Dr. med. Hans Balthes †
„... denn das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens.“
Martin Heidegger

Dr. Hans Balthes
Am 5.08.04 starb Dr. med. Hans Balthes, niedergelassener Arzt in Bielstein
im Bergischen Land. Sein Leben wie auch sein Denken wurden nachhaltig
gezeichnet und geprägt durch die Bruchlinien, die das 20. Jahrhundert
durchzogen und zerstückelt haben.
Geboren 1924 in Schäßburg in einem liberalen, gutbürgerlichen
Haus, in dem Kunst, Musik und Geist ebenso zu Hause waren wie siebenbürgisch
sächsische Tradition. Sein Vater war Rechtsanwalt und von ihm hat
der Sohn immer mit großer Hochachtung gesprochen.
Abitur 1943 am Bischof Teutsch Gymnasium in Schäßburg. Es war
die Zeit, in der Hans Balthes vom Schicksal verwöhnt wurde: Primus
Musikus, Spitzenleistungen in sportlichen Wettkämpfen und in der
Schule und er hielt im Geist der Zeit die Abschlussrede zur Abiturfeier.
Seine militärische Ausbildung fand in Deutschland statt. Im April
1945 geriet er in russische Gefangenschaft und kehrte erst im Januar 1954
nach Hause zurück. Ab Herbst 154 bis 1960 Medizinstudium in Klausenburg
und trotz ausgezeichnetem Staatsexamen durfte er die bei Prof. Moga vorgesehene
Assistentenstelle aus politischen Gründen nicht antreten. 1955 heiratet
er Roswitha geb. Schneider, aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. 1960
bis 1970 Landarzt in Pretai und Birthälm, dann bis zur Aussiedlung
1974 in Schäßburg.
Im Bergischen Land übernahm er 1977 mit viel Erfolg eine Praxis,
seit 1996 zusammen mit seinem Sohn Hans, und hatte am 30.01.2002 den letzten
Patienten.
Wer war Hans Balthes? Er war ein guter Arzt, dem die Menschen vertrauten.
Er nahm sich Zeit und konnte lange und aufmerksam zuhören, eine Eigenschaft,
die heute zunehmend seltener anzutreffen ist.
Er war ein musischer, stark gefühlsbetonter und eigenwilliger Mensch.
Er spielte selbst Cello und die Musik war ihm oft ein guter Begleiter
und Trost. Denn er hatte es nicht leicht im Leben, weder mit sich selbst,
noch mit vielen anderen. Es waren bohrende Fragen, die sein nach außen
hin erfolgreiches Leben bedrängten. Es waren nicht religiöse
Fragen sondern eher solche, die am Grunde jeder Religion liegen: Fragen
nach Schuld und Sühne, nach der Möglichkeit der Vergebung, aber
auch nach der Instrumentalisierung der Schuld – Fragen die den Einzelnen,
also ihn, betrafen, wie auch die Gemeinschaft, deren Einzelglied er war:
die Siebenbürger Sachsen und ihr Selbstverständnis früher
und jetzt, die Verschleppten und die Gefangenen und auch das deutsche
Volk im gleichwohl anhaltenden wie vergeblichen Versuch, die Vergangenheit
zu bewältigen.
Hans Balthes hatte gründliche Geschichtskenntnisse, Zeitgeschichte
und die späten Habsburger. Faszinierend war immer der Versuch, sich
in eine bestimmte Zeit hinein zu denken, sie emphatisch zu betrachten
– nicht nur die Tatsachen, sondern auch die Möglichkeiten und
Aufgaben, die damals zu bestehen schienen. Der Heilige Bernhard von Clairvaux,
einer der größten christlichen Prediger, rief mit den Worten
„Deus vult – Gott will es“ zum zweiten Kreuzzug auf
und die Menschen folgten ihm, denn wer hätte damals wohl besser wissen
können, was Gott wollte, als jener heilige Mann? Offenbar kann die
Unterscheidung zwischen Führen und Verführen immer nur im Rückblick
gemacht werden.
Wohl jeder Mensch verklärt die Zeit und den Ort seiner Jugend. Fast
schwärmerisch wurde diese Verklärung bei Hans Balthes als Kontrast
zu Sibirien und wurde, bedauerlicher Weise, auch irgendwie als Messlatte
an alle späteren Stationen seines Lebens angelegt, wodurch diese
entwertet wurden. Wohl um dieses Bild nicht zu stören, hat er Schäßburg
seit seiner Aussiedlung nie mehr besucht, aber seinem Wunsche entsprechend
wird seine Asche im Familiengrab in Schäßburg, am Bergfriedhof,
beigesetzt werden.
Hans Balthes war mein Freund, er hat mir viel an menschlicher und geistiger
Anregung gegeben und dadurch mein Leben reicher gemacht. Dafür danke
ich ihm von ganzem Herzen.
Dr. med. Wolfgang Jekeli (Wittlich)
Anmerkung der Redaktion:
Die Urne von Hans Balthes wurde am 22.10.2004 nach einem Trauergottesdienst
in der Bergkirche im Familiengrab auf dem Bergfriedhof beigesetzt. Die
eingegangenen Spenden von Freunden, Bekannten, Patienten wurden im Gesamtwert
von 4000 E der Ev. Kirchengemeinde für das Altenheim, die Renovierung
der Klosterkirche und Pflege des Bergfriedhofes durch Roswitha Balthes
überreicht.

Letztes Update:
2005-03-05
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