HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“

Die letzten Absolventen der Pädagogischen Schule Schäßburg trafen sich


Gruppenbild

 

Auf Einladung von Horst Schiroky und Elisabeth Mederus trafen sich vom 3.– 5. Oktober 2005 in der Evang. Tagungsstätte Löwenstein (bei Heilbronn) die letzten Absolventen der Deutschen Pädagogischen Schule Schäßburg (1955) zum 50. Matura-Jubiläum. Wie schon bei allen vorhergegangenen Treffen wurden auch dieses Mal alle eingeladen, die zwischen 1951–1955 unserer Klasse angehört hatten, wie z. B. jene, die schon nach dem ersten Schuljahr von der Schule verwiesen wurden, weil ihre Eltern zu „Ausbeutern“ gestempelt worden waren. Wir freuen uns, dass wenigstens einige von ihnen in die Gemeinschaft zurückgekehrt sind und sich wohl fühlen. Wir gehören zusammen!
Die längste Anreise hatte unser Freund Peter Barth, Pfr. a. D., aus dem siebenbürgischen Großscheuern bis in die „Schwäbische Toscana“ (Löwensteiner Berge). Er ist einer von drei Ehemaligen, die noch in der alten Heimat leben.
Als wir vor 50 Jahren die Schäßburger Pädagogische Schule absolvierten, ahnte keiner, dass sich hinter uns die Pforten dieser Schulart für immer schließen würden. Am schlimmsten haben es wohl die Folgejahrgänge erfahren, die, nach drei Schuljahren pädagogischer Ausbildung, plötzlich Gymnasiasten waren und keine „Seminaristen“ mehr.
Juni 1955: Ohne Stellenzuteilung mussten wir sehen, wie und wo ein Arbeitsplatz zu finden war. Von Süd- bis Nordsiebenbürgen (Oberwischau, Kriegsdorf/Hodod) fanden einige unserer Absolventen Lehrerstellen. Viele kamen erst später in den Schuldienst, wenige leider nie. Weite Wege lagen plötzlich zwischen uns und sie sollten – mit Beginn der Auswanderung – noch weiter werden, aber sie führten uns auch immer wieder zusammen. Zur Pflege unserer Ge-meinschaft fanden fünf Treffen in Siebenbürgen (Schäßburg) statt. In Deutschland trafen wir uns erstmals 1980 bei Brigitte und Wilhelm Folberth in Eppstein/Taunus. Während wir hier 8 Ehemalige zusammen saßen, trafen sich in Schäßburg, fast zur gleichen Zeit, 20. Danach verschob sich das Verhältnis immer mehr zugunsten der in Deutschland Lebenden.
Oktober 2005: Die Aula der Tagungsstätte, in der unsere Begegnung stattfand, empfing uns festlich geschmückt. In bunten Herbstfarben leuchteten auf den Tischen die Deckchen und Servietten, Kerzen, Gerbera, Äpfel und Zierkürbisse. Die guten Ideen hatten Elisabeth Mederus, Marianne Wagner, Frieda Kloos und Grete Menning und ihre fleißigen Hände schufen für uns alle diesen feierlich-festlichen Rahmen. Eine weitere Überraschung kam von Grete Menning: Jede und jeder Ehemalige erhielt ein von ihr gestaltetes „Blumenbild“ auf einer Faltkarte mit dem Gedicht „50 Johr“ im Innenteil, ebenfalls von ihr verfasst. Es war ein Dankeschön für ein „Geschenk“, das sie seitens der Klasse vor über 50 Jahren erhalten hatte: Alle hatten damals Geld zusammengelegt, um ihr die Teilnahme am Jahresausflug zu ermöglichen. An einer Magnetwand konnten – auf acht Tonpapierbögen – Fotos betrachtet werden aus der Zeit von 1955 bis zum letzten Klassentreffen, zusammengestellt von Horst Schiroky. Unter dem Text „Ihr seid nicht mehr dort, wo ihr wart, aber immer dort, wo wir sind“, waren auf einem Bogen die Bilder unserer beiden verstorbenen Klassenlehrer Hans Weber und Karl Gustav Reich zu sehen und die unserer 13 viel zu früh verstorbenen ehemaligen Klassenkolleginnen und -kollegen: Winfried Welther, Felix Wonner, Christa Osivnic, Katharina Schuster, Gertrud Pop-Hornung, Brunhilde Müll (Dieners), Heinrich Schell, Anneliese Farsch, Helga Dengjel (Schuller), Heinrich
Schaas, Hans-Werner Roth, Anna Schuster (Zank) und Johann Barth. Nach Kaffe-Trinken, einem Spaziergang durch die herbstlich strahlenden Weinberge rund um die Tagungsstätte und dem Abendessen stiegen wir ein in den feierlich-festlichen Teil.
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ – so eröffnete Horst Schiroky das Treffen und begrüßte die „Jubilare“ als die letzten Absolventen der Schäßburger Pädagogischen Schule, die bloß sieben Jahre Bestand hatte und dennoch durch ihr Wirken, durch die Lehrerinnen und Lehrer, die da ihre Ausbildung bekommen hatten für die Geschichte der Kokelstadt und unseres kleinen Volkes tiefe bleibende Spuren hinterlassen hat. Wir kamen alle mit großen Erwartungen und Hoffnungen an die „Schule auf dem Berg“ und wurden nicht enttäuscht: Die engagierten Professoren und Lehrer (Übungsschule) haben uns das methodisch-pädagogische Rüstzeug, Fähigkeiten und moralische Werte mit auf den Weg gegeben, um den (durch den Krieg) gerissenen Faden im kulturellen Dorfleben wieder aufzunehmen. Sie haben unser Heranreifen aufmerksam gefördert und begleitet und es bestand – im Unterschied zu den meisten anderen Schulen – immer ein vertrauensvolles Lehrer-Schüler-Verhältnis.
Zwar trennten sich unsere Lebenswege nach 1955, aber unsere bisherigen Treffen, vor allem dieses 50-jährige (es war das 8. in Deutschland), bezeugten noch einmal, dass unsere Verbundenheit tiefe Wurzeln hat in der Gemeinschaft, die in einer Zeit großer Not und vieler sozialpolitischer Umwälzungen entstanden und gewachsen war, als man zusammenrückte, in der das Mit- und Füreinander Mut und Kraft gab, Hoffnung und Geborgenheit.
Nach Minuten des stillen Gedenkens an die Verstorbenen – es erklang das Largo aus „Xerxes“ von G. F. Händel – wünschte der Redner der Begegnung einen angenehmen Verlauf und gutes Gelingen, gemäß dem Sprichwort: „Eine Stunde am Tisch mit guten Freunden ist ein Lebensjahr, das wir dazugewinnen.“
Es folgte das Gedicht „50 Johr“, vorgetragen von der Verfasserin, Grete Menning, „Nur für heute“ (nach Papst Johannes XXIII.), vorgelesen von Elisabeth Mederus, Hermann Hesses „Stufen“, gelesen von Krista Zoltner, und das Gedicht „Die Schülertreppe. Licht und Schatten“, gelesen von Waltraut Welther. Anschließend trug Grete Scheida „Die Grundschullehrerin“ vor, ein heiterer Text mit ernstem Hintergrund, bevor Michel Wikete sein Können auf dem Akkordeon mit einigen Vortragsstücken erneut unter Beweis stellte.
Am späten Abend schilderte uns Andreas Bühler als Herausgeber die angenehmen, aber auch die schwierigen Aspekte seiner unermüdlichen Arbeit an unserem Erinnerungsbuch: „Weg ins Leben – Lebenswege“. Dabei betonte er, dass „ein erfreuliches Spektrum an Gestaltungsformen entstanden ist – vom tabellarischen Lebenslauf, über ausführlichere, teils durch Bilder illustrierte Erinnerungen bis zur Versform...“ Alle nahmen dankend dieses Buch in Empfang. Es schildert, wie der Titel sagt, Wege unseres Lebens in Text und Bild, Begegnungen während und nach der Schulzeit, persönliche Erlebnisse und Schicksale. Es „malt“ so ein Bild der letzten Klasse der Deutschen Pädagogischen Schule aus Schäßburg, ergänzt und bereichert das Gesamtbild über die deutschsprachigen Schulen und das Kulturleben in Siebenbürgen.
Bei guter Laune, Gesprächen und Musik und mit dem Erinnerungsbuch unterm Arm endete der erste Abend unserer Begegnung.
Einige verließen uns am zweiten Tag, da sie noch andere Termine und Pflichten wahrnehmen mussten. Der zurückgebliebene Großteil vergnügte sich zunächst bei einem Tanz mit Tüchern, angeregt von Krista Zoltner, besuchte am Nachmittag die Synagoge (Museum) in Affaltrach mit Führung (Herr Martin Ritter, pensionierter Lehrer) und entspannte sich anschließend bei einem herbstlichen Spazier-gang am Breitenauer See.
Der Abend verlief in angenehmer, fröhlich-heiterer Stimmung: Lisbeth und Günther Stefani stärkten unsere Lachmuskeln beim Gesellschaftspiel „Malen mit Menschen“, Michel Wikete lockte uns mit seinen Akkordeonklängen auf die Tanzfläche und Willi Folberth, unser Primus-Musikus aus der Sem-Zeit, dirigierte wie einst den „Klassenchor“. Viele kannten sogar die Melodie „ihrer“ Stimme, wenn altbekannte Lieder angestimmt wurden, wie: „Bunt sind schon die Wälder“, „Die Gedanken sind frei“, „Kein schöner Land“, „Lass doch der Jugend ihren Lauf“, „O Täler weit, o Höhen“ u.a.
Am dritten und letzten Tag verabschiedete man sich nach dem gemeinsamen Frühstück mit dem Wunsch und in der Hoffnung, dass wir uns möglichst vollzählig im Herbst 2008 an gleichem Ort wieder begegnen, wohl wissend, dass unsere Uhr immer schneller tickt und dass der kürzere „Rest des Lebens“ uns einen rationellen Umgang mit Zeit, Kraft und Gesundheit abverlangt.
Horst Schiroky (Heilbronn)

 


 

balken.gif (7924 Byte)

Letztes Update: 2006-04-21 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg