Wiedersehen nach 50 Jahren
Absolventen des Jahrgangs 1954 der „Deutschen Elementarschule“
Schäßburg trafen sich am 9. Oktober in Nürnberg
Als wir uns 1954 nach der Schlussfeier im Hof der Schule neben der Poliklinik
trennten, ahnte keiner, dass 50 Jahre bis zu unserem Wiedersehen vergehen
werden. Ein Lebensabschnitt war vorbei, jeder ging seiner Wege, viele
haben sich damals aus den Augen verloren. „Ich werde die meisten
nicht wieder erkennen“, war die allgemeine Meinung vor dem Treffen.
Die Organisatoren trugen dem Rechnung, sie wollten jedem das Wieder-Erkennen
seiner ehemaligen Klassenkameraden erleichtern und besorgten Namenschilder.
Und auf diesen standen z. B. die Mädchennamen, so wie sie allen noch
in Erinnerung waren. In den meisten Fällen erwiesen sie sich dann
als überflüssig.

Gruppenbild vor der Abreise - Foto: M. Keul
Man traf sich, bevor man sein Namenschild an die Brust geheftet bekam,
sah sich in die Augen, forschte im Gesicht seines Gegenübers nach
vertrauten Zügen, und dann – nach den ersten gewechselten Worten
– funkte es: „Du bist ja ...!“. Bei Horst wunderte man
sich, dass er so schlank geworden sei, bei Karl, dass er sich außer
den weißen Haaren und einem Bierbauch kaum verändert habe,
bei Traudi, mit der man im Kränzchen die ersten Tanzschritte gewagt
hatte, vermisste man die langen Zöpfe, und Erna stellte schmunzelnd
fest: „Mich erkennt doch jeder, ich bin unverwechselbar.“
Unser Treffen hatte eine Monate lange Vorgeschichte. Es war recht kompliziert
gewesen, eine Liste der ehemaligen Schulkameraden zusammen zu stellen:
Einige hatten schon vor der 7. Klasse die Schule verlassen, um einen Beruf
zu erlernen, die Liste, die wir von der Schule bekamen, gab mehr Rätsel
auf, als sie uns weiter half, Martin, der seinem guten Gedächtnis
alle Ehre machte und sich auch an viele Mädchen erinnerte, wusste
deren jetzigen Namen auch nicht. Es erwies sich dann zu unserem Glück,
dass die Schäßburger Kontakte zu einander haben, auch wenn
sie so sehr verstreut über ganz Deutschland leben. Nach Wochen langem
Sich-Erinnern, Telefonieren, Briefeschreiben standen schließlich
61 Namen auf unserer Liste: Namen von Schulkameraden, die von der 5. bis
zur 7. Klasse unterschiedlich lange gemeinsam die Schulbank gedrückt
hatten, Schüler aus zwei Parallelklassen.
In Nürnberg, in der Gaststätte „Grüner Baum“,
trafen sich schließlich 20 ehemalige Schulkollegen, 11 hatten ihren
Partner / ihre Partnerin mitgebracht. Zur allgemeinen Freude nahmen auch
zwei ehemalige Lehrer am Treffen teil: Gretelotte Scheipner, Biologie-
und Klassenlehrerin, und Wilhelm Lienert, Mathelehrer, Klassenlehrer und
Direktor. Von Anfang an herrschte eitel Freude über das Wiedersehen,
und des Erzählens war kein Ende: Ereignisse aus der Schulzeit wurden
aufgefrischt, 50 schicksalhafte Jahre abgerollt. Lehrer Lienert, der allen
– auch im Namen von Gretelotte Scheipner – das vertrauliche
Du anbot („Schließlich sind wir alle Großeltern!“),
erinnerte an eine Begebenheit, der unsere Klasse es verdankt, zu seinen
liebsten gehört zu haben. „Tilla“ und Werner erzählten
ihrerseits eine Lausbubengeschichte, die Direktor Lienert damals schlichten
musste, von der er aber bis jetzt einige „subtile“ Einzelheiten
nicht kannte.
Zwischen Kaffee mit Kuchen – die Frauen hatten reichlich „Mehlspeisen
wie von Zuhause“ mitgebracht – und Abendessen gab es die übliche
Klassenstunde. Dabei erfuhr jeder von jedem, welchen Weg er vor 50 Jahren
eingeschlagen hatte, wann und wie er in unserer neuen Heimat gelandet
ist, und wie er sich hier zurecht gefunden hat. Von den sechs in Siebenbürgen
Verbliebenen war bloß Erika angereist, und sie konnte von ihrer
lobenswerten ehrenamtlichen sozial-humanen Tätigkeit in Kronstadt
berichten. Von den ehemaligen Schulkindern haben 13 unser Alter nicht
erreicht, einige starben schon in jungen Jahren. Am Sonntag gingen wir
nach einem angenehmen Spaziergang auseinander, nicht ohne uns zu einem
nächsten Treffen verabredet zu haben. Lehrer Lienert: „Aber
nicht erst in 50 Jahren, dann könnte ich nicht mehr dabei sein!“
Horst Breihofer (Nürnberg)

Letztes Update:
2005-03-05
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