Der Eisenbahner
Von guten Leuten in Schlechten Zeiten/Erinnerungen aus
der russischen Kriegsgefangenschaft
...Die ärztlichen Untersuchungen vor dem Abtransport nach Russland
waren von gefangenen deutschen Militärärzten durchgeführt
worden. Die Russen waren aber mit den Befunden der deutschen Ärzte
nicht zufrieden und setzten eine eigenen Kommission ein. Diese befand
auch Schwerversehrte und Tuberkulosekranke als arbeitstauglich. Die deutschen
Ärzte beschwerten sich darauf bei der russischen Lagerführung,
und die Untersuchungen wurden aufs Neue vorgenommen, diesmal von einer
gemischten Kommission.
Jeder fürchtete sich vor Russland und versuchte, so krank wie möglich
zu erscheinen. Ich war auch arbeitsfähig geschrieben worden. Dann
fiel mir ein, ich könnte es mit einem Sehfehler versuchen, denn in
der Kommission gab es keinen Augenarzt. Als ich erneut untersucht wurde,
erzählte ich dem guten, alten Oberstabsarzt, dass ich an beiden Augen
an „Keratoconus“ leide und die Farben auf dem linken Auge
zu verblassen begännen. Er sah mich freundlich an – ich war
jung und schrecklich mager – und schrieb: „Sehnervatrophie
beider Augen, Klasse III b“, also arbeitsuntauglich, Entlassung.
Es gab noch gute Menschen in dieser rauen Zeit ...
... Die ersten Transporte gingen ab. Ich musste mich von meinem Kameraden
Jung trennen, dem Russland nicht erspart blieb. Ich wurde auch abgeschoben
und mit einer LKW-Kolonne in Richtung Ungarn in Marsch gesetzt. Es hieß,
wir kämen nach Rumänien und würden dort entlassen.
In Ungarn machten wir spät am Abend in einem Dorf halt und übernachteten
in einer leeren Schule. Hier begegneten wir Volksdeutsche, die, bloß
mit wenig Handgepäck, auf ihren Abtransport nach Deutschland warteten.
Es waren Vertriebene.
In Ungarn waren alle Wegweiser russisch beschriftet, sodass wir nicht
wussten, durch welche Ortschaften wir fuhren. Auf dieser Fahrt gesellte
sich Johann Schmidt aus Deutsch-Budak bei Bistritz zu mir. Er war im Herbst
1944 mit seinen Eltern nach Österreich geflohen und dann dort zum
Wehrdienst eingezogen worden. Jetzt wollte er, weil er nicht wusste, wo
sich seine Eltern befanden, nach Deutsch-Budak zurück in der Hoffnung,
sie täten dasselbe.
Während der Fahrt sahen wir viele russische Panzerwracks am Straßenrand
auf den Feldern; wenn hie und da ein deutsches SPW(Schützenpanzerwagen)-Wrack
auftauchte, freute sich unser russischer Bewacher und rief: „njemetzkij,
njemetzkij!“ In Stuhlweißenburg (Székesfehérvár)
hieß es: absteigen. Das Gefangenenlager befand sich im Schloss einer
ungarischen Prinzessin und war während der Kampfhandlungen in diesem
Gebiet arg verwüstet worden. Das Lager war voll besetzt. Wir fanden
keinen Platz in den erhalten gebliebenen Räumlichkeiten und mussten
mit dem Erdboden hinter der Lagerküche, die mit einem Stacheldrahtzaun
umgeben war, vorlieb nehmen. Das „Bad“ bestand aus einem halben
Benzinfass, das der Länge nach durchgeschnitten worden war. Der Ofen
dazu war aus demselben Material gefertigt. Wie da einige hundert Menschen
baden hätten sollen, blieb ein Rätsel, auch gab es kein Heizmaterial.
Das Krankenrevier war ein langer schmaler Raum mit einer Reihe Pritschen.
An einem Ende wurde man eingeliefert, vom anderen Ende aus wurde man begraben:
Im Lager ging die Ruhr um. Auch Schmidt und ich erkrankten. Da erinnerte
ich mich, dass ich schon als Kind die Ruhr gehabt hatte und außer
verschiedenen anderen Medikamenten auch Tierkohle geschluckt hatte. Ich
bat die slowakischen Köche – es waren auch Kriegsgefangene
–, mir einige Stücke Holzkohle zu geben. Sie wollten nicht.
Also schob ich mich eines Nachts unter dem Stacheldrahtzaun hindurch in
die Lagerküche und holte mir aus der Asche eine Handvoll Kohlen.
Wir aßen beide nur noch Kohle und tranken dazu Tee, den wir morgens
und abends fassten. Wir kamen durch. Wenn wir uns ins Krankenrevier begeben
hätten, würde ich heute keine Familienchronik schreiben.
Auch aus diesem Lager waren einige geflohen. Sie hatten mit einer Pflugschar
einen Tunnel unter der Mauer gegraben.
Im August ging das Gerücht durchs Lager, Japan habe kapituliert.
Die Amerikaner hätten irgendeine „Atombombe“ abgeworfen.
Nun war auch die letzte, leise Hoffnung dahin. Unser „Abtransport
zur Entlassung in die Heimat“ fand mit der Eisenbahn statt. Wir
marschierten zum Bahnhof und mussten dort bis in die Nacht hinein warten,
bis wir in unseren Zug, der schon bereit stand, einsteigen durften; nun
ging es der Heimat entgegen. Am Nachmittag kam ein altes Ehepaar schüchtern
an unseren Zug und verteilte Brotstückchen aus zwei Henkelkörben
an jeden, den sie erreichen konnten, gleich, ob es Ungar, Deutscher oder
Rumäne war. Wer weiß, an wen sie dabei gedacht haben. Das Ungarische
Rote Kreuz kümmerte sich während unserer Fahrt durch Ungarn
in lobenswerter Weise um uns; wir erhielten öfter eine warme Suppe
und Brot. Wir fühlten uns unbeaufsichtigt, denn die russische Wachmannschaft
war fast ständig besoffen.
Als wir bei Curtici nach Rumänien kamen, freuten wir uns und hofften,
vom Rumänischen Roten Kreuz noch besser betreut zu werden, da Rumänien
ja während des Krieges weniger zu leiden hatte als Ungarn. Auf dem
Bahnhof in Arad gingen einige auf die Suche nach der Küche des Roten
Kreuzes, aber außer einem zerschossenen deutschen Waggon mit dem
roten Kreuz drauf fanden sie nichts. Auch auf anderen Bahnhöfen war
vom Rumänischen Roten Kreuz nichts zu sehen. Bloß auf dem Bahnhof
von Simeria (Piski) erhielten wir vom ungarischen (!) Frauenverband eine
gute Bohnensuppe mit Palukes.
Auf dem Bahnhof von Broos, meiner Heimatstadt, saßen junge Leute
mit baumelnden Beinen auf dem Bahnsteiggeländer, sodass ich nicht
unbemerkt hätte abspringen können. Das war meine Absicht eigentlich
auch nicht, denn es war uns zugesichert worden, nach Hause entlassen zu
werden. Zigeuner kamen an den Zug heran und wollten uns Wurst verkaufen.
Aber wer hatte schon Geld oder Tauschartikel dabei? Im Eisenbahnknotenpunkt
Coslari bei Tövis (Teius) blieben wir lange liegen. In der Nacht
hielt ein Transport deutscher Kriegsgefangener, der von Stalingrad kam,
neben unserem Zug an. Auf den schmalen Plattformen am Ende der Eisenbahnwagen
waren die Toten wie Holzscheite übereinander geschichtet. Die Gefangenen
waren, Menschen mit dem Tod im Nacken, von den Russen als von keinem Nutzen
mehr in die Heimat entlassen worden. Sie erzählten uns über
das rumänische Gefangenenlager Focsani, wohin auch wir unterwegs
waren. Ihren Berichten nach wurden dort alle nach der eintätowierten
Blutgruppe untersucht und jeder, der sie besaß, hörten wir,
würde nach Russland deportiert.
Die Waffen-SS hatte die angeordnete Blutgruppentätowierung unter
dem linken Oberarm ordnungsgemäß fast gänzlich durchgeführt,
während bei der Wehrmacht dieser Befehl bloß bei der Luftwaffe
teilweise ausgeführt worden war. So konnten Angehörige der Waffen-SS
leicht ausfindig gemacht werden. Ich war auch tätowiert worden und
bangte nun, nach Focsani zu kommen. Schmidt hatte keine Tätowierung.
Wir besprachen unsere Lage; ich entschloss mich zur Flucht, überließ
ihm meine Felddecke, weil sie mich behindert hätte, und lauerte auf
eine Gelegenheit zum Türmen.
Am nächsten Tag, die russische Wachmannschaft war leider ausnahmsweise
nüchtern, benutzte ich beim Anstehen zum Essenfassen die günstige
Gelegenheit, als sich in meiner Nähe zwei Güterzüge, aus
entgegengesetzter Richtung kommend, trafen, und sprang vor den Lokomotiven
auf die andere Seite. Dort kletterte ich rasch ins Bremserhäuschen
eines Güterzuges, dessen Lok in Richtung Westen, also Broos vorgespannt
war. Hier saß ich nun, kahl geschoren, aber mit Schnurrbart, meinen
Wäschebeutel auf den Knien, und wartete auf die Abfahrt des Zuges.
Draußen gingen Leute hin und her und ich befürchtete, dass
nach mir gesucht werde. Plötzlich blieb jemand vor dem Bremserhäuschen
stehen und kam die Treppen herauf. Mir blieb das Herz fast stehen vor
Angst. Die Türe wurde aufgerissen, und vor mir stand ein älterer
rumänischer Eisenbahner, der mich verblüfft ansah. „Wer
bist du?“, fragte er barsch. Ich erklärte ihm, dass ich aus
Broos stamme, deutscher Soldat gewesen sei, aus dem Kriegsgefangenentransport
von gegenüber entflohen sei und nach Hause wolle. „Bleib hier
und rühr dich nicht!“, sagte er, schloss die Tür hinter
sich ab und ging fort. Gefangen! Ich sah mich im Häuschen um, aber
es gab keine Möglichkeit, auszubrechen; auch fehlte mir dazu jegliches
Werkzeug. So setzte ich mich hin und ergab mich meinem Schicksal.
Nach etwa einer Viertelstunde näherten sich Personen, die mit einander
sprachen. Vor meinem Versteck blieben sie stehen. Jemand kam die paar
Treppen hoch, sperrte auf und öffnete die Türe – es war
der Eisenbahner, unten stand eine Frau. „Das ist er“, sagte
der Mann zur Frau und zeigte auf mich. „Ach, der Arme!“, rief
sie, holte ein Stück Brot und Speck aus ihrem Handkorb und reichte
es dem Mann herauf, der mir beides übergab. Dazu schenkte er mir
eine Handvoll Tabak. Ich dankte den guten Leuten, und der Eisenbahner
sagte: „Ich schließe nun die Tür wieder ab. Verhalte
dich ruhig, und gib keine Antwort, sollte jemand vor der Türe stehen.
Mache dir keine Sorgen!“ Und weg war er.
Der Zug rangierte längere Zeit, dann ging es endlich los Richtung
Broos. Auf dem Bahnhof Sibot kam der Eisenbahner und erklärte mir,
ich müsse aussteigen und auf einen Flachwagen wechseln, weil der
Zug geteilt werde und dieser Wagen nach Cugir weiter fahre. Er begleitete
mich zum anderen Wagen und riet mir unauffällig: „Stell dich
schlafend, ich werde auf dich acht geben.“ Ich stieg auf den Flachwagen,
wo bereits viele Menschen saßen oder lagen. In jenen Tagen wurden
auch für Güterzüge Fahrkarten ausgegeben und Schaffner
eingesetzt. Der Personenverkehr war wegen der vielen russischen Truppen-
und Materialtransporte fast lahmgelegt. Am Ende des Flachwagens, Broos
zu, legte ich mich nieder, schob mir den Wäschebeutel unter den Kopf
und zog die Feldmütze über die Augen. Zu meinen Füßen
stieg der Sohn unserer gewesenen Wäscherin in Broos, Nelu Capantala,
auf und setzte sich. Ich gab mich nicht zu erkennen, kehrte ihm den Rücken
zu. Bald, nachdem der Zug angefahren war, hörte ich den Schaffner
kommen. Da erhielt ich einen Fußtritt: „Die Karte, he!“
Aber zugleich war da die Stimme meines Eisenbahners: „Lass den in
Ruhe. Es ist mein Sohn. Er kommt aus russischer Gefangenschaft.“
Der Schaffner ging weiter. Ich konnte erleichtert aufatmen.
Als wir in den Brooser Güterbahnhof eingefahren waren, wartete ich,
bis Nelu abgestiegen war, erhob mich und sah mich nach meinem Schutzengel
um; ich wollte mich bei ihm bedanken. Aber er war verschwunden. Gott vergelte
ihm seine Menschlichkeit!
Ich sprang ab, gerade neben einen Zug mit russischen Truppen in Personenwagen.
Ein Russe am Fenster rief seinen Kameraden zu: „Wot! Njemetz!“
Nichts wie weg! Ich legte den Schnellgang ein. Am östlichen Ende
des Bahnhofgeländes überquerte ich die Landstraße und
sprang über den Straßengraben in den Binder’schen Garten,
wo ich die Pappelreihe entlang und dann am Schebescheller Bach hinauf
lief. In der Nähe des Elektrizitätswerkes kroch ich in ein Erdloch
und beobachtete die Umgebung. Bei Sonnenuntergang stieg ich zum Bach hinab
und wusch mir Hände und Gesicht mit dem lieben Heimatwasser des Gebirgsbaches.
Wie anders hatte ich mir unser Wiedersehen vorgestellt!
(5. September 1945)
Eberhard Amlacher (Kürnbach)

Letztes Update:
2005-09-27
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