Zu Fuß und auf Umwegen:
Von Schäßburg nach Mediasch in vier Tagen
Aufschlussreiche Gespräche unterwegs / Vieles ergab sich zufällig
/ Von der Freundlichkeit und der Gastfreundschaft der Menschen gerührt
Jetzt sind wir gleich da! Die Freude auf den Anblick von Schäßburg
stellt sich ein. Jetzt noch die langgezogenen Kurve um das Steilau-Türmchen
herum, und dann liegt sie schon vor uns, die Stadt auf dem Berg, schön
wie immer, und selbst die stinkende und rauchende Baustelle der Asphaltarbeiter,
die wir durchfahren müssen, kann diesem Anblick nichts nehmen. Endlich
da, nach vier Jahren wieder, zusammen mit Ludvik, einem tschechischen
Freund, der bei uns in München als Programmierer arbeitet. Mit welchen
Augen mag er nun die Stadt sehen, von der ich ihm so viel erzählt
habe?
Unter den hohen Linden am Fuß des Burgberges wird das Auto abgestellt
und das letzte Stück auf den Burgplatz über die baumbeschattete
Auffahrt zu Fuß genommen. Auf die Burg mit dem Auto zu fahren, fände
ich irgendwie respektlos.
Für den Reisenden ist am Burgplatz gut gesorgt, das kühle Bier
unter der Kastanie hat Ludvik mit den Strapazen der zähen 300 km
seit der ungarischen Grenze versöhnt. Die Buntheit und Internationalität
des Publikums hier oben verwundert und freut mich. Wie schön es ist,
die vertrauten Wege zu gehen, die versteckten Winkel der Kindheit aufzusuchen.
Welch ein Glück, einen Geburtsort zu haben, der zum Denkmal erklärt,
jedem willkürlichen Eingriff des baulichen Fortschrittes entzogen
ist.
Ungläubig hören die alten Schäßburger Freunde und
Quartiergeber am Abend von unserem Plan für die nächsten Tage:
„Was, zu Fuß wollt ihr von hier bis nach Mediasch gehen? Na,
warum? Warum fahrt ihr nicht mit dem Auto und geht ein wenig spazieren,
dort wo es schön ist?“
Auch die Orte, die wir bis dorthin besuchen wollen, Malmkrog, Großkopisch
zum Beispiel, sind dem Schäßburger ferne Unbekannte. Zu schlecht
die Straßen dorthin, man muss sich ja nicht die Stossdämpfer
mutwillig ruinieren. Birthälm ja, da fährt man ab und an mit
Besuchern aus dem Ausland hin, aber die Straße ist dort auch nicht
die beste. „Ja, ihr habt dort halt andere Sorgen“, lautete
der trockene Kommentar der Einheimischen.
Am nächsten Morgen geht es los, routiniert werden Bergstiefel geschnürt
und Rucksäcke gepackt. „Breite, wir kommen!“ Der spätsommerliche
Tag bietet ideales Wanderwetter, es ist nicht mehr zu heiß, und
ab und zu spenden ein paar weiße Wolken willkommenen Schatten. Das
Wetter sollte uns auch die nächsten vier Tage wohl gesinnt sein.
Durch den schweren stickigen Geruch der Asphaltierer-Baustelle geht es
wieder hinauf zum Steilau-Türmchen. Ein kleiner Abstecher zum jüdischen
Friedhof und dann durch den rumänischen Friedhof aufwärts. Geschichten
über die Bevölkerungsvielfalt, die es hier vor mehr als 60 Jahren
gegeben hatte, bestimmen unser Gespräch beim Steigen. Die erste Waldlichtung
gibt den Blick auf die Stadt frei. Ich zeige dem Freund die verschiedenen
christlichen Kirchen, ich erinnere mich an ungefähr sechs Konfessionen
und auch an die jüdische Minderheit, deren letzter Rest ja schon
in meiner Kindheit ausgewandert ist. Kulturelle Vielfalt, ja, hier war
sie selbstverständlich. Vielleicht bringt sie die große Vision
des geeinten Europa wieder?
Das Gras auf der Breite ist höher, als ich es in Erinnerung habe.
Professor Czimek in der Serengeti fällt mir ein und die bange Vermutung,
ob sich irgendwo zwischen den Grasbüschen ein hungriger Löwe
zeigen könnte. Die alten Eichen holen mich zurück an das Ausflugsziel
der Kindheit. Wie wenig sich hier oben in 40 Jahren geändert hat!
Gegen Süden wird die „Breite“ dann etwas schmäler.
Unter einer Eiche, in der Nähe einer einsamen Kuhherde und unter
den Augen der drei wachsamen Hüterhunde machen wir eine erste Rast.
Hier endet gleichzeitig die bekannte Welt aus meiner Kindheit. Ich bin
nie weitergegangen als bis ungefähr hierher. Wo ist die Breite zu
Ende, und was kommt dann?

Die Breite bei Schäßburg - Foto: R. Stolz
Das ist wohl einer der Gründe für diese Wanderung, dass die
Bilder meiner Kindheitserinnerungen nie über die Talkessel einzelner
Städte und Dörfer hinausgingen und das Land dahinter immer ein
Rätsel für mich war. Bis jetzt: Wir schultern die Rucksäcke,
und ich lenke meine Schritte ins Unbekannte. Die hübsch gezeichnete
Karte aus unserem Reiseführer „ Wanderwege zwischen den Kirchenburgen
in der Mediascher Gegend“ (Hora Verlag, Hermannstadt) ist weder
genordet, noch verfügt sie über einen Größenmaßstab,
aber immerhin lässt sie erkennen, dass man sich am Ende der Breite
durch den Wald ungefähr südlich auf eine zweite unbewaldete
Fläche begeben muss und dann, an deren Ende, westlich einen großen
Wald durchqueren muss, um Peschendorf oder zumindest die Straße
nach Peschendorf im Talgrund zu erreichen. Wir hoffen, irgendwelche Forstwege
zu finden, doch auf den alten Wegspuren liegen Bäume quer, die wohl
schon seit Jahrzehnten dort vermodern. Wir sind im Urwald! Im dichten
Buchenwald geht es den Hang hinunter. Rote Markierungen an den Bäumen
lenken uns nach einer Weile wieder nördlich, also nicht unser Weg!
Weiter also nach Südwesten, ein ganzes Rudel Rehe aufschreckend,
und irgendwann ist der Talgrund mit Bach und Spuren einer Kuhherde erreicht.
Maisfelder im Talgrund und irgendwann hinter dem Mais das weiße
Dach eines langsam fahrenden „Dacia“. Aha, die Straße
nach Peschendorf!

Kirche Malmkrog - Foto R. Stolz
Kleine buntbemalte Häuschen am Anfang des Dorfes. Spielende Kinder,
verwundert aufschauende Frauen und Alte in den Höfen. Wir grüßen
freundlich, man grüßt zurück. Eine träge Langsamkeit
liegt über dem Dorf – die Zeit vergeht hier anders –
und lädt uns ein, uns auf ihren Rhythmus einzulassen. Rast an der
Wassertränke. Ein großer Mann führt sein Arbeitspferd
zum Wasser. Ja, das Wasser sei gut, bei der Hitze sei nicht an Arbeit
mit dem Tier zu denken, gegen Abend werde man losfahren und etwas Heu
einbringen. Wir folgen seinem Fingerzeig, keine 30 Meter von uns entfernt,
schleicht ein Fuchs an einem Gartenzaun entlang. „Die kommen jetzt
schon am Tag, um sich was zu holen“, sagt er.

Landschaft bei Neudorf - Foto: R. Stolz
Wer nicht durch das Kokeltal nach Mediasch will, sondern quer über
die Seitentäler, muss auch in Kauf nehmen, dass zwischen den Tälern
kräftige Bergrücken genommen werden wollen. Der Feldweg nach
Kreisch zieht sich nun steil hinauf durch baumlose Wiesen in der prallen
Nachmittagssonne. Der Rundblick entschädigt uns großzügig.
Unten im Tal das Dorf, Maisfelder, dann Wiesen, die über die sanften
Hügel ansteigen, und auf den Bergrücken diese wundervollen Wälder,
die hier und dort ins Tal herunterkriechen. Oben am Bergsattel eine sprudelnde
Quelle, gefasst in einem brüchigen Zementring, und zwei Männer,
ein alter Sachse im leichten Sommeranzug, der sehnsüchtig über
die alten Flure schaut, und ein gesprächiger Rumäne mit frohem
Lächeln und einer Schaufel, die er jetzt zum Aufstützen braucht.
Gespräch am Weg: Man hat Zeit, fragt nach dem woher und wohin, erzählt
sich aus seinem Leben. Der Mann mit der Schaufel ist der Wegarbeiter und
wartet die 6 km Schotterpiste nach Kreisch seit 15 Jahren, nur mit der
einen Schaufel ausgestattet. Der alte Sachse wollte noch einmal herkommen,
so lange es noch geht. Er benennt uns Flur und Feldnamen und erzählt,
was dort alles angebaut wurde, bevor Strauch und Wiese sich das meiste
davon zurückholte. Solche Gespräche am Wegrand sollten zu den
intensivsten Eindrücken auf dieser Wanderung werden.

Gebetsfahnen auf dem Großkopischer Kirchhof
- Foto: R. Stolz
Von Kreisch endlich der markierte Wanderweg nach Malmkrog. 10 Kilometer
durch dichte Wälder und unberührte Wiesen, ab und zu in der
Ferne eine Schafherde. Das Geräusch einer Motorsäge zerreißt
irgendwann die Stille. Ein einsamer Waldarbeiter erschreckt fast, als
er uns unweit vorbei gehen sieht. In einer Talsenke drei Hunde, die laut
bellend drei alte Bauwägen bewachen. Eine Frau bringt die Hunde zur
Ruhe, wir fragen nach Wasser. Sie schöpft es aus einer Quelle unterhalb
der Wägen und bringt es uns in einem alten Emaille-Eimer. Wir setzen
uns auf Baumstämme und kommen ins Gespräch.

Von Birthälm nach Reichesdorf - Foto: R. Stolz
Sie seien Köhler, pachteten ein Waldstück mit dem Recht, auszulichten.
Das Holz werde abgeholt und bei Mediasch in einer Fabrik verkohlt. Sie
habe in der Fabrik gearbeitet, doch die Fabrik ging pleite, dann habe
sie sich mit ihrem Mann im Handwerk selbstständig gemacht, aber ihnen
wurden von der Verwaltung laufend millionenteure willkürliche Strafen
aufgebrummt, sodass man aufgeben musste. Jetzt leben sie „wie Wilde
im Wald“, aber das Leben sei nicht schlecht, man werde hier draußen
wenigstens in Ruhe gelassen. Sie beschreibt ihr Leben, wie es ist, aber
sie klagt nicht und sie hofft auf Europa. „Vielleicht können
unsere Kinder dann endlich wie Menschen leben“.
Am Waldrand entlang führt der Weg nach Malmkrog. Es ist sechs Uhr
Abend geworden, als wir bei Frau Schuster nach einem Schlafplatz in der
Jugendherberge fragen. Die spielenden Kinder an der Tränke sprechen
sächsisch-deutsch und sächsisch-rumänisch im fließenden
Übergang. Mir fällt ein, dass ich solche Kunststücke auch
einmal beherrscht habe. Einige Kinder sind zu Besuch da, aber einige der
sächsischen Kinder sind noch hier zu Hause. Schön, dass es sie
noch gibt!
Die Herberge ist für Jugendgruppen eingerichtet und recht wohnlich.
Wir können uns was kochen und sogar warm duschen. Die warme Sommernacht
trägt noch etwas von der ausgelassenen Stimmung vor der Dorfkneipe
in unser Zimmer, doch dann schlafen wir müde und glücklich ein.
Frau Schuster hat uns gestern ein Liter frische Kuhmilch herübergebracht.
Ein wahrer Genuss zum Frühstück! Wir haben Glück, die junge
Burghüterin ist zu Hause und schließt uns die Kirche auf. Wir
sind beeindruckt von der stillen Anmut der Fresken, lassen uns von ihnen
die biblischen Geschichten erzählen.
Auf dem Weg durch den Obstgarten bergauf in Richtung Neudorf, bleiben
wir immer wieder stehen, um zurückzuschauen. Wie wundervoll Malmkrog
zwischen den Bergen eingewachsen ist! Ein sächsischer Vater mit seinen
zwei Töchtern begleitet unseren Aufstieg. Sie haben ihre Rechen dabei
und gehen zum Heuwenden. Wir erfahren einiges über das Leben im Dorf
und Diakon Lorenz, einen ehemaligen Ostdeutschen, der sich hier niedergelassen
hat und die evangelische Gemeinde leitet.
Im nächsten Talgrund verliert sich der Weg in einer weiten Wiese.
Unser Glück sind zwei Zigeuner, die mit einem Pferdefuhrwerk den
gleichen Weg haben. Großzügig bieten sie uns den Transport
unserer Rucksäcke gegen ein geringes Entgelt an, aber wir zögern.
Spätestens wenn es auf der anderen Seite wieder bergab geht, sind
sie mit den Rucksäcken schneller als wir. Die beiden bemerken unsere
Skepsis und versichern uns, dass sie bekehrte Zigeuner seien, und sie
hätten gewiss nichts Schlimmes im Sinn. Auf der Berghöhe trennen
sich schließlich unsere Wege.

Reichedorfer Kirche - Foto: R. Stolz
In Neudorf kommen wir mit einer älteren Sächsin ins Gespräch,
die im Straßengraben vor dem Haus das Gras jätet. Ihre Tochter
kommt dazu, wir werden in den Hof zum Kaffee eingeladen. Mein Herz schlägt
höher: Ein sächsischer Bauernhof, wie aus dem Bilderbuch! Eine
grasbewachsene Hofeinfahrt, überdacht von einem Spalier mit reifen
Weintrauben. Eine Sommerküche, ein Backofen und ein Brunnen, nur
keine Hühner, keine Spur von Haustieren. „Wir sind ja nur zu
Besuch hier,“ klären uns die Beiden auf. „Jedes Jahr
im Sommer für drei Wochen.“ Sie wohnen bei Ingolstadt, den
Hof hatten sie nach der Ausreise vor 15 Jahren behalten dürfen. „Wir
wollten ja nicht weg, aber plötzlich ging das wie ein Lauffeuer durch
das Dorf, keiner wollte bleiben, und so sind wir dann auch mitgegangen.“
Wir reden über die Schwierigkeiten, sich „dort“ einzuleben,
vom Heimweh, vor allem bei den Älteren. Wir reden vom Krieg, von
der Zeit, als sich dort oben im Wald versprengte deutsche Soldaten versteckt
hielten, denen man trotz Lebensgefahr half, so gut es ging. „Wer
weiß, was dort von denen noch alles vergraben liegt?“
Schon fast Mittag, als wir aufbrechen. Unsere Wanderkarte schlägt
uns einen Umweg nach Großkopisch vor, wir aber, etwas mutiger geworden,
nehmen die Abkürzung durch den Wald. Nach dem dichten Buchenwald,
der so wirkt, als ob er seit Jahren von niemandem betreten wurde, öffnet
sich ein weites Tal mit einer wilden Wiese, auf der sich eine unendliche
Vielfalt von Blumen und Wildkräutern breit gemacht hat. Die Terrassen
an den Hängen zeugen davon, dass das Land hier einmal sehr viel intensiver
genutzt wurde. Greifvögel kreisen, eine tiefe Stille macht sich breit.
Eine Quelle mit Tränke lädt im Talgrund zur Rast ein. Am Bach
gibt ein handgschriebenes Holzschild „Teren otravit“ –
„Vergiftetes Land“ eine verwirrende Auskunft. Der Anstieg
auf der anderen Seite führt an verwilderten Obstbäumen vorbei,
Terrassen, wahrscheinlich einmal für den Weinbau angelegt, geben
Zeugnis von einer vergangenen Zeit.

Herr Schaas an der Orgel - Foto: R. Stolz
In Großkopisch hat die Familie des jungen Burghüters gerade
Großwaschtag. Bunte Kleidungsstücke hängen über den
Kirchhof an langen Leinen wie tibetische Gebetsfahnen. Gerne zeigt er
uns die wehrhafte Kirchenburg. Er ist stolz darauf, diesen Schatz zu hüten.
Nach dem nächsten Bergrücken dann Birthälm. Dieses Dorf
lebt! Pferdegespanne und alte Traktoren sind geschäftig unterwegs,
alles gepflegt und gut erhalten. Die Kirchenburg, still und mächtig
hinter dem begrünten Dorfplatz. Letzte Reisebusse mit Tagesgästen
fahren ab. Wir fragen nach der Herberge und werden in die neu restaurierte
Bleibe innerhalb der äußeren Burgmauer gewiesen. Eine österreichische
Familie hat sich als Pächter für das Haus gewinnen lassen. Der
Hausvater verbringt seinen Urlaub hier, um mit dem neuen Team aus Haus-
und Küchenangestellten die täglichen Abläufe einzuüben.
Das Haus soll schließlich internationalen Standards entsprechen.
Abends sitzen wir bei einem Glas Wein zusammen. Dieser „Ausländer“
ist der Schönheit und Ursprünglichkeit Siebenbürgens wirklich
verfallen, und er leistet hier in seiner Freizeit einen wertvollen Beitrag
zu einem sanften Tourismus. Der nächste Vormittag gehört der
Kirchenburg und einigen Streifzügen durch das Dorf. Einige Sachsen
sind noch hier. Zunehmend orientiert man sich auch mit Zimmervermietungen
an den wachsenden Touristenströmen. Weder im Dorfladen, noch im Wirtshaus
lässt sich eine Flasche des einst berühmten Birthälmer
Weines kaufen. Man bringe die Trauben jetzt nach Jidvei (Seiden) und im
Jidveier Wein sei der Birhälmer auch drin!
Nein, nach Reichesdorf gehen wir nicht an der staubigen Landstraße
entlang, die uns der Wanderführer vorschlägt, wir nehmen den
Weg in das östliche Seitental. An diesem versteckten Dorfende von
Birthälm stehen die kleinen Hütten der Zigeuner. Laute Volksmusik,
vermischt mit Techno-Rhythmen schallt uns aus den Fenstern entgegen. Ab
und zu ein neugieriger Blick auf diese zwei Fremden, die sich hierher
verirrt haben. Nicht „Buna ziua“ sondern „Grüß
Gott“ erwidert ein älterer Mann unseren Gruß am Hoftor
der Schweinezucht am Dorfende. Wir kommen ins Reden und stellen wie nebenbei
fest, dass wir um drei Ecken miteinander verwandt sind. Ja, nach Reichesdorf,
dem Dorf meiner Großeltern, sind es noch acht Kilometer.

Am Dorfrand von Meschen - Foto: R. Stolz
In Reichesdorf sind sie noch zu fünft. Herr Schaas, seine Frau und
noch drei alleine lebende alte Leute. Herr Schaas empfängt uns, trotz
der vielen Feldarbeit überschwänglich. Aus dem Keller holt er
einen Krug mit Rreichesdorfer Wein. Es ist dieselbe goldfarbene Mischung
aus Riesling und Muskateller, auf die mein Großvater immer so stolz
war. Der erste Schluck ruft über dreißig Jahre alte Erinnerungen
wach. Gedeckte Festtafeln, Blasmusik, Baumkuchen, Hanklich und dieser
goldene Wein. Das war einmal, und hier sitzt mir der 73-jährige Schaas
gegenüber und sagt: „Na, wie schmeckt er? Ich bin der einzige
im Dorf, der ihn noch so hinbekommt!“
Herr Schaas ist das lebende Gedächtnis des Dorfes. Gerne hören
wir ihm zu. Seine spontane Kirchenführung gehört zu den besten
und fundiertesten, die ich je erlebt habe. Man spürte, da lebt einer
mit seiner Kirche. Er kannte sie in und auswendig. Herr Schaas ist Orgelwart,
Dachdecker, Gärtner und Hausmeister der Kirche, des Pfarrhofes und
des Friedhofs in einer Person, und ich vermute, er tut dies im Ehrenamt.
Vor drei Jahren hat es hier den letzten Gottesdienst gegeben, aber alles
ist so erhalten, dass morgen wieder einer stattfinden könnte.
Wir kommen im Pfarrhaus unter, und verbringen noch einige Stunden am Abend
im dörflichen Wirtshaus unter freundlichen Menschen. Man trinkt jetzt
auch in Reichesdorf Bier. Ich frage nach den Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten
im Dorf. „Nun, einige fahren mit dem Bus nach Mediasch in die Fabriken,
aber das sind nicht viele, die Anderen leben von ein wenig Landwirtschaft,
man hält Kühe und gibt die Milch an der Sammelstelle ab. Einige
junge Menschen sind ins Ausland gegangen, nach Italien und Spanien, von
dort schicken sie Geld. Man kommt halt irgendwie durch…“ Am
nächsten Tag machen wir einen kleinen Abstecher über die Reichesdorfer
Flure. Ich zeige Ludvik die Felder und Weingärten, die schon in meiner
Jugend nicht mehr dem Großvater gehörten, aber deren Namen
er mir einprägte, so als könnte das irgendwann noch von Bedeutung
sein. Sie sind „renaturiert“. Hier und dort steht noch trutzig
ein alter Walnussbaum. Was wäre, wenn…? Könnte ich mich
auf diesen Äckern als Winzer und Bauer sehen, statt als Diakon und
Sozialarbeiter in einer Münchner Kirchengemeinde?
Sechzig Jahre nach dem zweiten Weltkrieg stellen wir immer noch fest,
dass dieser Krieg unsere Welt wie kein anderes Ereignis verändert
hat.
Nimesch verfehlen wir, und auf dem Weg, der sich etwas lange bis Meschen
hinzieht, werden wir vom Pferdewagen des Bürgermeisters mitgenommen.
Begeistert erzählt er vom Besuch des Prinzen Charles vor einigen
Jahren. Ich hatte den Eindruck, er hatte den Wert des sächsischen
Erbes in seinem Dorf erkannt. Vor dem Gästehaus neben der Kirchenburg
stieg eine Reisegesellschaft aus Österreich aus ihrem klimatisierten
Bus. In den Burgmauern haben die Sachsen ihr eigenes Dorfmuseum eingerichtet.
Bei dem Gang durch das Dorf fällt mir ein rumänisch geschriebenes
Schild auf: „Obst- und Gemüsebauverein, Kleintierzuchtverein“.
Ein guter Weg, glaube ich, die verarmte Bevölkerung wieder mit den
naheliegendsten Möglichkeiten des dörflichen Lebens vertraut
zu machen. Das Wissen um die Landwirtschaft ist vielerorts verloren gegangen.
Später Nachmittag schon, aber bis Eibesdorf ist es noch zu schaffen!
Erstaunlich, wie die alten Verbindungswege zwischen den Dörfern verfallen
und vergessen werden. Nur die Straßen, die auf die Städte zulaufen
werden noch genutzt. Eine Wegmarkierung fehlt hier, und wir sind auf die
Beschreibung unseres Wanderwegeführers angewiesen. Es ist Sonntag,
in Eibesdorf ist gerade der monatliche Gottesdienst vorbei. Der Nachbarvater
sitzt mit einem Teil der Gemeinde gemütlich beim Kaffe. Uns ist es
peinlich zu stören, aber er greift bereitwillig nach dem Kirchenschlüssel
und deutet auf die muntere Gesellschaft. „Kommt nur, kommt. Die
laufen mir nicht weg, die sitzen heut Abend noch da!“
Im Pfarrhaus ist eine gastliche Herberge eingerichtet. Eine Gruppe von
deutschen Studenten hat sich einquartiert, richtige „Wanderfreaks“,
laufen bis zu 40 km am Tag! „Siebenbürgen“, sagen sie,
„ist das Beste, was wir bisher gefunden haben.“ Und sie sind
schon weit herumgekommen.
Dunkle Regenwolken ziehen an diesem späten Nachmittag auf, da ist
es ein Glück, dass sich gerade ein Taxi aus Mediasch auf den Dorfplatz
verirrt hat. Vier junge Rumänen mit Gel in den Haaren und gepflegten
Anzügen steigen aus. Der Fahrer schimpft über die miserable
Straße hierher. Zumindest muss er jetzt nicht leer zurückfahren.
Er erzählt, dass er seit der Wende Taxi fährt, vorher sei er
Maler gewesen. Ob er meinen Helmuth-Onkel denn kenne? Ja freilich, mit
dem habe er Jahre lang zusammen gearbeitet. Auf jeden Fall soll ich ihn
in München schön grüßen…
Der Mediascher Bahnhof empfängt uns mit einem schier unerträglichen
Menschengewühl. Vier Tage sind wir durch stille, vergessene Landschaften
gegangen, jetzt hat uns das Weltgetriebe wieder. Aus dem fahrenden Zug
nach Schässburg zeige ich Ludvik die Dörfer im Kokeltal, aus
denen sich die Seitentäler, die wir durchwandert haben, abzweigen.
Scharosch, Großlasseln, Dunesdorf. In nicht mal einer Stunde sind
wir wieder am Ausgangspunkt, in Schäßburg zurück.
Nach Wanderurlauben in der Toscana, Umbrien, Spanien und Mallorca habe
ich nun mein Wanderland entdeckt. Wenn auch Unterkunft und Verpflegung
nicht so standardisiert einfach wie anderswo zu finden sind, machten wir
immer die schöne Erfahrung, dass der Weg schon für den Reisenden
sorgte. Vieles ergab sich zufällig. Wir waren von der Freundlichkeit
und Gastfreundschaft der Menschen gerührt, die uns begegnet sind.
Siebenbürgen wird in den nächsten Jahren mehr und mehr vom alternativen
und sanften Tourismus erschlossen werden, es hat das beste Potential dafür.
Vielleicht finden sich ja noch ein paar Schäßburger Wandervögel,
die Lust haben, den einen oder anderen alten Weg zu begehen und zu beschreiben.
Ein Anfang ist ja durch den oben erwähnten kleinen Wanderführer
gemacht. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Wanderung entlang der
ehemaligen Bahnlinie von Schäßburg nach Agnetheln, oder einem
großen Rundweg um Schäßburg? Auch Schäßburg–Fogarasch
wäre in vier Tagen zu schaffen.
Robert Stolz (München)

Letztes Update:
2005-10-16
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