Im Januar 2005:
60 Jahre seit der Deportation
Im Januar nächsten Jahres erfüllen sich 60 Jahre, seit
etwa 75000 Deutsche, arbeitsfähige Frauen und Männer, aus Rumänien
zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt wurden.
Für 464 Schäßburger, 240 Frauen und 224 Männer, sowie
viele Sachsen aus den umliegenden Gemeinden läutete am 24. Januar
die große Glocke der Bergkirche zum Abschied. Sie waren in kalte
Viehwaggons gepfercht worden und fuhren einer ungewissen Zukunft entgegen.
55 sollten nicht mehr zurückkommen, sie starben in der Fremde an
den Folgen von Unterernährung, Kälte und Krankheit.
Nur wenige versuchten, aus den streng bewachten russischen Lagern zu fliehen.
Einer, der es nicht nur versucht hat, sondern dem die Flucht sogar gelungen
ist, beschreibt hier seine abenteuerliche Rückkehr nach Schäßburg:
Johann Bell, er feierte in diesem Frühjahr seinen 90. Geburtstag,
erinnert sich noch genau an jeden Tag seiner abenteuerlichen Flucht und
an die Menschen, die ihn nicht verraten, ihm vielmehr mit Rat und Tat
geholfen haben.
Im dritten Jahr, als es den Deportierten schon bedeutend besser ging und
viele recht gut verdienten, wurden russische Fotografen ins Lager bestellt
und Erinnerungsfotos gemacht; hier Fotos aus dem Lager des Arbeitsbataillons
1024 in Hanschenkowo.

(v. l. n. r.) obere Reihe: Otto Keul, Gerhard Theiss, Georg
Hügel (Seck),
Heinrich Welther, Michael Mieß, Gerhard Hermann; 2. Reihe: Grete
Hahner,
Grete Bachner, Elfriede Hahner, Elisabeth Halmen, Ilse Roth, Johanna Müller,
Martha Halmen, Zisi Müller, Irmtraut Hayn, Gertrud Theil, Gertrud
Ebner,
Josef Polder, Hans Zickeli; 3. Reihe: Hermine Ehrmann, Alfred Hann,
Emmi Ebner, Gertrud Hermann, Hermine Keul, Johanna Schenker, Litzi Müller,
Wilhelm Biesselt; untere Reihe: Georg Hügel, Hilda Wonnerth, Maria
Ehrmann,
Johanna Letzner, Maria Keul, Martin Keul, Wilhelmine Scheel,
Johanna Polder, Käthe Müller.

(v. l. n. r.) obere Reihe: Georg Schwarz, Gerhard Theiss,
Michael Mieß,
Georg Hügel (Seck), Johann Henning, Günther Wagner, Georg Polder,
Otto Keul, Hans Zickeli, ? Tausch, Georg Hügel, Martin Keul, Johann
Keul,
Michael Kroner; 2. Reihe: Alfred Baku, Wilhelm Biesselt, Heinrich Welther,
Michael Mathias, Josef Polder, Alfred Hann, Gerhard Hermann;
untere Reihe: Wilhelm Wester, Christian Elges, Martin Keul, Fritz Fritsch.
Fotos: G. H. Wagner
Flucht aus Russland
Hilfsbereite gute Menschen und viel Glück /
Nach abenteuerlichen Bahnfahrten im Herbst1946 wieder zu Hause in Schäßburg
Nach fast drei Jahren Kriegsdienst in der rumänischen Armee an der
Ostfront wurde ich im Februar 1944 entlassen. Dann kam der Umsturz, und
am 6. September musste ich wieder zu meiner Einheit einrücken. Am
28. Januar 1945 folgte meine Internierung durch die Russen ins Sammellager
Kronstadt. Nach zwei Tagen wurden wir je 50 Mann in einen Viehwaggon verladen,
und die Fahrt ging bis Rimnic Sarat. Dort mussten wir in Waggons mit Breitspur
umsteigen; zwei Männer nutzten die Gelegenheit zu einem Fluchtversuch:
Sie hatten in ihrem Waggon den Boden aufgerissen und sich, kurz bevor
der Zug anfuhr, fallen lassen. Die Wachen entdeckten die Flüchtigen,
einer wurde erschossen und den ganzen Zug entlang geschleift, um uns abzuschrecken.
Nach zwei Wochen trafen wir in Russ¬land an unserem Bestimmungsort
Wetschernikut im Eisenerzgebiet Krivoi-Rog ein.
Schon nach drei Tagen wurden wir unseren Arbeitsplätzen zugeteilt.
Ich arbeitete als Schlosser (Montajnik). Wir bauten Bunker und Verbindungsrohre
für das Eisenerz. Zur Arbeitsstelle und zurück ins Lager gingen
wir immer unter Bewachung. Später wurden wir von einem Vertrauensmann
des Unternehmens begleitet, und so wurde es für uns viel leichter.
Unser Brigadier war ein guter und vernünftiger Mensch, von dem wir
manchen Trick lernten, um dadurch uns die Arbeit zu erleichtern. Im Lager
mussten wir fast täglich antreten, um politische Vorträge anzuhören.
Essen gab es in der Früh und am Abend; es reichte nicht, um zu überleben,
so musste jeder für sich zusätzlich etwas „organisieren“.
Ich habe alte Töpfe gesammelt, aus dem Magazin Blech geklaut und
daraus für die Töpfe neue Böden gemacht; für einen
Topf gab es ein halbes Brot und eine Suppe. Ein jeder von uns hatte die
Verbindung mit einer Frau (Haseika) aufgenommen, der er ein Bündel
Holz ablieferte. Gegen etwas Essbares. Dies spielte sich gewöhnlich
während der Mittagspause ab.
Am 9. und 10. Mai blieben wir im Lager: Der Krieg war zu Ende, und mancher
von uns dachte ans Nach-Hause-Fahren. Es blieb aber beim „scoro
damoi“, bald geht’s nach Hause. So wurde der Hoffnung ein
Ende gemacht. Im Oktober 1945 wurde der erste Krankentransport zusammengestellt;
unter den Auserwählten war auch der Schäßburger Polder
Josef, Glashändler, dem ich ein paar Zeilen an meine Frau mitgab.

Bei einer kulturellen Veranstaltung im Hof des Lagers.
Auf dem Foto sind
auch einige Schäßburger im Vordergrund zu erkennen:
Irmtraud Hayn (mit Akkordeon) und Günther Wagner.
Öfter wurde ich mitten in der Nacht aufgeweckt und zum Verhör
gebracht. Da meine Aussagen nichts brachten, befürchtete ich, in
Ungnade zu fallen und in ein Straflager nach Sibirien abgeschoben zu werden.
Die Angst davor weckte in mir den Entschluss zu fliehen.
Im Frühjahr 1946 montierten wir im Schacht Notleiter und Sicherheitsgitter.
Es wurde immer von 23 Uhr bis 5 Uhr morgens gearbeitet. Die Arbeit war
besser bezahlt, so konnte ich mir einen russischen Militärmantel,
Mütze, Stiefel und leichte Arbeitskleider kaufen. In unserer Brigade
arbeitete auch ein Bessarabier, Fedjea, mit dem mich eine vertrauensvolle
Freundschaft verband. Mit ihm sprach ich über Flucht. Er hoffte,
bald Urlaub zu bekommen, und meinte, ich könnte mit ihm fahren, er
wohne in der Nähe vom Pruth, an der Grenze, ich solle alles vorbereiten,
und wenn es dann so weit wäre, würde er mich verständigen.
Am 7. Oktober 1946 war es dann so weit, ich sollte ihn am nächsten
Morgen aus der Kaserne, nicht weit von unserer Arbeitsstelle, abholen.
Im Lager fing ich gleich an, alles, was ich nicht mehr brauchte, zu verkaufen.
Es kamen 200 Rubel zusammen! Am nächsten Morgen, auf dem Weg zum
Arbeitsplatz, sagte ich meinem Arbeitskollegen Welther Hans, er solle
mich beim Meister entschuldigen, ich sei in die Ambulanz gegangen und
von dort zurück ins Lager. Ich verabschiedete mich von Hans und ging
in die Kaserne. Vergeblich suchte ich nach dem Bessarabier Fedjea, ich
fand ihn nicht. Was tun?

Johann Bell
Ich entschloss mich, meinen Plan auch allein auszuführen. Ich ging
zum Bahnhof, da standen zwei Züge voll beladen mit Eisenerz. Vor
einem der Züge dampfte bereits die Lokomotive; nach kurzer Zeit fuhr
sie zischend und eine dicke Rauchwolke zum Himmel schleudernd an. Ich
überlegte nicht lange und es gelang mir, ungesehen auf einen Waggon
zu klettern. Oben warf ich mich auf den Bauch und blieb liegen, bis der
Zug vom Bahnhof draußen war, dann kleidete ich mich um. Ich zog
meine alte rumänische Uniform an und darüber russische Arbeitskleider.
Unterwegs, in einer Biegung, wo der Zug langsamer fuhr, sprangen zwei
Schachtschüler auf. Wir hatten bis Krivo-Grad eine gemeinsame Fahrt
vor uns; wir kamen ins Gespräch, und für Mahorka-Zigaretten,
die ich ihnen anbot, durfte ich mich ihnen anschließen. Im 60 km
entfernten Piti¬chata mussten wir umsteigen. Wir krochen unter fünf
Eisenbahnzügen hindurch und erreichten einen Arbeiterzug. Es waren
Viehwaggons zusammengekoppelt worden, und man brauchte keine Fahrkarte.
Wir drängten uns in eine Ecke. Draußen fing es zu regnen an,
und schon setzte sich der Zug in Bewegung. Alle Kategorien von Leuten
waren hier vertreten, sogar Miliz war dabei.
Am Abend hatte der Zug sein Ziel erreicht. Wir stiegen aus und begaben
uns in den Wartesaal. Es war schon fast dunkel. Nach einiger Zeit forderte
der eine Schüler, der dieselbe Route fahren wollte wie ich, mich
auf, mit ihm zu gehen. Wir begaben uns zum Bahnsteig, wo gerade ein Lastzug
einfuhr, es war ein Kohlezug, er hielt an, wir rissen eine Waggontür
auf, und mir blieb das Herz fast stehen vor Schreck, denn im Waggon standen
zwei Milizmänner. Ich fasste mich schnell, half dem Schüler
beim Aufsteigen und kroch dann selbst hinauf. Es war auch ein Zivilist
da. Beim Öffnen der Tür hatte sich eine Steinkohle verklemmt,
ich bat den Zivilisten, mir beim Schließen zu helfen. Der stutzte:
„Ivan, tu esti?“ Ich dachte, jetzt trifft dich der Schlag:
Es war der Bessarabier Fedjea, er hatte mich an der Stimme erkannt. Ich
fragte ihn zunächst, ob von den zwei Milizmännern eine Gefahr
drohe; da kam die erlösende Antwort: Die fahren auch schwarz, genau
wie wir. Dann berichtete er mir, er hätte noch einmal zur Kommandantur
gehen müssen wegen seinen Schriften, deswegen hätten wir uns
nicht getroffen.
Nun ging alles zuversichtlicher weiter. Wir fuhren bis 22 Uhr, dann war
Endstation. Alles stieg aus, der Schüler verabschiedete sich von
uns, und wir gingen zum Bahnhof hinaus, erreichten die Kantine. Es hatte
sich ein Schachtmeister uns angeschlossen; ich und Fedjea bestellten einen
Tee, die Mäntel hatten wir ausgezogen. Fedjea sagte nach einer Zeit,
er gehe nachsehen, ob es eine Gelegenheit zur Weiterfahrt gebe. Endlich
nach einer Stunde stellte er sich wieder ein und erzählte, die Bahnhofmiliz
hätte ihn zwischen den Zügen geschnappt. Es war verboten, mit
Lastzügen zu fahren. Seine Akten waren in Ordnung, und so hatten
sie ihn laufen lassen. Nun gingen der Schachtmeister und ich auf Erkundung;
wir schlichen uns zwischen die Züge und wollten bis zum Bahnhofsende
gehen, als plötzlich ein lautes „Stoi!“ uns Halt gebot.
Eine Taschenlampe blitzte auf. Der Schachtmeister fluchte und schrie den
Posten an, ob er nicht sehe, dass wir im Dienst wären. Wir gingen
einfach weiter. Der Trick gelang, sie ließen uns in Ruhe. Wir erreichten
das Ende des Bahnhofs, dort standen zwei Kohlezüge ohne Lokomotiven.
Auf einem Umweg kamen wir zurück zur Kantine. Fedjea hatte auf uns
gewartet. Wir nahmen unsere Sachen und gingen zu den Zügen ans Ende
des Bahnhofes. Dort versteckten wir uns und warteten. Inzwischen war es
hell geworden. Etwas später kam eine Lokomotive, und sie wurde vor
einen der Züge angekoppelt. Die Wachhabenden gingen den Zug entlang;
als er anfuhr, sprangen wir auf den letzten Waggon und warfen uns auf
den Boden. Nach einer Zeit gesellte sich eine Frau zu uns; sie war Bremserin
und brachte zwei Säcke mit. Wir sollten sie mit Kohle anfüllen,
forderte sie uns auf. Als Gegenleistung wollte sie uns warnen, wenn die
Wachhabenden wieder auftauchen. Wir füllten die Säcke und jedes
Mal, wenn der Zug hielt, wurden die vollen Säcke hinuntergereicht
und wir nahmen leere in Empfang. Wir hatten über 20 Säcke gefüllt,
als am Nachmittag gegen 4 Uhr der Zug wieder einmal hielt. Da kam die
Bremserin und rief uns zu: Schnell verschwinden! Wir machten uns auf die
Beine und verschwanden. Der Schachtmeister verließ uns, Fedjea und
ich gingen ins Bahnhofsgebäude. Fedjea erkundigte sich über
die Lage. Es war hier so streng, dass wir es nicht wagen konnten, weiterhin
ohne Karte zu fahren. Ich ging ins Klo und holte die 200 Rubel aus der
Unterhose. Fedjea besorgte zwei Fahrscheine bis Balti und meinte, wenn
wir auch zwei oder drei Tage Hunger leiden würden, so hätten
wir nun wenigstens Ruhe während der Fahrt. Abends um 9 sollte ein
Personenzug kommen. Zwei Waggons standen schon bereit, um dann an den
Zug angekoppelt zu werden. Die Waggons hatten unten Bänke und oben
zwei Reihen Gepäckablagen, die als Betten benutzt werden konnten.
Wir kletterten hinauf und legten uns auf unsere Mäntel. Da kamen
eine Gruppe Männer herein, sie trugen russische und ungarische Uniformen;
sie sprachen ungarisch, ich verstand alles, musste mich aber ruhig verhalten
als Zivilist. Unsere Waggons wurden an den Zug angekoppelt, und die Fahrt
ging weiter bis nächsten Tag zu Mittag. Im Wartesaal setzte ich mich
unauffällig neben einen Mann der Gruppe und fragte, wer sie seien.
Es stellte sich heraus, dass sie Ungarn waren und aus Sewas¬topol
kamen; sie stammten aus der Karpatenukraine, welche an Russland gefallen
war. Nun waren sie russische Staatsbürger und fuhren nach Hause.
Ich fasste Vertrauen zu ihnen und erzählte, ich sei rumänischer
Kriegsgefangener, wäre getürmt und wolle über den Pruth
nach Rumänien zurück. Davon rieten sie mir ab. Von ihnen seien
viele durchgegangen und am Pruth alle abgefangen worden. Ein Feldwebel,
der das Kommando hatte, machte mir den Vorschlag, mit ihnen bis Cernovitz
mitzukommen. Dann hätte ich den Pruth hinter mir und bessere Aussicht,
weiter zu kommen. Ich nahm den Vorschlag an und bedankte mich.
In Balti angekommen, erkundigten wir uns, wann der nächste Zug nach
Cernovitz fahren würde. Abends sollte die Fahrt weiter gehen. Ich
ging mit Fedjea zum Bazar, verkaufte meine Arbeitsbluse, und wir kauften
Brot und Käse, um uns mal richtig satt zu essen. 20 Rubel gab ich
Fedjea für den Bus und verabschiedete mich von ihm, nun galt ich
als ungarischer Kriegsgefangener.
Der Zug, mit dem wir fahren sollten, traf ein, er war überfüllt
und die Türen abgesperrt, aber die Fenster an der Tür waren
so weit offen, dass man irgendwie hinein kriechen konnte. Die ganze Nacht
stand ich, in der Früh wurde endlich ganz oben ein Platz frei. Ich
kroch hinauf, legte mich hin und schlief sofort ein. Am Nachmittag trafen
wir in Cernovitz ein. Ich bedankte mich beim Feldwebel und verabschiedete
mich. Nächsten Tag ging ich zu Fuß in Richtung Storojinet.
Unterwegs traf ich eine Frau mit ihrer Tochter; sie gingen in dieselbe
Richtung. Ein Lastwagen holte uns ein, es war ein Militärwagen. Die
Soldaten sollten nahe von der Grenze Kartoffeln holen. Wir stiegen alle
auf, im dritten Dorf verließ uns die Frau, wir fuhren weiter bis
zu einer Kaserne. Ein Hauptmann kam zu uns und fragte den Sergeant, was
mit mir, diesem Zivilisten sei. Er sagte ihm, ich würde ihnen helfen
beim Kartoffeln aufladen. Der Offizier gab sich mit dieser Antwort zufrieden.
Wir gingen in den Keller, ein Russe füllte die Säcke an, ich
trug sie zum Auto; nach einer Zeit war es dem Russen zu langweilig und
er trug die Säcke, die ich anfüllte. Als der Wagen voll beladen
war, ging der Soldat zu seinen Kollegen. Im Hof stand ein Schuppen, ich
ging hinein, da fand ich einen Topf mit gekochten Kartoffeln und etlichen
Resten eines Bratens sowie einen halben Fisch. Ich ließ alles in
meinen Manteltaschen verschwinden und ging durch das Hintertor hinaus.
Auf der Straße traf ich einen Mann, der im Wald arbeitete. Wir kamen
ins Gespräch, er war Rumäne. Ich fragte ihn, wie ich am sichersten
zur Grenze käme. Er zeigte mir oben auf dem Berg einen Baum und sagte,
in die Richtung müsse ich gehen. Er warnte mich, ich solle die Straße
meiden und querfeldein in die angegebene Richtung gehen, denn 10 km vor
der Grenze befänden sich Posten, die gute Beziehungen zu den Einwohnern
hätten, vor denen müsste ich mich hüten. Ich dankte dem
Mann für die Auskunft und stieg auf den Berg.
Inzwischen war es fast dunkel geworden, ich orientierte mich nach dem
Moos an den Bäumen und ging immer nach Süden. Ich war die ganze
Nacht und den nächsten Tag unterwegs. In der zweiten Nacht schneite
es, die Schneeschicht war etwa vier Zentimeter hoch; ich stieß auf
eine frische Spur und verschwand sofort in ein Gebüsch; dort wartete
ich eine viertel Stunde; da alles ruhig blieb, wagte ich mich wieder hinaus,
trat in die Spur, mein Stiefel passte genau hinein. Ich war nun beruhigt
und setzte meinen Marsch fort. Mein Essvorrat war längst aufgezehrt,
unterwegs hatte ich mir die Taschen mit Hagebutten gefüllt. Am dritten
Tag gegen Abend erreichte ich einen Berg, kletterte auf eine Tanne und
hielt Ausschau. Unten zog sich ein Tal weit hin, ein Bach floss talabwärts.
Ich setzte meinen Weg fort. Als ich mich nach links wendete, ich war ungefähr
100 Meter gegangen, sah ich ein Feuer. Sofort warf ich mich auf den Boden
und beobachtete: Nebenan stand ein kleines Häuschen. Nach kurzer
Zeit kam ein russischer Soldat heraus und rührte in einem Topf, welcher
über dem Feuer hing. Ich wartete, bis er hinein gegangen war, und
zog mich leise zurück bis zum Bach, an dem ich dann entlang ging.
Nach zwei Stunden stieß ich auf zerstörte Häuser und schlich
mich vorsichtig weiter. Etwas später tauchte ein größeres
Haus auf, vorne war ein zwei Meter hoher Stacheldraht-Zaun, daran hingen
Blechkonserven. Es war keine Bewegung in der Nähe des Hauses auszumachen,
ich verschwand nach der rechten Seite ungefähr 300 Meter, drückte
die Blätter unter dem Zaun durch und kroch selbst hindurch. Auf der
andern Seite angekommen, stieß ich die Blätter wieder zurück
und verstreute sie, damit meine Spur verwischend. Dann kroch ich wie eine
Katze weiter und erreichte ein Dorf. In einem Haus brannte eine Petroleumlampe.
Der Bauer riet mir, ich solle mich in den Heuhaufen legen, und in der
Früh würde er mich wie einen Christen empfangen. Er hielt Wort,
ich wurde zu Tisch gebeten, es gab Milch und Palukes (Maisbrei), Käse
und Ferkelfleisch. Dann fragte er mich, ob ich keinen Posten bei dem Haus
gesehen hätte oder Hunde; wahrscheinlich seien sie auf Patrouille
gegangen. Ich hatte Glück gehabt, denn ich befand mich auf rumänischem
Boden. Der Bauer fuhr mich mit dem Pferdewagen über den Fluss Sireth,
zeigte mir ein Haus, mit Ziegeln gedeckt, es war das Bahnhofsgebäude
von Gura Putnei. Der Stationsvorsteher beschaffte mir eine Fahrkarte bis
Schäßburg.
Am 18. Oktober, nach 10 Tagen Hoffen und Bangen, war ich wieder zu Hause.
Johann Bell (Nürnberg)

Letztes Update:
2005-02-15
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