HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Aus dem Tagebuch der Frau Hertha Bazant aus Schäßburg:

„Wo ist Gott? Was haben wir verschuldet?“

„Es gibt Tage und Nächte, wo man verzweifelt, wo man schreien könnte vor Hilflosigkeit, Machtlosigkeit u. Ratlosigkeit“

Dies sind Auszüge aus den Aufzeichnungen einer Hausfrau aus der Zeit vor Kriegsende bis zur Heimkehr der Russlanddeportierten (1944-1945). Die direkte und sehr authentische Ausdrucksweise spiegelt all die Emotionen, Ängste und Ver­zweiflung der sieben­bürgisch-sächsischen Bevölkerung wider, in einer Zeit der Willkür, in der die Sieger und deren Handlanger tun und lassen konnten, was sie wollten, und sich dabei an Menschen rächten, die mit der ganzen Naziherrschaft nichts zu tun hatten. Ihr einziges Ver­schulden war ihre deutsche Volkszugehörigkeit. So mussten sie das ausbaden, was vorher völlig andere, ganz anderswo angerichtet hatten.
W. H. Lang (Bad Mergentheim)
23. August 1944, halb zehn Uhr abends: König Michael von Rumänien proklamiert den Waffenstillstand und ernennt die neue Regierung.
24. Aug.: Der König erklärt Deutschland den Krieg.
25. Aug.: Abends brechen die deutschen Truppen zum Abzug auf. Das Material bleibt da und noch einige Verbände. Es ist nicht mehr genug Zeit.
28. Aug.: Die sächsische Bevölkerung muss die Radios abliefern.
29. Aug.: Hausdurchsuchung nach Waffen, völlig sinnlos.
30. Aug.: Fahrräder mussten abgeliefert werden, Telefone, Fotoapparate (...)
10. Sept.: Einmarsch russischer Truppen. Kräftige, zähe Menschen und gutes Kriegsgerät. Strapazen gewöhnt. Sie wollen alle Armband- und Taschenuhren kaufen. In wenigen Stunden war unser gesamter Vorrat für Rubel verkauft. (...)
19. Sept. Wieder Hausdurchsuchung. Es wird mit uns übel umgegangen.
21. Sept. Klopfen und Rütteln am Fenster und Tor. Trudi 1) schläft einige Nächte anderswo. Klopfen und Rütteln an den Haustoren des Nachts geschieht jetzt immer, bald hier, bald dort. Oft Kanonendonner hörbar.
24. Sept.: Wieder viele Männer interniert und in ein Lager fortgeschafft. Männer, Frauen und Mädchen werden hier täglich zu unentgeltlichem Arbeitsdienst aufgeboten.
19. Dez.:Man spricht von Deportation unserer sächsischen Jugend nach Russland. Die zuständigen Stellen dementieren u. reden von falschen Gerüchten. (...)
26. Dez. 1944: Man spricht von Zusammenschreibungen der sächsischen u. Banater deutschen Bevölkerung. Warum? Bescheid: Oh, nur zu statistischen Zwecken. Besorgnis überflüssig. Warum aber nur die Sachsen u. Banater Schwaben? Unsere Besorgnis wächst. Gerüchte aller Art schwirren. Die Unruhe in uns bleibt trotz Beruhigung­spillen.
2. Jan. 1945: Hertha 2) fährt nach Mediasch u. zurück. Keine Ware zu haben. – In Mediasch hat man die sächs. Bevölkerung schon zusammengeschrieben. Man fragt mich, ob dies auch in Schäßburg geschehen sei. Ich sage: Bisher noch nicht. Was das bedeutet? Wohl nichts Gutes.
3. Jan.: Aufschreibung der sächs. Bevölkerung in Schäßburg durch Polizeiorgane. Auf Anfrage der leere, unwahre Bescheid: Die Russen wollen eine Statistik über die sächs. Bevölkerung haben. Warum nur über die sächsische? (...)
6. Jan. (Dreikönigstag): Trudi u. ihre Freundinnen sind schon seit Wochen in heimlicher Sorge, dass sie auch nach Russland verschleppt werden. Sie machen nachmittags einen Spaziergang in Skihosen u. nehmen auch Magda u. Meta 3) mit. Es ist kein Schnee, der Schaaser Bach ist aber gefroren, also wollen sie dort „glitschen“. Eine Horde Ben-gel überfällt sie plötzlich mit Hohn u. Schimpfgeschrei: „Germanski“ u.s.w. Steine fliegen ihnen an die Beine u. an den Kopf, sogar mit Ruten kommen sie daher. Die Mädel wehren sich u. wollen den Ort verlassen, da fliegt aus einem Gebüsch noch ein Stein der Magda genau aufs linke Auge. Sie verliert das Bewusstsein, u. die Mädel tragen sie zunächst zu Olah Gerti, damit sie sich erholt. Magda erbricht ohne Unterlass, erholt sich nicht. Ich bin in Sorge zu Hause, denn die Mädel sollten ja zu uns kommen u. nun kommen sie nicht trotz der Dunkelheit. Endlich kommen sie mit dem Kind auf dem Rücken: Magdas Auge ist dick zugeschwollen, sie ist eiskalt u. erbricht bis abends 10 Uhr weiter. Ich erwärme sie allmählich, mache Umschläge und lege sie in mein Bett, wo sie noch 6 Tage bleibt. Der Arzt stellt einige Risse im Auge fest. Seither sieht Magda mit dem Auge doppelt. Eine Reise zum Spezialisten für uns Deutsche ist in diesem Land jetzt unmöglich. Ich übergab das Kind am Freitag, den 12. Jan., ihrer Mutter zur weiteren Pflege.
Aber am Tag davor, also am Donnerstag, dem
11. Jan. verdichtete sich die Rede vom Verschleppen unserer Jugend in die Sowjetunion derartig, dass ich doch anfing, der Trudi die notwendigen Kleider u. Wäsche zu waschen u. zu richten, so dass für Magda, die ja nun ziemlich munter war, keine Zeit blieb. In Kronstadt soll man die Deutschen schon zusammen­getrieben und in Martinsberg soll man sie auch eingesammelt haben. Es wird uns wieder gesagt, nur zu dem Zweck, um dort Arbeitsdienst zu machen. Doch dann hören wir, sie sind in Waggons verladen, nachher aber wieder ausgeladen worden. Unser Führer hier, Dr. Hans Balthes, telefonierte u. telegra­fierte an Dr. Hans Otto Roth nach Bukarest. Von dort kommt die Antwort: Es sind diesbezüglich Verhandlungen im Gange u. es besteht die Aussicht, dass sie günstig verlaufen. Doch die Lage wird immer ernster. Auf Anfragen bei Polizei oder der russ. Kommandantur erhält man den Bescheid, dass alles nur Gerüchte seien u. sie jedenfalls von der ganzen Sache keine Kenntnis hätten. Also wurden wir bis zur letzten Stunde irregeführt. Sepp 4) erkundigt sich beim „Cerc“, der rumänischen Militärstelle, was sich tun lässt. Nun, eine begrenzte Anzahl Mädel könnten dort unterkommen als Näherinnen od. Wäscherinnen, sagt man ihm.
Samstag, 13. Jan.: In der Früh geht Trudi wie alle Tage ins Geschäft. Die meisten Mädel sind nicht mehr zur Arbeit gegangen, sondern zu Hause geblieben od. für den „Cerc“ arbeiten gegangen. Am Samstag stellt sich auch Trudi dort ein zum Waschen. Die Mädel sind aufgeregt u. verstört. Der Oberst kommt u. hält ihnen eine Rede: Sie würden vom rumänischen. Militär beschützt, er habe ihnen für den nächsten Tag sogar den „Popa“ bestellt, damit sie die geistliche Nahrung nicht entbehrten. Es klingt beinahe wie Spott. Die Mädel haben durchaus nicht das Gefühl, beschützt zu sein und herzlich wenig Vertrauen in die paar älteren rum. Soldaten mit ihren noch älteren Gewehren im Gegensatz zu den kräftigen russischen Soldaten mit moderner Ausrüstung. Die russ. Soldaten, die zum Zweck der Verschleppung unserer Jugend da sind, tragen auf der Schulter das Zeichen „M 2“. Die Mädel und jungen Frauen vom Waschen gehen beim Dunkelwerden heim, die in der Nähstube (unser Kinder­garten) bleiben auch zum Schlafen dort, denn der Oberst hat es ihnen angeraten. Spät am Abend verständigt man uns, wir sollten auch Trudi noch rasch hinbringen, es sei doch am sichersten. Wir haben wenig Vertrauen u. behalten sie zu Hause.
In dieser Nacht von Sonnabend, dem 13. Jan., auf Sonntag, den 14. Januar 1945, wurden dann von Polizeiorganen unsere Mädchen und Frauen vom 18. bis 30. Jahr u. unsere Jungen u. Männer vom 17. bis 45. Jahr aus den Betten geholt u. in Sammellager (unsere Schulen) gebracht, wo die russischen Soldaten sie übernahmen u. streng bewachten. Um Trudi kam die Polizei dreimal, wir sagten jedes Mal, sie sei beim Arbeiten für den „Cerc“. Es war kalt, Trudi versteckte sich am Heuboden; sie fror, auch vor Angst.
14. Jan.: Auf den Straßen gingen russ. Streifen und rum. Polizei. Sie griffen die Sachsen auf wie herrenloses Gut, wie Verbrecher, u. schleppten sie ins Lager. (...) Ohnmächtig, wehrlos u. vollkommen schutzlos waren wir ihnen preisgegeben. Eckel u. Verzweiflung würgte einen. Am Nachmittag entschlossen wir uns, Trudi in Verkleidung in die Nähstube im Kindergarten zu bringen, obwohl wir uns davon wenig verspra­chen, aber damit wir nicht tatenlos da sitzen. (...) Trudi kam unerkannt in die Näh­stube u. wurde dort von ihren Freundinnen mit Jubel begrüßt. Ich besah mir die kümmerliche Bewachung u. wusste, das ist kein Schutz. Zu Hause richtete ich der Trudi die Sachen u. das Essen für die Reise und fing abends an, ein Nussbrot anzurühren. Später ging ich ins Schlafzimmer, um die Betten zu machen, da hörte ich auf der Straße leichte Schritte. Es klopft leise am Fenster. Ich öffne, Trudi u. Olah Gerti begehren schnell Einlass. Ich eile wortlos hinaus u. öffne ihnen das Tor. Wir erfuhren, dass sie vom Oberst alle fortgeschickt wurden, er könne sie nicht länger beschützen, sie sollten sich im Wald oder sonst wo verstecken. Sepp geleitete Olah Gerti noch sicher nach Hause, Trudi half mir, den Kuchen fertig backen. Ich wusch ihr noch einmal das Haar, dann ging sie zum letzten Mal in ihr Bett, um etwas zu schlafen. Sie fragte mich, ob sie sich dazu richtig entkleiden dürfe. Ich sagte: „Ja, tu es, sie sollen warten, bis du dich anziehst, wenn sie in der Nacht kommen sollten, aber ich denke sie kommen erst in der Früh um 6, wenn es noch dunkel ist.“ Sie konnte die Nacht durchschlafen. Ich richtete ihr das Gepäck und Essen für zwei Wochen.
Montag, 15. Jan.: In der Früh 5 Uhr stand ich auf, machte Feuer, richtete das Frühstück, dann stand auch Sepp auf u. kleidete sich an. Kaum war er fertig, klopfte es. Er ging hinaus: Die Polizei war da, das Mädchen abzuholen. In einer halben Stunde habe sie fertig zu sein u. sich vor der westischen Ecke 5) einzufinden. Sepp bat sie, sie sollten ihr doch eine ganze Stunde Zeit lassen. Die Antwort war: Eine halbe Stunde! Er bat wieder: Wenigstens eine Dreiviertelstunde. Doch sie blieben dabei: Eine halbe Stunde. Mittlerweile hatte ich Trudi geweckt, d. h. sie war schon wach. Ich sagte ihr mit bitterem Herzen, es sei so weit, sie müsse sich fertig machen, brauche sich aber nicht zu beeilen, die Polizei wird eben warten müssen, wenn sie nicht schneller fertig sei. Es war eine schwere, bittere letzte halbe Stunde des Beisammenseins. Ich soll jetzt mein einziges Kind hilflos in russische Sklaverei geben müssen? Was hat es verschuldet? Was haben wir verschuldet? Wo ist das Gesetz? Wo ist das Recht? Wir sind doch Staatsbürger wie die Rumänen, die Ungarn, nur viel bessere, fleißi­gere, wertvollere, tüchtigere. Warum? Warum? Weil wir Deutsche sind. Ich dachte, ich muss wahnsinnig werden. Dabei gehen die Rumänen u. Rumäninnen ruhig u. amüsiert auf der Straße herum, lachen, plaudern – und uns bricht das Herz. Wo ist denn Gott? An diesem Morgen des 15. Januar 1945 versammelten sich dann alle Mädchen der Schaaser­gasse, die abends heimgekehrt waren, vor der westischen Ecke, u. diejenigen, die nicht da waren, wurden von der Polizei abgeholt. Dann ging der Zug mit den Ange­hörigen bis zum rum. Knabenlyzeum, wo die Mädchen nach nochmaligem Verlesen der Namen von der rumänischen Polizei dem russischen Militär übergeben wurden. Von hier transportierten die Russen sie dann in unsere Mädchenschule ins Lager, wo sie angeblich bis Sonnabend, den 20. Jan., bleiben sollten. Wieder eine Irreführung, denn am Nachmittag gegen 5 Uhr riefen einige Mädchen aus den offenen Fenstern herunter: „Wir müssen packen, in drei Stunden werden wir weggeschafft.“ Ich irrte um die Schule herum, ich wollte Trudi noch einmal sehen. Sie war oben im Zeichensaal. Die russ. Posten schickten mich immer wieder fort. Die neugierige, schadenfrohe u. lachende rumänische u. ungarische Jugend stand ruhig gaffend u. sensationshungrig am Gehsteig. Endlich kam auch Trudis schlanke Gestalt ans Fenster. Es war dämmerig, u. ich erkannte nur ihre Silhouette. Schweigend stand sie eine Weile dort. Sie weinte wohl u. konnte nicht sprechen. Ich war mit Sepp. Der Posten schickte uns fort. Die (...) neugierige Gesellschaft am Gehsteig blieb ungestört weiter. Wir gingen still heim. Gegen 9 Uhr abends gingen wir wieder hin. Der Zeichensaal war wohl noch beleuchtet, aber leer. In andern Fenstern waren noch Gestalten zu sehen. Die Motoren einer Anzahl russischer Autos waren angelassen u. brummten. Sonst unheimliche Stille. Kaum ein Mensch zu sehen. In dunklen Toren, hier u. dort eine verdächtige Gestalt. Russische Posten u. Patrouillen überall. Da – drei voll beladene Lastautos fahren aus dem Schulhof heraus u. fort, das Tor wird sofort geschlossen. In Zeitabständen fahren wieder u. wieder immer drei Autos ab, hie u. da ein leiser Mädchenlaut. Das Herz will mir zerspringen vor Weh. Ich will jetzt sehen, wohin die Autos fahren. Wir gehen in der Richtung der wegfahrenden Autos vorsichtig weiter. Ach, dem Bahnhof zu! Bei der Brücke treffen wir auf einige, die wie wir nach ihren Kindern Ausschau halten wollen. Es ist dunkel, aber Umrisse kann man erkennen. Wir dürfen nicht zu viele beisammen bleiben, wir trennen uns. Am Bahnhof, bei den Rampen, treffen wir uns u. sehen auf einem Nebengleis einen langen Lastzug mit geschlossenen Viehwaggons. Russische Posten lassen niemanden in die Nähe. Wir sehen immer noch Autos kommen, hören leise zerflatternde Mädchenlaute wie ängstliche Vogellaute in der Nacht. In den Waggons wird noch an Pritschen gehämmert u. gesägt. Um halb 10 Uhr werden die letzten Autos geleert, die Waggontüren geschlossen, hie u. da einige deutsche Stimmen, dann russische barsche Befehle u. dann ist nichts mehr zu sehen u. zu hören. Wir gehen traurig heimwärts, denn nach 10 Uhr abends darf niemand mehr auf der Straße sein. Als wir um 10 Uhr vor unserm Türel ankommen, sehen wir eine Gruppe Männer, russ. Soldaten u. rum Polizei, aus einem Haus herauskommen u. ins andere hineingehen. Aha, wieder einmal Hausdurchsuchung. Sucht, sucht, ihr Schinder! Wir legen uns, nur halb entkleidet, ins Bett. Ich bekam Schüttelfrost. Richtig, um 1 Uhr nachts klopft es auch bei uns. Sepp geht zum Fenster u. hört: „Polizei, aufmachen!“ Es ist kalt. Während er sich Schuhe u. Jacke anzieht, sind die draußen ungeduldig, schnell, schnell. Er geht u. öffnet. Eine Anzahl russische Soldaten, ein Polizist u. ein Polizeikommissar kommen herein, sehen sich um u. fragen nach unserem Mädchen. Wir sagen: Die habt ihr uns doch gestern genommen. Wo sie wäre, wollen sie wissen. Ich sage: Auf dem Bahnhof, einwaggoniert. Woher ich das wüsste. Weil ich abends dort war u. es mit angesehen habe. Sie setzten sich breit auf die Polsterstühle, taten wie zu Hause, sahen sich auch um. Wir standen. Endlich gingen sie, nachdem sie noch in jeden Raum geblickt hatten. Als sie fort waren, war ich auch mit meinen Kräften am Ende, ein Weinkrampf überfiel mich.
Dienstag, 16. Jan.: Am Morgen stand ich vor 5 Uhr auf, richtete eine Flasche mit heißem Kaffee u. eine Flasche mit heißem Tee, wickelte sie in eine Sommerdecke ein u. legte alles in eine Tasche. Ich wollte auf den Bahnhof, Trudi noch etwas Warmes zukommen lassen, sollte der Zug noch dort stehen. Die Nacht im Viehwaggon wird bitterkalt gewesen sein. Sepp sagte, der Zug ist bestimmt schon weggefahren. Ich sagte, probieren wir es. Es war noch ganz dunkel, als wir auf Umwegen den Bahnhof erreichten. Der Posten ließ mich nicht hin, ich soll bis später warten. Ich versprach ihm eine Taschenuhr, wenn er mich lässt, die Tasche abzugeben. Er ging nachfragen. Seine Auskunft: Ich solle warten. Wir warteten Stunde um Stunde. Es kamen auch andere Angehörige. Wir waren steif gefroren, wichen aber nicht. Schließlich sahen wir, wie einige Leute auf einem andern Weg zum Zug gelangten. Wir eilten auch hin, konnten aber nur in den Waggon hinein sprechen, aber nichts hineinreichen durch die engen Ritzen wie bei einem Briefkasten. Nicht einmal sehen konnten wir uns, u. Trudi konnte nur vier Fingerspitzen durch eine Ritze herausstrecken. Die Menschen sammelten sich. Schließlich gelangten wir unter dem Zug hindurch auf die andere Seite, wo die Türe war, doch die Posten waren bei anderen Waggons damit beschäftigt, zu öffnen. So öffneten die Leute, die ihre Kinder in diesem Waggon hatten, selbst. Da fing auch schon ein großes Geschrei an, so dass der Posten aufmerksam wurde, herbeieilte, die Tür zuschob u. uns alle wegjagte. Ich konnte gerade noch über alle Köpfe hinweg der Trudi die Tasche hineinschwingen, ehe die Tür ganz zugeschoben wurde. Am Nachmittag gingen wir wieder hinaus u. blieben eine Stunde in Trudis Nähe. Posten gingen den Zug entlang u. schickten die Menschen fort, aber sobald sie sich entfernt hatten, ging man wieder näher heran u. plauderte ein paar Worte. Sie hatten in der Nacht gefroren, doch jetzt hatten sie genügend Holz bekommen. Angehörige hatten alles Notwendige gebracht, sogar Säge, Axt, Lampe, Petroleum, Eimer, Brot, Äpfel, Kartoffeln, Waschschüssel. Für alles war gesorgt. Für eine lange Reise. In jedem Waggon waren 30 Personen. 60 Waggons hatte der Zug. Wir hörten, gegen 4 Uhr soll der Zug abfahren. Wir verabschiedeten uns kurz vorher, damit wir bei der Abfahrt nicht dort sind. Es war besser so. Um 4 Uhr ist der Zug dann abgefahren. Die Mädchen hatten gebeten, die große Glocke solle zum Abschied noch einmal läuten; aber die Glocke wurde erst um halb 6 Uhr geläutet, als der Zug längst fort war. 6)
Kaum zu Hause, erscheint ein rumänischer Beamter mit einer Aktentasche unterm Arm u. dem Hut auf dem Kopf u. fragt: „Haben Sie Schweine, Hühner, Vieh, Getreide, Mehl oder sonstige Vorräte?“ Wir waren erstarrt vor Empörung, dann brach ich los, konnte mich nicht zurückhalten, schrie ihn an, er solle seine Waffe ziehen und mich totschießen, damit die Rumänen zufrieden u. glücklich sind, dann können sie auch alles, alles nehmen, was wir haben, denn das wollen sie ja. Er quasselte dummes Zeug von Pflicht u. Vorschrift u. dass er unseren Schmerz ja verstehe, er sei eine Amtsperson u. ich solle mich anständig benehmen. Ich sagte ihm, dass ich hier in meinem Haus sei u. das schlechte Benehmen ganz auf seiner Seite sei, denn diese lächerliche Bestandsaufnahme hätte man nicht an diesem schwarzen, herzzerreißend verzweiflungsvollen Tag für uns Sachsen machen brauchen. So viel Takt hätten sie besitzen müssen, aber sie wollten sich an unserem Schmerz daheim weiden.
Nach dem 16. Januar 1945. Von nun an kamen fast täglich Rumänen in Zivil, Militär, „refugiai“ (Flüchtlinge) zwecks Einquartierung in unsere Häuser. Sie kamen bei Tag und auch mitten in der Nacht. Klopfen und Läuten am Tor. Ich habe sie immer rücksichtslos und unbekümmert um mögliche Folgen hinausbefördert. Was konnte mir noch geschehen? Mehr als mein Leben konnte ich nicht verlieren, und dieses Leben war wertlos geworden. Sie kommen zu uns, diese grausamen Schin­der, sie wollen in den Betten unserer deportierten Kinder schlafen, man soll heizen, soll sie bedienen u. bewirten, soll gastfreundlich sein u. lächeln, dafür wird man dann oft bestohlen. Sie appellieren scham­los an unser Mitgefühl u. Mitleid, sind frech u. anmaßend. Haben sie mit uns etwa Mitleid? Wir brau­chen ja kein Mitleid, aber unser Recht, u. das verweigern sie uns. Warum gehen sie nicht zu den Rumänen u. bitten diese um Quartier u. ihr Mitgefühl? Warum schlafen sie nicht in den vielen Kasernen 7), die sie aus unseren sämtlichen Schulanstalten gemacht haben? Sie schämen sich nicht, immer wieder zum Sachsen betteln u. fordern u. stehlen zu gehen, zu dem, den sie vollkommen entrechtet u. vogelfrei gemacht haben. Ehrgefühl haben diese Leute keines. (...)
So vergehen die Tage, die endlosen Nächte, die Wochen. Im Geschäft wird Sepp drangsaliert, mit Summen von 300.000 Lei bestraft, dann mit 36.000 Lei u.s.w. Warum? Aus irgendeinem an den Haaren herbeigezogenen u. nicht beweisbaren oder uns unverständlichen Grund. Doch der Grund spielt auch nicht die geringste Rolle, Hauptsache ist die Strafe. Darauf allein kommt es an, uns das Ergebnis unseres Fleißes u. unseres Könnens abzuschöpfen. Es gibt Tage u. Nächte, wo man verzweifelt, wo man schreien könnte vor Hilflosigkeit u. Machtlosigkeit u. Ratlosigkeit. Die dreisten, Quartier suchenden Rumänen sind für uns eine unsagbare Plage. Die rum. Offiziere u. Unteroffiziere quartieren sich ein u. bringen dann immer auch eine weibliche Person mit, u. für sie soll man die Betten seiner deportierten Kinder herrichten, hinter ihnen putzen u. waschen. (...)
9. Februar 1945: Endlich kommt von Baba 8) eine Karte, die sie am 20. Januar in Roman aus dem Waggon geschrieben hat. Sie erwähnt weder Trudi noch sonst jemand, sie schreibt nur: „Alle lassen ihre Angehörigen grüßen.“ Damit kann man ja natürlich nichts anfangen. Doch dann kommt gleichzeitig eine Karte von Keul Hermi 9) an ihre Eltern, gleichfalls aus Roman vom 20. Januar. Sie schreibt, dass sie zu essen haben, umwaggoniert wurden, sich manches am Bahnhof kaufen können u. jetzt dem Ziel entgegenfahren, aber auf ein baldiges Wiedersehen hoffen. Trudi hatte diese Karte zusammen mit anderen mit unterschrieben. Da atmete ich endlich erleichtert auf. Also bis Roman sind sie am 20. Januar glücklich gelangt. Seither wissen wir nun wieder nichts. Diese Ungewissheit über das Schicksal unserer Kinder ist das Härteste von allem. (...)
29. April 1945: Gestern kam Post aus Russland nach Schäßburg. Wie ein Blitz verbreitete sich die erlösende Nachricht. Sie sind bei Stalino im Kohlengebiet Donbass. Das ist in der Ukraine. Es geht ihnen gut. Nach der 17-tägigen Fahrt hat man ihnen 14 Tage Erholung 10) gewährt. Da haben sie nur gegessen u. geschlafen u. ihre Kleider in Ordnung gebracht. Die Schreiben stammen vom 14. Februar. Heute ist nun auch von Baba ein kurzer Brief gekommen. Sie erwähnt auch Trudi u. dass sie 19 Mädchen in einem Zimmer wohnen. Gleichzeitig kam eine Karte von Bruder Willy: Er sei freigesprochen, müsse sich aber regel­mäßig bei der Sigurana (Geheimpolizei) melden. (...)
22. Okt. 1945: Wieder ein Brief von Trudi. Sie schreibt tapfer u. munter. Jetzt heißt es ganz ernst, dass unsere Kinder innerhalb der nächsten Wochen aus Russland heimkehren sollen. Nur, wenn sie hier im Land sind, dann ist es am schwersten, hier hält man sie lange im Lager ohne Essen u. Wärme.
17. Nov. 1946: Trudi ist immer noch in Russland. Seit April kam keine Nachricht mehr von ihr oder ihren Freundinnen. Es stand in der Zeitung u. es wurde uns versichert, bis 1. Januar 1947 müssten alle aus Rumänien nach Russland Deportierten nach Hause entlassen werden; diese Aktion würde vom russischen u. rumänischen Roten Kreuz durchgeführt. Es ist natürlich nicht geschehen. Eine Anzahl Deportierter sind nach Deutschland gebracht u. dort in ein Lager gesteckt u. zurückbehalten worden. Am 19. d. M. soll hier die Parlamentswahl durchgeführt werden. Wir Sachsen sind nicht wahlberech­tigt u. viele andere, von denen man annimmt, dass sie für die Gegenseite stimmen könnten, auch nicht. Das Land ist voll mit Plakaten u. Zeichnungen. Auf Häuser, Zäune, Brücken, Bahnen, überall wurde eine Sonne mit dem Aufruf „Votai soarele!“ 11) gepinselt. Das ist die Wahlpropaganda der Kommunisten, die andern dürfen keine Propaganda für sich machen.
Januar 1947: Post von Trudi. Der Brief kam aus Deutschland. Von dort abgeschickt von einem jungen Schäßburger, der als Kranker aus Russland dorthin abgeschoben worden war.
Mai, Juni 1947: Auf dieselbe Art erreichten uns weitere Briefe von Trudi.
2. Juli 1948: Willys Tochter, Baba, kehrte aus Russland heim und brachte uns auch Nachricht von Trudi. Baba wird auf Trudis Wunsch bei uns wohnen, bis sie auch nach Hause kommt. Trudi arbeitet jetzt im Schacht des Kohlebergwerks.
25. November 1949: In der vergangenen Nacht kehrte Trudi aus Russland heim. Nach fünf Jahren kommen nun alle Überlebenden nach Hause. Trudi ist etwas blass u. mager, ich hoffe jedoch, dass sie bald besser aussehen wird.
2. Januar 1951: Seit einem Jahr arbeitet Trudi wieder bei ihrem Vater als Uhrmacherin. Sie hat sich erholt; sie war bei ihrer Rückkehr sehr schwach und blutarm gewesen, nach einer überstandenen Rippenfellent­zündung.
21. Januar 1951: Und wieder heißt es, es würden die jungen Menschen von 18 bis 35 Jahren ausgehoben, um nach Russland zur Arbeit geschafft zu werden. Ein Grauen erfasst uns alle, doch es scheint nur ein Gerücht zu sein. Tatsächlich wurden drei Jahrgänge aufgeschrieben, aber es ist nicht klar, zu welchem Zweck. Es geschah dann nichts weiter.
15. Febr. 1951: Trudi war mit ihren Freundinnen wie immer am Donnerstag im Kino. Sie kam spät nach Hause. Ich war noch wach. Sie war verstimmt, in Sorge. Sie hatten gegen Ende der Vorführung gelacht, weil irgendjemand in ihrer Nähe geschnarcht hatte. Dieses Lachen hatte Folgen, war es doch ein russischer Film gewesen: Als sie aus dem Kino herauskamen, folgten ihnen ein Mann in Zivil u. ein Polizist. Vor der Miliz befahlen sie den vier Mädchen, mit ihnen hineinzukommen. Dort wurden sie bedroht, be­schimpft und herumgeschubst, fast verprügelt. Erst nach Stunden freigelassen.

(Hier enden die handgeschriebenen Aufzeichnungen, die uns zur Verfügung standen. Wegen ihrer Länge und aus Platzmangel können wir nur einen Auszug bringen. Wir bitten um Verständnis.)

Erläuterungen:
1) Trudi: Gertrud Bazant, Tochter von Hertha und Josef Bazant
2) Hertha: Hertha Bazant, geb. Lang (1895–1960), Frau des Josef Bazant, Autorin dieses Tagebuchs.
3) Magda und Meta Lang: Töchter von Oswald Lang, Cousinen von Trudi Bazant.
4) Sepp: Josef Bazant, Uhrmacher, Geschäft am Marktplatz, ab Okt. 1948, nach der Nationalisierung dann noch 3 Jahre lang in der Mühlgasse, neben Spengler Graef.
5) Westische Ecke: Eckgebäude der Firma „Gebrüder West“.
6) Schäßburger, die deportiert wurden, erinnern sich genau, dass die große Glocke der Bergkirche noch vor der Abfahrt des Zuges geläutet wurde.
7) In der Knabenschule, in der Mädchenschule und in den zwei rumänischen Lyzeen waren Militärlazarette eingerichtet worden.
8) Baba: Else W. Lang, verheiratet Cseh-Lang, Tochter von Wilhelm J. Lang.
9) Keul Hermi, verheiratet Krulitsch.
10) Eine Deportierte: Das war keine Erholung, sondern die Folge fehlender Planung: Das Lager war auf unsere Ankunft nicht vorbereitet. Die Pritschen waren nicht fertig, und das Stroh für die Schlafstellen mussten wir vom nächsten Kolchos stehlen. Wir wurden von einer „Ärztin“ (feldscheritza) in Arbeitskategorien eingeteilt: 1, 2, 3 ... Einmal täglich gab es Essen. Die meisten von uns hatten noch etwas Essen von zu Hause.
11) „Wählt die Sonne“ – Symbol und Wahlspruch der von den Kommunisten kontrollierten Parteien.

(Zusammengestellt von Horst W. Breihofer, Nürnberg, 2005)

 


 

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