Zum hundertsten Geburtstag
Erinnerungen an Prof. Karl Gustav Reich
Mundartdichter und Lehrer für Pädagogik, Deutsch, Musik,
Latein u.a.
an der Schäßburger Bergschule

Karl Gustav Reich, wie man ihn kannte,
mit seiner Frau Grete - Foto: W. Lingner
Wenn Prof. Reich nach seiner Berufung 1948 an die Deutsche Pädagogische
Schule in Schäßburg in einem Brief seinen Umzug aus der lieb
gewordenen Geburtsstadt Hermannstadt mit „in den sauren Apfel Schäßburg
beißen“ bezeichnet, weg von Freunden, Bekannten, Frau und
Kindern, ohne richtige Wohnung, ( in den ersten Jahren wohnte er im Zinngießerturm,
in dem ihm Schüler einen Ofen mauerten, daß man überhaupt
heizen konnte! ) - so hat er später die Schäßburger Jahre
als die s c h ö n s t e n seines Lebens bezeichnet. Sicher nicht
wegen der idealen Lebens- und Arbeitsbedingungen, obwohl er die Naturnähe
der überschaubaren und gemütlichen Stadt bald lieb gewann, sondern
wohl eher, weil sein zupackender Optimismus die ernsten
Schwierigkeiten der Zeit mit ansteckendem Humor zu meistern verstand,
die Kollegen und Schüler der Bergschule, ja die Schäßburger
Bevölkerung dem vielseitig Begabten als Lehrer und Internatsleiter,
als Musiker, Dichter und Regisseur mit Achtung, Wertschätzung und
Freundschaft begegneten.
Schon kurz nach Karl Gustavs Geburt (am 15. März 1905) in Hermannstadt
wurde sein Vater Carl Reich nach Kerz zum Pfarrer gewählt, und die
Familie zog von Hermannstadt um. In dieser „heilen Welt“ der
Dorfgemeinschaft, im gastfreundlichen Pfarrhaus erlebte Karli eine behütete
Kindheit und die ersten Schuljahre. Freundschaften aus dieser Zeit haben
bis ins hohe Alter gehalten. Mit der Flucht der Familie im Ersten Weltkrieg
begannen die „Wanderjahre“. Zunächst ging es nach Hermannstadt
auf das Brukental-Gymnasium, das er 1922 beendete. Das Studium der Pädagogik,Theologie,
Germanistik und Romanistik in Tübingen, Berlin, Perugia und Bukarest
musste er sich in diesen schweren Zeiten (Inflation) meist selbst finanzieren,
vom Zirkushelfer über Privatstundenlehrer bis zum Stehgeiger hat
der vielseitig begabte Student immer wieder Arbeit gefunden, hat manchmal
auf Parkbänken übernachtet, war aber immer frohen Mutes. Vom
italienischen Eisenbahnminister, den er kennen lernte, bekam er eine Freifahrkarte
für die italienische Eisenbahn geschenkt, eine günstige Möglichkeit,
die Kunstwerke und landschaftlichen Schönheiten Italiens kennen zu
lernen. In Berlin hatte er den berühmten Philosophen und Pädagogen
Eduard Spranger als Lehrer. Zu dem kehrte er – nach einigen Unterrichtsjahren
in Bukarest – 1933 zurück, wurde Studienasessor und gerne gesehener,
auch musizierender Gast bei des Professors Mittwochsempfängen. Die
begonnene Doktorarbeit musste er abbrechen und 1939 nach Hause zurückkehren:
der 2.Weltkrieg war ausgebrochen!
In Hermannstadt lehrte er am Jungenseminar, spielte Theater ( u. a. das
Mundartlustspiel „Der Härr Lihrer kit!“ von seinem Bruder
Otto, Grete Salzer, seine spätere Braut und er in den Hauptrollen,)
bis die rumänische Armee ihn 1941 aus der Schule zum Russlandfeldzug
abholte, als Reisegepäck: Schultasche, Apfel, Taschentuch! Eine kurze
Nachricht verständigte die junge Braut davon. Die packte das Nötigste
zusammen und fuhr dem Truppentransport nach, bis das Gepäck den armen
Soldaten Reich erreichte. Im Krieg war er Dolmetscher zwischen dem rumänischen
Generalstab und dem deutschen Oberkommando der Wehrmacht, da er die Sprachen
der Waffenbrüder perfekt beherrschte. Er kam bis in den Kaukasus.
Im Januar 1943 bekam er Urlaub, kam reich beschenkt nach Hermannstadt
und heiratete Grete Salzer. Als er sich nach dem Urlaub zu seiner Einheit
zurückmelden wollte, gab es die nicht mehr: Stalingrad war gefallen
und für ihn war der Kriegsdienst vorbei. So konnte der neu vermählte
Herr Professor wieder lehren, und zwar am landeskirchlichen Lehrerseminar
in Hermannstadt.
Die Zwangsdeportation seiner Altersgenossen blieb ihm erspart, da er
zurzeit der Aushebung schwer krank im Spital lag; seine junge Frau wurde
wegen ihrer Schwangerschaft verschont. Als 1948 die Schulreform das Jungenseminar
mit dem Mädchenseminar in Schässburg unter staatlicher Trägerschaft
und Oberaufsicht zusammenlegte, behielt er, allen Schwierigkeiten zum
Trotz, seinen Optimismus. Auch bei ihm war, wie seinerzeit bei Haltrich,
„die schöne Aussicht über die Stadt die zweite Hälfte
des Gehalts“. Dann kam die Ehefrau mit den inzwischen geborenen
drei Kindern in die Wohnung neben dem ehemalige Seminar, denn Prof. Reich
war zusätzlich zu seinen schulischen Aufgaben Internatsleiter geworden.
Nach weiteren zwei Jahren zog die Familie auf die Burg.
Das Gehalt eines Seminarlehrers reichte nicht weit und musste durch zahlreiche
Privatstunden aufgebessert werden. Die Schularbeit und ihre sorgfältige
Vorbereitung durfte natürlich nicht zu kurz kommen. Die Probestunden
und die pädagogischen Praktika, z.T in anderen Städten durchgeführt,
wollten genau organisiert werden. Seine fachliche Kritik war sachlich,
liebevoll, aufbauend, auf langjährige Erfahrung gegründet, oft
mit Humor und Lachen gewürzt, nie verletzend, verständnisvoll,
dass Kollegen ihn der unzulässigen Großzügigkeit ziehen.
Er verteidigte sich und betrachtete seine Benotung als pädagogische
Maßnahme, die ermutigen soll. Trotz dieser Belastungen blieb Zeit
zum Theater-Schreiben, Einstudieren und Aufführen, zum Musizieren
in den Komponistenstunden oder als Konzertmeister im halbsinfonischen
Orchester unter Paul Schuller, das im Landeswettbewerb einen zweiten Platz
gewonnen hat.
Zu diesen Schässburger Jahren sagte Karl Gustav Reich am Grabe seines
Kollegen und Freundes Dr. Eckart Hügel (1977 ): „Meine schönsten
Lehrerjahre fingen damals an, als wir in schweren Zeiten mit anderen gleichgesinnten
Kollegen drangingen, etwas Neues aufzubauen: die Deutsche Pädagogische
Schule, zur Ausbildung der sächsischen Lehrerinnen und Lehrer. Keine
andere Schule kam damals schon nach kurzer Zeit unserer Bergschule gleich.
Wo gab es noch ein Lehrerkollegium, das so zusammenhielt wie wir und im
gleichen Sinn und gleichen Schritt ging? Wo waren eifrigere, zuverlässigere
und treuere Schüler zu finden als dort? Wo bestand irgendwo ein engeres,
kameradschaftlicheres Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern,
als dort auf dem Berg? Bald waren wir eine einzige Gemeinschaft, die Gemeinschaft
derer von der Bergschule. Und der Geist, der hier entstand, nahm feste
Formen an, wurde etwas ganz Besonderes, und ging dann von hier aus hinaus
ins Land, getragen von denen die hier studierten.“
Die Auflösung des Schäßburger Seminars traf den Pädagogik-Professor
hart. Nun musste er andere Fächer an anderen Schulen (zeitweilig
bis zu acht Schulen gleichzeitig!) unterrichten. Nach einer Magenoperation
wurde er 1965 zum ersten Mal pensioniert und übersiedelte nach Hermannstadt.
Die neue Umgebung gab dem Unermüdlichen wieder Auftrieb und neue
Aufgaben: Er unterrichtete am „Päda“ (pä-dagogischen
Lehrerseminar), am Brukenthalgymnasium, an der Musikschule, sang im Bachchor,
begleitete die „Senioren-Blasia“ auf ihren Konzertreisen und
trug seine Gedichte vor. (In drei Bändchen sind seine Gedichte veröffentliucht
worden, und auf Ton-Kassetten ist der Dichter selbst zu hören.) Auf
ausgedehnten Fußwanderungen durch den Unterwald, durchs Harbachtal
besuchte er Freunde, Verwandte und bekannte Orte.
Das Reisen konnte er nach seiner Auswanderung nach Deutschland (1980)
bis zum Nordkap, nach Kanada (wo seine 1954 in Schässburg geborene
Tochter Ingeborg zeitweise als Studienrätin arbeitete, wo er in den
„Saxon“- und
„Transsilvanian-Clubs“ den Landsleuten seine Gedichte vortrug),
nach Südspanien, Österreich und anderen schönen Gegenden
dieser Erde ausdehnen. In der Bundesrepublik nahm er gerne an Klassentreffen
seiner dankbaren Schüler
teil, trug seine Gedichte bis ins hohe Alter auswendig in Kulturveranstaltungen
der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen vor. Als Anerkennung
seiner Verdienste wurde ihm die „Stephan-Ludwig-Roth-Medaille“
(1993) verliehen.
Auch von Deutschland aus besuchte er häufiger Siebenbürgen,
die Karpaten und die Schwarzmeerküste. Die 475-Jahrfeier der Bergschule
(1997) konnte er nicht persönlich besuchen, nahm aber in Gedanken
und durch einen Brief daran teil, in dem es u.a. heißt: „Das
Erziehungsziel: junge Menschen zu bilden, die ihrem Land, ihrem Volk,
ihrem Glauben ein Leben lang treu bleiben, hier wurde es verwirklicht.
Ein bedeutsamer Abschnitt in der Geschichte unserer Bergschule waren sicherlich
die Jahre von 1948–1956, wo die Anstalt nach der Schulreform von
1948 als Deutsche Pädagogische Schule aus dem Zusammenschluss des
Hermannstädter Lehrerseminars und der Schäßburger Lehrerinnenbildungsanstalt
entstand. Viele Hunderte bester deutscher Lehrkräfte sind damals
an der Bergschule ausgebildet worden. Sie war damals die bedeutendste
deutsche Bildungsanstalt in Rumänien, da ja die deutschen gewandelt
worden waren.
Unvergessen bleibt auch die kulturelle Arbeit, die zu jener Zeit geleistet
wurde. Vor allem die vielen Theateraufführungen, die unter der Leitung
von Prof. Egon Machat nicht nur in Schäßburg, sondern in allen
deutschen Siedlungsgebieten großen Anklang fanden. „...Auch
mein sächsisches Theaterstück ‚Der Gezkruegen‘ hat
seinen Siegeszug von der Bergschule aus angetreten...“
Seine letzte Reise trat er im Dezember 1997 an. Nach kurzer Krankheit
starb er am 19. und wurde am 29. auf dem Neuen Friedhof in Gießen
zu Grabe getragen, von seiner Familie und zahlreichen Schülern begleitet.
Zur gleichen Zeit läutete zu seinem Gedenken die Große Glocke
der Bergkirche in Schässburg, als Dank und Ehrung dem humorvollen
Optimisten, der durch seine Lehrertätigkeit den Geist der Bergschule
vielen Schülern – auch ungarischen und rumänischen –
weitergegeben, die Kulturszene der Stadt tatkräftig und vielseitig
mitgeprägt hat.
Hans Orendi (Mühlheim)

Letztes Update:
2005-10-16
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