das Königreich Ungarn wird die deutsche Ansiedlung im Süden Siebenbürgens im 12./13. Jahrhundert beschrieben. Erwähnt wird der Goldene Freibrief von 1224, in dem den Kolonisten „Silva Blachorum et Bissenarum“ und das Recht, die Gewässer zusammen mit den genannten Blachen und Petschenegen zu nutzen, zugesprochen wird.
In der weiteren Beschreibung der Besiedlung des Schäßburger Stuhls und der Stadtgründung setzt sich Baltag mit dem Ursprung des Namens Schäßburg und dessen zeitliche Entwicklung auseinander und stellt unterschiedliche Hypothesen dazu vor: den deutschen oder ungarischen Ursprung, die Ableitung von Castrum Sex sowie die ab 1436 bekannte rumänische Bezeichnung Sighisoara.
Das zweite Kapitel behandelt die Entwicklung Schäßburgs und des Hermannstädter Gebietes im 14. Jahrhundert und bis 1541. Vor dem Hintergrund der militärpolitischen Lage im König¬reich Ungarn allgemein und in Siebenbürgen im Besonderen, werden die Entwicklung der Bevölkerung, die Privilegien und Stände Schäßburgs, Versammlungen der Diäten und der Sächsischen Nationsuniversität beschrieben.
Der Autor geht ein auf das widersprüchliche Thema des Aufenthaltes von Vlad Dracul zwischen 1431 und 1436 und der möglichen Geburt von Vlad T¸epes¸ hier, weiterhin die auf dem Wandgemälde im „Haus Vlad Dracul“ auf der Burg „Porträt mit Turban“ basierenden Vermutung, es sei sein Wohnhaus gewesen. Die Vorstellung des Stammbaumes der Familie Polder und die Reformation schließen dieses umfangreiche Kapitel voller Daten, Namen und Fakten ab.
Im dritten Kapitel wird unsere Aufmerksamkeit auf die städtischen Regelungen und Statute, auf die wichtigsten Leitungsinstitutionen, die Verwaltung des Stuhles und der Sächsischen Nationsuniversität gelenkt. Eine außerordentliche Schlussfolgerung aus dem Dargestellten wird wie folgt formuliert: „Ohne feudale Hierarchien, ohne Edelleute und Leibeigene, vom König geschützt gegen den Machtmissbrauch der Herrschenden, mit steuerlich und militärischen Pflichten, hatten die Sachsen der Hermannstädter Provinz eine Enklave der Freiheit inmitten einer Gesellschaft persönlicher Abhängigkeit, eine Enklave ohne Beispiel im mittelalterlichen Europa.“
Das vierte Kapitel beschreibt Schäßburg von der Gründung des Fürstentums 1541 bis zum Beginn der österreichischen Herrschaft (1699), die Schlacht bei Großalisch (1662), das große Feuer von 1674 wie auch die Persönlichkeit von Schuller von Rosenthal.
Kapitel V ist der Wirtschaft der mittelalterlichen Stadt gewidmet. Es sind die Zünfte im 14.–17. Jahrhundert, die sächsischen Nachbarschaften und die Bevölkerungsentwicklung zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert sowie die Lage der Rumänen im Süden Siebenbürgens, im Stuhl und in der Stadt Schäßburg.
Die bürgerliche, militärische und sakrale Architektur nehmen einen breiten Raum im sechsten Kapitel ein, das mit hervorragendem Bildmaterial illustriert ist. Das 87 Seiten starke Kapitel zeigt die Burg, die Wehrtürme, die Kirchen und Wohnhäuser.
Schäßburg und die Sieben Stühle vom Anfang der österreichischen Herrschaft und bis zur Revolution von 1848 sind Gegenstand des 7. Kapitels.
Im 8. Kapitel wird die Zeit des Absolutismus von Maria Theresia und Joseph II, aber auch die Revolution von 1848, die Schlacht von Weißkirch sowie die Persönlichkeit eines General Melas beschrieben. Das wirtschaftliche und kulturelle Leben in der Stadt, die Vielfalt der Vereine der deutschen, ungarischen und rumänischen Gesellschaftsgruppen, das Schulwesen, Feste wie das Skopationsfest vermitteln ein pulsierendes Leben zwischen 1848 und 1918.
Das letzte Kapitel betrifft den Zeitraum 1918 bis 1945, in dem ausführlich über die sozial-politische, kulturelle, wissenschaftliche Entwicklung bis zu der bereits erwähnten Deportation der Sachsen in die UdSSR berichtet wird.
Das Buch schließt ab mit drei Anlagen :
Straßenverzeichnis mit historischen Namensänderungen
Ausführliches bibliographisches Quellverzeichnis
10 Farbdrucke als Ergänzung zum Bildmaterial im Text.
Die fließenden Ideen in einer gewählten Ausdrucksweise lassen Zeit und Raum in schnellen und logischen Folgen ablaufen, sie sind typisch für die wissenschaftlichen Untersuchungen des Autors.
Das Werk wendet sich an ein breites Publikum, Spezialisten wie Studenten oder allgemein an der Vergangenheit der Stadt interessierte Leser.
Ein Mensch und ein Leben für eine Idee. Erkenntnisse, dargelegt in einem Buch, das ist das schöne Geschenk Gheorghe Baltags für Schäßburg. Dafür haben wir zu danken und wünschen uns eine Fortsetzung.

Prof. Gheorghe Gavrila
(Lyzeum Mircea Eliade, Schäßburg)

Anmerkung der Redaktion:
Übersetzung aus dem Rumänischen und geringfügige Kürzung von Hermann Theil




 

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