"Bilder einer Ausstellung"
Herta Wolff-Zintz, eine vielseitige Künstlerin

Die Künstlerin
Herta Wolff-Zintz
Der Hinweis, die in Nadesch geborene und aus Schäßburg stammende
Künstlerin Herta Wolff-Zintz stellt in Bergneustadt aus, machte mich
und Walter Lingner neugierig. Wir meldeten uns an und fuhren los. Am letzten
Tag, in der letzten Stunde, schon fast zu spät kamen wir an. Man
ließ uns trotzdem noch ein, wir wurden durch die Ausstellung geführt.
Nachher blieb ich „sprachlos, überrascht“, wie ein Besucher
im Gästebuch seinen Zustand beschreibt.
In dem mit Holz ausgebauten großzügigen Anbau an das Fachwerkhaus
des Heimatmuseums waren dreiunddreißig bemalte Holzteller, zwei
Ikonen, drei Tapisserien, neun Ölgemälde, vier Aquarelle und
neunzehn großformatige Federzeichnungen ausgestellt! Dieser Vielzahl
an Themen und Techniken wäre ich ohne die freundliche und geduldige
Führung durch die Künstlerin völlig hilflos ausgeliefert
gewesen. Stimmungsvolle Land¬schaften, farbenfrohe Blumenbilder und
Stillleben, ausdrucksvolle Portraits wech¬selten sich mit abstrakten
Bildern und zahlreichen mit Stadtansichten und Lebensbäumen bemalten
Holztellern und Ikonen ab. Auf der Galerie waren die großen Federzeichnungen
gut beleuchtet zusammengefasst. Wir hätten noch lange über die
Bilder sprechen können, aber es wurde Abend. Bevor die Werke der
Ausstellung zum Abtransport ins Auto der Familie Wolff verpackt wurden,
machte Walter Lingner noch ein paar Fotos davon. Als „Hausaufgabe“
überließ mir die Künstlerin das Gästebuch dieser
Ausstellung mit zahlreichen lobenden Eintragungen (vom 7.3.–29.7.2004!),
ein Fotoalbum nebst einigen Zeitungskommentaren zu früheren Ausstellungen
in Köln (im Frauenzentrum George Sand), im Schulzentrum Marienheide,
in Gummersbach im DRK-Seniorenzentrum.
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| Die unendliche Säule (Inspiration nach Brancusi) |
Die vier Jahreszeiten (Rumänische Rhapsodie) |
In Kronstadt lernte sie vom Grafiker Harald Meschendörfer und der
Professorin Alexandra Ghetea an der Kunstschule „Dekorative Kunst“,
arbeitete in Petrosani als Dekorateurin, wo sie u.a. ein sechs Quadratmeter
großes Wandgemälde schuf, bemalte als Mitglied des Verbandes
Bildender Laienkünstler in der Handwerksgenossenschaft „Prestarea“
in Schäßburg erfolgreich Holzteller und Schatullen mit von
der siebenbürgischen Bauernmalerei angeregten selbst entworfenen
floralen und heraldischen Motiven, errang in regionalen und Landes-Wettbewerben
manchen Preis und viel Anerkennung. „Die aktive und beharrliche
Frau“ (Lore Jung) erlernte nebenher auch andere Techniken, siedelte
1984 in die Bundesrepublik um, lebt und malt in Gummersbach fleißig
weiter. Und stellt aus. Sollte eine Ausstellung in Ihrer Nähe stattfinden,
liebe Leserin, lieber Leser, versäumen Sie es nicht, sich die Originale
anzusehen. Die wenigen ausgewählten kleinen Abbildungen in den „Schäßburger
Nachrichten“ sind nur ein unzulänglicher Ersatz.

"Farbsymphonie" (in Tempera)
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| Blumen auf Holz |
Stiefmütterchen (Aquarell) |

Ikone "Maria und Jesus"
Wie lebt, wie malt ein Künstler in einem Staat, in dem die Partei
„immer Recht“ hatte und befiehlt, wie Kunst zu sein hat, nämlich:
klassenbewusst und klassenkämpferisch, wirklichkeits- und volksnah,
optimistisch und sozialistisch, auf keinen Fall dem „unverbindlichen
Formalismus, Individualismus des Elfenbeinturms verfallen“? Er sucht
sich Nischen zum Überleben, Themenbereiche, in denen er relativ frei
malen und es „his¬torisch-dialektisch“ vertreten kann.
Wirklichkeitsnahe Landschaften, gegenständliche Blumenstillleben,
Portraits sind thematisch unverfänglich, ebenso wird Volkskunst gepflegt
und gerne gesehen. Eine andere Möglichkeit ist die thematische oder
inhalt¬liche Anlehnung an anerkannte Große Namen der Kunst-
oder Kulturgeschichte. So finden wir in den großen Federzeichnungen
von Herta Wolff-Zintz lauter Titel, die im Zusammenhang mit be¬rühmten
Musikern stehen: Chatschaturian, Beet¬ho¬ven, Verdi, Vivaldi,
Chopin, Brahms, Liszt, Ri¬chard Wagner. Frau Wolff-Zintz liebt die
klassische Musik! Den Zusammenhang zwischen der im Titel genannten Musik
und den Formzusammenhängen der grafischen Kompositionen im Bild nachzuweisen,
wäre sicher interessant, würde aber den Rahmen der Zeitung sprengen
und viel Spezialwissen erfordern. Oder subjektive Künstlerphantasie?
Von den neunzehn ausgestellten großformatigen Federzeichnungen,
für die ein Käufer recht stolze Preise zahlen müsste (bis
zu 4000 E!) sind viele eine genauere Betrachtung wert. Und wenn man die
Arbeitszeit bedenkt, die nötig war, mit hoher Konzentration und Ausdauer
solch ein großes Format zu gestalten (manchmal mehrere Tage oder
gar Wochen), ganz abgesehen von den „Misserfolgen“ der Lehrjahre,
ist der Stundenlohn gar nicht mehr so hoch.

"Mädchen in Rot" (Aquarell)

"Lebensbaum" (Holzteller)
Ein Blatt heißt „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi.
Wer nun z.B. an die dramatischen instrumentalen Stürme denkt, findet
etwas ganz anderes: vier junge Damen im Evakostüm stehen eng nebeneinander,
mit verschiedenen Kopfbedeckungen und Frisuren, schematischen Püppchengesichtern
mit verschämt niedergeschlagenen Augen, elegant-schlanken Armen und
Fingern. Die differenzierte Behandlung der Schraffuren dient der Modellierung
der Körper, der Beschreibung des bestirnten Bildhintergrundes und
der Materialität des Stoff- oder Haarstranges, der die vier Damen
verbindet. Da die Jahreszeiten grammatikalisch in der italienischen und
rumänischen Sprache weiblich sind, bietet sich diese Allegorie an.
Aber die Künstlerin kennt die Musikgeschichte und Biografie ihrer
musikalischen Gewährsleute genau. Vivaldi, obgleich geweihter Pries¬ter,
berühmter Geiger und Komponist, Kapellmeister in Venedig, Geigenlehrer
an einem Waisenhaus (?) wurde von seinen Schülerinnen verehrt, geliebt,
„angehimmelt“. Seine Lieblings¬schülerinnen begleiteten
ihn auf seinen weiten Reisen, er liebte sie, „alle vier Jahreszeiten“,
auf seine Art.

"Flusslandschaft" (in Öl)

Holzteller

Komposition "Schäßburg" (Holzteller)

"Blumen auf Holz"
Ein anderes Bild heißt „Rumänische Rhapsodie von George
Enescu“. Weit ausholende Linien schwingen durch das vielfältige
Bildgeschehen, verbinden Enescus links oben angedeuteten Kopf mit seiner
Geige, mit wehenden Tüchern einer schlanken Schönen in reich
gestickter Volkstracht, die vor jungen Tannen steht. Zwei größere
Köpfe mit hellen Kopftüchern gestalten die linke Bildseite,
aus der ein reich gemusterter Ärmel einen Arm bedeckt, der eine Schale
voll Weintrauben in die Mitte des Bildes hebt. Rechts unten neigt sich
zur linken Bildseite hin ein blonder Männerkopf, sein linker Arm
mit zartem Webmuster folgt dieser Bewegung. Ausschnitte bäuerlicher
Landschaft bilden den Hintergrund, der in kleinen Durchblicken sichtbar
wird. Helle Bildteile und durch verdichtete Strichlagen dunkle bis schwarze
Akzente kontrastieren zum feinabgestuften silbrig wirkenden Mittelton.
Im „Säbeltanz von Chatschaturian“ schwingen die Säbel
der Tänzer als Kreissegmente um einen mehrfach gestuften Kreis als
Zeichen mehrfach wiederholter rhythmischer Bewegung. Stilisierte Köpfe
deuten die Tänzer an, von denen rechts unten im Bild einer in kniender
Stellung im Sprung zu schweben scheint. Der Gesamteindruck ist kraftvoll,
schwungvoll, streng, gefasst.
Gleich zwei Bilderwerke von Constantin Bra?ncus¸i, dem „Vater
der modernen Bildhauerei“, haben die Künstlerin inspiriert.
„Die unendliche Säule“ spannt sich diagonal als stilisierte
Frauengestalt mit hochgestreckten Armen von links unten in die obere rechte
Bildecke, wo die gefalteten Hände wie körperhaft-keilförmig
nach oben stoßen. Rechts unten und in der oberen Bildmitte führen
gefächerte Flächen und Bänder aufeinander zu, sind aber
dennoch durch eine Linie getrennt. Sie erinnern entfernt an zwei Köpfe
mit wehenden Haarsträhnen, die sich im „Kuss“ treffen,
so ähnlich wie in einer Plastik Bra?ncus¸is diesen Namens.
Was der Bildhauer statuarisch und monumental gestaltet, übersetzt
die Grafikerin ins Dynamische. Dadurch kommt Verspieltes, auch Nebensächliches
hinzu, während in Bra?ncus¸is Werke Strenge und Konzentra¬tion
das Wesentliche ist.
Das Bild „Perlenknüpferinnen. Rhapsodie“ mit dem Untertitel
„Insir-te, margarite...“ („Reihe dich auf, Perle...“)
bietet mit seiner Vielfältigkeit und Dichte eine reiche Palette von
Deutungsmöglichkeiten. Aus unterschiedlich dichten Strichlagen werden
runde Formen verschiedener Größe gebildet, meist in Reihen
mit gleichbleibender oder abnehmender Stärke angeordnet. Zum Teil
sind sie unten abgeplattet, wie Blüten des Maiglöckchens. Dazwischen
bewegen sich geschwungene Formen, die an Muscheln, Blätter oder Haarsträhnen
erinnern. Zwischen diesen Formen kann man sieben stilisierte Mäd¬chenköpfe
ausmachen, die in verschiedene Richtungen gewandt, mit hellen oder dunkeln
Haaren, von schlanken Armen und Händen begleitet und mit Perlenketten
geschmückt sind. Hinter oder unter diesen Formen erscheint ein Gitter-Mus¬ter,
das aus hellen parallelen schmalen Stäben gebildet wird (Käfig?),
die sich am oberen Bildrand netzartig verzweigen.
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| Säbeltanz von Chatschaturian (Graphik) |
"Die vier Jahreszeiten, Vivaldi (Graphik) |
Der in Anführungszeichen gesetzte Untertitel lässt vermuten,
dass es sich um ein Zitat (eines Volksliedes?) handelt. Dieser Imperativ
kann, wie ich mit Hilfe eines Wörterbuchs herausfand, mit mehrfacher
Bedeutung ins Deutsche übersetzt werden: „reihe dich auf, reihe
dich ein, Margarete, Margaritte, Maiglöckchen, Perle, Glasperle,
Riemenblume“ (auch andere Blumen mit ähnlich angeordneten Blütenreihen
werden in verschiedenen Gegenden Rumäniens so genannt).
Die folgenden Punkte deuten an, dass der Text eigentlich weiter geht.
Auf meine diesbezügliche Frage an eine Bukarester Volkskundlerin
erhielt ich die Auskunft, dass in einem von Ispirescu gesammelten Märchen
diese Wendung wiederholt wird als eingestreuter aufmunternder Zwischenruf
bei der Fronarbeit. Beim Perlenauffädeln? Oder die Aufforderung an
den Märchenerzähler, mit der nächsten Episode, dem nächsten
Märchen fortzufahren? Der rumänische Dichter Vasile Alecsandri
nennt einen seiner Gedichtbände „Margaritarele“, Hermann
Hesse hat einen Roman mit dem Titel „Glasperlenspiel“ geschrieben.
Ist eine Kette von echten Perlen gemeint, von den runden Perlmuttablagerungen
um einen in eine Muschel eingedrungenen Fremdkörper? Als Ergebnis
der Abwehrreaktion der Muschel? Auch dieser Entstehungsvorgang der Perle
kann aus Bildelementen verstanden werden (besonders in der Bildmitte).
Die Maiglöckchen heißen rumänisch auch „lacramioare“,
„Tränchen“. Sind die Perlen erstarrte Tränen von
schönen Meerjungfrauen?
Oder ist die Befehlsform eine ironisierte Variante der häufig gehörten
Aufforderung an den noch Außenstehenden, der sich noch nicht in
die Reihen der Klassenkämpfer, Friedenskämpfer, Parteimitglieder
eingegliedert hat, mitzumachen in der Einheitsfront? In der „einheitlich
denkenden und fühlenden Masse Gleichgesinnter“?
Solche oder ähnliche Assoziationsketten kann man noch lange fortsetzen,
solange sie vom Bildmaterial, vom Titel des Bildes angeregt und gestützt
werden.
In ihrer „Farbsymphonie“ hat Frau Wolff-Zintz den Weg der
„Farb-Musik“ weiter beschritten, einen Weg der nicht gegenständlichen
Farbklänge, einen Weg der Freiheit, auf dem die Kunst der Komposition
neue, andere, sicher nicht kleinere Schwierigkeiten birgt. Aber die mutige
Künstlerin fürchtet sich vor nichts, ist bereit, weiter zu malen
und zu lernen. Dazu wünschen wir ihr weiterhin Gesundheit, Freude
und Erfolg!
Hans Orendi (Mülheim)

Letztes Update:
2005-03-12
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