HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 


Schäßburg Anno Domini 1905 in Zahlen

Im Januar 1906 erschien im Verlag W. Krafft, Schäßburg – Hermannstadt die zweite Ausgabe des Adressbuches der „Königlichen Freistadt” Schäßburg. Als eine von sieben Freistädten hatte Schäßburg einen eigenen Magistrat und war Vorort des Großkokler Komitats. Es war Sitz verschiedener staatlicher ungarischer und kirchlicher Behörden und Ämter.
Eine Auswertung des Adressbuches ergibt bemerkenswerte Zahlen, insbesondere in Relation zu der Bevölkerungszahl, wobei sich jedem ein Vergleich zum heutigen Schäßburg aufdrängt.
Die Volkszählung von 1900 ergab, dass in den 125 Ortschaften des Großkokler Komitats 145 138 Einwohner lebten, davon 61 769 Deutsche, 61 779 Rumänen, 17 139 Ungarn und 4451 Angehörige sonstiger Volkszugehörigkeit. Schäßburg hatte insgesamt
10 868 Einwohner; nach Konfessionen 47,2% Gemeindeglieder der Evangelischen Kirche A. B., 28,2% griechisch-orthodoxen Religionsbekenntnisses, 11,8% waren römisch-katholisch, 7,8% evangelisch-reformiert, 1,6% Israeliten und 3,4% Sonstige.
40,5% der Bevölkerung waren berufstätig, davon 1857 in Handel und Gewerbe, 1228 in der Landwirtschaft, 366 übten „geistige Berufe“ aus während 948 dem „Dienstgesinde“ und Taglöhnern zuzuordnen waren. Es gab 2029 Grund- bzw. Hausbesitzer.
Jeden Donnerstag war Wochenmarkt, es gab drei je 3-tägige Jahrmärkte, davor jeweils 2-tägige Viehmärkte.
Es gab zu der Zeit in Schäßburg 46 Behörden, Ämter und Betriebe, davon 22 städtische und Komitatsbehörden, 16 königlich-ungarische bzw. staatliche Institutionen und 8 kirchliche Einrichtungen von 4 Konfessionen. Der ersten Gruppe sind u. a. zugeordnet das Komitatsamt, der Stadtmagistrat (Bürgermeister Friedrich Walbaum), das Städtische Elektrizitäts- und Wasserwerk (!) und die „Schäßburg-Agnethler Vizinalbahn“ (die so genannte Wusch). Im Verzeichnis finden wir einen städtischen, einen Komitats- und einen staatlichen Tierarzt. Die Staatsanwaltschaft hatte ihren Sitz in Elisabethstadt.
Schäßburg zählte 11 Schulen, 2 Kindergärten und 3 Kinderhorte („Kinderbewahranstalten“). Weiterhin gab es eine Musikschule, eine Israelitische Religionsschule, eine Handarbeitsschule sowie drei private Handarbeits-, 7 Musik- und zwei Tanzlehrer. Neben dem Bischof-Teutsch-Gymnasium (Bergschule, heute Joseph-Haltrich-Lyzeum) gehörten je eine Knaben- und Mädchen- „Elementar- und Bürgerschule“ sowie die Lehrerinnenbildungsanstalt der Evangelischen Kirche A. B. Eine griechisch-orthodoxe und eine römisch-katholische Volksschule, 2 staatliche Elementarschulen sowie die Israelitische Religionsschule ergänzen das allgemein bildende Schulangebot. Eine staatliche und eine städtische Gewerbeschule runden das Bild Schäßburgs als Schulstadt ab. Am Gymnasium (Direktor Dr. Johann Wolff, der spätere Stadtpfarrer) unterrichteten 11 Professoren, ein Musik-, ein Zeichenlehrer und ein Lehrer der rumänischen Sprache (Ioan Muntean, Pfarrer).
Mit 36 Vereinen bot Schäßburg ein vielseitiges gesellschaftliches Leben. Der Versuch einer Gliederung ergibt: 7 Kulturvereine, 7 Bürgervereine, 5 Gewerbevereine, 5 Sportvereine, 5 landwirtschaftliche und Tierzuchtvereine, 4 Jagdvereine, zwei Vereine für Krankenpflege sowie die Freiwillige Feuerwehr. Einige Beispiele: Musikverein, Frauenbildungsverein, Rotes-Kreuz-Verein, Stadt-Verschönerungsverein, Schäßburger Spar- und Aushilfsverein, „Târnveana – Institut de Credit i Economii“, Israelitischer Frauenverein, aber auch das Ungarische Kasino, Sebastian-Hann-Verein für „heimische Kunstbestrebungen“, Schäßburger Leichenverein u. a.
Zu den Sanitäts-und Wohlfahrtsanstalten gehörten das Komitatsspital (Direktor-Primararzt Dr. Julius Oberth, Vater des Raumfahrtpioniers Hermann Oberth, „ordiniert von 2–3½ Uhr nachmittags“), das Waisenhaus, der Städtische Armenrat, die Ev. Krankenpflegeanstalt A. B. Es praktizierten 15 Ärzte und 7 Advokaten.
Das Wirtschaftsleben wurde getragen von 80 Gewerbetreibenden und 43 Händlern, davon 19 „Dampf- und Motorbetriebe” (u. a. Fabriken). Dazu zählten 5 Wasserleitungsinstallateure, 7 Versicherungsvertreter, 3 Apotheker, 18 „Tschismenmacher” und 14 Schuhmacher, 10 Mietkutschenfahrer, 8 Brot- und 4 Kuchenbäcker, 3 Sodawassererzeuger, ein Bürstenmacher, zwei Regenschirmmacher, 7 Hutmacher, 25 Gast- und 4 Kaffeehäuser...
Im sächsisch geprägten Schäßburg von 1905 gab es 32 „Nachbarschaften“, denen auch 10 rumänische und ein ungarischer Nachbarvater vorstanden. Es gab 66 Telefonanschlüsse. Vier Gedenktafeln erinnerten an hervorragende Söhne der Stadt: Bischof D. Georg Paul Binder, Bischof D. Georg Daniel Teutsch, den Dichter Michael Albert und General Freiherr von Melas.
Im Adressbuch der Königlichen Freistadt Schäßburg finden wir auch ein Verzeichnis der Sehenswürdigkeiten und Tipps für Spaziergänge, Adressen der Alarmstationen bei Bränden (8) sowie die Turmuhrsignale bei Bränden: u. a. ein kurzer Schlag bedeutete Brand auf der Burg, fünf kurze Schläge Brand in der Kor-nescht…

Hermann Theil (Weinsberg)

 

 

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Letztes Update: 2005-09-30 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg