Zur Schäßburger Hütte
Meine erste Bekanntschaft mit dem Gebirge:
Schulausflug mit Prof. Dr. Hans Markus / Den Hauch der Freiheit fühlen
Auf die Berge möcht’ ich fliegen,
möchte sehn ein grünes Tal,
möcht’ in Gras und Blumen liegen
und mich freun am Sonnenstrahl.
H. H v. Fallersleben
Berge, besonders im hochalpinen Bereich, üben unbestritten eine
besondere Faszination aus – sei es auf den die Schönheit dieser
Landschaft suchenden Wanderer, sei es auf den sein sportliches Können
auslotenden Bergsteiger, sei es auf Künstler, die beim Anblick des
blauen Berghimmels, der schneeweißen Gipfel, des rauschenden Wildbaches
zu künstlerischem Schaffen angeregt werden. Ganz große Geister
haben davon Beispiel gegeben: Ich denke an die Aquarelle, die Dürer
während seiner Reisen über die Alpen schuf, ich denke an die
herrlichen Gemälde, die z. B. Ludwig Richter oder Giovanni Segantini
malten, und ich denke an die Reise Goethes ins Berner Oberland, da er,
angesichts des Staubbachwasserfalles im Lauterbrunnental, eines seiner
schönsten Gedichte schrieb:
Des Menschen Seele gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es,
und wieder nieder zur Erde muß es.
Ewig wechselnd .......
Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind!

Das Sombater Tal im Fogarascher Gebirge - Foto: Sepp Poder
Auch Musiker haben uns diesbezüglich Herrliches beschert: Wenn ich
z. B. die wunderschön perlenden Melodien des „Forellenquintetts“
Franz Schuberts höre, dann erscheint vor meinem geistigen Auge ein
heimeliges Alpental mit seinem hurtig dahineilenden, beständig murmelnden
Bach, der erst weit entfernt von seiner Quelle, Ruhe findet.
Von einigen erhöhten Standorten der Schäßburger Gemarkung
(Hintere Breite, Jungkernberg) kann man am Horizont gen Süden, wenn
man gute Augen hat und die Wetterlage günstig ist, die Südkarpaten
erkennen. Das schien mir, dem kleinen Knaben, so das „Geschätz“,
der Grenzzaun am Ende der Welt zu sein. Später wusste ich natürlich
besser Bescheid, jedoch glaubte ich kaum, jemals dahin zu gelangen.
Aber dann kam es doch dazu. Ich meine ich war Tertianer, da organisierte
Herr Prof. Dr. Hans Markus einen ersten Ausflug nach dem Krieg zur Schäßburger
Hütte im Sombata-Tal. Es meldeten sich genügend Erwachsene und
Schüler zur Teilnahme an, so dass ein Lastwagen, mit etlichen Holzbänken
auf der Plattform, angemietet werden konnte. Ich bat meine Mutter so lange,
bis auch ich mitfahren durfte. Von einer Tante wurde ein großer
Rucksack ausgeliehen und voll gepackt: Kleidung für gutes und schlechtes
Wetter – und Essen, das für eine Woche reichen sollte. Der
Rucksack war verdammt groß und schwer. Wenn ich ihn geschultert
hatte, sah es von hinten aus, als ob der Rucksack selbst einen Kopf, Arme
und Beine hätte. ...
Und dann ging’s los: Vier Uhr, es war noch dunkel, bestiegen wir
unser Transportmittel und fuhren Richtung Fogarasch. Wer alles mit von
der Partie war, weiß ich nicht mehr genau, jedoch alle zusammen
waren wir ein gutgelauntes, sangesfrohes Völkchen, das während
fast der gesamten Fahrtstrecke die uns bekannten Lieder in den erwachenden
Tag schmetterte. Bei Sonnenaufgang erreichten wir das orthodoxe Kloster
am Eingang zu „unserem“ Tal. Hier standen schon zwei oder
drei Esel bereit, die schwersten Rucksäcke bis zur Berghütte
zu schleppen. Und nun ging’s zu Fuß auf gut markiertem Pfad
bergan, den rauschenden Gebirgsbach einmal zur Rechten, einmal zur Linken.
Dabei war einigen von uns neu und interessant, dass man aus dem klaren,
kühlen Bach direkt trinken konnte. Auf einem dicken Stein hockend,
wollte ich mir mit meinem Aluminiumbecher von dem kristallklaren Wasser
einen Trunk schöpfen, jedoch ich bekam das Übergewicht, rutschte
aus und plumpste bis über die Schultern in die hier tiefe Bachmulde.
Unter schadenfrohem Lachen meiner Kameraden wurde mir aus dem Wasser geholfen
und ich musste meine Kleidung wechseln. Die Unterwäsche ließ
ich am Leibe trocknen. Der Anstieg heizte ja gut ein.
Zuerst ging es durch Laubwald, dann durch Nadelwald, bis auch die Tannen
immer schütterer wurden und sich das herrliche Panorama des Talschlusses
zeigte. Wir staunten alle über diesen schönen Anblick. Und nun
lag auch ein unbeschreibbar rauchig-würziger Duft in der Bergluft,
der uns merken ließ, dass wir der Hütte nahe waren.
Dort angekommen, wurde uns jedem eine Schlafstelle in den Schlafräumen
zugewiesen, und dann erkundeten wir ungeduldig die nähere Umgebung:
Wir kletterten auf große, in der Nähe liegende Felsbrocken
und freuten uns über jedes noch nie gesehene Bergblümchen, das
wir erblickten.
An den nächsten Tagen machten wir längere Wanderungen. Voran
ging Prof. Markus mit seinem, an den Steinen des Steges klappernden Bergstock,
und die Wandergruppe folgte im Gänsemarsch hinterher. Hob der Professor
seinen Stock senkrecht in die Höhe, so hieß das: Stehen bleiben!
Verschnaufpause! Damals wusste ich noch nicht, dass Dr. Hans Markus vor
dem Krieg ein erfahrenes, sehr engagiertes und führendes Mitglied
der Schäßburger Sektion des Siebenbürger Karpatenvereins
war und sich um die Errichtung der schönen „Schäßburger
Hütte“ sehr verdient gemacht hatte.

Enzian - Foto: Sepp Poder
Natürlich mutete uns unser Leiter keine Gewaltanstrengungen zu, jedoch
der Anstieg zum „Grossen ...“ und zum „Kleinen Fenster“,
und dann der in die Kniegelenke gehende Abstieg sorgten für gehörigen
Muskelkater. Jedoch der berauschend zarte Duft der roten Almrauschhänge,
die wir durchschritten, und die herrlichen Ausblicke aus luftiger Höhe
ließen alles Mühevolle vergessen.
Am letzten Tag machten wir unsere längste Wanderung. Sie führte
uns bis zum Urlea-See und dann wieder zurück zur Hütte. Jede
Stegbiegung, die wir durchwanderten, hinterließ neue, unvergessliche
Eindrücke. Aus noch vorhandenen Schneeresten, die wir in einigen
Talrinnen fanden, rührten wir uns mit mitgebrachter Marmelade „Gletschereis“.
Es schmeckte fast wie vom Konditor. So meinten wir jedenfalls.
An den Abenden, nach dem Essen aus unserem Rucksack, und dazu den aromatischen
Alpenrosentee aus der Hüttenküche, saßen wir noch einige
Zeit im Speiseraum beisammen, sangen, spielten Karten oder „Flaschendrehen“,
bis uns die Müdigkeit auf unser Pritschenlager zwang.
Fotos wurden auf dieser Tour, meines Wissens, nicht gemacht, denn, so
kurz nach dem Kriegsende, hatte wohl niemand eine Kamera dabei. Das war
also meine erste Bekanntschaft mit dem Gebirge.
Ich habe in späteren Jahren dies wunderschöne Tal mit der „Sphinx“,
dem „Großen Fenster“ und der „Pyramide“
als Talschluss, oft bewundern können, wenn ich allein, oder mit meinen
beiden Buben, es aufsuchte. Einige Jahre zuvor aber machten wir als Seminaristen
einen Jahresend-Klassenausflug hierher, wobei Kurt Müller den Fotografen
spielte. Seine Bilder sind mir Erinnerungen an „ein Stückchen
schöner Jugendzeit, die nicht wiederkehrt“, wie ein vielgesungenes
Lied es so ähnlich ausdrückt, und an das Gebirgstal, das fast
„heimatliche Erde“ war.
Als ich 1970 die Pfarrstelle in Talmesch nahe dem Roten-Turm-Pass angetreten
hatte, konnte ich, von der Talmescher Viehweide her, die Bergkette vom
Surul bis zum Negoi direkt vor mir sehen. Das war zu jeder Jahreszeit
ein begeisternder Anblick. Natürlich nutzte ich diese gebirgsnahe
Lage, um Kurzausflüge in die „Fogarascher“ oder auf die
Cozia zu machen. Etappenweise hab ich den ganzen Hauptkamm der Fogarascher
Berge mit den beiden Hauptgipfeln Negoi und Moldovean durchwandert, und
ich bin natürlich mehrmals auch in „unsere“ Schäßburger
Hütte eingekehrt.
Jede dieser Wanderungen war ein Erlebnis für sich. Wenn ich daran
zurückdenke, summt in mir das Lied, das angeblich die königliche
Carmen Sylva gedichtet haben soll:
Die Gipfel der Karpaten,
umkränzt vom Abendstrahl,
umschlingen wie ein Faden
von Gold ein schönes Tal.
Ein Glöcklein hör ich klingen
vom Kloster Sinai;
Das Herz wollt mir zerspringen
von seiner Melodie ...
In diesen Versen empfinde ich den ganzen Zauber der heimatlichen Bergwelt
mit seinen säumenden Wäldern und sanften Almwiesen, auf denen
der Flöte blasende rumänische Hirte seine ruhig weidende Schafherde
hütet; mit den steilen Gipfeln und dem fernen Klang der Klosterglocke,
dem das weit schallende, zugehörige Holzbrettschlagen vorausging.
Besonders glücklich war ich, wenn ich meine beiden Jungen mitnehmen
konnte, und das Staunen über die Mächtigkeit der Felsen, die
Höhe der majestätischen Berggipfel, der Hurtigkeit der über
die Steinblöcke springenden und stetig plätschernden Bäche
oder die duftende Schönheit weiter Alpenrosenmatten in ihren Augen
sah.
Am schönsten aber war alles, wenn auch meine Gattin Helga mitkommen
konnte, mit der ich mich vor Ort über die hundertfältigen Naturschönheiten
austauschen konnte.
In den Bergen war man dem Ungemach und den Sorgen und Ängsten des
sozialistischen Alltags entrückt. Für einige Tage konnte man
den Hauch der Freiheit fühlen und nur „Mensch“ sein.
Sepp Polder (Crailsheim)

Letztes Update:
2005-10-16
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