HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Zu Fuß und auf Umwegen:

Von Schäßburg nach Mediasch in vier Tagen

Aufschlussreiche Gespräche unterwegs / Vieles ergab sich zufällig / Von der Freundlichkeit und der Gastfreundschaft der Menschen gerührt

Jetzt sind wir gleich da! Die Freude auf den Anblick von Schäßburg stellt sich ein. Jetzt noch die langgezogenen Kurve um das Steilau-Türmchen herum, und dann liegt sie schon vor uns, die Stadt auf dem Berg, schön wie immer, und selbst die stinkende und rauchende Baustelle der Asphaltarbeiter, die wir durchfahren müssen, kann diesem Anblick nichts nehmen. Endlich da, nach vier Jahren wieder, zusammen mit Ludvik, einem tschechischen Freund, der bei uns in München als Programmierer arbeitet. Mit welchen Augen mag er nun die Stadt sehen, von der ich ihm so viel erzählt habe?
Unter den hohen Linden am Fuß des Burgberges wird das Auto abgestellt und das letzte Stück auf den Burgplatz über die baumbeschattete Auffahrt zu Fuß genommen. Auf die Burg mit dem Auto zu fahren, fände ich irgendwie respektlos.
Für den Reisenden ist am Burgplatz gut gesorgt, das kühle Bier unter der Kastanie hat Ludvik mit den Strapazen der zähen 300 km seit der ungarischen Grenze versöhnt. Die Buntheit und Internationalität des Publikums hier oben verwundert und freut mich. Wie schön es ist, die vertrauten Wege zu gehen, die versteckten Winkel der Kindheit aufzusuchen. Welch ein Glück, einen Geburtsort zu haben, der zum Denkmal erklärt, jedem willkürlichen Eingriff des baulichen Fortschrittes entzogen ist.
Ungläubig hören die alten Schäßburger Freunde und Quartiergeber am Abend von unserem Plan für die nächsten Tage: „Was, zu Fuß wollt ihr von hier bis nach Mediasch gehen? Na, warum? Warum fahrt ihr nicht mit dem Auto und geht ein wenig spazieren, dort wo es schön ist?“
Auch die Orte, die wir bis dorthin besuchen wollen, Malmkrog, Großkopisch zum Beispiel, sind dem Schäßburger ferne Unbekannte. Zu schlecht die Straßen dorthin, man muss sich ja nicht die Stossdämpfer mutwillig ruinieren. Birthälm ja, da fährt man ab und an mit Besuchern aus dem Ausland hin, aber die Straße ist dort auch nicht die beste. „Ja, ihr habt dort halt andere Sorgen“, lautete der trockene Kommentar der Einheimischen.
Am nächsten Morgen geht es los, routiniert werden Bergstiefel geschnürt und Rucksäcke gepackt. „Breite, wir kommen!“ Der spätsommerliche Tag bietet ideales Wanderwetter, es ist nicht mehr zu heiß, und ab und zu spenden ein paar weiße Wolken willkommenen Schatten. Das Wetter sollte uns auch die nächsten vier Tage wohl gesinnt sein.
Durch den schweren stickigen Geruch der Asphaltierer-Baustelle geht es wieder hinauf zum Steilau-Türmchen. Ein kleiner Abstecher zum jüdischen Friedhof und dann durch den rumänischen Friedhof aufwärts. Geschichten über die Bevölkerungsvielfalt, die es hier vor mehr als 60 Jahren gegeben hatte, bestimmen unser Gespräch beim Steigen. Die erste Waldlichtung gibt den Blick auf die Stadt frei. Ich zeige dem Freund die verschiedenen christlichen Kirchen, ich erinnere mich an ungefähr sechs Konfessionen und auch an die jüdische Minderheit, deren letzter Rest ja schon in meiner Kindheit ausgewandert ist. Kulturelle Vielfalt, ja, hier war sie selbstverständlich. Vielleicht bringt sie die große Vision des geeinten Europa wieder?
Das Gras auf der Breite ist höher, als ich es in Erinnerung habe. Professor Czimek in der Serengeti fällt mir ein und die bange Vermutung, ob sich irgendwo zwischen den Grasbüschen ein hungriger Löwe zeigen könnte. Die alten Eichen holen mich zurück an das Ausflugsziel der Kindheit. Wie wenig sich hier oben in 40 Jahren geändert hat! Gegen Süden wird die „Breite“ dann etwas schmäler. Unter einer Eiche, in der Nähe einer einsamen Kuhherde und unter den Augen der drei wachsamen Hüterhunde machen wir eine erste Rast. Hier endet gleichzeitig die bekannte Welt aus meiner Kindheit. Ich bin nie weitergegangen als bis ungefähr hierher. Wo ist die Breite zu Ende, und was kommt dann?


Die Breite bei Schäßburg - Foto: R. Stolz

Das ist wohl einer der Gründe für diese Wanderung, dass die Bilder meiner Kindheitserinnerungen nie über die Talkessel einzelner Städte und Dörfer hinausgingen und das Land dahinter immer ein Rätsel für mich war. Bis jetzt: Wir schultern die Rucksäcke, und ich lenke meine Schritte ins Unbekannte. Die hübsch gezeichnete Karte aus unserem Reiseführer „ Wanderwege zwischen den Kirchenburgen in der Mediascher Gegend“ (Hora Verlag, Hermannstadt) ist weder genordet, noch verfügt sie über einen Größenmaßstab, aber immerhin lässt sie erkennen, dass man sich am Ende der Breite durch den Wald ungefähr südlich auf eine zweite unbewaldete Fläche begeben muss und dann, an deren Ende, westlich einen großen Wald durchqueren muss, um Peschendorf oder zumindest die Straße nach Peschendorf im Talgrund zu erreichen. Wir hoffen, irgendwelche Forstwege zu finden, doch auf den alten Wegspuren liegen Bäume quer, die wohl schon seit Jahrzehnten dort vermodern. Wir sind im Urwald! Im dichten Buchenwald geht es den Hang hinunter. Rote Markierungen an den Bäumen lenken uns nach einer Weile wieder nördlich, also nicht unser Weg! Weiter also nach Südwesten, ein ganzes Rudel Rehe aufschreckend, und irgendwann ist der Talgrund mit Bach und Spuren einer Kuhherde erreicht. Maisfelder im Talgrund und irgendwann hinter dem Mais das weiße Dach eines langsam fahrenden „Dacia“. Aha, die Straße nach Peschendorf!


Kirche Malmkrog - Foto R. Stolz


Kleine buntbemalte Häuschen am Anfang des Dorfes. Spielende Kinder, verwundert aufschauende Frauen und Alte in den Höfen. Wir grüßen freundlich, man grüßt zurück. Eine träge Langsamkeit liegt über dem Dorf – die Zeit vergeht hier anders – und lädt uns ein, uns auf ihren Rhythmus einzulassen. Rast an der Wassertränke. Ein großer Mann führt sein Arbeitspferd zum Wasser. Ja, das Wasser sei gut, bei der Hitze sei nicht an Arbeit mit dem Tier zu denken, gegen Abend werde man losfahren und etwas Heu einbringen. Wir folgen seinem Fingerzeig, keine 30 Meter von uns entfernt, schleicht ein Fuchs an einem Gartenzaun entlang. „Die kommen jetzt schon am Tag, um sich was zu holen“, sagt er.


Landschaft bei Neudorf - Foto: R. Stolz


Wer nicht durch das Kokeltal nach Mediasch will, sondern quer über die Seitentäler, muss auch in Kauf nehmen, dass zwischen den Tälern kräftige Bergrücken genommen werden wollen. Der Feldweg nach Kreisch zieht sich nun steil hinauf durch baumlose Wiesen in der prallen Nachmittagssonne. Der Rundblick entschädigt uns großzügig. Unten im Tal das Dorf, Maisfelder, dann Wiesen, die über die sanften Hügel ansteigen, und auf den Bergrücken diese wundervollen Wälder, die hier und dort ins Tal herunterkriechen. Oben am Bergsattel eine sprudelnde Quelle, gefasst in einem brüchigen Zementring, und zwei Männer, ein alter Sachse im leichten Sommeranzug, der sehnsüchtig über die alten Flure schaut, und ein gesprächiger Rumäne mit frohem Lächeln und einer Schaufel, die er jetzt zum Aufstützen braucht. Gespräch am Weg: Man hat Zeit, fragt nach dem woher und wohin, erzählt sich aus seinem Leben. Der Mann mit der Schaufel ist der Wegarbeiter und wartet die 6 km Schotterpiste nach Kreisch seit 15 Jahren, nur mit der einen Schaufel ausgestattet. Der alte Sachse wollte noch einmal herkommen, so lange es noch geht. Er benennt uns Flur und Feldnamen und erzählt, was dort alles angebaut wurde, bevor Strauch und Wiese sich das meiste davon zurückholte. Solche Gespräche am Wegrand sollten zu den intensivsten Eindrücken auf dieser Wanderung werden.


Gebetsfahnen auf dem Großkopischer Kirchhof
- Foto: R. Stolz


Von Kreisch endlich der markierte Wanderweg nach Malmkrog. 10 Kilometer durch dichte Wälder und unberührte Wiesen, ab und zu in der Ferne eine Schafherde. Das Geräusch einer Motorsäge zerreißt irgendwann die Stille. Ein einsamer Waldarbeiter erschreckt fast, als er uns unweit vorbei gehen sieht. In einer Talsenke drei Hunde, die laut bellend drei alte Bauwägen bewachen. Eine Frau bringt die Hunde zur Ruhe, wir fragen nach Wasser. Sie schöpft es aus einer Quelle unterhalb der Wägen und bringt es uns in einem alten Emaille-Eimer. Wir setzen uns auf Baumstämme und kommen ins Gespräch.


Von Birthälm nach Reichesdorf - Foto: R. Stolz


Sie seien Köhler, pachteten ein Waldstück mit dem Recht, auszulichten. Das Holz werde abgeholt und bei Mediasch in einer Fabrik verkohlt. Sie habe in der Fabrik gearbeitet, doch die Fabrik ging pleite, dann habe sie sich mit ihrem Mann im Handwerk selbstständig gemacht, aber ihnen wurden von der Verwaltung laufend millionenteure willkürliche Strafen aufgebrummt, sodass man aufgeben musste. Jetzt leben sie „wie Wilde im Wald“, aber das Leben sei nicht schlecht, man werde hier draußen wenigstens in Ruhe gelassen. Sie beschreibt ihr Leben, wie es ist, aber sie klagt nicht und sie hofft auf Europa. „Vielleicht können unsere Kinder dann endlich wie Menschen leben“.
Am Waldrand entlang führt der Weg nach Malmkrog. Es ist sechs Uhr Abend geworden, als wir bei Frau Schuster nach einem Schlafplatz in der Jugendherberge fragen. Die spielenden Kinder an der Tränke sprechen sächsisch-deutsch und sächsisch-rumänisch im fließenden Übergang. Mir fällt ein, dass ich solche Kunststücke auch einmal beherrscht habe. Einige Kinder sind zu Besuch da, aber einige der sächsischen Kinder sind noch hier zu Hause. Schön, dass es sie noch gibt!
Die Herberge ist für Jugendgruppen eingerichtet und recht wohnlich. Wir können uns was kochen und sogar warm duschen. Die warme Sommernacht trägt noch etwas von der ausgelassenen Stimmung vor der Dorfkneipe in unser Zimmer, doch dann schlafen wir müde und glücklich ein.
Frau Schuster hat uns gestern ein Liter frische Kuhmilch herübergebracht. Ein wahrer Genuss zum Frühstück! Wir haben Glück, die junge Burghüterin ist zu Hause und schließt uns die Kirche auf. Wir sind beeindruckt von der stillen Anmut der Fresken, lassen uns von ihnen die biblischen Geschichten erzählen.
Auf dem Weg durch den Obstgarten bergauf in Richtung Neudorf, bleiben wir immer wieder stehen, um zurückzuschauen. Wie wundervoll Malmkrog zwischen den Bergen eingewachsen ist! Ein sächsischer Vater mit seinen zwei Töchtern begleitet unseren Aufstieg. Sie haben ihre Rechen dabei und gehen zum Heuwenden. Wir erfahren einiges über das Leben im Dorf und Diakon Lorenz, einen ehemaligen Ostdeutschen, der sich hier niedergelassen hat und die evangelische Gemeinde leitet.
Im nächsten Talgrund verliert sich der Weg in einer weiten Wiese. Unser Glück sind zwei Zigeuner, die mit einem Pferdefuhrwerk den gleichen Weg haben. Großzügig bieten sie uns den Transport unserer Rucksäcke gegen ein geringes Entgelt an, aber wir zögern. Spätestens wenn es auf der anderen Seite wieder bergab geht, sind sie mit den Rucksäcken schneller als wir. Die beiden bemerken unsere Skepsis und versichern uns, dass sie bekehrte Zigeuner seien, und sie hätten gewiss nichts Schlimmes im Sinn. Auf der Berghöhe trennen sich schließlich unsere Wege.


Reichedorfer Kirche - Foto: R. Stolz

In Neudorf kommen wir mit einer älteren Sächsin ins Gespräch, die im Straßengraben vor dem Haus das Gras jätet. Ihre Tochter kommt dazu, wir werden in den Hof zum Kaffee eingeladen. Mein Herz schlägt höher: Ein sächsischer Bauernhof, wie aus dem Bilderbuch! Eine grasbewachsene Hofeinfahrt, überdacht von einem Spalier mit reifen Weintrauben. Eine Sommerküche, ein Backofen und ein Brunnen, nur keine Hühner, keine Spur von Haustieren. „Wir sind ja nur zu Besuch hier,“ klären uns die Beiden auf. „Jedes Jahr im Sommer für drei Wochen.“ Sie wohnen bei Ingolstadt, den Hof hatten sie nach der Ausreise vor 15 Jahren behalten dürfen. „Wir wollten ja nicht weg, aber plötzlich ging das wie ein Lauffeuer durch das Dorf, keiner wollte bleiben, und so sind wir dann auch mitgegangen.“
Wir reden über die Schwierigkeiten, sich „dort“ einzuleben, vom Heimweh, vor allem bei den Älteren. Wir reden vom Krieg, von der Zeit, als sich dort oben im Wald versprengte deutsche Soldaten versteckt hielten, denen man trotz Lebensgefahr half, so gut es ging. „Wer weiß, was dort von denen noch alles vergraben liegt?“
Schon fast Mittag, als wir aufbrechen. Unsere Wanderkarte schlägt uns einen Umweg nach Großkopisch vor, wir aber, etwas mutiger geworden, nehmen die Abkürzung durch den Wald. Nach dem dichten Buchenwald, der so wirkt, als ob er seit Jahren von niemandem betreten wurde, öffnet sich ein weites Tal mit einer wilden Wiese, auf der sich eine unendliche Vielfalt von Blumen und Wildkräutern breit gemacht hat. Die Terrassen an den Hängen zeugen davon, dass das Land hier einmal sehr viel intensiver genutzt wurde. Greifvögel kreisen, eine tiefe Stille macht sich breit. Eine Quelle mit Tränke lädt im Talgrund zur Rast ein. Am Bach gibt ein handgschriebenes Holzschild „Teren otravit“ – „Vergiftetes Land“ eine verwirrende Auskunft. Der Anstieg auf der anderen Seite führt an verwilderten Obstbäumen vorbei, Terrassen, wahrscheinlich einmal für den Weinbau angelegt, geben Zeugnis von einer vergangenen Zeit.


Herr Schaas an der Orgel - Foto: R. Stolz

In Großkopisch hat die Familie des jungen Burghüters gerade Großwaschtag. Bunte Kleidungsstücke hängen über den Kirchhof an langen Leinen wie tibetische Gebetsfahnen. Gerne zeigt er uns die wehrhafte Kirchenburg. Er ist stolz darauf, diesen Schatz zu hüten.
Nach dem nächsten Bergrücken dann Birthälm. Dieses Dorf lebt! Pferdegespanne und alte Traktoren sind geschäftig unterwegs, alles gepflegt und gut erhalten. Die Kirchenburg, still und mächtig hinter dem begrünten Dorfplatz. Letzte Reisebusse mit Tagesgästen fahren ab. Wir fragen nach der Herberge und werden in die neu restaurierte Bleibe innerhalb der äußeren Burgmauer gewiesen. Eine österreichische Familie hat sich als Pächter für das Haus gewinnen lassen. Der Hausvater verbringt seinen Urlaub hier, um mit dem neuen Team aus Haus- und Küchenangestellten die täglichen Abläufe einzuüben. Das Haus soll schließlich internationalen Standards entsprechen. Abends sitzen wir bei einem Glas Wein zusammen. Dieser „Ausländer“ ist der Schönheit und Ursprünglichkeit Siebenbürgens wirklich verfallen, und er leistet hier in seiner Freizeit einen wertvollen Beitrag zu einem sanften Tourismus. Der nächste Vormittag gehört der Kirchenburg und einigen Streifzügen durch das Dorf. Einige Sachsen sind noch hier. Zunehmend orientiert man sich auch mit Zimmervermietungen an den wachsenden Touristenströmen. Weder im Dorfladen, noch im Wirtshaus lässt sich eine Flasche des einst berühmten Birthälmer Weines kaufen. Man bringe die Trauben jetzt nach Jidvei (Seiden) und im Jidveier Wein sei der Birhälmer auch drin!
Nein, nach Reichesdorf gehen wir nicht an der staubigen Landstraße entlang, die uns der Wanderführer vorschlägt, wir nehmen den Weg in das östliche Seitental. An diesem versteckten Dorfende von Birthälm stehen die kleinen Hütten der Zigeuner. Laute Volksmusik, vermischt mit Techno-Rhythmen schallt uns aus den Fenstern entgegen. Ab und zu ein neugieriger Blick auf diese zwei Fremden, die sich hierher verirrt haben. Nicht „Buna ziua“ sondern „Grüß Gott“ erwidert ein älterer Mann unseren Gruß am Hoftor der Schweinezucht am Dorfende. Wir kommen ins Reden und stellen wie nebenbei fest, dass wir um drei Ecken miteinander verwandt sind. Ja, nach Reichesdorf, dem Dorf meiner Großeltern, sind es noch acht Kilometer.


Am Dorfrand von Meschen - Foto: R. Stolz

In Reichesdorf sind sie noch zu fünft. Herr Schaas, seine Frau und noch drei alleine lebende alte Leute. Herr Schaas empfängt uns, trotz der vielen Feldarbeit überschwänglich. Aus dem Keller holt er einen Krug mit Rreichesdorfer Wein. Es ist dieselbe goldfarbene Mischung aus Riesling und Muskateller, auf die mein Großvater immer so stolz war. Der erste Schluck ruft über dreißig Jahre alte Erinnerungen wach. Gedeckte Festtafeln, Blasmusik, Baumkuchen, Hanklich und dieser goldene Wein. Das war einmal, und hier sitzt mir der 73-jährige Schaas gegenüber und sagt: „Na, wie schmeckt er? Ich bin der einzige im Dorf, der ihn noch so hinbekommt!“
Herr Schaas ist das lebende Gedächtnis des Dorfes. Gerne hören wir ihm zu. Seine spontane Kirchenführung gehört zu den besten und fundiertesten, die ich je erlebt habe. Man spürte, da lebt einer mit seiner Kirche. Er kannte sie in und auswendig. Herr Schaas ist Orgelwart, Dachdecker, Gärtner und Hausmeister der Kirche, des Pfarrhofes und des Friedhofs in einer Person, und ich vermute, er tut dies im Ehrenamt. Vor drei Jahren hat es hier den letzten Gottesdienst gegeben, aber alles ist so erhalten, dass morgen wieder einer stattfinden könnte.
Wir kommen im Pfarrhaus unter, und verbringen noch einige Stunden am Abend im dörflichen Wirtshaus unter freundlichen Menschen. Man trinkt jetzt auch in Reichesdorf Bier. Ich frage nach den Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten im Dorf. „Nun, einige fahren mit dem Bus nach Mediasch in die Fabriken, aber das sind nicht viele, die Anderen leben von ein wenig Landwirtschaft, man hält Kühe und gibt die Milch an der Sammelstelle ab. Einige junge Menschen sind ins Ausland gegangen, nach Italien und Spanien, von dort schicken sie Geld. Man kommt halt irgendwie durch…“ Am nächsten Tag machen wir einen kleinen Abstecher über die Reichesdorfer Flure. Ich zeige Ludvik die Felder und Weingärten, die schon in meiner Jugend nicht mehr dem Großvater gehörten, aber deren Namen er mir einprägte, so als könnte das irgendwann noch von Bedeutung sein. Sie sind „renaturiert“. Hier und dort steht noch trutzig ein alter Walnussbaum. Was wäre, wenn…? Könnte ich mich auf diesen Äckern als Winzer und Bauer sehen, statt als Diakon und Sozialarbeiter in einer Münchner Kirchengemeinde?
Sechzig Jahre nach dem zweiten Weltkrieg stellen wir immer noch fest, dass dieser Krieg unsere Welt wie kein anderes Ereignis verändert hat.
Nimesch verfehlen wir, und auf dem Weg, der sich etwas lange bis Meschen hinzieht, werden wir vom Pferdewagen des Bürgermeisters mitgenommen. Begeistert erzählt er vom Besuch des Prinzen Charles vor einigen Jahren. Ich hatte den Eindruck, er hatte den Wert des sächsischen Erbes in seinem Dorf erkannt. Vor dem Gästehaus neben der Kirchenburg stieg eine Reisegesellschaft aus Österreich aus ihrem klimatisierten Bus. In den Burgmauern haben die Sachsen ihr eigenes Dorfmuseum eingerichtet. Bei dem Gang durch das Dorf fällt mir ein rumänisch geschriebenes Schild auf: „Obst- und Gemüsebauverein, Kleintierzuchtverein“. Ein guter Weg, glaube ich, die verarmte Bevölkerung wieder mit den naheliegendsten Möglichkeiten des dörflichen Lebens vertraut zu machen. Das Wissen um die Landwirtschaft ist vielerorts verloren gegangen.
Später Nachmittag schon, aber bis Eibesdorf ist es noch zu schaffen! Erstaunlich, wie die alten Verbindungswege zwischen den Dörfern verfallen und vergessen werden. Nur die Straßen, die auf die Städte zulaufen werden noch genutzt. Eine Wegmarkierung fehlt hier, und wir sind auf die Beschreibung unseres Wanderwegeführers angewiesen. Es ist Sonntag, in Eibesdorf ist gerade der monatliche Gottesdienst vorbei. Der Nachbarvater sitzt mit einem Teil der Gemeinde gemütlich beim Kaffe. Uns ist es peinlich zu stören, aber er greift bereitwillig nach dem Kirchenschlüssel und deutet auf die muntere Gesellschaft. „Kommt nur, kommt. Die laufen mir nicht weg, die sitzen heut Abend noch da!“
Im Pfarrhaus ist eine gastliche Herberge eingerichtet. Eine Gruppe von deutschen Studenten hat sich einquartiert, richtige „Wanderfreaks“, laufen bis zu 40 km am Tag! „Siebenbürgen“, sagen sie, „ist das Beste, was wir bisher gefunden haben.“ Und sie sind schon weit herumgekommen.
Dunkle Regenwolken ziehen an diesem späten Nachmittag auf, da ist es ein Glück, dass sich gerade ein Taxi aus Mediasch auf den Dorfplatz verirrt hat. Vier junge Rumänen mit Gel in den Haaren und gepflegten Anzügen steigen aus. Der Fahrer schimpft über die miserable Straße hierher. Zumindest muss er jetzt nicht leer zurückfahren. Er erzählt, dass er seit der Wende Taxi fährt, vorher sei er Maler gewesen. Ob er meinen Helmuth-Onkel denn kenne? Ja freilich, mit dem habe er Jahre lang zusammen gearbeitet. Auf jeden Fall soll ich ihn in München schön grüßen…
Der Mediascher Bahnhof empfängt uns mit einem schier unerträglichen Menschengewühl. Vier Tage sind wir durch stille, vergessene Landschaften gegangen, jetzt hat uns das Weltgetriebe wieder. Aus dem fahrenden Zug nach Schässburg zeige ich Ludvik die Dörfer im Kokeltal, aus denen sich die Seitentäler, die wir durchwandert haben, abzweigen. Scharosch, Großlasseln, Dunesdorf. In nicht mal einer Stunde sind wir wieder am Ausgangspunkt, in Schäßburg zurück.
Nach Wanderurlauben in der Toscana, Umbrien, Spanien und Mallorca habe ich nun mein Wanderland entdeckt. Wenn auch Unterkunft und Verpflegung nicht so standardisiert einfach wie anderswo zu finden sind, machten wir immer die schöne Erfahrung, dass der Weg schon für den Reisenden sorgte. Vieles ergab sich zufällig. Wir waren von der Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen gerührt, die uns begegnet sind.
Siebenbürgen wird in den nächsten Jahren mehr und mehr vom alternativen und sanften Tourismus erschlossen werden, es hat das beste Potential dafür.
Vielleicht finden sich ja noch ein paar Schäßburger Wandervögel, die Lust haben, den einen oder anderen alten Weg zu begehen und zu beschreiben. Ein Anfang ist ja durch den oben erwähnten kleinen Wanderführer gemacht. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Wanderung entlang der ehemaligen Bahnlinie von Schäßburg nach Agnetheln, oder einem großen Rundweg um Schäßburg? Auch Schäßburg–Fogarasch wäre in vier Tagen zu schaffen.

Robert Stolz (München)

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