HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Die Tracht der Schäßburger im 20. Jahrhundert


Nachdem Mitte des 19. Jahrhunderts die Patriziertracht in Schäßburg allmählich immer seltener getragen wurde und verschwand, besann man sich Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts eines Besseren, und es entstand wie in vielen anderen Ortschaften auch in Schäßburg eine Tracht, die auf das Vorbild alter Trachtenstücke zurückgriff.

So schreibt Oskar Wittstock 1927 in dem Buch „Im Kampf um Brot und Geist“: „Aus vielen sächsischen Städten und Ortschaften kommt die Kunde, dass unsere Frauen mit der Anschaffung der sächsischen Tracht Ernst machen wollen. Nun heißt es, vorsichtig sein, damit die Bewegung nicht im Keim erstickt werde.“ Und er fährt fort: „Wer die Geldmittel hat, sich die schöne alte Tracht anfertigen zu lassen, weil er auch den dazugehörigen wertvollen Schmuck besitzt, der sollte es tun.“

Angesichts der schwierigen Zeiten drängt sich ihm allerdings auch die Frage auf, ob „das Festhalten an der Tracht heute als Luxus erscheint?“.

Besonders die Männerkleidung verstädterte im Kokelgebiet schon früh. Im allgemeinen legten die Männer die Tracht noch schneller ab als die Frauen. Doch in den zwanziger Jahren wurde auch in Schäßburg das schwarz bestickte Männertrachtenhemd und der mit bunten Lederstreifen („Zirm“) verzierte, unterschiedlich breite Ledergürtel übernommen. Das Hemd der Männer und Jungen wurde in Anlehnung an das Männerhemd des Nösnerlandes nicht nur an den weiten Ärmeln und am Kragen, sondern auch an den Schultern und am Halsausschnitt schwarz bestickt. Es ist das heute meistverbreitete Männerhemd.


Schäßburger Männer-Trachtenhemd -
Foto: Luise Treiber / Netolitcska


Schäßburger Trachtengruppe beim Erntedankfest 1938 in der Klosterkirche - Foto: H. Lurtz


Schäßburger Mädchentracht,
Konfirmation 1938 - Archivbild

In Schäßburg stickten die fleißigen Hände der Frauen und Männer (!) hauptsächlich geschriebene Muster, und das Hemd wurde an den Ärmeln und am Brustteil auch noch mit Durchbrucharbeit reich verziert. Die Bräutigamshemden wiesen nur weiße Durchbrucharbeit auf. Der Durchbruch – Ajourarbeit – ist ein besonderes Kennzeichen der Tracht in Schäßburg und Umgebung. Die Männerhosen („Stiefelhosen“, „Pritscheshosen“) wurden aus schwarzem Wollstoff gefertigt und gehörten zur Festtracht. Einen Rock aus dem gleichen Stoff trug man in der kalten Jahreszeit. Zur Männertracht gehörten noch ein schmalkrempliger Hut, eine bunt bestickte Tuch- oder Samtkrawatte und schwarze Schaftlederstiefel.


Teilansicht eines Busenkittels der
Schäßburger Mädchentracht -
Foto: Luise Treiber / Netolicska

Viel altes Trachtengut wurde bei der Neuanfertigung der Frauentracht übernommen. So ist der Busenkittel das älteste erhaltene Trachtenstück der Siebenbürger Sachsen. Er wurde wahrscheinlich schon bei der Auswanderung aus der Urheimat im 12. Jahrhundert mitgenommen. Der einfache Schnitt des Busenkittels lässt darauf schließen, dass es sich um ein sehr altes, „urtrachtliches“ Kleidungsstück handelt. Der Busenkittel ist ein ärmelloser Tragmiederrock, aus vier rechteckigen, meist selbstgewebten Leinenbahnen geschneidert. Er ist unten sehr weit, und die volle Rockweite wird in das Leibchen übernommen, da man den kostbaren Stoff nicht wegschneiden wollte. In feinen Fältchen wird das Material am Oberteil zur gewünschten Weite zusammengezogen. Der Einsatz über der Brust ist der einzige Schmuck, der in Schäßburg in geschnittenem Durchbruch ausgeführt wurde. Junge Frauen und Mädchen trugen helle Busenkittel, meist aus Leinengewebe, und reichen Schmuck (Heftel, Spangengürtel); alte Frauen fertigten ihn aus schwarzem Material an und trugen weniger Schmuck. Wenn kein Spangengürtel erworben werden konnte, trugen junge Mädchen ebenfalls einen mit bunten Lederstreifen verzierten Ledergürtel, dessen Hintergrund allerdings nicht schwarz wie bei den Männern, sondern hell war. Am Frauenhemd kann man dieselbe Reihmethode wie beim Busenkittel erkennen. Auch am Frauenhemd wird die gesamte Stoffbreite mit Fäden zusammengezogen. Diese Faltenstickerei („Gereihsel“) wird erzielt, indem einige Falten aus dem Verbund ausgespart werden und so ein geometrisches Muster weiß in Weiß ergeben. Die Faltenstickerei ist eine aus dem Mittelalter stammende Handarbeitstechnik, die in ganz Siebenbürgen die typische Stickart für Trachten war. Die geometrischen Mus¬ter tragen auch bestimmte Namen, wie zum Beispiel „Herzblatt“, „Pirschekern“, „Adler“, „Burgfenster“, „Sägebock“ u. a. mehr. Diese Faltenstickerei ziert handbreit die beiden Vorderteile, etwas schmäler das Rückenteil und die Ärmelbündchen, die an den Handgelenken mit Bändchen gebunden werden.

Schäßburger Männer-Trachten-
hemd mit Stoff-Durchbruch-
arbeit - Foto: I. Konradt
Drei gebockelte Schäßburger Frauen mit Busenkittel und den dazugehörigen Trachtenstücken - Foto: W. Lingner

 

Trachtenhemd mit breiter Faltenstickerei -
Foto: I. Konradt
Heller Busenkittel aus Leinen mit geschnittenem
Durchbruch. - Foto: I. Konradt



Schwarzer Männergürtel, verziert mit bunten Lederstreifen-
Foto: I. Konradt

Bunt geblümte Seitenbänder (Patier) - Foto: I. Konradt Trachtenschürze mit genetzter und ausgenähter Spitze und leinenfarbig gesticktes, geschriebenes Muster - Foto: I. Konradt

 

Die weiten Hemdärmel sind oft der Länge nach mit Spitzeneinsätzen oder genähter Spitze, die wie genetzt und ausgestickt aussieht, verziert. Das Hemd wurde mit Knöpfen, die an die Rückseite der Vorderteile genäht waren, verschlossen. Zur Zierde diente eine Bockelbrosche. Die Schürze, die passend zu dem Busenkittel angefertigt wurde, zeichnet sich durch eine Fülle der verschiedensten kunstvollen Stickarten aus. Diese Stickarten wurden in Schäßburg mit kräftigem Garn in Weiß, Safrangelb und ungebleichtem Leinenzwirn ausgeführt. Auch bei den Schürzen gibt es in Schäßburg viel geschnittenen Durchbruch, in der Mundart als „übernäht“ bezeichnet, der eben für diese Gegend kennzeichnend ist. Die Schürze wird in breite Falten gebügelt. Als Kopfschmuck trugen die unverheirateten Mädchen zwei bunte, geblümte Seidenbänder („Patier“), die im Nacken gebunden wurden. Dieses Bänderpaar hing am Rücken bis zum Rocksaum hinunter. Außerdem gehörten ein rotes, in sich gemustertes Seidenband und ein Nackenband zur Mädchentracht. Die Frauen trugen ein gesticktes Häubchen und zum Kirchgang legten sie die Bockelung an. Leider gab es in Schäßburg zu dieser Tracht nur selten ein Trachtenjäckchen, das aus Leder oder Leinen gefertigt und ebenfalls mit Stickereien und Applikationen geschmückt war.

Die Schäßburger Bürgertracht um 1800. Sara Katharina und Johann Georg Graef (Tischlerzunftmeister). Sie mit Miederkleid (Segel), weißem Hemd, schwarzer Masche und großen Hefteln, einem hauchdünnen Schleier über Kopf, Schultern und Brust. Er trägt den Dolman und das verbrämte, mit Silberknöpfen versehene "Mente". Ölgemälde im Bruckenthalmuseum - Repro: W. Lingner

Die verdiente Volkskundlerin Luise Treiber-Netoliczka hebt in ihrem Buch „Die Trachtenlandschaften der Siebenbürger Sachsen“ lobend hervor, „dass seinerzeit in der Schäßburger Lehrerinnenbildungsanstalt – der einzigen in ihrer Art – im Handarbeitsunterricht die alten Sticharten der siebenbürgisch-sächsischen Textilien systematisch gelehrt wurden und dass sich jede Schülerin in den vier Jahren ihrer Ausbildungszeit unter der Leitung der Handarbeitslehrerin Maria Wollmann eine Tracht anfertigen musste. Damit wurde erreicht, dass diese jungen Lehrerinnen, wo immer sie nachher auch wirkten, bewusst die alten Stickmuster weitergaben und durch ihre schöne, stilechte Tracht auf ihre Umgebung beispielgebend wirken konnten.“
Diese beschriebene Frauen- und Männertracht, die bis in die siebziger Jahre zur Konfirmation und an kirchlichen Feiertagen angelegt wurde, war nicht nur in Schäßburg üblich, sondern in sämtlichen sächsischen Städten. Sie unterschied sich lediglich durch die verschiedenen Muster und Stickarten. Das für Schäßburg typische Element war der geschnittene Durchbruch.

Inge Konradt (Geretsried)

 

 

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