Veredelte Heimaterde
Über die Schäßburger Keramik-Künstlerin
Marianne Schmidt, geb. Pildner von Steinburg

Marianne Schmidt
Die schöne Vase war zerbrochen!
Sie war der kleinen Hand beim Staubwischen entfallen. Und kein lautes
Schimpfen der Tante und kein Strafgericht folgte! Das war fast noch schlimmer.
Aber irgendwie musste der Schaden ja wieder gutgemacht werden können.
Die kleinere Schwester wusste Rat: Eine Klassenfreundin wohnte jetzt bei
ihrer Tante, weil ihre Eltern nach Russland deportiert worden waren, und
diese Tante machte in ihrer Werkstatt in der Hintergasse genau solche
Vasen. Die Sparbüchse wurde geleert, und die beiden Schwestern machten
sich gemeinsam auf den Weg. Zwischen Mädchenschule und Polizei gingen
sie die Martin-Eisenburger-Gasse hinunter, immer den Schienen der Agnethler
Bahn nach, am Gericht und am Gefängnis und an der Nationalbank vorbei,
zu dem modernen Haus mit der hellroten, glänzenden Hausnummer, mit
dem grünen Tor. Dort im Hof war die Werkstatt. Und dort fanden sie
genau so eine Vase. Die freundliche Mariann-Tante war mit dem Ersparten
als Kaufpreis einverstanden, und die beiden durften die Vase mitnehmen.
Zu Hause bedankte sich die Beschenkte gerührt (und hat später
stillschweigend den Differenzbetrag beglichen).

Familienwappen
So oder so ähnlich hat Marianne Schmidt manchem Freund oder Kunden
aus der Patsche geholfen, wenn ein kleineres oder größeres
Geschenk nötig war, bei runden Geburtstagen oder Hochzeiten, wenn
es etwas Besonderes, Schönes, Sinnvolles, vielleicht sogar Praktisches
sein sollte. Mit ihrem freundlichen Wesen und mit solchen Geschenken hat
sich Marianne Schmidt vielen Schäßburgern unvergesslich gemacht.
(Nähere Angaben über das Leben von Marianne Schmidt verdanken
wir Frau Marianne Ganea, der Nichte der Künstlerin, und Herrn Günther
Löw, aus deren Aufzeichnungen die im folgenden Text durch Anführungszeichen
gekennzeichneten wörtlichen Zitate stammen.)

Haus der Familie Schmidt, heute - Foto: W. Fabini
Am 29. September 1903 wurde dem Ehepaar Adele, geb. Leonhardt, und Dr.
Felix Pildner von Steinburg, Komitatsoberphysikus, in Keisd Marianne als
ältestes von drei Kindern geboren. Ihre Jugend und die meiste Zeit
ihres Lebens hat sie in Schäßburg zugebracht. „Erste
musische Anregungen gab es im Elternhaus: Der Vater sang gerne, dichtete
zu verschiedenen Gelegenheiten und malte. Bruder Felix erinnert sich noch
an Tonarbeiten der Kinder an langen Regentagen im Baumgarten am Knopf.“
Nach dem Schulbesuch in Schäßburg studierte sie in München
an der Kunstgewerbeschule Zeichnen, Batik und Porzellanmalerei (von 1921–1923).Von
den besorgten Eltern heimgerufen, arbeitete sie in der Porzellanmanufaktur
Ambrosi in Mediasch als Porzellanmalerin. „Aus dieser Zeit stammen
zwei noch erhaltene Kaffee-Services“.

Kaffeeservice, Porzellan
1927 heiratet sie Walter Schmidt, den Direktor der Schäßburger
Ziegelfabrik. Ermutigt von ihrem Mann, wendet sie sich dem Werkstoff Ton
zu, „der sie ihr weiteres Leben lang nicht mehr loslassen sollte“.
Wenn sie bis zum Kriegsende als freischaffende Keramikerin für Freunde
und Bekannte viele Teller und Krüge, Leuchter und Lampen, Menschen
und Tiere als Kleinplastiken schuf, musste sie nach der Entlassung ihres
Mannes mit dem Verkauf ihrer Arbeiten für den Lebensunterhalt der
Familie sorgen. Das Haus wird enteignet, zeitweise ist es Sitz der „Securitate“.
(Aus dieser Zeit stammt der Ausspruch des kleinen Neffen Felix, der beobachtete,
dass im Keller Leute eingesperrt wurden: „Was wollen die denn von
den Eingesperrten? Wollen sie ihnen das Haus wegnehmen oder das Klavier?“)
„Nur die Werkstatt, die zum Glück ein eigenes Gebäude
ist, kann Marianne Schmidt nach einem verzweifelten Kampf schließlich
behalten.“ In dieser Werkstatt standen die Drehscheibe mit fußbetriebenem
Schwungrad und der mit Gas befeuerte große gemauerte Brennofen,
der nach dem Beschicken zugemauert wurde. Der Brand wurde durch ein Guckloch
mit Bangen verfolgt.
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| Kabale und Liebe, ca. 24 cm |
Ungarisches Mädchen, ca. 11 cm |
Sächsisches Trachtenpaar, 22 cm |
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| Lampe: "Der Rattenfänger von Hameln",
ca. 28 cm |
Lampe mit rum. Trachtenpäärchen, ca. 30
cm |
Toadere, ca. 24 cm |
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| Handballer im Coetus-Dress, ca. 27 cm |
Lampe "Gänseliesel", ca. 28 cm |
Lampe Knieendes Mädchen, ca. 26 cm |
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Misslang er, so war wochenlange Arbeit umsonst gewesen, doch das geschah
selten. „Entsprechend dem Schäßburger Ton haben die Keramiken
von Marianne Schmidt einen roten Scherben...Gebrannt wurde bei vermutlich
nicht sehr hohen Temperaturen, der Scherben ist relativ porös und
dem entspre- chend zerbrechlich.“ „Anfang der sechziger Jahre
wanderte Marianne Schmidt mit ihrem Mann und ihrer Mutter nach Deutschland
aus. Die ersten Jahre verbrachte sie in Celle bei ihrem Bruder Felix von
Steinburg. Auch hier richtete sie sich im Keller eine Werkstatt ein. Dann
erfolgte der Umzug nach Bayern, nach Geretsried, wo sie bis zum Tod ihres
Mannes (1978) lebte und arbeitete. Es erfolgte der Umzug in das Siebenbürger
Heim in Rimsting. Selbst hier richtete sie sich eine Werkstatt mit elektrischem
Brennofen ein, und es entstanden noch einige schöne Arbeiten. Sie
arbeitete, solange es ihr die schwere Krankheit, gegen die sie tapfer
ankämpfte, erlaubte. Marianne Schmidt starb am 26.11.1982 in Rimsting.“
Einig Anmerkungen zur verwendeten keramischen Technik:
Auf der Drehscheibe wurden Krüge, Teller und Vasen gedreht, die Figuren
frei geformt. Der rot brennende Scherben wurde meist mit weißer
Engobe abgedeckt. Darüber kam dann die mit Pinsel oder seltener mit
Malhorn aufgetragenefarbige Glasur. Das meist florale Dekor wurde eingeritzt,
plastisch erhaben aufgetragen, meist dunkel auf hellem Grund gemalt, aber
auch hell auf rotem Scherben aufgetragene Glasur finden wir, formale Anklänge
an ungarische „geschriebene Muster“. Die Gefäße
wurden mit einer farblosen Bleiglasur wasserdicht gemacht. Nur wenn der
rote Scherben Haut darstellte, blieb er meist unglasiert. Erstaunlich
ist die hohe Qualität der Arbeiten, sowohl der gedrehten als auch
der frei geformten, hat Marianne Schmidt sich die Keramik und vor allem
die sehr schwer zu erlernende Technik des Drehens doch selber beigebracht.
Auch war das Glasurmaterial nicht immer zuverlässig, der Gasdruck
beim Brennen nicht gleichmäßig, Seger-Kegel zur Kontrolle der
Brenntemperatur fehlten. Der spröde und leicht brechende Ton kann
nicht so feine Formen aushalten wie z. B. Porzellan oder Metall. Daher
muss die Figur etwas robuster, kräftiger, stämmiger geformt
werden. Um die Standfestigkeit der Figuren, besonders der Leuchter und
Lampenfüße zu sichern, bei denen auch das Gewicht der eingesetzten
Kerze oder der Lampenschirm mit stützendem Drahtgestell (dafür
war Herr Walter Schmidt, der entlassene Fabriksdirektor, zuständig)
berücksichtigt sein wollte, musste die Form im Bereich der Basis
verbreitert werden. Deshalb tragen die dargestellten Damen häufig
weitschwingende bodenlange Röcke, sitzen oder knien auf einer Bodenplatte
oder lehnen an einem Baumstamm. Bei Gruppen verbindet und stabilisiert
die Bodenplatte die Beine der schreitenden oder tanzenden Figuren, der
Till Eulenspiegel trägt Hosen mit weiten Hosenbeinen.

Teller, 30 cm

Signum MS (Marianne Schmidt)
Im Werk der Marianne Schmidt kehren bestimmte Themen immer wieder. Zu
den der siebenbürgischen traditionellen Keramik verpflichteten Formen
von Krügen und Tellern, denen sie originelle Formvariationen und
eigenwilliges Dekor zufügt, finden wir Märchengestalten und
-gruppen (z. B. Gänseliesel, Till Eulenspiegel, der Rattenfänger
von Hameln oder die sieben Schwaben), vom Jugendstil beeinflusste elegante
Frauengestalten, die zur Zierde für Kerzenleuchter oder Lampenfüße
dienen. Spielende oder ruhende Pärchen oder Einzelgestalten in sächsischer,
rumänischer oder ungarischer Volkstracht, die von den Käufern
gerne bestellt wurden, treffen wir häufig an, oft wohlgenährte
„butteschige“ Kindergestalten in bewegten Szenen, auch Tierfiguren
im Dekor oder in freier Gruppierung. Lenin- und Stalin-Portraits für
die „Securitate“ und ein Großrelief für das staatliche
Kaufhaus „Victoria“ (ehemals Misselbacher) – ein mit
Paketen beladenes „Arbeiterpaar nach dem Einkauf“ –
hat sie in offiziellem Auftrag ausgeführt. Gestalten aus Schillers
„Kabale und Liebe“, das in Schäßburg damals erfolgreich
aufgeführt wurde, begegnen uns unter ihren Figuren. Aber auch Portraits
von Handballern treffen wir an, war das doch die Zeit, als die Schäßburger
Mannschaft „Victoria“ Landesmeister im Feldhandball war.
Die Kinder- und Putto-Gestalten, die ausdrucksvolle Portrait-Figur des
„Nea Toadere“, der rumänischen und sächsischen Trachtenpaare
oder gar das Figürchen der „Julischka“ zeigen, wie auch
im kleinen Format die Künstlerin Leben einfängt und –
oft mit Humor gewürzt – gestaltet.
Neben den erdverbundenen, deftigen, dem bäuerlichen Lebensgefühl
und der ländlichen Keramiktradition verpflichteten Form- und Farbgebung
sind in ihrem Werk auch kühlere und elegantere Formen und Farbzusammenstellungen
zu finden, die Anklänge an den Jugendstil zeigen. Besonders edel
hebt sich das von ihr mit Kobalt (?) und Gold bemalte Kaffeservice aus
Porzellan heraus, eine Erinnerung an ihren von Kaiserin Maria Theresia
geadelten Vorfahren, den Repser Königsrichter Ephraim Pildner von
Steinburg. Diese adlige Herkunft hat sie nicht gehindert, sich ihr Kunst-Handwerk
mit bürgerlichem Fleiß und Sachverstand anzueignen und ihr
Leben lang hart zu arbeiten.
Wenn sie es im Leben auch nicht immer leicht gehabt hat, sie hat sich
nicht unterkriegen lassen: Till Eulenspiegel, die Spaßmacher Pat
und Patachon, die liebevoll und kraftvoll gestalteten Kinderfiguren zeugen
von ihrem Optimismus. Ihre Ausdruckskraft und Originalität bewahren
sie davor, „Kitsch“ zu produzieren, auch wenn sie „Zugeständnisse
an den Kundengeschmack“ oder „Einflüsse des zeitgenössischen
Kunsthandwerks“ verarbeiten musste. Kleine Zierfiguren, sogenannte
„Nippes,“ müssen nicht jedermanns Geschmack sein. Wenn
der auswandernde Schäßburger aber in sein von Zollbestimmungen
eingeschränktes Reisegepäck von 70 Kilogramm, in dem seine gesamte
Habe enthalten sein soll, einen Krug, eine Lampe oder eine kleine Trachtenfigur
einpackt, ist das sicher als ein Zeichen der Wertschätzung und der
Hochachtung der Künstlerin und ihrer Arbeit zu werten.
Schade, dass im Lexikon der Siebenbürger Sachsen ihr Name nicht
erwähnt wird. Es bestehen aber Pläne, in einer gedruckten Form
ihrem Werk Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dazu wäre es sehr
zu begrüßen, wenn jeder glückliche Besitzer eines Originals
von ihrer Hand (leider sind nicht alle ihre Arbeiten mit dem Signum „MS“
gezeichnet) ein Farbfoto und eine kurze Information über Herkunft,
Auftraggeber, Entstehungszeit, Größe, Erhaltungszustand usw.
an Herrn Peter Günther Löw, Bellingweg 2, in 70372 Stuttgart
sendet. Herr Löw ist sachverständiger Sammler von Keramik und
hat uns mit Bildern von seinen Originalen von Marianne Schmidt und mit
seinen Notizen zum Leben und Wirken der Künstlerin sehr geholfen.
Danke dafür! Ein herzliches Dankeschön auch an alle, die mit
Rat und Tat, mit E-Mails und Fotos (besonders dem unermüdlichen Fotografen
Walter Lingner!) mitgeholfen haben, dass dieser Text zustande gekommen
ist.
Hans Orendi (Mühlheim a. d. Ruhr)
Keramiken von Marianne Schmidt geb. Pildner von Steinburg wurden uns
zur Verfügung gestellt von:
Elly und Karl Adleff, Roswitha Balthes, Annemarie und Kurt Bartmus, Liese
und Erich Bodendorfer, Martha und Mirle Brandsch, Gerda Broser, Ruth und
Werner Czernetzky, Traudi und Hans Durlesser, Martha Flechtenmacher, Hiltrud
Florescu, Marianne und Horst Ganea, Erika und Konrad Georg, Inge Hofmann.
Inge und Michael Konradt, Friedel und Kurt Leonhardt, Ada Lehni, Maria
und Gert Letz, Gerdi und Walter Lingner, Günther Löw, Annemarie
und Heinrich Mantsch, Ruth Marsanu, Regine Maurer, Hedwig Müller,
Martha Neagu, Marion und Aurel Opris, Hildegard und Hans Orendi, Metta
und Christian Pomarius, Julia Prejmerean-Aston, Maria Reinhardt, Gerda
Schuller, Erika und Otto Schuster, Hedwig Schuster, Inge und Heinz Stirner,
Gertrud und Reinhard Wellmann, Inge und Herbert Zimmermann, Karolchen
und Hans Zultner.
Ein Dankeschön für die Mithilfe zur Darstellung unserer Schäßburger
Künstlerin Marianne Schmidt geb. Pildner von Steinburg.
Wir bitten um Verständnis, wenn der eine oder andere seine zur Verfügung
gestellte Keramik nicht findet, von den 130 gesammelten Objekten konnten
leider nur einige dargestellt werden.
Die Redaktion der SN

Letztes Update:
2005-10-01
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
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