„Unser Werden und Wirken“
Von Kriegskindern, die auszogen, Lehrer zu werden
Erinnerungen des Abiturjahrgangs 1954 der Pädagogischen Schule
Schäßburg zum 50. Maturajubiläum.
Gemeinschaftsarbeit der Klassen A und B
Herausgeber: Michael Fabi und Hans Orendi

Wer sich diesem reichhaltigen, spannenden Erinnerungsbuch und authentischen
Dokument wach, offen mit allen Sinnen und interessiert nähert, dürfte
es als eine Reihe von Liebes- und Dankesbriefen der zwischen 1934 und
1937 geborenen 80 Mädchen und 25 Jungen – 2/3 von Dorfschulen
kommend – an alle, die ihnen den Besuch dieser Schule ermöglicht
haben, lesen. Sie gehören zu den etwa 500 Lehrkräften, die zwischen
1948 und 1956 an der wohl wichtigsten deutschen Schule, sehr gut ausgebildet,
in ganz Siebenbürgen segensreich Identität bewahrendes, sinnerfülltes,
schulisches und kulturelles Leben gestaltet haben. Und das trotz jahrelanger
krank machender Wid¬rigkeiten übelster Art unter kommunistischer
Herrschaft. „Überlebens-, Abwehr- und Behauptungskampf, Aussiedlungs-
und schließlich Eingliederungskampf“ (S. 384) zu bestehen,
es immer wieder zu schaffen – freilich nicht ohne körperliche
und seelische Folgeschäden, die heute noch spürbar sind: Befähigt
dazu haben sie lebenswichtige Geborgenheitserfahrungen in frühester
Kindheit (wie z. B. S. 365): „Wenn es bedrohlich wurde, nahm mich
meine Mutter in die Arme... Ich kuschelte mich an sie und fühlte
mich geborgen. Damals lehrte sie mich das Vater¬unser.“ Mutter,
Arme, Symbole für Bergendes, Tröstliches aller Art... Wohl dem,
der darum weiß! Urvertrauen in wichtige Bezugspersonen und in sich
selbst, erweitert zu gereiftem Vertrauen in Gott und Gemeinschaft, eingehüllt
in Sprache! Mundart und deutsche Muttersprache als Heimat! Welches Glück,
dass sie uns auch als Unterrichtssprache erhalten blieb! Im ganzen Ostblock
gab es nichts Vergleichbares. Danke, kommunistische Herrscher, für
dieses Kleinod! Es war entscheidend für die Erhaltung unserer Identität.
Wichtig auch dafür, dass die symbolisch roten, von Schicksalsgöttinnen
gesponnenen Lebensfäden, die alle Lebens- und Seelenbilder dieser
Kriegskinder durchziehen, zwar oft durchtrennt, teils auch endgültig
abgeschnitten (8 Mitschüler sind gestorben), aber immer wieder neu
zusammengeknüpft wurden.
Im Hauptteil des 391 Seiten starken Bandes stehen beeindruckende biografische
Einzelbilder zu wichtigsten Motiven kollektiver existenzieller Probleme.
Unverwechselbar, einzigartig, weil hier biblische Urbilder von Aufbrüchen
(„in ein Land, das ich dir zeigen werde ...“), von Abschieden,
Herbergssuche, Neubeginn mit Werden und Wirken in verschiedenen Lebensphasen
entstehen. WAS und vor allem WIE jeder Einzelne erlebt hat, was für
ihn bedeutend, lebendig, ergreifend, schrecklich war, abhängig auch
von Herkunft, Familien- und Geschwisterkonstellation, Umwelt, anders bei
jedem, aber symbolisch rot mit intensiven Gefühlen erlebt und wie
Flüsse ruhig fließend, sprudelnd, tosend, Mäander und
Staus bildend, wieder weiter fließend, zaghaft, mutig ... nicht
auffallen, immer wieder Augen auf und durch! Biografien der Freude und
des Dennoch! Dennoch trotz Verlusterfahrungen! „Heile sächsische
Welt“ hat kaum ein Kind erlebt. „Maikäfer flieg“,
der Vater, der Bruder im Krieg, teils beide Eltern in der Deportation
in Russland, räumlich eingeschränkt oder ganz ausgebootet, als
Sachsen drangsaliert; Kinder unterstützten überforderte Mütter...
Trotzdem erinnern die meisten an fast zu behütete, unbeschwerte,
ja glückliche Kindheit mit Spiel, Spaß, Märchen, Liedern,
Träumen, Gebeten. Außerschulisches wird lebendig im Spiel als
Keimzelle, Grundlage, Promotor der Kultur und Quelle für soziale
Erfahrung. Die angeborene Freude am Spiel entfaltete sich in musischen
und körperbezogenen Bereichen, die im Sem zum Lebens-, später
im Beruf zum Überlebensmittel, zu Erfahrungen geglückter Beziehungen
des Mit- und Füreinander wurden. Sie sangen, tanzten, was sie lebten,
lebten, was sie spielend gestalteten. Die Musik als Himmelsmacht, als
Universalsprache, als Band erlebt, das alle Kriegskinder friedlich verband,
als Teil der roten Schicksals¬fäden.
Als die schönsten, glücklichsten und prägendsten Jahre
ihres Lebens bezeichnen alle die Zeit, als sie sich unter kundiger Begleitung
ihrer Lehrer, die Werte vermittelten ohne zu predigen, als Mitgestalter
schulischen Lebens erlebten, „einzigartige Lehrer-Schüler-Beziehung,
Gemeinschaft“, Anerkennung erfuhren und zuversichtlich den bergenden
Bereich der Schule verließen. Einschneidend der Lebensübergang
ins Berufsleben mit Erfüllung und Nöten.
Dass einigen das Schreiben schwer gefallen ist, ist verständlich.
Es kann befreiend, aber auch belastend, ja quälend wirken, wenn sich
schmerzliche Erfahrungen wie auf Knopfdruck wieder melden. Erinnern an
repressive Erlebnisse kann noch zu weh tun, „trotz des Zeitabstandes“
(S. 229). Der Umgang mit Freiheit, Freisein von ... und zu ... wird oft
nur mühsam erlernt. Sprechen, Schreiben kann helfen, zu positiven
Erlebnis¬inhalten aus der Zeit vor der Bedrängnis zurückzufinden.
Das beweist auch dieses Gemeinschaftswerk, das dennoch Freude, Galgenhumor,
trickreiche Ventile für angestauten berechtigten Zorn, Dankbarkeit
atmet. Danke, liebe Herausgeber und Helfer, für ein bewegendes Leseerlebnis
zum Damals, für beachtliche redaktionelle Arbeit, bestechende Titelwahl
und Gestaltung. Schön die Worte, mit denen das Buch auf die Lesereise
entlassen wird (S. 7.): „Möge das Buch Dank, Ermutigung und
Segen wirken“, zum Vorlesebuch werden und zum Weiterschreiben und
Bebildern anregen, eigene Lebensmärchen zu schreiben, deren Helden
trotz Schwierigkeiten immer wieder Auswege fanden, ja zum Leben sagten,
weil sie verwurzelt waren und sind, und „fliegen“ konnten
und es nicht verlernen bis zum Lebensende... in andere Sphären dann,
in die endgültige Geborgenheit.
Grete Schobel (München)

Letztes Update:
2005-03-05
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