HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Aus der Reihe "Ökumene in Schäßburg" (Teil 3)

Die reformierte Kirchengemeinde

Aus der Geschichte der Gemeinde
Schon am Anfang der Reformation spielte Schäßburg eine wichtige und interessante Rolle auf dem Schauplatz der Glaubenserneuerung. Man hat darüber sehr viel geschrieben. Ich möchte hier nur auf die Disputation hinweisen, die 1538 stattgefunden hat – vermutlich in der Klosterkirche. Es waren kaum 21 Jahren seit dem Anschlag der 95 Thesen Martin Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg vergangen! Diese Disputation, über die Gaspar von Heltau 1570 ausführlich berichtet, ist unter dem Namen „Schäßburger Disputation“ in die Kirchengeschichte eingegangen. Nach kurzer Zeit wurde in Thorenburg (Turda) die Resolution des Landtags gefasst, die – zum ersten Mal in der Welt! – der Bevölkerung die völlige Religionsfreiheit zusichert. Und das im Jahre 1568!
Dieses Wunder kann am besten mit einem Bibelzitat erklärt werden: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam...“ (Hebräer 4,12)
Aus diesem lebendigen und wirksamen Wort Gottes schöpfte auch die kalvinische Linie der Reformation in Siebenbürgen ihre Kraft, ebenso die reformierte Gemeinde in Schäßburg.


Die reformierte Kirche im Stadtbild um 1900 - Archivbild

Die Schäßburger Reformierten erinnern gerne an das Jahr 1630, da in diesem Jahr in der Bergkirche Rákóczi György I. zum Fürsten Siebenbürgens gewählt wurde. Der Fürst hat für unsere Gemeinde viel getan. (Die Gedenktafel über seine Wahl ist eine der Zierden in unserer Kirche.)
Gemäß den im Archiv unserer Gemeinde aufbewahrten Protokollen sind die Schäßburger Reformierten 1780 noch in die reformierte Kirche von Weißkirch (Albesti, Fehéregyháza) zum Gottesdienst gegangen. Dieser Zustand bestand bis 1868 fort; die Schäßburger Kirchengemeinde war eine Diasporagemeinde der reformierten Muttergemeinde in Weißkirch.


Die reformierte Kirche heute - Foto: W. Lingner

Von 1868 bis 1875 fanden die Gottesdienste der reformierten Gemeinde in der „Spitalskirche“ statt. Die Spitalskirche war im Besitz der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde; sie wurde später abgerissen und an ihre Stelle wurde 1877 die evangelische Mädchenschule gebaut. Die Möglichkeit, Gottesdienste in dieser Kirche zu halten, war ein Entgegenkommen der evangelischen Kirche unserer Gemeinde gegenüber, ein frühes ökumenisches Zeichen – 100 Jahre vor dem Leuenberger Konkordat. In diesem Konkordat wurde festgeschrieben, dass die evangelische und die reformierte Kirche „Partnergemeinden“ sind. Das bedeutet, dass der evangelische Pfarrer auch in einer reformierten Kirche predigen und das Abendmahl reichen kann und umgekehrt, weiterhin, dass Reformierte auch in einer evangelisch-lutherischen Kirche an Sakramenten teilhaben können und umgekehrt.
1875 lebten in Schäßburg 155 Reformierte. Nach elf Jahren, 1886, beantragten 77 Familien, insgesamt 176 Seelen, die Organisierung einer „Muttergemeinde.



Im Leben der Siebenbürger reformierten Diozöse, folglich auch im Leben der Schäßburger Reformierten, brachte der Dienstantritt des Bischofs Szász Domokos, der am 30. Mai 1885 zum Bischof gewählt wurde, große Veränderungen. Schon am 26. Juni 1885 leitete er eine außerordentliche Sitzung des Presbyteriums der Schäßburger reformierten Kirchengemeinde. Und schon bald darauf, im Jahre 1886 ist unsere Gemeinde selbstständig und Muttergemeinde geworden. Zu jener Zeit gehörten die Diasporagemeinden in Scharpendorf (Sapartoc, Sárpatak), Wolkendorf (Vulcan, Volkán), Trappold (Apold) und Denndorf (Daia, Szászdálya) zu ihr.
Das Jahr 1886 war ein Wendepunkt im Leben der Gemeinde, nicht nur wegen der „Beförderung“ zu einer Mutterkirche; in dieser Zeit wurde das Grundstück neben der „bedeckten Brücke“ auf der rechten Seite der Großen Kokel erworben. Das Grundstück hat eine Fläche von 7100 Quadratmeter. Damals stand da nur ein zweiräumiges, altes Gebäude. Die zum Kauf nötige Summe wurde teils aus Spenden der Gläubigen und des Bischofs, teils durch eine Sammelaktion im ganzen Land eingebracht...
1887 wurden schon 34 kleinere und 44 größere Kinder (im Schulalter) in den Protokollen registriert. Am 4. Dezember 1887 wurde in Schäßburg der erste reformierte Pfarrer, Balás Imre (1887–1920), in sein Amt eingesetzt.
Am Ende desselben Jahres ersuchte das Presbyterium den Budapester Architekten Alpár Ignác, eine Kirche für 500 Gläubige zu entwerfen. Es handelt sich um denselben Architekten Alpár Ignác, der in Budapest die Nationalbibliothek, und in Siebenbürgen mehrere Kirchen (z. B. in Kronstadt und Sächsisch Regen) und Gebäude entworfen hat. Das imposanteste ist das Schäßburger Komitatsgebäude, das heute das Bürgermeis¬teramt beherbergt...
Am Entwurf der Kirche wurden Änderungen vorgenommen, und am 8. Juni 1888 wurde das Fundament für eine kleinere Kirche mit 150 Plätzen gelegt. Die Kirche konnte ein Jahr später eingeweiht werden. 1894 hat die Gemeinde neben der Kirche ein neues Pfarramt und eine mehrräumige Schule bauen lassen. 1900 wurde bei Kerékgyártó István, einem Debrecener Orgelbaumeister, die Orgel für die Kirche bestellt. Zwei Jahre später wurde sie eingeweiht.
In der Zwischenkriegszeit erfuhr das geistige Leben der reformierten Gemeinde eine Blüte. Während der Dienstzeit von Pfarrer Dr. Tóth Lajos (1920–1948) wurde nicht nur die Qualität des Unterrichts in der Schule verbessert, sondern auch das geis¬tige Leben der Gemeinde lebendiger gestaltet: Es wurden Männer- und Frauenkreise und ein Kirchenchor gegründet; dieser Chor hat sogar in Oderhellen (Odorheiu-Secuiesc, Szé¬kelyudvarhely) einen Landespreis gewonnen. Den Konfirmanden wurde Unterricht erteilt, und es wurden Religionsstunden gehalten.
Die kommunistische Ära, die Verstaatlichung des Kirchenbesitzes (Schulen und Pfarrämter) von 1948 bedeutete einen riesigen Einschnitt im Leben der Kirche, auch im Leben der Schäßburger Gemeinde. Der damalige Pfarrer Kis Mihály (1948–1963) wurde mit Gewalt ausquartiert.

Die jüngste Vergangenheit
Pfarrer Dr. Dávid László musste im Laufe seines Dienstes (1963–2000) unter diesen neuen, erschwerten Umständen Gottes „Muttergemeinde“ betreuen. Durch den Zuzug vieler Familien aus den Nachbardörfern ist die Gemeinde in den 70-er Jahren angewachsen. Die Kirche konnte während des Got¬tesdienstes die ganze Gemeinde, die jetzt schon 2000 Seelen zählte, nicht mehr aufnehmen. Zu dieser Zeit wurden die Diasporen Trappold (Apold), Schaas (Saies, Segesd), Kreisch (Cris, Keresd), Peschendorf (Stejareni, Bese), Marienburg (Hetiur, Hétúr) und Dunnesdorf (Danes, Dános) ins Gemeindeleben eingegliedert.
Nach 1990 wurde über eine Erweiterung der Kirche diskutiert und ein Umbauplan in Auftrag gegeben. Der Umbau konnte dann nicht erfolgen, weil die Kirche 1992 zum Denkmal erklärt wurde. Eine Vergrößerung wäre dringend nötig gewesen, da laut der Volkszählung von 1992 sich mehr als 2500 Schäßburger zum reformierten Glauben bekennen.
Mit Hilfe aus Deutschland (Bremen) und aus der Schweiz konnte man ein Gebäude in der Oberen Baiergasse als Pfarrhaus und eine Wohnung in einem Wohnblock in der Vorstadt, die zum Gebetsraum umfunktioniert wurde, kaufen.
Inzwischen hat die Gemeinde die durchs Hochwasser beschädigte Kirche repariert.


Hauptschiff, Innenansicht mit Altar - Foto: W. Lingner

Unsere Gegenwart
Das geistige Leben. Der Schäßburger reformierten Gemeinde werden Sonntags drei Gottesdienste angeboten: um 10 Uhr vormittags und um 18 Uhr nachmittags in der Innenstadtkirche und nachmittags um 17 Uhr im Gebetsraum der Vorstadt. In den Diasporagemeinden werden monatlich Gottesdienste abgehalten, die in den evangelisch-lutherischen Kirchen oder in den Räumen der Pfarrhäuser stattfinden.


Die Orgel aus dem Jahr 1902 - Foto: W. Lingner

Wir denken mit Wehmut an vergangene Jahre zurück, als in diesen Kirchen das Wort Gottes vor vollen Reihen verkündet wurde. Wir singen auch heute unser Bekenntnislied: „Ein’ feste Burg ist unser Gott...“ und glauben daran, dass Gott unsere „Bastei“ in Trappold (9), Schass (1), Dunnesdorf (4), Kreisch (18), Peschendorf (19) und Marienburg (24) bei jeder Gelegenheit anspricht.
Ich möchte hier die wahre Partnerbeziehung hervorheben, die zwischen der Schäßburger bzw. den in unserer Umgebung exis¬tierenden reformierten Gemeinden und den evangelischen Gemeinden – natürlicherweise – besteht.
Ich denke, es ist keine Voreingenommenheit, wenn wir uns für die Nachfolger unserer nach Deutschland ausgewanderten Schwestern und Brüder halten, wenn wir uns zu unserem Reformationserbe bekennen.
Mission, Diakonie. Gemäß der Volkszählung von 1992 leben in Schäßburg 2664 Reformierten. Davon gehören zu unserer Kirchengemeinde 2224 Seelen. Die anderen pflegen Beziehungskontakte zu den Gemeinden, woher sie stammen. Nach 2001 ist es uns gelungen, nicht nur das Pfarramt zu renovieren, sondern in diesem vom Stadtrat seit 1948 gemieteten Gebäude auch einen Raum einzurichten, wo die Bibelstunden für Erwachsene und Jugendliche, Religionsstunden, die Versammlungen des Presbyteriums, Chorproben, Frauenbundgespräche und Gastmahle stattfinden.
Hier haben wir auch eine kleine Bibliothek geschaffen, die der Mission dienen sollte.
Im Kellergeschoß gibt es Diakoniedienst. Der Frauenbund stellt seit Jahren für unsere kranken und alten Schwestern und Brüder Hilfspakete zusammen.
Wir besuchen sehr oft das Altenheim unserer Stadt. Unser Kirchenchor tritt immer bei festlichen Gelegenheit auf.
In diesem Jahr werden 27, im nächsten Jahr aus Gnade Gottes 29 Jugendliche konfirmiert; in 14 Jahren werden es leider nur noch 5–6 sein.
In unserer schrumpfenden Gemeinde haben wir in diesem Jahr 34 Mal um den Sarg eines unserer Mitglieder gestanden und die Auferstehung Christi verkündigte; das Einzige, was uns erhält, ist das Handeln und das allmächtige Wort Gottes…

Zwischenkirchliche Beziehungen.

Darüber wurde schon einiges gesagt. Ich möchte hier noch einmal auf die beispielgebenden ökumenischen, sich auf die Liebe Christi gründenden Beziehungen, die sich zwischen den Schäßburger kirchlichen Gemeinden entwickelt haben, hinweisen.
Die Tatsache, dass wir hier in Schäßburg nicht nur „nebeneinander“, sondern im wahrsten Sinne des Wortes „miteinander“ leben, ist als Gottes Geschenk zu betrachten. Deswegen ist es so schön in Schäßburg, vor allem am Sonntag Vormittag, wenn alle Glocken fast zur gleichen Zeit läuten und die auserwählten Kinder Gottes ins Gotteshause einladen, damit alle Gemeinden sein können, wozu sie berufen worden sind: „Eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt“, die Stadt Gottes, die weltweit leuchtet und „nicht verborgen sein kann“. (Matthäus 5,14)
Biró István, ref. Pfarrer (Schäßburg)

Übersetzung aus dem Ungarischen: Buzogány Csilla (Lehrerin)

 

 

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