Uhrmacher in der Gefangenschaft
Die Werkzeuge, welche ich in die UdSSR mitnahm
Eine schwere Axt mit halblangem Stiel; je eine Kneif-, Flach- und Rundzange;
je eine Flach-, Dreikant-, Rund- und Nadelfeile sowie Schraubenkopf- und
Einstreichfeile; eine Rollier-Polierfeile, beidseitig flach, im Querschnitt
Trapezform; eine Kneif- und Spitzpinzette; vier Einhand-Schraubenzieher,
sortiert; zwei Nietbänkchen; zwei Stiftenklöbchen; sechs Reibahlen,
sortiert; Bürste und Pinsel, Napf, Öl und Benzinfläschchen;
eine primitive Bohrkurbel und dünne Bohrer; Stichel, Dreikantsenker,
Körner, Nadeln, Kerze, Ölstein und Blechschachtel.
Die andern Werkzeuge habe ich auf dem Flohmarkt erworben, wie z. B. einen
großen Feilkloben, der zum Schraubstock umgebaut wurde. Die übrigen
Werkzeuge habe ich selbst gemacht: Pinzetten zum Verkauf an andere Uhrmacher
oder zum Tausch gegen Federn, Wellen, Schrauben u. a.
Die drei Kollektiv-Uhrmacher in einem Zwerghäuschen an der Basarzeile,
ein Russe und zwei Juden, die Jiddisch-Deutsch sprachen, waren froh, wenn
ich ihnen gelegentlich bei schwierigen Arbeiten helfen konnte. Einen Drehstuhl
hatten sie nicht und brachten ihn von irgendwo, während ich mir die
Zeit am Basar vertrieb. Wenn der Drehstuhl dann da war, standen alle drei
hinter mir und sahen aufmerksam zu, wie ich eine Welle drechselte. Sie
hatten das Handwerk nicht gelernt und waren mehr Kaufmann oder Bastler.
Die Bestandteile hatten sie in der Manteltasche, denn bei einer eventuellen
Kontrolle durften sie keine besitzen oder verkaufen; nur Reparaturen waren
erlaubt.
Reinhold Schneider,
Aufzeichnung aus dem Gedächtnis,
Schorndorf im April 1989

Letztes Update:
2005-09-27
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