Bergmann Nummer 577
Wir haben den Russen bewiesen, dass wir keine Unmenschen
sind / Nach fünf Jahren winkten uns viele mit Tränen in den
Augen zum Abschied
Der erbarmungslose Krieg wütete noch in Europa, und je näher
sein Ende herbeikam, desto grausamer war das Schicksal derer, die dem
baldigen Sieger in die Hände fielen. Der unbändige Hass gegen
alle Deutschen steigerte sich ins Unermessliche und viele mussten dafür
büßen, was in diesem unheilvollen Krieg von Deutschland aus
über die Völker Europas hereingebrochen war. So kam es, dass
in Rumänien im Januar 1945 die Treibjagd auf alle deutschen arbeitsfähigen
Frauen und Männer - entgegen aller menschenrechtlichen Bestimmungen
– losging: Sie wurden in Viehwaggons verfrachtet und zum Wiederaufbau
in die Sowjetunion transportiert. Nach 21 Tagen einer fast endlos scheinenden
Fahrt durch die klirrende Kälte des russischen Winters erreichte
unser Zug das Ziel im Donezbecken.

Gruppenbild, im Lager 1949 aufgenommen: Bild mitte: Albert
Hann,
vorne links, liegend, Kornel Kwieczinsky. Wer erkennt andere Schäßburger?
Ich befand mich als 17-Jähriger, als Jüngster, in einer Gruppe
erfahrener Schässburger, zu der sich auch andere Siebenbürger
Sachsen, Banater Schwaben, Berglanddeutsche und einige „reichsdeutsche“
Staatsbürger gesellten, um schließlich nach einem etwa 12 km
langen Marsch durch die Schneewüste an den Ort zu gelangen, an den
unser weiteres Schicksal gebunden sein sollte. Und alsbald wurde ich vom
Schüler des Schäßburger Bischof-Teutsch-Gymnasiums zum
versklavten Bergmann Nr. 577 im Lager 1040 Hazepetofka. Rechtlos, hilflos,
gnadenlos ausgeliefert und verbannt, um bei dem fahlen Licht der Grubenlampe
mit Picke und Beil, Brechstange und Schaufel in knochenharter Aufwendung
der letzten Kräfte aus dem Bergwerk Steinkohle zu fördern. Die
meisten Männer wurden im Abbau als Kohlenhauer eingesetzt und viele
der Frauen mussten als Lorenschieberinnen die kilometerlangen Strecken
unter Tage entlanglaufen oder am Förderturm bei Wind und Wetter die
tonnenschweren Loren auf die Halde schieben und leeren. Hungrig, müde,
ausgemergelt wartete man bloß auf das Ende der Schicht, wankte dann
auf dem langen Weg zum Lager hin, und nach der kargen Mahlzeit aus Krautsuppe
und Graupenkascha fiel man erschöpft auf die Pritsche und wunderte
sich, wie viel ein Mensch doch auszuhalten imstande ist.
Was damals vor sechzig Jahren geschah, ist in unserer Erinnerung wach
geblieben, unvorstellbar für jene, die diese bittere Erfahrung nur
vom Hörensagen mitbekommen haben. Viele Berichte, viele Bücher
sind von Zeitzeugen geschrieben worden und verewigen das unbeschreibliche
Leid, den Kummer, den Schmerz, all die grauenvollen Erlebnisse in den
fünf bitteren Jahren unserer Verschleppung. Die verheerende, menschenverachtende
Willkür in den nun weit zurück liegenden Jahren haben sich in
unserem Bewusstsein tief verwurzelt, ohne Hass oder Rachegedanken, aber
mit dem tiefen Begehren, dass solch abscheuliches Unrecht nie wieder geschehen
mag.
Es sind nur noch wenige am Leben, die den Kindern und Enkeln von den Erlebnissen
erzählen können. Die Ältesten, mit denen wir zusammen waren,
damals 45, wären jetzt 105 Jahre alt, und keiner von ihnen weilt
mehr unter uns. Von den damals 35-Jährigen, die heute 95 sind, leben
auch nur noch Einzelne von Gottes Gnaden, denn viele sind an den körperlichen
und seelischen Belastungen zugrunde gegangen. Selbst von den jüngeren
Jahrgängen hat so mancher schon in der Zeit der Verschleppung sein
Leben lassen müssen. Hunger, Krankheiten, Unfälle haben nicht
nur Ältere dahingerafft, sondern auch unter den Jüngsten erbarmungslos
gewütet. Frauen und Männer waren gleichermaßen betroffen,
wobei die Frauen mehr Widerstandskraft besaßen und auch eine geringere
Todesrate aufwiesen. All derer, die in fremder Erde, weit von ihren Lieben
ihre letzte Ruhe gefunden haben, gedenken wir andächtig und lassen
sie in unseren Herzen weiterleben. Wir werden sie nie vergessen.
Einige, meist jüngere Gefährten, wagten eine kühne Flucht.
Nicht alle sind daheim angekommen. Andere wieder wurden schon früher
als Kranke entlassen, von denen manche nach Deutschland abgeschoben wurden.
Die meisten der Verschleppten aber hatten fünf Jahre ausharren müssen,
ehe sie die Heimat wieder sehen durften. Menschenschicksale, wenn auch
alle auf dem gleichen Nenner, hatten jedem Einzelnen eine eigene Erfahrung
gebracht. Was uns aber alle verband, war das gleiche Leid, das gleiche
Schicksal, das Heimweh und die Hoffnung auf das Wiedersehen mit unseren
Familien daheim.
Das Miteinander hat uns verbunden. Wir sind Freunde geblieben und freuen
uns jedes Mal, uns mit den Überlebenden zusammenzufinden, miteinander
zu sprechen, Erinnerungen auszutauschen. Unzählige Bilder aus der
Vergangenheit tauchen im Gedächtnis wieder auf, als wär’s
ein böser Traum gewesen. „Weißt du noch ...?“,
heißt es dann, „Weißt du noch, wie wir zusammengetrieben
wurden, Vater, Mutter, Kinder weinend zurückblieben, die Glocken
zum Abschied läuteten, als wollten sie uns vor dem nahenden Unwetter
bewahren? Weißt du noch, wie wir, zusammengepfercht im Viehwaggon,
der Heimat entrissen, in der Ungewissheit um unsere Zukunft bangten?“
Hätten wir gewusst, was uns bevorsteht, wäre so mancher schon
während der Fahrt zugrunde gegangen. Aber der Mensch hält oft
mehr aus, als er sich zutraut. Das „skoro domoi“ von
wohlgesinnten Russen - es gab auch solche - ließ uns hoffen, und
die meisten von uns haben die fünf Jahre überstanden. Manchmal
erklangen in den düsteren Baracken leise die Lieder „Nach der
Heimat möcht’ ich wieder“ oder „Heimat, deine
Sterne“. Sie gaben uns Trost und Mut, das Unvorstellbare zu überwinden,
nach dem Motto: „Was mich nicht umbringt, macht mich noch stärker.“
Gebetet haben wir, obwohl so manche der Versuchung anheim fiel, an Gottes
Allmacht zu zweifeln. Doch der Glaube war stärker, die Zuversicht
hat uns begleitet und uns über die Not hinweggeholfen. Wie klingt
es doch so tröstend in dem Choral „Ein’ feste Burg ist
unser Gott“: „Und wenn die Welt voll Teufel wär’
und wollt’ uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht
so sehr, es muss uns doch gelingen.“
So bewahrten wir trotz Not, Elend und Leid die Zähigkeit, dem alltäglichen
„Dawai, dawai bistree!“ standhalten zu können und den
Russen zu beweisen, dass wir keine Unmenschen sind, wie sie uns anfangs
einschätzten und uns als „Nemetzki Faschisti“ am liebsten
ins Jenseits befördert hätten, wären sie nicht auf unsere
Arbeit angewiesen gewesen, denn so weit waren sie sich sicher: Tote
können keine Leistung erbringen. Der Wandel in ihrer Einstellung
uns gegenüber kam zwar spät, aber er kam schließlich doch,
begünstigt durch die Anerkennung unserer Leistungen unter den gegebenen
schweren Umständen und Voraussetzungen der entsetzlichen Nachkriegszeit.
Möge das Andenken und unsere Dankbarkeit an einen Mann über
seinen Tod hinaus für seine Menschlichkeit und Zuneigung in unseren
Herzen weiterleben und seinen Namen in Ehren halten: Leutnant Jurij von
Stackelberg, der nach einer schonungslosen und qualvollen Zeit die gehässigen
Offiziere ablöste, uns als neuer Lagerkommandant schützend
beistand und uns in unserer Hoffnung auf eine baldige Heimkehr bestärkte.
Ihm verdanken wir den Wandel der bis dahin feindseligen Einstellung der
Obrigkeit zu einer menschlichen Einschätzung und Behandlung, sodass
es sogar dazu führte, uns Vertrauen zu schenken und die Betriebsleitung
den größten Kohlenschacht des Unternehmens allein unserer Lagerbelegschaft
zur Förderung überließ, ohne russische Aufseher und Treiber.
Eine günstige Entwicklung in unserem Dasein brachte auch die Währungsreform
vom Dezember 1947, wodurch die Kaufkraft des Geldes bedeutend gestiegen
war, und gleichzeitig hatte man den Verkauf der bis dahin rationierten
Lebensmittel freigegeben. So nutzten wir an den freien Tagen die Erlaubnis,
in das 12 km entfernte Jenakijevo zu gehen, um uns mit Brot, Zucker, Öl
u. a. einzudecken und unsere kärgliche Lagerkost bedeutend zu ergänzen.
Im „Gastronom“ - so hieß das große Lebensmittelgeschäft
- gab es erstaunlicherweise Brot, Wurstwaren, Fleisch, Butter, Kaviar
und Konserven aller Art zur Auswahl. Als ich die Gläser mit Pflaumenkompott
sah, kaufte ich eins. Im Lager verzehrte ich die süße Kostbarkeit,
die ich nun schon seit Jahren vermisst hatte, immer mit dem Blick auf
das Etikett mit dem russischen Aufdruck „Sliwotschnoi Kompott“
gerichtet. Aber bald war das Glas leer und ich bestaunte es von allen
Seiten. Plötzlich entdeckte ich durch das Glas auf der Rückseite
des Etikettes den Aufdruck, „Fabrica de conserve - Tg. Mure“.
Da schlug mein Herz noch höher, war es doch wie ein selten lieber
Gruß aus der fernen Heimat.
Dank der besseren Lebensmittelversorgung nahm auch unsere Körperkraft
wieder zu und auch der fortschreitende Stand der technischen Ausrüstung
bewirkte eine steigende Arbeitsleistung. Die Picke wurde von Presslufthämmern
abgelöst, die alte Grubenlampe wurde durch hell leuchtende elektrische
Lampen ersetzt, die Loren mussten nicht mehr einzeln geschoben werden,
sondern wurden zusammengekoppelt und von einer Zugmaschine befördert.
Aber trotz all dieser Neuerungen blieb der Einsatz von Körperkraft
immer noch notwendig. Den 12 kg schweren Presslufthammer zu handhaben
erforderte im Abbau große Anstrengung und Eingewöhnung, zumal
die Norm nun auf das Doppelte angehoben worden war. Und das Beil zum Anlegen
der Verzimmerung und die Schaufel waren immer noch in vollem, uneingeschränktem
Einsatz. Insgesamt aber war das Leben erträglicher geworden. Als
wir nach fünf Jahren zur Heimfahrt antraten, standen so manche russische
Kumpel vor dem Lagertor und winkten uns mit Tränen in den Augen zum
Abschied. Zum Teil war es auch Selbstmitleid, denn mit vorgehaltener Hand
gaben sie ihrem innersten Empfinden Ausdruck, dass wir wohl in die Freiheit
entkommen und sie weiter ihrem traurigen Dasein ausgeliefert bleiben würden.
Wir, die einst gehassten Feinde, hatten mittlerweile die Achtung, die
Wertschätzung der russischen Mitarbeiter und der Vorgesetzten gewonnen.
Eine Befragung vor unserer Abreise, ob jemand von uns entschlossen sei,
sich als Sowjetbürger dort anzusiedeln, stieß einhellig auf
höfliche Ablehnung. Es war nicht zu übersehen, dass die Jahre
in der Sowjetunion - trotz zunehmender Anerkennung - in uns keinesfalls
Bewunderung für das „Sowjetparadies“ geweckt hatten.
Man erkannte und spürte die Last der gnadenlosen Unterwerfung unter
dem Sowjetstern, der unüberwindbaren Diktatur, die in keiner Weise
unserem Wesen und unserer Lebensauffassung entsprach.
Es war trotz allem auch eine lehrreiche Zeit, eine Zeit, in der man den
Wert der Freiheit zu schätzen begriffen hatte, und ein Entkommen
nur möglich ist, wenn man seine Gesundheit bewahrt, die Hoffnung
nicht verliert, sich gegenseitig Mut macht und das Durchhaltevermögen
stärkt sowie sich vor den Zugriffen der Machthaber wachsam zu schützen
weiß. Diese Erkenntnis hat uns auch geholfen, nach der Heimkehr
in das Land, das sich damals „Rumänische Volksrepublik“
nannte, zu überleben, bis uns der ersehnte Weg aus der viel gepriesenen
und schöngeredeten „vielseitig entwickelten sozialistischen
Gesellschaft“ in die freie Weit gelang, die wir uns jahrzehntelang
sehnlich erträumt hatten. Und für dieses Glück wollen wir
Gott und den Menschen, die uns hilfreich aufgenommen haben, zeitlebens
dankbar sein.

Das Lager Nr. 1040 von Hazepetofka
Kornel Kwieczinsky (Ulm)

Letztes Update:
2005-09-27
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