HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Unsere Adresse: Lager 1024 Hanjonkowa

Hermine Keul erinnert sich: Wir hatten ständig Hunger / Wir waren vier Freundinnen, wir halfen uns gegenseitig / Eine bleibende Erinnerung an Russland: Gelenkschmerzen

Es wurde Nacht. Da rollten große Autos heran, bei deren Anblick uns das blanke Grauen packte: Wir wussten, diese Autos fahren uns den letzten Weg durch unsere geliebte Stadt zum Bahnhof, und keiner wusste, wann wir sie wiedersehen würden. Auf dem Bahnhof wurden wir in Viehwaggons verfrachtet: In die kleinen kamen 40–45 Personen, in die großen 90. Mitten im Waggon stand ein kleiner Ofen zum Heizen, sonst gab es da nur Stockbetten ringsum, wo sich jeder ein Plätzchen suchte. Langsam wurde es Tag, der 16. Januar 1945 brach an.

16 Tage und Nächte im Waggon
An diesem Tag, einhalb drei Uhr, setzte sich der Zug mit seinen 1500 verzweifelten Menschen in Bewegung. Im selben Augenblick ertönte unsere große Glocke vom Berg zum Abschied. Manchem hat sie zum letzten Mal geläutet. Verbittert und Hass im Herzen fuhren wir einer ungewissen Zukunft entgegen. Weil wir Deutsche waren, mussten wir büßen, wir mussten helfen, in Russland wieder aufzubauen, was andere Deutsche zerstört hatten. Für uns begann mit dieser Fahrt nach Osten ein neues Leben; bisher lagen die Hände unserer lieben Eltern beschützend über uns, aber ab jetzt musste jeder für sich sorgen, war auf sich selber angewiesen.
Der Zug rollte und rollte, unsere Heimat entfernte sich mehr und mehr. Das Zusammenleben im Waggon war nicht einfach, wir waren Männer und Frauen zusammen. Die Männer schlugen ein Loch in den Boden des Waggons, das diente uns allen als Klo, eine Decke schirmte den seine Notdurft Verrichtenden von den Blicken der andern ab. Auf dem Ofen konnte man einen Tee kochen, wenn man sich rechtzeitig ein Plätzchen auf der kleinen Platte eroberte. Von Waschen war keine Rede. Ab und zu hielt der Zug auf freier Strecke. Dann hieß es: Alle aussteigen. Wir nutzten die Gelegenheit, um uns Hände und Gesicht zu waschen und ohne Scheu zu pinkeln. Wir spielten Karten und sangen; wenn ein trauriges Lied ertönte, flossen die Tränen. So vergingen 16 Tage und Nächte im Waggon.

Hinter Stacheldraht
Am 1. Februar 1945 kamen wir in Hanjonkowa an. Als die Türen der Waggons geöffnet und wir zum Aussteigen aufgefordert wurden, erschraken wir zutiefst angesichts des vielen Schnees und der eisigen Kälte. Eine weiße Landschaft so weit das Auge reichte, und mitten drin schwarze Berge. Kohlen- und Gesteinshalden, sollten wir schon bald erfahren. Russische Offiziere empfingen und geleiteten uns vom Bahnhof in den Ort. Es war weit bis dahin, wir mussten die Strecke zu Fuß zurücklegen: Wir schleiften unsere Koffer auf dem Schnee hinter uns her, zum Tragen fehlte uns die Kraft, einige schafften es auch so nicht weit, ließen ihre Koffer einfach liegen. Endlich kamen wir an unserem Ziel an: fünf neu gebaute Baracken, ringsum zerstörte Häuser. Wir waren froh, dass die beschwerliche Reise zu Ende war und wir ein Dach über dem Kopf hatten; von Betten keine Spur. Die einzige Annehmlichkeit, die uns zum Empfang geboten wurde, war ein warmes Bad. Fünf Jahre lang sollten wir nun hier zu Hause sein. Unsere Adresse: Lager 1024 Hanjonkowa.


Drei Freundinnen (von li. n. re.): Hermine Keul, Trudi Bazant, Ilse Roth


Am nächsten Tag wurden für uns Betten gezimmert, Pritschen, aus Brettern, auf denen der Schnee noch festgefroren war. Jedem wurde ein Plätzchen zum Schlafen zugewiesen, vorläufig Männlein und Weiblein in einem Raum. So begann für uns das Lagerleben.
Rings um die Baracken wurde ein doppelter Stacheldrahtzaun errichtet, der uns anfangs sehr beengte. Später gewöhnten wir uns daran, waren sogar froh, weil er uns Schutz bot vor der unfreundlichen Umgebung. Für die Russen waren wir zunächst alle „Fritzen“, und die Fritzen musste man hassen. Später dann, als sie erfuhren, dass wir nicht aus Deutschland kamen, waren wir die „Saxonen“, und als solche hatten wir es leichter, kamen mit der Bevölkerung und mit den einheimischen „Arbeitskollegen“ besser aus. Das Essen war sehr schlecht. Am Anfang hatten wir noch Essen von zu Hause und verschmähten den Kantinenfraß. Aber die Vorräte waren bald aufgezehrt, und dann begann das Hungern. Wir hatten ständig Hunger. Hunger und Kälte waren die Geißel, die uns die ganze Zeit inRussland begleiten sollte. Besonders schlimm war der erste Winter: Eisige Kälte, Schnee und Eis, dazu ein eisig kalter Wind, der ungehindert über das russische Flachland wehte. Alles kam uns unmenschlich vor, und wir hofften, dass es der erste und letzte Winter in Russland sei. Wie sehr hatten wir uns getäuscht!
Schon bald fing für uns das Arbeiten an. Wir mussten antreten, wir wurden fast jede Stunde gezählt. Jeder wurde einer Arbeit zugeteilt. Zunächst hieß es, unsere Baracken herrichten und die Wege. Es waren furchtbare Zustände, sogar die Arbeitsgeräte mussten angefertigt werden. Putzlappen hatten wir keine, aber den Boden im Wohnraum mussten wir jeden Tag aufwischen. In unserem Raum von etwa 25 m2 waren 18 Frauen untergebracht. Wir schliefen auf Stockbetten, es gab einen Heizofen und eine Bank. Im Winter spielte sich unser Leben auf den Betten ab, weil es sonst keinen Platz gab. Auf den Betten wurde geschlafen, gegessen, dort saßen wir und sangen unsere Lieder und weinten bittere Tränen, wenn uns die Sehnsucht nach unseren Lieben zu Hause packte. Jeder half jedem, so weit es möglich war. Nur so konnten wir überleben.
Unsere Baracken waren ganz in der Nähe des Bergwerks gebaut worden, wo wir schon bald arbeiten sollten. Der Schacht 13 lag direkt vor der Haustür. Wir waren das größte Lager im Umkreis, das Hauptlager mit etwa 1500 Zwangsarbeitern. Bei uns waren der „Stab“, alle Offiziere, die Büros, der Arzt. Hier wurde alles entschieden. Im Umkreis gab es noch mehrere kleinere Lager, die unserem unterstellt waren. Am Anfang war der Umgang mit der Lagerverwaltung und den Vorgesetzten am Arbeitsplatz recht schwer, Dolmetscher mussten her; zum Glück fanden sich unter unseren Männern einige, die im Krieg gewesen waren und etwas Russisch konnten. Im Laufe der Jahre lernten wir alle genügend Russisch für den täglichen Gebrauch.

Arbeit und Krankheit
Bei der Einteilung zur Arbeit hatte ich anfangs Glück: Ich kam nicht ins Kohlenbergwerk, sondern wurde Kurier. Das war eigentlich recht sonderbar, wie wir zur Arbeit eingeteilt wurden: Unser Offizier suchte die Frauen, die städtisch gekleidet waren, für leichtere Arbeiten aus; die anders Gekleideten, Leute vom Dorf, mussten von Anfang an in den Schacht einrücken. Das gab natürlich Ärger bei den einen, aber konnten wir andern etwas dafür? Die Klagen der Unzufriedenen wurden nicht erhört.
Meine Arbeit machte mir Spaß, ich konnte mich außerhalb des Lagers frei bewegen. Die Herrlichkeit dauerte aber nicht lange: Es wurde uns verboten, nach Hause zu schreiben, es gab keine Post, die ich hätte abholen können, man brauchte keinen Kurier. Ich wurde dem Lazarett zugeteilt, als Helferin, obwohl ich keine medizinischen Kenntnisse besaß. Eines Tages kam ein Transport Männer aus Deutschland an, sie sahen sehr schlecht aus, man hatte sie 14 Tage lang hungern lassen, viele hatten die Ruhr. Die Kranken kamen in unser Lazarett, aber wir konnten ihnen nicht helfen, Medikamente gab es keine, und auch zu essen bekamen sie sehr wenig; es hieß: Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen. Viele starben vor unseren Augen. Die Bilder dieser kranken und sterbenden Männer verfolgen mich bis heute. Ich konnte die Arbeit im Lazarett nicht länger ertragen und bat um eine andere Beschäftigung. Ich kam in die Küche als Helferin. Aber auch hier blieb ich nicht lang.
Im Mai 1945 wurde ich als Lorenschieberin dem Bergwerk zugeteilt. Ich bekam warme wattierte Kleidung, und eine kleine Gaslampe wurde mir in die Hand gedrückt. Ich hatte Nachtschicht. Keine Ahnung, was da auf mich zukam. Am Abend versammelten sich die Frauen und Männer vor der Förderanlage. Ich hatte Angst, betete: Herr hilf mir! Plötzlich kam unter großem Gepolter und Geplätscher von Wasser der Lift zum Vorschein. Nun wurde von allen Seiten gebrüllt: Dawai, einsteigen, vorwärts. Von hinten wurde gestoßen, wir wurden in den Lift hineingezwängt, und dann ging es auch schon los, der Boden unter meinen Füßen schwankte und wir fielen regelrecht ins schwaze, gähnende Loch. Der Schacht war 160 bis 175 Meter tief. Ein fürchterlicher Ruck, unsere Höllenfahrt war zu Ende. Unter großem Gedränge ging es in die schwarze Nacht hinein. Wir bekamen einen Führer, Natschalnik, und dann stolperten wir hinter diesem zu unserem Arbeitsplatz. Wir gingen durch Wasser, stellenweise bis zum Knöchel, und von oben floss auch Wasser auf uns herab. Da standen einige Loren, die mussten wir mit Kohle beladen und sie dann, uns mit dem Rücken dagegen stemmend, bis zur Verladestelle schieben. Knochenarbeit, Sklavenarbeit. Wir arbeiteten mit Russinnen zusammen; wir kamen ganz gut mit ihnen zurecht. Wir waren ständig in Gefahr, es war alles recht primitiv, auch vom Krieg halb zerstört, viele verunglückten und wurden tot zutage gefördert. So manche Träne floss über unsere vom Kohlenstaub schwarzen Wangen. „Ach, Mutter!“ Es gab für mich keinen Sonntag, keinen Feiertag, sechs Monate lang. Dann wurde ich sehr krank, vertrug die Luft im Schacht nicht: Wenn ich nach der Schicht im Schacht an die Erdoberfläche kam, sah ich wie ein Monster aus, am ganzen Körper geschwollen, verunstaltet, nicht wieder zu erkennen. Eine medizinische Versorgung gab es nicht. Ich bekam aber eine andere, leichtere Arbeit.
Die Kohle kam aus dem Schacht auf einem Förderband zutage. Eine Gruppe Frauen musste die Steine heraussortieren. Dieser Gruppe wurde ich zugeteilt. Die Arbeit war nicht schwer, und wir waren im Freien an der frischen Luft, aber es war bitterkalt im Winter, bis zu 35 Grad unter null. Wir hatten warme Kleidung, Watteanzüge, und sahen aus wie Teddybären mit Eiszapfen: Die ausgeatmete Luft gefror, und es bildeten sich Eiszapfen auf unseren Jacken.
Nach einem Monat begann für mich eine lange Leidenszeit: Ich wurde krank, und eine Krankheit löste dann die andere ab. Zuerst war es Scharlach, etwas ungewöhnlich in meinem Alter. Ich war die Einzige unter den 1500 Menschen im Lager mit dieser Kinderkrankheit und kam in ein Krankenhaus, wo viele Typhuskranke lagen. Hier steckte ich mich an, bekam einen schweren Kopftyphus. Ich wurde in ein anders Krankenhaus verlegt, und dort lag ich zwei Monate lang mit über 40 Grad, allein unter fremden Menschen. Medikamente gab es ja keine, die Haare wurden mir abgeschnitten, ich fühlte mich verlassen. Ein Glück, dass mich meine Freundin Ilse Roth, die Lagerdienst und so ab und zu Ausgang hatte, öfter besuchte. Sie brachte mir dann einen geriebenen Apfel und Kekse mit, anderes konnte ich ja nicht zu mir nehmen, aber was noch wichtiger war: Sie gab sich sehr viel Mühe, um meinen Lebensmut zu stärken. Ich kann sagen, sie hat mir in jener Zeit das Leben gerettet. Wir waren vier Freundinnen – Trudi Bazant, Ilse Roth, Gundi Wolff und ich –, die zusammenhielten und sich gegenseitig halfen, so gut es eben ging. Ganz plötzlich ging das Fieber auf normale Körpertemperatur zurück, niemand wusste wieso, und ich wurde aus dem Krankenhaus entlassen. Ich war auf 46 Kilo abgemagert, hatte keine Haare auf dem Kopf, konnte nicht mehr gut hören und sehen. Wie sollte es weitergehen? Es war Ende Mai 1946. Nach vielem Hin und Her wurde ich zusammen mit anderen Mädchen einem Gemüse-Kolchos zugeteilt. Das war wahrscheinlich mein Glück, hier konnte ich mich erholen und zu neuen Kräften kommen. Ich arbeitete mit Gretelotte Siegmund zusammen, die hatte auch Typhus gehabt, war noch schwerer krank gewesen als ich. Es ging uns recht gut, wir machten unsere kleinen Geschäfte: Am Abend nahmen wir jedes Mal ein paar Gurken, Tomaten oder anderes Gemüse mit und verkauften das im Lager. Wir konnten uns zusätzlich Brot kaufen. Ich war für das Finanzielle zuständig, Gretelotte bereitete uns das Essen zu. Wir waren von der Sonne schön braun geworden, und alle Schachtarbeiter beneideten uns. Leider ging der Sommer schnell zu Ende, und im Spätherbst wurden wir auf dem Kolchos nicht mehr gebraucht.
Ich kam wieder auf meinen alten Arbeitsplatz, zur „Sortirofka“, zum Sortieren von Kohle und Steinen am Fließband. Es ging nicht lange gut, und ich wurde wieder krank. Ich bekam einen schmerzhaften Gelenkrheumatismus und wurde ins „Lazarett“ eingeliefert. Vier Monate verbrachte ich dort, fast die ganze Zeit im Bett. Ich hatte Fieber, konnte nicht aufstehen, sogar die Finger taten mir weh, ich konnte den Löffel nur unter großen Schmerzem zum Mund führen. Als es mir etwas besser ging, bekam ich Krücken und konnte mir so etwas Bewegung verschaffen. Nach einiger Zeit reichte eine Krücke, und das war für die Vorgesetzten das Zeichen, dass ich arbeitsfähig sei. Unter Schmerzen versah ich meine Arbeit am Fließband. Natürlich konnte ich wegen der Schmerzen nicht viel leisten, aber meine Brigadeleiterin hatte ein Einsehen, sie sagte oft zu mir: „Ninetschka, sidi!“, setze dich. Recht langsam wurde es besser, die Schmerzen bin ich aber bis heute nicht mehr gänzlich losgeworden. Eine bleibende Erinnerung an Russland. Ich frage mich oft, wie ich das alles überlebt habe, die vielen Krankheiten – zwischendurch hatte ich auch Malaria –, die schwere Arbeit, die Kälte, der ewige Hunger. Wir haben viel zu unserem lieben Gott gebetet, wir haben uns gegenseitig Mut zugesprochen, wir wollten alle unsere liebe Heimat wiedersehen.
Im April 1949 wurde ich zum Aufbau versetzt. Die Arbeit war schwer, der Verdienst sehr klein. Einmal, am Ende eines Monats, als wir zur Auszahlung des Lohns gerufen wurden, sah ich auf der Liste neben meinem Namen nur 5 Rubel; ich war so geärgert über den kleinen Verdienst, dass ich erklärte: „Diese paar Rubel brauche ich nicht!“ und mich weigerte, zu unterschreiben. Meine Courage wurde von den Umstehenden mit Applaus belohnt: Die Leute waren so verängstigt, dass es niemand wagte, laut zu protestieren. Ich hatte es gewagt, und das fanden alle sehr sympathisch. Nach zweieinhalb Monaten kam ich wieder zum Fließband, und da blieb ich bis zu unserer Heimkehr.

Das Lagerleben
An das Gemeinschaftsleben mussten wir uns erst gewöhnen. Wir wohnten 25 bis 30 Frauen und Mädchen in einem Raum, den die Stockbetten fast zur Gänze ausfüllten; es blieb nur ein schmaler Gang zwischen den Betten. Wir arbeiteten in drei Schichten: Einige gingen zur Arbeit, andere kamen nach Hause, wieder andere wollten schlafen. An einen ungestörten Schlaf war nie zu denken, auch unsere Plagegeister ließen das nie zu: Wanzen und Läuse. Wenn ich aufwachte, hatte ich immer eine frische rot punktierte Perlenschnur am Hals – Wanzenbisse. Das enge Zusammenleben, das Ungeziefer, die eingeschränkten Waschmöglichkeiten, es war einfach grausam. Im Sommer war es leichter, da konnten wir die Strohsäcke ins Freie tragen und unter freiem Himmel besser schlafen.
Der Tagesablauf war sehr eintönig, wir kamen müde von der Arbeit, konnten uns nie richtig ausruhen, waren ständig erschöpft, hatten keine einzige Freude. Zwei Wörter, die uns die Offiziere immer wieder zuflüsterten, gaben uns Kraft: „Skoro damoi!“, bald geht’s nach Hause. Und dann hieß es auch: Wer gut arbeitet, der kann schneller nach Hause. Oft saßen wir abends bei schwachem Licht im Kreis und sprachen über unser Zuhause. „Fern von der Heimat, so fern so fern, / Mutter, wie wäre ich bei dir, ach so gern ...“ Oder: „Nach der Heimat geht mein einzig Sehnen ...“ Solche Lieder wurden unzählige Male gesungen.


"So sahen wir aus, in Arbeitskleidung,
vermummt gegen die Kälte...", sagte
Hermine Krulitsch erklärend zu diesem
Bild. Sie ist rechts in der mittleren Reihe
zu erkennen.


Viel Freizeit hatten wir nicht. Oft mussten wir rings um unsere Baracken sauber machen, Blumen und Bäume pflanzen; es wurden Tische und Bänke gezimmert. So machten wir unsere Baracken, das ganze Umfeld wohnlicher. An Vergnügungen und Unterhaltung war nicht zu denken, waren wir doch ständig müde, und der ewige Hunger plagte uns ganz fürchterlich. Besonders die Männer litten Höllenqualen. Viele erkrankten, waren unterernährt, und Medikamente gab es fast keine.
Im Herbst 1947 wurden die Lebensmittelkarten abgeschafft. Nun wurde das auch für uns erträglicher: Wir konnten uns einiges kaufen und selbst zusätzlich zum Kantinenessen etwas kochen. Mit dem Kochen war das aber gar nicht so einfach. Im Freien waren zwei Öfen aus Ziegelsteinen gebaut worden. Zu wenig für über 300 Frauen, die sich ein Süppchen kochen wollten. Wer sich nicht schon früh am Morgen ein Plätzchen auf einem Ofen reservierte, musste auf seine Bohnensuppe oder den Palukes zu Mittag verzichten. Eine selbst gemachte Bohnensuppe war für uns ein Festessen, da konnten wir uns mal satt essen. An den Sonntagen konnte sich der eine oder andere auch etwas Süßes als Nachspeise leisten. Und bei besserem Essen fassten wir neuen Mut. Plötzlich wollten wir etwas tun, um die Langeweile zu bekämpfen. Es wurden zwei Musikkapellen gegründet: ein Streichorchester und eine Blaskapelle. Sie konnten ganz ordentlich Walzer spielen. Die Offiziere staunten über alle Fähigkeiten, die unsere Leute offenbarten. Einige äußerten den Wunsch, einen Saal zu bauen. Wir packten alle an, Frauen und Männer, und schnell war ein Saal da, und wir konnten tanzen. Für Unterhaltung in unserer Freizeit war gesorgt. Nach drei traurigen Jahren zog Fröhlichkeit ein in unser Lager. Und man hielt Ausschau nach einem Freund, einer Freundin, um mit jemandem Freud und Leid teilen zu können. Wir wussten ja nicht, wie lange wir noch hier in der Fremde bleiben würden.
Ich fand auch einen Freund. Er hieß Wilhelm Landskron und kam aus Berlin. Er war ein sehr netter, anständiger Kerl. Er war sieben Jahre älter als ich und verheiratet, und ich war verlobt. Mein Verlobter, Erhard Stinzel, war aus dem Krieg nach Hause gekommen und jetzt in Schäßburg, so viel hatte ich erfahren. Willi und ich waren bloß Freunde, wir kamen gut miteinander aus, wir teilten Freud und Leid. Er hatte noch zwei Freunde im Lager, Arthur Wiegant aus Hamburg und Walter Tarnow aus Berlin, und diese hatten wiederum Freundinnen. Wir waren eine kleine, nette Gesellschaft und halfen uns gegenseitig, wenn Not am Mann war. Wir verbrachten so manche schöne Stunde zusammen. Im November 1949 hieß es dann Abschied nehemn, unsere Wege trennten sich. Was uns blieb, war die Erinnerung an einige schöne gemeinsame Stunden.

„Heimat, deine Sterne ...“
Mit der Zeit hatten wir uns durch unseren Fleiß allgemeine Anerkennung erworben. In den letzten zwei Jahren wurden uns Filme gezeigt und auch andere Vorstellungen geboten. Die von uns gepflanzten Bäumchen waren groß geworden und spendeten uns im heißen Sommer Schatten. An manchem schönen Sommerabend saßen wir bei Mondschein draußen, und unsere Augen waren auf die vielen Sterne gerichtet: „Heimat, deine Sterne, sie leuchten dir auch im fremden Land ...“ In solchen Stunden packte uns das Heimweh, aber gemeinsam überwanden wir den Schmerz; für uns galt: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.
Im Herbst 1949 hieß es: Bald geht’s nach Hause. Konnten wir daran glauben? Aber dann kam doch der lang ersehnte Augenblick: Am 13. November 1949 verließen wir unser Lager, wir hatten fünf Jahre hinter Stacheldraht gelebt. Diesem Tag waren jedoch viele aufregende Stunden vorausgegangen, wir hatten nämlich unser Urlaubsgeld für fünf Jahre ausbezahlt bekommen, und weil wir das Geld nicht nach Hause nehmen durften, hieß es, schnell einkaufen, alles ausgeben. Zu kaufen gab es aber nicht viel, die meisten kauften dann kiloweise Bonbons; auf der langen Fahrt verklumpten die Süßigkeiten, und zu Hause warfen wir dann die ungenießbaren Klumpen weg.

Endlich nach Hause!
Als sich das große Tor des Lagers zum letzten Mal für uns öffnete, jauchzten wir vor Freude: Freiheit! Wir waren frei, durften wieder Mensch sein wie die andern, und es ging in die Heimat. Was wird uns zu Hause erwarten? Die Ungewissheit trübte unsere Freude, und dann war auch der Transport ins Sammellager Makiefka furchtbar. Aber das nahmen wir gelassen hin, ging es doch endlich heimwärts. In der Nacht des 16. November 1949 setzte sich unser Zug in Bewegung. Diesmal waren es Freudentränen, die vergossen wurden. Ich stellte mir in Gedanken die Begrüßung zu Hause vor, Mutter, Vater, mein Bruder Hans, der das Glück gehabt hatte, ein Jahr vor mir aus dem Lager entlassen zu werden.
Am 21. November kamen wir in Sighet an, da blieben wir zwei Tage. Wir wurden verpflegt, erhielten unsere Papiere und jeder 200 Lei. Es war die erste zivilisierte Stadt nach fünf Jahren, in der wir uns frei bewegen konnten. Alles kam uns so komisch vor: Die Menschen trugen Hüte, sie hatten Mäntel an, sprachen rumänisch – wir hatten diese Sprache schon ewig nicht mehr gehört. Mit Autos ging es weiter bis Baia Mare. Auf dem Bahnhof wurde uns durch Lautsprecher mitgeteilt, dass jeder in den erstbesten Zug einsteigen könne, der in Richtung seines Heimatortes abfuhr. Ich musste nicht warten, mein Zug ging bald ab, und Freitag, den 25. November 1949, gegen 3 Uhr nachmittags tauchte nach der letzten großen Biegung unser Städtchen auf. Unsere Gefühle lassen sich nur schwer beschreiben. Auf dem Bahnhof hielt jeder Ausschau nach seiner Familie. Endlich erblickte ich meinen Vater und meinen Bruder. Aber wo war Mutter? Ich beruhigte mich, als ich erfuhr, dass sie mit einer Erkältung im Bett lag. Auf dem schnellsten Weg ging es nach Hause, und dann waren wir wieder vereint, die ganze Familie glücklich. Am nächsten Tag, dem 26. November, hatte mein Vater Geburtstag. Es war der schönste Tag in seinem Leben.
Ich danke dem lieben Gott von ganzem Herzen, dass ich gesund und munter in meine Heimat und zu meiner Familie zurückkehren durfte. Ich hoffe, dass ich in meinem Leben keine so schrecklichen Jahre mehr erleben muss.

Hermine Krulitsch (Nürnberg)

(Frau Hermine Krulitsch hatte ihre Erinnerungen bald nach der Rückkehr aus Russland niedergeschrieben. Vor einigen Jahren schrieb sie auf Wunsch ihrer Tochter alles noch einmal in ein Heft ab, und dieses Heft stellte sie uns zur Verfügung. Wir danken ihr dafür.)


 

balken.gif (7924 Byte)

Letztes Update: 2005-10-01 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg