HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Jubiläumsfeier „10 Jahre Pflegenest“

Die HOG Schäßburg war durch Walter Lingner und Dieter Wagner vertreten

Dem 10-jährigen Jubiläum des Pflegenestes – so heißt das kleine Altenheim im „Venezianischen Haus“, heute Dr.-Karl-Müller-Haus gegenüber der Klosterkirche – war eine Feier gewidmet, die am 5. September d. J. in Schäßburg stattgefunden hat. Nach einem Festgottesdienst und der anschließenden Jubiläumsfeier in der Klosterkirche mit der Festrede von Ortrun Rhein (Leiterin des Hermannstädter Alten- und Pflegeheims „Dr. Carl Wolff“) und Grußworten von Peter Schmalz (Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Bremen), Klaus Daniel (Präsident des Diakonischen Werks der evangelischen Kirche A. B. in Rumänien), Walter Lingner (Vorsitzender der HOG Schäßburg), und einer Vorführung sächsischer Volkstänze auf dem Kirchenvorplatz begaben sich die Gäste ins Pflegenest zu einem Empfang und Besuch der Heimbewohner.
Das Schäßburger Pflegenest hatte bei seiner Gründung nur drei Plätze; heute nimmt es das ganze Erdgeschoss im „Venezianischen Haus“ ein. Fünf Pflegerinnen unter der Leitung der Diakoniebeauftragten Erika Duma betreuen acht Bewohner.
Das Diakonische Werk aus Bremen, Vereine aus Norddeutschland, wie z.B. der Freundeskreis Siebenbürgen aus Hannover, unsere HOG-Schäßburg und viele Einzelpersonen haben geholfen, dieses kleine Altenheim einzurichten und unterstützen es weiterhin tatkräftig mit Spenden. Stadtpfarrer Hans Bruno Fröhlich sprach allen Helfern seinen herzlichen Dank aus ...
Anschließend die Festrede von Ortrun Rhein und das Grußwort unseres HOG -Vorsitzenden Walter Lingner.

Horst Breihofer (Nürnberg)


Festvortrag von Ortrun Rhein Leiterin des „Dr. Carl Wolff“-Altenheimes in Hermannstadt

Ich beginne mit Worten aus einem afrikanischen Text:
Selig, die Verständnis zeigen / für meinen stolpernden Fuß / und meine erlahmende Hand. / Selig, die begreifen, / dass mein Ohr / sich anstrengen muss, / um alles aufzunehmen, / was man mit mir spricht. / Selig, die niemals sagen: / „Diese Geschichte haben Sie mir / heute schon zweimal erzählt.“ / Selig, die in ihrer Güte die Tage / erleichtern, / die noch bleiben / auf dem Weg in die ewige Heimat.
Besser lassen sich auf engstem Raum die Hoffnungen und Ängste eines alternden Menschen kaum ausdrücken.
Und damit sind wir auch schon bei dem Thema des heutigen Kurzvortrages angekommen „Die Zunahme der Hilfe- und Pflegebedürftigkeit innerhalb unserer Kirche“.
Unsere Landeskirche reiht sich vorbildlich ein in das Gesamtbild der Bevölkerungsstruktur: Die Lebenserwartung steigt, und das heißt, das immer mehr alte Menschen auf Unterstützung angewiesen sind. In unseren Gemeinden können Diakoniehelfer ein Lied davon singen. Die Tage sind zu kurz, man hat nie das Gefühl, genug getan zu haben, immer weiß man noch von einem Menschen, den man unbedingt hätte aufsuchen sollen oder jemanden, der unbedingt in ein Betreuungsnetz hineingehört. Und das, trotzdem sich nach 1990 Strukturen herausgebildet hatten, von denen man früher nur träumen konnte: Heime und Pflegenestchen, ambulante Pflege und betreutes Wohnen – mit ausgebildetem Personal und mit kompetenten Hilfsmitteln.
Nicht selten waren der Motor dieser Einrichtungen die Partner aus Deutschland, die Modelle mitbrachten, die sich in das Bild der sich verlierenden Nachbarschaftsstrukturen einbauen ließen, und sicher leben auch heute noch fast 80% der Pflegemodelle, die in den letzten 10 Jahren Alltag geworden sind, dank der finanziellen und ideellen Hilfe dieser Partner.


Tagungsraum im Pflegenest - Foto: W. Lingner


Schlafraum im Pflegenest - Foto: W. Lingner

Das wiederum ist für viele alte Menschen ein Segen geworden, die in allen Kummer hinein um Auswanderung und Altersbeschwerden in unserem wenig sozial ausgerichteten Staat ihre Würde nicht auch noch verlieren mussten.
Die Auseinandersetzung mit dem Alter, mit den Alten, beinhaltet immer die Konfrontation mit Kräftenachlass, Schwäche, Krankheit, Abschied und Tod, aber sie darf niemals dort stehen bleiben. Altsein ist mehr – das müssen wir lernen und so Strukturen entwickeln.
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Um menschenwürdig leben zu können, benötigt er Kommunikation und Kontakt. Auch alte Menschen brauchen neben Versorgung und Pflege soziale Erfahrungen und Aktivitäten.
Das ist sicher auch die Erfahrung der Mitarbeiterinnen des Pflegenestchens: dieses, dass ihre Heimbewohner noch einmal aufblühten, weil sie von gelernten und herzlichen Händen getragen und gepflegt werden; dass Heimbewohner einen sehr eigenen Willen entwickelten und sich in ihrer Situation nicht vernachlässigt fühlen. Glücklich, wer dort aufgenommen werden kann!
Denn das Pflegenest hat genausowenig wie die anderen sozial-diakonischen Einrichtungen im Umfeld nie genügend Plätze frei. Immer sind mehr Anwärter auf der Warteliste, als Plätze zur Verfügung stehen. Immer mehr alte Leute brauchen Hilfe, können die eigene Wirtschaft nicht mehr betreuen und leben auch noch isoliert vom gesellschaftlichen Geschehen, so dass Betreuer und Pfarrer sie kaum mehr aufsuchen können. Was ist in dieser Situation zu tun? Was könenn wir als kleine Kirche? Brauchen wir mehr Institutionen, brauchen wir mehr Mitarbeiter, brauchen wir mehr Geld?
Sicher braucht man dieses alles, aber was ist realistisch, was ist in unserer kleinen Welt möglich, was schaffen wir, ohne mit hängender Zunge von Fall zu Fall zu hetzen, ohne zu hoch zu greifen und dann nach einigen Jahren vor Pleite und Aussichtslosigkeit zu stehen?
Keine Sorge – ich möchte Ihnen heute nicht fertige Modelle vorführen. Ich glaube aber, dass wir über 2 essentielle Dinge sprechen sollen, die für alle denkbaren Projekte der Altenbetreuung den Grundstock bilden: die Ausbildung der Mitarbeiter und die Grundeinstellung alten Menschen gegenüber.
Ganz gleich, ob wir von Pflegenest oder Altenheim, von ambulanter Pflege und betreutem Wohnen sprechen – die Aufgaben der Altenbetreuung sind dann erfolgreich, wenn sie von geschulten Menschen durchgeführt werden. Man kann sehr wohl sehr Vieles in der Altenpflege falsch machen, wenn man es nicht wirklich gelernt hat. So manch ein alter Mensch erträgt mit zusammengebissenen Zähnen die Fehler seines Betreuers, der Lagerungstechniken nicht kennt, den Umgangston nicht findet und es nicht schafft, Zusammenhänge zwischen äußerer und innerer Situation herzustellen. Wir erleben die wenig kompetente Art der Pfleger in Krankenhäusern und heißen sie nicht gut. Aber wir dürfen auch nicht davor die Augen verschließen, dass oft Helferinnen in unseren Diakoniekreisen in Häuser geschickt werden, die mit Kranken dem Gefühl nach, nicht dem Wissen nach arbeiten. Wir sollten uns eigentlich nicht mit der Antwort zufrieden geben: „besser so, als gar niemand“, weil es keine Alternative sein darf. Das wohl wichtigste Prinzip in der Altenbetreuung bleibt das Wahren der Würde des Menschen. Altenpflege klappt nicht irgendwie.
Werden Menschen jeden Alters nur für die Sackgasse des Lebens mit der Endstation Tod geformt, werden sie an Betten und Stühle fixiert, so dass sie weder Alltagsstrukturen, Gesellschaft noch Institutionen stören, dann ist etwas nicht in Ordnung. Menschen „liegen“ zu lassen mit der einsamen Auseinandersetzung mit dem Leben, Menschen jahrelang allein auf den Tod warten zu lassen, all das ist eine soziale Sünde der Gesellschaft, nach dem Motto: Wegsehen anstatt hinsehen.
Hier sehe ich eine Aufgabe unserer Landeskirche: dafür zu sorgen, dass Altenpflege immer eine Kultur der Hoffnung bleibt und nicht eine Kultur der Peinlichkeit wird.
Wie können wir das?
Wir können in unseren Bereichen für professionelle Arbeit sorgen in der Gewissheit, Altenpflege ist ein Modell der Gegenwart und der Zukunft, und wir müssen Wege finden, flächendeckender zu arbeiten.
Es ist die Chance der Diakonie innerhalb der Landeskirche gewesen, dass es eine solide Ausbildung in den ersten Jahren nach dem Umbruch gegeben hat. Diese Altenpflegerinnen sind innerhalb ihrer Bezirke Bezugspersonen geworden, die ihr Wissen weitergeben und Multiplikatoren schaffen. Das ist ein Anfang. Gemeinsame Fortbildungen, Schulungen wäre ein nächster Schritt. Dann würden wir fähiger werden, schwierige Situationen effektiver zu lösen ...
Unsere kleine Kirche mit den vielen alternden Gemeindegliedern wird sicher nicht die ganze soziale Problematik der 3. Generation auffangen können, aber sie kann ein Menschenbild prägen, das Hoffnung macht: dass alternde Menschen mit erhobenem Haupt ihren Lebensabend erfahren dürfen – eine Kultur der Hoffnung eben und nicht eine Kultur der Peinlichkeit.
Die Ansätze stimmen in Ihrem Bezirk.
10 Jahre Pflegenest – meine Glückwünsche. Erreicht wurde eine Stufe. An einem zunehmend positiveren Bild der Altenpflege müssen wir aber noch gemeinsam basteln. Etwa in dem Sinne von: „Das Herz muss Hände haben, doch wehe, die Hände haben kein Herz.“


Grußwort von Walter Lingner
Vorsitzender der Heimatortsgemeinschaft Schäßburg

Sehr verehrte Festversammlung,geehrte Gäste von nah und fern,liebe Schäßburgerinnen, liebe Schäßburger!


Stadtpfarrer H.B. Fröhlich im Gespräch mit
Erika Duma - Foto: O. Rodamer


Beim Empfang im Pflegenest durch Dekan Klaus Daniel und
Ortrun Rhein - Foto: O. Rodamer


Sächsische Tanzgruppe vor dem Altenheim - Foto: O. Rodamer

Es ist mir eine ganz besondere Ehre, in diesem würdigen Gotteshaus, zum Anlass der Jubiläumsfeier „10 Jahre Schäßburger Pflegeheim“ ein Grußwort der Schäßburger Heimatortsgemeinschaft aus Deutschland übermitteln zu dürfen.
Es ist für mich ein bewegendes und ergreifendes Erlebnis, wenn ich daran denke, dass ich vor 73 Jahren in dieser Kirche getauft, vor 59 Jahren, man höre und staune, unter polizeilicher Aufsicht konfirmiert und vor 51 Jahren vor diesem wunderschönen Altar getraut wurde.
Ich bin dankbar dafür, diese Feier hier und heute erleben zu dürfen.
Wir Schäßburger, einst eine stattliche sächsische Gemeinde mit vielhundert-jähriger Geschichte und Traditionen, sind heute leider durch die Wirren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr zusammen.
Der weitaus größte Teil ist ausgewandert und in aller Welt verstreut. Ein kleiner Teil nur blieb der Heimat treu, viel zu klein aber, um Gemeinschaftseinrichtungen wie in der guten alten Zeit aus eigener Kraft einrichten und erhalten zu können.
Die Hilfe und Unterstützung, die nun schon seit Jahr und Tag hier einfließt, soll vor allen Dingen den Alten und Bedürftigen Erleichterung bringen. Wir danken allen, die sich mit materieller Unterstützung eingebracht haben, ganz besonders aber dem Diakonischen Werk aus Bremen und dem Freundeskreis „Siebenbürgen“ aus Hannover.
Wir ausgewanderten Schäßburger, der weitaus größte Teil in Deutschland lebend, haben uns zu einer Heimatortsgemeinschaft zusammengeschlossen und uns zur Aufgabe gestellt, den Zusammenhalt der Schäßburger zu fördern und zu pflegen, die Leistung unserer Vorfahren, das kulturelle Erbe zu erhalten und zu dokumentieren und den Daheimgebliebenen im Rahmen unserer Möglichkeiten Unterstützung zukommen zu lassen. Wir haben heute 830 Mitglieder und ca. 2000 Anschriften von Schäßburgern aus aller Welt.
Mit Treffen in Deutschland und Schäßburg, die Sie zum Teil miterlebt haben, mit den „Schäßburger Nachrichten“, die Sie ja auch erhalten, und mit unserem bescheidenen Beitrag an materieller Unterstützung hoffen wir, unserer gestellten Aufgabe gerecht zu werden.
Ich kann Ihnen versichern, dass der weitaus größte Teil der im Ausland lebenden Schäßburger mit Herz und Seele diesem Fleckchen Erde verbunden ist und täglich mit den Gedanken auf der Burg, in den Schulen, auf der Villa Franka, auf der Breite oder am Kokelstrand weilt. Wir teilen mit Ihnen die Freude an den schönen Einrichtungen und Erfolgen und fühlen mit Ihnen, wenn sich Leid oder Kummer einstellt.
Wir sind dabei, unseren bescheidenen Beitrag auch weiter hier vor Ort zu leisten. Wir suchen und befürworten eine aufrichtige Partnerschaft mit der Kirchengemeinde, dem Deutschen Forum und dem Stadtrat, es soll ein Geben und Nehmen in beiden Richtungen stattfinden, damit wir uns auch in Zukunft gemeinsam über den Ausbau, den Erhalt und die Pflege des Weltkulturerbes Schäßburg erfreuen können.
Dem heute gefeierten Pflegeheim im Dr.-Karl-Müller-Haus, den Pflegerinnen und den Betreuten übermittele ich den Gruß Ihrer Landsleute aus Deutschland und wünsche für die nächsten 10 Jahre alles Gute, „nor de Geseangd“ und Gottes Segen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

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Letztes Update: 2005-03-11 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg