HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 


Aus der Reihe der „Ökumene in Schäßburg“ (Teil 4)

Die Unitarische Kirchengemeinde und deren Weißkircher Tochtergemeinde

Zwischen der Großen Kokel und dem Schaaser Bach liegt auf 425 Meter Seehöhe, umgeben von Bergen und Hügeln, die Stadt Schäßburg mit einer über 800-jährigen und traditionsreichen Geschichte.
Von den 35.940 Einwohnern, die die Stadt bei der Volkszählung 1992 hatte, gaben sich 7.056 als ungarischsprachig aus. Seither hat sich die ethnische Zusammensetzung der Stadt merklich geändert. Die Auswanderungswelle der Siebenbürger Sachsen Anfang der 90-er Jahre und die an deren Stelle eingezogenen Roma und Rumänen würden bei einem neuen Zensus den Umsturz der Verhältnisse belegen. Die ungarische Gemeinschaft der Stadt besteht aus drei Konfessionen, die friedlich miteinander leben: Römisch-Katholische, Reformierte und Unitarier. Die (rumänische) Mehrheit gehört zur orthodoxen bzw. zu der nach 1990 neu auflebenden, jedoch hier seelenarmen griechisch-katholischen Kirche.

Die Schäßburger Unitarische Kirchengemeinde
Die Schäßburger Volkszählung von 1882 ergab 104 unitarische Seelen. Die oberste Kirchenbehörde beauftragte den Seelsorger von Újszékely (rum. Secuieni), Dokomos Raffai, mit der Betreuung dieser 104 Seelen im Rahmen einer Tochtergemeinde. Am 15. April 1894, dem dritten Osterfeiertag, wurde in der Wohnung des damaligen Leiters des Kirchensteueramtes, Gyula Kriza, eine Sitzung abgehalten, die gleichzeitig der Gründungsmoment der Schäßburger unitarischen Tochtergemeinde sein sollte. Vormund/Küster der Gemeinde wurde Gyula Kriza, Schriftführer Lajos Kovács und Presbyter Sándor Lörinczi.
Am 15. Juni 1884 fand in der Bergkirche dank der Gastfreundschaft der evangelischen Kirchengemeinde der erste unitarische Gottesdienst in Schäßburg statt. Bei dieser Gelegenheit ernannte der Dechant von Keresztur den Pfarrer Dokomos Raffai zum Seelsorger der Schäßburger Tochtergemeinde, die Letzterer dann auch über 25 Jahre lang betreute und weiter entwickelte.
Am 16. November 1884 fand dann die Vollversammlung der Muttergemeinde unter dem Vorsitz von Béla Gidó, dem Dechanten aus St. Martin (rum. Târnveni, ung. Dicsöszentmárton), statt. Zu dieser Zeit gehörten schon 166 Seelen (aus 58 Familien) zur Gemeinde; hinzu kamen weitere 201 männliche und weibliche Dienstboten und Mägde, die sich damals in der Stadt aufhielten.
Am 20. März 1910 wird der erste eigene Pfarrer der Gemeinde, Béla Nagy, ins Amt berufen, am 21. August 1912 befasst sich der Kirchenrat zum ersten Mal mit der Frage des Grundstückerwerbs zugunsten der Gemeinde und schon am 10. Oktober wird im neuen Ziegelbau des Pfarramtes die erste Versammlung der Presbyter einberufen. Später entsteht im Südflügel des Hauses durch den Abriss einer Trennwand zwischen zwei Räumen ein Bethaus, das am 1. Juni 1913 von Bischof Jozsef Ferenc eingeweiht wird; die restlichen Räumlichkeiten dienen als Büro für das Pfarramt und als Wohnung.


Die unitarische Kirche in Schäßburg - Foto: W. Lingner


Nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahre 1924, schenkte die Stadt der Gemeinde eine sieben Meter breite, an die Nordseite des Grundstückes angrenzende Fläche zur Errichtung einer Stadtpfarrkirche. 1925 kaufte die Gemeinde den dahinter liegenden beträchtlichen Garten hinzu.
Die Gemeinde war gerade 50 Jahre alt, als 1934 unter der Leitung des Schäßburger Architekten Franz Letz mit dem Bau der Kirche begonnen wurde. 1936 wurde dann die Kirche feierlich eingeweiht. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Gemeinde, die sich in der bunten Bevölkerung der Stadt inzwischen die Achtung der Mitbürger erworben hatte, schon über 600 Seelen. Der Zweite Weltkrieg, der Wiener Schiedsspruch und die 40er Jahre sollten diese Zahl auf die Hälfte schrumpfen lassen.
Obwohl der Seelsorger und Dechant Béla Nagy den erneuten Aufschwung der Gemeinde noch erleben durfte, ging er 1953 in Rente und übergab das Amt seinem Sohn, blieb jedoch bis zu seinem Tode aktiv.


Standort der Kirche in der Bahnhofgasse - Foto: W. Lingner


Die Stadt erlebte eine großartige Entwicklung. Die Erweiterung der alten Fabriken und die Gründung neuer Betriebe boten zahlreiche Erwerbsmöglichkeiten, und aus den umliegenden Gemeinden zogen immer mehr, vorwiegend junge Familien, in die Stadt. Diese Zuwanderung sowie der Kindersegen der neuen Bewohner hat die Gemeinde jährlich um rund 50 Seelen bereichert. Das ging so weit, dass zum 100-jährigen Bestehen unserer Kirchengemeinde in Schäßburg die Gemeinde fast 1500 Seelen zählte und in Weißkirch sogar eine Tochtergemeinde hatte.
1957 gelingt es den erst knapp 500 Seelen, die in Bukarest bestellte und gegossene, 544 kg schwere Kirchenglocke nach Schäßburg zu bringen, die zum ersten Mal am Heiligabend um 22 Uhr geläutet wurde. Untergebracht wurde sie im Kirchturm, der aber erst im nachfolgenden Jahr endgültig fertig gestellt werden sollte.
1958 wurde an Stelle der Holzveranda eine helle, sonnige Veranda gebaut, darunter wurde übergangsweise der Gemeindesaal eingerichtet. Die alte Küche wurde in eine Kammer mit angrenzendem Bad und entsprechenden Sanitäranlagen umfunktioniert.
1966 entstand ein neuer Betonzaun mit Stahlrohr-Rahmen zur Abgrenzung der Vorderfront des Kirchengeländes.
Im Jubiläumsjahr 1968 wurden Kirche und Pfarrei der Sa-nierung unterworfen. Um die Kirche herum entstand ein von Birken und Tannen umgebener Garten.

Nach den Überschwemmungen von 1970 und 1975, welche die Kirche und das Pfarrhaus keineswegs verschont hatten, konnten die Schäden glücklicherweise schnell behoben werden. Beide Male stand das Wasser auf dem Grundstück der Kirche drei Meter hoch, in der Kirche und im Pfarrhaus reichte es bis zum Hals und hinterließ nach dem Rückzug eine dicke Schlammschicht. Die von nah und fern erhaltene Hilfe hielt jedoch das Gegengewicht für alle Not. Beeindruckend war auch, dass die Spuren der Flut so schnell beseitigt werden konnten, dass wir unseren nächsten Gottesdienst und die Andachtreihe „Térj magadhoz, drága Sion“ inmitten der gerührten Gemeinde abhalten konnten.


Marmortafel mit Baugeschichte - Foto: W. Lingner


Innenansicht mit Kanzel - Foto: W. Lingner


Innenansicht mit Orgelempore - Foto: W. Lingner


Während und nach den Außenarbeiten kamen zahlreiche Spenden von unseren Gläubigen für die Bereicherung der Innenausstattung an. Die bedeutendste von diesen war jene der Witwe Anna Pap, geb. Máté, die der Gemeinde eine elektrische Orgel schenkte, welche damals das erste derartige Instrument in unserer gesamten Kirche war. Der Wert der Spende betrug in den 70er Jahren 32.000 Lei. Später kamen volkstümliche Näharbeiten, ein Gesangpult in Form eines Szekler Holztors, ein geschnitzter Kronleuchter (hergestellt von Márton Máte) und weitere Dekorations- und Einrichtungsgegenstände hinzu. Das Grundstück wurde im Norden durch einen neuen Zaun abgegrenzt. In den Jahren 1980-1989 nahm die Gemeinde weiter zu; auch ihre materielle Lage verbesserte sich, trotz der immer größeren Engpässe des Alltags. Die Gemeindearbeit konzentrierte sich immer mehr auf die Kirche selbst, wobei die damalige Minderheitenpolitik die Gemeindemitglieder zu einer großen Familie zusammenwachsen ließ.
Die Wende 1989 brachte unserer Gemeinde ein erleichtertes Aufatmen, nachdem sie unter dem ständig steigenden Druck und der restriktiven Kirchenpolitik des Staates stark gelitten hatte. Anfang der 90er Jahre entfaltete sich das Gemeindeleben dank der Hilfe aus dem Ausland und der nun freien Ausübung der Religion Aufsehen erregend. Die Zahl der Gottesdienstbesucher stieg an und dank der verschiedenen Spenden konnte mit der Verwirklichung des Traumes der Tochtergemeinde in Weißkirch – mit dem Bau einer eigenen Kirche – begonnen werden.

Am 1. November fand ein Pfarrerwechsel in der Gemeinde statt. Ferenc Nagy ging nach 44 Dienstjahren in den Ruhestand; nach Ausschreibung der frei gewordenen Stelle des Seelsorgers wurde diese vom Pfarrer Jakab Benedek aus Csókfalva (rum. Cioc) besetzt. Mit seiner Ernennung begann eine Aufbauarbeit in der Kirchengemeinde, die, auf die nachbarschaftlichen Strukturen und die ehrenamtliche Mitarbeit bauend, der Kirche und dem Pfarrhaus zu einer neuen Gestalt verhalfen. In den neu geschaffenen Räumlichkeiten im Untergeschoss wurden der Frauenverband, der Jugendverein und die Medikamente-Ausgabestelle un-tergebracht, im Gemeindesaal fanden andere Zusammenkünfte und Sitzungen statt.
Die Kirche ist innen wie außen viel schöner geworden, wobei der Löwenanteil der Arbeit in diesem Prozess aus den Beiträgen der Jugend möglich gemacht wurde.


Gesangbuch mit gesticktem Schutzumschlag - Foto: W. Lingner


David-Ferenc-Büste im Eingang - Foto: W. Lingner

Die Zahl der Seelen hat sich stabilisiert, obwohl in den letzten Jahren eine gewisse Tendenz der Auswanderung beobachtet werden konnte. Unsere jungen Leute sind, Arbeit suchend, in Ungarn, Spanien und Deutschland geblieben. Nichtsdestotrotz kann die Gemeinde allgemein als recht jung betrachtet werden. Am 31. Dezember 2000 zählte sie 1.255 Seelen. Die Zahl der Begräbnisse geht weit über die der Geburten hinaus; auch ist der Anteil der Mischehen erwähnenswert, über welche die Familienmitglieder letztendlich in die mehrheitliche Bevölkerung einschmelzen.

Die Schäßburger Gemeinde ist Ende 2000, zur Jahrtausendfeier1) eine sich selbst erhaltende und selbstbewusste Gemeinde, die ihre Rolle und Mission innerhalb der Unitarischen Kirche wahrnimmt und ihr Gemeindeleben in eben diesem Sinne gestaltet.

Im Verlauf der verschiedenen Partnerschaftsbeziehungen ist das amerikanische Arlington zur Partnergemeinde der Schäßburger geworden. Eine bedeutende materielle Unterstützung kommt auch vonseiten der Stiftung „Urmston for Romania Flame“ vor allem in Form von Medikamentenspenden.


Die Kanzelhaube - Foto: W. Lingner

Zur Monographie der Kirchengemeinde gehört auch folgende Auflistung:
Seelsorger:
1882–1909 Domokos Raffai, Hilfspfarrer; 1909–1953 Béla Nagy; 1953–1997 Ferenc Nagy; seit 1997 Jakab Benedek
Küster / Verwalter:
1884–1890 Gyula Kriza; 1890–1896 Jen Imecs; 1896–1897 Sándor Kovács; 1897–1917 András Márkos; 1917–1921 Árpád Vargha; 1921–1922 István Kénossy; 1923–1928 Jen Kelemen; 1929–1938 Dr. Zsigmond György; 1938–1944 Dr. Dénes Gyarmathy; 1946–1968 János Nagy; 1969–1980 Géza Kerestély; 1981–1992 Lajos Kerestély; 1993–1996 Miklós György sen; seit 1996 Mózes Sánta sen., Ferenc Barabás, László Szke sen.

Die Tochtergemeinde
Zur Schäßburger Kirchengemeinde gehört die Tochtergemeinde in Weißkirch. Sie besteht heute aus 62 Gläubigen, die in den 50-60er Jahren aus mehreren umliegenden Szeklergemeinden in das geschichtsträchtige Dorf nahe des sich industriell entwickelnden Schäßburg umgezogen sind. Anfang der 90er Jahre war die Gemeinde noch etwas zahlreicher, aber Umzüge und Mischehen führten zum Rückgang der Seelenzahl. In denselben Jahren bemühte sich die Gemeinde, ein Grundstück zu kaufen, doch wollte das kommunistische Regime vom Bau eines Gotteshauses gar nichts hören. Den Entschluss der Gemeinde, ein eigenes Bethaus zu errichten, konnte es aber nicht brechen und Anfang der 90er Jahre, als das evangelische Bethaus in Weißkirch für die unitarischen Gottesdienste zur Verfügung gestellt wurde, kam auch der Gedanke des Ankaufs dieses Bethauses in Frage. Dem Widerstand der wenigen im Dorf verbliebenen Sachsen zufolge ging dieser Plan jedoch nicht in Erfüllung. Somit ging die zahlenmäßig geringe, jedoch willensstarke Gemeinde hin und kaufte ein Grundstück. Das Startkapital dazu wurde von Edith Nagy, einer nach Deutschland übersiedelten Frau, gespendet. Der Kauf einer Scheune und der an ihrer Stelle begonnene Bau der Kirche – deren Pläne von der Diplomarchitektin Jutka Hadnagy stammen – schritten zügig fort. Den zentralen Kirchenstellen, der ungarischen Illés-Stiftung, der ungarischen Landesbehörde für das Nationalerbe sowie der Unterstützung der amerikanischen Partnergemeinde in Princeton und nicht zuletzt den aufopferungswilligen Gemeindemitgliedern ist zu verdanken, dass die gegenüber dem Petöfi-Museum stehende Unitarische Millenniums-Kirche mit Gottes Hilfe fristgerecht am 23. Juni 2001 eingeweiht werden konnte.
Gottes Segen auf unsere Gemeinden und unser gemeinsames Werk!

Benedek Jakab, Pfarrer (Schäßburg)
(Übersetzung aus dem Ungarischen: Dr. Peter Laszlo Herberth, Klausenburg)

1) Das ungarische Millénnium bezeichnet das 1000-jährige Bestehen des von Stefan dem Heiligen gegründeten ung. Staates ungefähr im Jahre 1000 n. Chr.


 

 

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