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HOG-Schäßburg / Siebenbürgen |
Meine alte Heimat geht in den WestenImpressionen aus dem von der Geschichte überrollten Rumänien Zu Hause war ich seit sieben Jahren nicht mehr gewesen. Als ich mich entschloss, wieder zu fahren, wusste ich allerdings schon, dass mein Land ein rasantes Übergangsstadium durchmachte. Im Flugzeug hatte mir ein toskanischer Unternehmer lächelnd mitgeteilt: „Da lasse ich Rettungswesten nähen. Der Lohn ist 20-mal niedriger als in Italien, und die Leute küssen mir die Hand.“
Ein ehemaliger Studienkollege, zeitweilig Präsidentenberater, meinte in einem Vortrag: „Die Rumänen sollten stolz sein, dass es auch ‚unerwartete Siege‘ gibt: Das Land ist fast aus eigener Kraft radikal umgestaltet worden. Eine komplexe Informationsgesellschaft ist entstanden, fast ein kleines Wunder!“ Ja, an den Kiosken sehe ich viele Zeitungen und bunte Zeitschriften; keine westlichen, die kann sich niemand leisten. Auch die neue kritische Presselandschaft ist nicht zu übersehen, ich kaufe mir Mircea Dinescus satirische Zeitschrift Academia Ceau¬¸sescu. Lese von Korruptionsskandalen. Und von der Misere der Kultur. Fernsehen, Sex, Internet überrollen sie. Transsylvanien. Mit einem gemieteten Auto nach Siebenbürgen. Die
Steppe, der Baragan, dann die Karpaten. Beim Aussteigen eine fast schmerzhafte
Empfindung der Frische; würzige Berg¬luft, Holzfeuergerüche,
der Sternenhimmel. Ich war da und nicht da, so nah, so fremd. Erstaunlich
sichtbar die alte Grenze zwischen der Walachei und dem ehemaligen mitteleuropäischen
Siebenbürgen. Im Süden die Dörfer verkommen, grau. Hier
alles ordentlicher, bunter, sauberer. Meine erste Station war Hermannstadt;
die alte Stadt hatte einen neuen Rhyth¬mus; schon an der Einfahrt
Reklame, Industrie. Ich kam in dem von Deutschland finanzierten Altenheim
namens Dr. Carl Wolf unter. Das Zimmer mit Blick auf die Karpaten, und
die Stadt wirkte wie eine Oase. Am nächsten Morgen ein Gespräch mit der Leiterin des Heims,
einer jungen Theologin. Angeschlossen an das Heim sei das „Schlupfhaus“,
in dem Straßenkinder betreut werden. Sie sagte: „Wir leben
in parallelen Welten, die Straßenkinder und wir. Es sind die Ärmsten
der Armen, aus Familien, die im Kommunismus kaputtgegangen sind.“
Über die Alten außerhalb der Oase des Heims erzählte sie
Erschreckendes. Auf dem Weg vom ehemals deutschen Hermannstadt in meine Heimatstadt
Schäßburg sah ich, wie arm und karg die einstmals so vertraute
und geliebte Landschaft ist. Die Dörfer stehen oft leer, einige verfallen,
die Deutschen, die viele siebenbürgische Ortschaften und Städte
gegründet haben, sind ausgewandert. Hier war ich als junger Lehrer
mit dem Rad durch den Dreck zur Schule gefahren. Ich dachte an Deutschland,
an Italien, wo ich lebe. Gespräche sind Schlüssel zum Erlebten. Ich besuchte die Tapisserie-Künstlerin
Theil, ich sagte ihr gleich zu Beginn, dass ich mit den radikalen Veränderungen
nicht zurechtkäme. Frau Theil aber konnte nicht widersprechen: „Auch
wir sind überfordert, alles geht sehr schnell. Früher haben
wir kein Geld gehabt, haben es ja auch nicht gebraucht, jetzt beherrscht
es alles; und wann habe ich früher jeden Abend das Geld gezählt,
über Mieten, Preise und Häuser gesprochen? Es waren andere,
bessere Gespräche in der Diktaturzeit.“ Eine ihrer Tapisserien
stellt ein Weib dar, das mit drei Teufeln umgeht: Fernsehen, Geld, Besitz.
Ich besuchte den Bildhauer Wilhelm Fabini. Zufällig war auch sein Bruder Hermann, Abgeordneter im Bukarester Parlament, mit seiner Frau da. Wir sprachen über Einkäufe, neue Geschäfte, verändertes Konsumverhalten; man kann alles kaufen, auch im Laden an der Ecke, die Essgewohnheiten sind differenzierter geworden; man sieht Läden mit Handys, PCs, Autos. „Früher hatte man Geld und nichts zu kaufen, jetzt kann man alles kaufen und hat kein Geld.“ Wir redeten über die Rückgabe der enteigneten Häuser, darüber, dass auch ich vielleicht mein Geburtshaus zurückerhalten werde, und über die enorm gestiegenen Haus- und Grundstückspreise, die allgegenwärtige Spekulation, die Korruption. Der Bildhauer meinte, auch die Ceau¸sescu-Architektin habe alte „Verbindungen“ und nur so den Auftrag für die Sparkasse erhalten. „Die Machtstrukturen und ihre Träger stammen aus der roten Zeit“, sagte der Abgeordnete. „Diejenigen, die nach dem Sturz des Kommunismus die Macht an sich gerissen haben, betreiben über die Privatisierungen eine Vermischung von Wirtschaft und Politik und werden so reich. Alle gehören der sozialdemokratischen Regierungspartei Iliescus an; es sind Leute des ehemaligen Sicherheitsapparates, die haben nach 1989 sofort Geschäfte gemacht, weil sie Zugang zu ausländischem Kapital und Machtwissen hatten.“ Die Regierung mische immer mit: „Praktisch wird mit Dringlichkeitsverordnungen regiert. Das beschlossene Gesetz wird ohne Diskussion vom Parlament verabschiedet.“ Ich fragte den Abgeordneten nach der EU-Fähigkeit Rumäniens. „Beim Beitritt würde die Wirtschaft überrollt werden“, sagte er, „das Bruttoinlandsprodukt beträgt heute etwa 1.700 Euro pro Person und Jahr, in der EU im Durchschnitt 15.000 Euro. Bei unserem Wachstum von 5 Prozent brauchten wir 45 Jahre, um den Anschluss zu schaffen. Wir haben alles durchgerechnet. Es ist völlig utopisch.“ Doch die Unterschiede zwischen den Landesteilen Rumäniens sind enorm.
In der Zeitung Jurnalul Sighi¸soara Reporter und in der Lokalen
Agenda 21 der Vereinten Nationen, in die Schäßburg aufgenommen
wurde, ist von der geringen Arbeitslosigkeit, Industriewachstum und der
abgeschlossenen Privatisierung die Rede. Historische Gebäude wurden
durch die Messerschmitt- und Nierman-Stiftung renoviert; viele Projekte
sind geplant: verbesserte Infrastruktur, Wohnungsbau, ein Zubringer zu
einer künftigen Autobahn, Modernisierung der Schulen, ein neues Krankenhaus
und so weiter. Ist Rumänien EU-fähig? Lucian Boia, der heute bedeutendste
rumänische Historiker, befürchtet „einen massiven Bruch
im Zivilisationssystem und Inkommunikabilität zwischen der Welt von
morgen und der Welt von gestern.“ Dabei verschwinde das „zivilisatorische
Minimum“. Rolf-Dieter Hoeschen, der die Thyssen-Krupp-Bilstein-Comp. von Hermannstadt
leitet, wo Pkw-Stoßdämpfer hergestellt werden, meinte: „Das
Eindringen westlicher Industrie ist für die Entwicklung des Landes
unabdingbar. Und wenn Sie sagen, die Schere zwischen Arm und Reich gehe
auseinander, pflichte ich Ihnen bei – im Moment.“ Dies liege
„einfach nur daran, dass bestimmte Strukturen, die zu einer sozialen
Marktwirtschaft gehören, fehlen. Von der Gesetzgebung ganz zu schweigen;
solche Dinge müssen langsam aufgebaut werden.“ Hier sei jetzt
„Goldgräberzeit“. „Meinen Sie, dass Rumänien es schafft, 2007 in die EU aufgenommen zu werden?“ „2007 ist Rumänien noch nicht EU-fähig. Doch politisch
muss das Land mit diesem Versprechen leben, sonst würden die Initiativen
erlahmen. Wirtschaftlich aber wäre es eine Katas¬trophe, denn
wie sollte die arme rumänische Wirtschaft bei dieser geballten Konkurrenz
mithalten können?“ Dieter Schlesak (Stuttgart)
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