HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Der Gefangene

Im Revier der schwarzen Kohlen
Weit nach Osten war verbannt
Der Gefangene in dem Stollen
Lang schon schürft’ mit seiner Hand.

Schwarzes Loch die Grub’ man nannte
Wie das Loch im Weltall weit
Sterne anzieht und verbannte,
War dies des Gefangenen Leid.

Kroch im Stollen er zur Kohle,
Decke drückte ihm sein Haupt,
Nahe hin zur Bodensohle,
Auch das Knien nicht erlaubt.

Spürt die Lunge, die sich mühte,
Atemluft noch einzufügen,
Nicht der Hauch von einer Blüte,
Sauerstoff würde ihr genügen.

Neben ihm sein Freund sich plagte
Kohle schaufeln sollt’ aufs Band,
Wenig Kraft, der Hunger nagte,
Schwer nur hob er seine Hand.

Die Lippen stumm, die Wangen ihm erblassen,
Sein Haupt gebeugt seit vielen schweren Tagen,
Wenn Kraft und Hoffnung ihn verlassen,
Soll doch den Kampf er weiter wagen?

War nun vorbei die Zeit der Arbeitsstunden
Zum Tageslicht der Gefangene aufwärts steigt.
Erlösung hier! Noch einmal überwunden!
Doch weh, wenn sich die Nacht dann wieder neigt.


Im weißen Schnee bewegen sich Gestalten,
Von Kohle schwarz, das Antlitz tief gebeugt,
In Richtung Lager, wo sie festgehalten,
Und wo kein Bild der Welt man ihnen zeigt.

Nun greift der Frost sie an, der Kampf ist fast verloren:
Durchdringt geschwind das feucht’ Gewand,
Das klappert laut, ist wieder steif gefroren,
Wohl dem, der Mut und Kraft noch fand.

Im Lager endlich angekommen,
Ein jeder steigt gleich auf sein Brett,
Das hart und feucht ihn aufgenommen,
Ersetzte ihm ein weiches Bett.

Die Schuhe wurden nun zum Kissen,
Der Sommerrock zur Decke weich.
Er reicht nicht aus bis zu den Füßen,
Wer Lappen hat, umhüllt sie gleich.

Doch ein Gefangener wacht’ allein:
Er sieht den Freund, der schläft wie ohne Sorgen,
Sollt’ er im Traum in Freiheit sein,
Daheim bei Weib und Kind bis in den Morgen?

Als er dann aufwacht’, welch ein Schreck!
Verbannt in Ewigkeit, erscheint ihm nun sein Leben.
Der Traum war aus, die Freiheit weg,
Er wird erneut der Wirklichkeit zurückgegeben.

Doch einmal kam die Zeit der Freiheit für sie wieder,
Die lang von Menschenhand dem Menschen ward geraubt.
Für manch’ ein’ war’s zu spät, nach Haus er kam nie wieder,
Erlösung nur für den, dem’s Glück beschieden:
Die Heimkehr war erlaubt.


Hans Wellmann,
Nürnberg, Januar 2001

 


 

 

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