Erinnerungen eines Bergschülers Jahrgang
1955/1956 an Schäßburg
Geistig große, aber arme Jahre
Wir liebten Schäßburg, und die Schäßburger
liebten uns / Das Städtchen - mit den Augen eines Gastschülers
Mitte September 1949 setzte sich aus dem abgelegenen Ort Meschendorf
ein Pferdewagen, Fuhrmann war der „Orendt’s Misch“,
auf der geschotterten Dorfstraße in Richtung Schäßburg
(Entfernung = 38 km) in Bewegung. Ein voller Strohsack, ein festes Kopfkissen,
eine warme Wolldecke, ein großer Holzkoffer und ein kleiner 11-jähriger
Junge, der in die Stadt fuhr, um in den nächsten Jahren die weiterführende
Schule zu besuchen, waren im Wagen ordentlich verstaut. Mutter hatte schon
viele Monate vorher mit Bestimmtheit geäußert: „Unser
Junge sollte, koste es, was es wolle, die deutschen weiterführenden
Klassen machen“, und im Monat August war Vater mit einem vom Dorfschuster
ausgeliehenen Fahrrad (Fahrräder wurden in der Nachkriegszeit durch
je ein Nummernschild kenntlich gemacht, das heißt, sie waren registriert!)
in die Stadt gestrampelt, um das notwendige Wohnquartier für seinen
Sohn ausfindig zu machen.
In Schäßburg zu leben und zu wohnen bedeutete in allen Zeiten
für die meisten ländlichen Bewohner des Umlandes das Erstrebenswerteste,
was zu erreichen war. Und schon im 17. Jahrhundert haben sich, so wie
es der Namensforscher Dr. Fritz Keintzel-Schön in seinem bekannten
Buch aufgezeichnet hat, Zuwanderer aus fast 100 (!) siebenbürgischen
Ortschaften zwischen den schützenden Mauern der Stadt, die aber häufig
von Feinden belagert waren, nieder gelassen. Auch ist Lokalhistorikern
von Schäßburg bekannt, dass schon in den Jahren vorher (1573-1575
und 1577) judex regius (Königsrichter) in der Stadt ein gewisser
Johann Meschendörfer war, dessen Nachname darauf hinweist, dass seine
Vorfahren ebenfalls irgendwann aus dem Umland zugezogen sind (Quellenangabe:
Hans Meschendörfer). Und wenn man heute wie ehedem einen alten knorrigen
Schäßburger als einen „Durus Schäßburgensis“
bezeichnen darf, so haben wahrscheinlich auch die zugezogenen Bewohner
durch ihre physischen Merkmale diesen Menschentypus mitgeprägt.
Abends Ziegenmilch
Nun war der Gastschüler nach mühevoller Suche in der oberen
Baiergasse bei Diez-Onkel untergebracht und noch am gleichen Tag in die
deutsche Knabenschule (im Jahre 1890 erbaut) immatrikuliert worden. Klassenlehrerin
der damaligen 5. Klasse war Frau Helene Krauss: freundlich, herzensgut,
aber auch genau und streng. Im Fach Mathematik mussten täglich zusätzlich
vor der zu verrichtenden Hausaufgabe noch mindestens zehn Zeilen Ziffern
sauber zu Papier gebracht werden, denn nur so lernt ein Mensch Zahlen
ordentlich schreiben. Schulhefte waren aber in der Regel Mangelware, und
in der damaligen staatlichen Verkaufseinheit „Cartea rusa?“
(russisches Buch) bekam man, wenn man Glück hatte, höchstens
unlinierte Merkhefte. Karl aber, ein Klassenfreund, der aus dem Dorf Zuckmantel
stammte, war stolzer Besitzer zweier sauber linierter Hefte, die ihm angeblich
ein Onkel aus Deutschland hatte zukommen lassen. Bei Frau Krauss lernte
man zusätzlich mit Malpinsel und Wasserfarben umgehen, während
wir dann in der Musikstunde alte Volkslieder sangen und auch das erste
Pionierlied (Pioniere trugen eine rote Halskrawatte!) hörten:
„Wir sind die Fahnenträger
neuer besserer Zeiten,
wir wollen die Geschicke leiten! ...“
(Die bekannte Melodie des „Schäßburger Grußes“
lernte man aber nicht im Unterricht singen, summen oder pfeifen, sondern
einige Zeit später von einem „guten“ Bekannten. Ein richtiger
Schäßburger, und das wollte man sein, hatte die Tonfolge der
insgesamt acht Noten zu üben und zu verinnerlichen!)

Die Bergschule - Foto K. Lingner
Ganz neu war uns das Unterrichtsfach Russisch, das nach Kriegsende „in
Mode“ kam und von Frau Petrovits gelehrt wurde. Sogar im geräumigen
Schulhof konnte man nach einiger Zeit Unterricht die an eine hohe abgrenzende
Steinmauer in roter Farbe mit kyrillisch-russischer Schritt groß
angebrachte Losung lesen: „Vorwärts zu neuen Siegen“,
ein Aufruf, der wahrscheinlich von russischen Frontsoldaten herrührte.
Bei mir auf dem Lande hatten die gleichen Waffenbrüder auf ihrem
Siegeszuge in Richtung Berlin („Wo ist Berlin?“, fragten sie
immer wieder) einige Jahre vorher auch das letzte Schwein meiner Großmutter
erschossen und dann total mit Haut, allerdings ohne Borsten, aufgegessen.
In der oberen Baiergasse fand der Kostjunge liebe Menschen, die für
ihn wann immer ein nettes Wort bereit hatten. Der alte Hausherr besaß
außer einem Häuschen auch eine schwarz-weiße Ziege, und
so war abends für nahrhafte Ziegenmilch gesorgt. Im „Scherkes“,
einem damals noch wenig bebauten Ortsteil, wohnte zusätzlich ein
Teil der Anverwandten meines Quartiergebers, die einen großen Obstgarten
rings um das Haus ihr Eigen nannten. So konnte sich der Gastschüler
an einem schönen Herbstsonntag gemeinsam mit allen Familienmitgliedern
beim Einsammeln der „ried Apel“ (roten Äpfel) nützlich
zeigen, damit dann die gesamte Obsternte am Spätabend zwischen allen
verwandtschaftlichen Gruppen, die zum Kreise der Deppner gehörten,
gerecht aufgeteilt wurde
Im nächsten Schuljahr bezog dann der Gastschüler – der
Grund des Umzuges ist mir heute nicht mehr bekannt – ein neues Zuhause,
und zwar bei Frau Wonnerth in der Nähe der verstaatlichten Bäckerei
Zielinsky. Hier waren wir nun insgesamt drei Kostbuben, denen zum ersten
Mal Schäßburger Patrizierluft um die Nase wehte. In einem großen
Raum stand ein schönes Klavier, auf dessen Tasten wir unbeobachtet
einige Töne erklingen ließen, wenn wir nach unserer Unterrichtspflicht
nicht „Schiffe versenken“ oder Schach spielten. Für die
Schule bekam man dann regelmäßig ein großes Pausenbrot
zugesteckt: Die schmackhaften Brotschnitten waren mit Fett bestrichen
und mit frischen grünen Paprikaschoten belegt, denn Vitaminmangel
sollte nicht sein. Für mich waren die gut gemeinten Paprikaschoten
aber ungewohnt und brannten auch auf Zunge und Gaumen, so dass ich mich
ihrer noch zu Hause insgeheim in den Papierkorb entledigte, was ein kleines
Nachspiel haben sollte. Im rechteckig angelegten Schulhof rannten dann
die temperamentvollen Stadtkinder mit ihren Pausenbroten in der Hand wie
Indianer auf Kriegszügen hintereinander her, bis auch wir Dorfkinder
später den Mut fanden, mit lautem Geschrei mitzumachen. Der gewissenhafte
und pünktliche Hausmeister Georg Schuster aus Henndorf läutete
jedoch regelmäßig viel „zu früh“ mit seiner
massigen Handglocke das Ende der Pause ein ohne, dass man immer Gelegenheit
gehabt hätte, einen kalten Wassertrank von dem Röhrenbrunnen
zu erhaschen, da dieser zusätzlich von mit Wasser spritzenden Knaben
belagert war.
S.E.G. = Deutsche Elementarschule
In jedem Schuljahr musste man sich an einen neuen Klassenleiter gewöhnen,
da die Klassenlehrer nicht mit der jeweiligen Klasse „mitgingen“.
So war es im Schuljahr 1951/52 der unvergessene, energische Prof. Karl-Gustav
Aiff, der uns Handfertigkeit (heute spricht man in Deutschland von Textilarbeit/Werken)
und Sport näher brachte. Wir stellten mit wasserlöslichen Farb-
und Klebstoffen Buntpapiere her, flochten aus Maisblättern Stricke
oder sägten aus dünnen Sperrholzplatten mit Hilfe einiger Laubsägen,
die mit einem dünnen gespannten Sägeblatt ausgestattet waren,
nach vorgezeichneten Mustern verschiedene Gegenstände und Figuren
heraus. Im Unterrichtsfach Sport tönte es dann „Links um, rechts
um!“, „Kehrt euch!“, „Warum hast du keine ordentliche
Turnhose?“, „Wo sind deine Turnschuhe?“. Disziplin und
Ordnung waren nämlich gefragt. Mit Begeisterung wurde dann Geschichte
von Prof. Hans Markus unterrichtet, ohne dass sich dieser immer an die
Vorgaben des Lehrbuches hielt, sondern er ließ oft zusätzlich
Begebenheiten aus der großen Vergangenheit der Siebenbürger
Sachsen einfließen. Die Themenbereiche, die aber z. B. die Gründung
der Ersten Sozialistischen Internationale beinhalteten, ließ er
uns lieber der Reihe nach vom Blatt vorlesen, ohne jeden weiteren Kommentar.
Auch war es ihm egal, auf welcher Silbe wir das neue Wort „modern“
betonten.
Was machten aber Gastschüler anno dazumal an Sonn- oder Feiertagen
in Schäßburg? Wir 12-jährigen Knaben liefen regelmäßig
zum Bahnhof und bewunderten die mit viel Dampf heranbrausenden Lokomotiven
aus Richtung Osten. Wir meinten, vielleicht die letzten aus Russland heimkehrenden
Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangenen zu sehen. Einige Male blies auch
die Musikkapelle des Lehrerseminars gekonnt einen Willkommensgruß.
Großen Spaß bereitete uns ebenfalls die „Wusch“
(Schmalspurbahn), die zu festgelegten Zeiten mit dicken Rauchwolken und
schrillen Pfiffen aus der Innenstadt in Richtung Agnetheln abfuhr oder
von dort schnaufend ankam. Einige Jahre später sollte ich dann leider
erfahren, dass diese Sehenswürdigkeit Schäßburgs aus betriebswirtschaftlichen
Gründen ab 1965 für immer aufgegeben wurde.
An warmen Nachmittagen tollte man auch gerne barfuß mit Gummibällen
umher, wir spielten Handball nach dem Vorbild der Schäßburger
Berühmtheiten, wie es Rudolf Eder, Hermann Kamilli, Hans Lehni, Walter
Lingner und viele andere waren. So rutschte eines Tages ein Kostjunge
in der Nähe des damals noch zentral gelegenen Marktplatzes auf heißem
Stein aus, fiel in aufgeweichtes Bitumen, kriegte dann das Dichtungsmaterial
mit Wasser nicht herunter, teilte seiner Hausfrau den Vorfall nicht mit
und legte sich am Abend feige in die schneeweißen Leintücher
zu Bett. Die Folgen waren am Morgen nicht zu übersehen.
Um auf den Straßen nicht unangenehm aufzufallen, mussten in den
ersten Nachkriegsjahren alle Schüler der Stadt auf dem linken Hemd-
oder Jackenärmel die Bezeichnung (Kürzel) der jeweiligen Schule
aufgenäht tragen. Wir, Eleven der unteren so genannten Knabenschule,
in der es jetzt aber nur gemischte Klassen gab, trugen die Buchstabengruppe
der rumänischen Bezeichnung S.E.G. (Deutsche Elementarschule). Ein
Bekannter von der Bergschule hänselte uns und meinte lachend, dies
sei die genaue Abkürzung von „Schwein, Esel, Gans!“
Erst später sollte ich erfahren, dass es nicht gleichgültig
war, wo man in Schäßburg wohnte und in welchem Stadtteil man
in Schäßburg zur Schule ging. Die „oben auf der Burg“
fühlten sich auch in der Nachkriegszeit noch als die eigentlichen
Ur-Schäßburger. So verstand ich auch, weshalb aus meiner Klasse
der unteren Schule irgendwann zwei Schäßburger in Richtung
„Schule am Berg“ abzogen. Heute kann jedoch rückblickend
gesagt werden, dass wir uns in der Knabenschule, deren Direktor Prof.
Richard Lang sen. war und der uns die Grundlagen in Grammatik und im Aufsatzunterricht
mitgeben sollte, pudelwohl fühlten und dass hier kein Unterschied
zwischen Stadt- und Dorfkind gemacht wurde. Nur die Leistung und das Benehmen
zählten. (So gab es damals auch die wichtige Benotung für „Betragen“.)
Einige Schäßburger Mitschüler der ersten Stunde sind mir
unvergessen und stellvertretend für die vielen anderen möchte
ich nennen: Sigrid Brantsch, Annemarie Radler, Grete Sill, Christian Elges,
Hannes Schuster, Hermann Schwarz, Julius Wotsch usw.
Die Nachkriegsjahre waren für uns Gastschüler geistig große,
aber in materieller Hinsicht arme Jahre. Als Bleistiftspitzer benutzte
man alte gebrauchte Rasierklingen, die auf einer Seite von einem Holzrahmen
eingefasst waren. Der Bleistiftstumpf wurde in einem Bleistifthalter befestigt,
und so war es möglich, damit noch etliche Zeit zu schreiben. An den
Armen trugen die meisten Mitschüler schwarze Ärmelschoner, aus
einem minderwertigen Leinenmaterial zusammengenähte und an den Enden
mit Gummi befestigte Rollen, die über die jeweiligen Hemds- oder
Blusenärmel bis zu den Ellenbogen hochgezogen wurden. Eines Tages
brachte eine Schäßburger Mitschülerin drei Schalenteile
einer Orange in die Klasse mit, und der Reihe nach durften wir an der
Südfruchthülle schnuppern – und uns den Genuss einer wirklichen
Orange vorstellen.
Zum Unglück hatte die damalige rumänische Staatsführung
in Bukarest für das Jahr 1953 noch „Jugendspiele“ für
Jugendliche befreundeter Länder in Planung, und die Folge davon war,
dass z. B. Süßigkeiten (Bonbons, Kekse, türkischer Honig
usw.) viele Monate für uns Kinder in den staatlichen Verkaufsläden
nicht mehr sichtbar waren, da Bukarest für diese Spiele riesige Einsparungen
machte. Und noch ein Kuriosum: Wir Schüler in Schäßburg
wurden zusätzlich angehalten, für den Korea-Krieg (1950–1953)
zu spenden.
Im Internat
Trotz aller Not ging es langsam aufwärts. So wurde die Möglichkeit
geschaffen, dass im Gebäude des ehemaligen Lehrerinnenseminars an
der Schaaser Straße, das zeitweilig während des Krieges als
Lazarett für deutsche und dann für russische Truppen Verwendung
gefunden hatte, ein Internat für deutsche Gastschüler des Umlandes
eingerichtet wurde. Und so landeten wir schließlich mit Hans und
mit Karl aus Zuckmantel in diesem Internat, das sogar eine Kantine und
Küche besaß. Außerdem gab es einen Raum, in den man sich
einen Schrank reinstellen durfte (den musste man aber haben) und darauf
fand der Koffer seinen Platz. Im Koffer pflegte jeder Zögling ein
Stück Schweinespeck oder in Ausnahmefällen ein Glas Fett mit
eingebratener Wurst als „eiserne Reserve“ zu halten, doch
benötigte man dazu ein „Brit-Schärzel“(Brotecke),
um zusätzliche Kalorien aufzunehmen, wenn die Kantinenration nicht
gereicht hatte. Aber es gab auch Fälle, wo einige schlaue Mitschüler
während der Herbstzeit bei dunkler Nacht im nahen Umland einen voll
mit Früchten behangenen Apfelbaum ansteuerten, um sich den Holzkoffer
für „schwere Zeiten“ zu präparieren.
Wer waren nun die Bewohner dieses Schäßburger Internats an
der Schaaser Straße? Es waren überwiegend Absolventen der damaligen
deutschen Elementarschulen (7. Klassen) aus der Schäßburger
Umgebung, die im neu gegründeten gemischten Lehrerseminar (1948)
im vormaligen Bischof-Teutsch-Gymnasium zu Volksschullehrern ausgebildet
werden sollten. Zu ebener Erde wohnten wir Knaben, während die Mädchen
ihre Zimmer im ersten Stock hatten. Warum das nicht umgekehrt war? Jedenfalls
stieg unser Martin nicht nur einmal zur späten Stunde zum Schlafzimmerfenster
herein und kündete mit der bekannten Melodie auf den Lippen „Ohne
Geld - durch die Welt!“ stolz seine Rückkunft an.
Alle Schlafzimmer umfassten durchschnittlich 10 bis 12 Eisenbetten mit
grauen, warmen Oberdecken, einem Polster, einem Strohsack (frisches Stroh
füllte sich Anfang des Schuljahres jeder einzelne Schüler ein)
und einem Zimmerprimus. Mein erster Zimmerchef im Internat war der aus
einem höheren Jahrgang stammende Hans Liebhardt, der während
der 1.-Mai-Feier (Arbeitertag aller Werktätigen) gerne die rote Fahne
trug, ansonsten jedoch ein verträglicher junger Mensch war und aus
der Landlergemeinde Großpold kam. Er verstand Humor und ließ
auch die Meinungen anderer gelten.

Internatsinnenhof im alten Seminar - Archivbild
Nun war der Schulweg vom Internat bis zum Schulgebäude auf dem Burgberg
recht weit, vor allem wenn zur Winterzeit ein rauer Ostwind wehte und
es zusätzlich auch dicht schneite. Für dumme Späße
waren die angehenden Lehrer, weil jung, aber immer gut aufgelegt. So lief
einer nach einer abgeschlossenen Wette im tiefen Winter, nur mit der Unterhose
bekleidet, den Berg hinauf - und gewann diese Wette. Beim Professorenkollegium
war er aber der Verlierer, da er sich zur Strafe alle Kopfhaare abschneiden
lassen musste und auch seine Eltern vom Vorfall schriftlich informiert
wurden. Ein Zweiter wollte den Mädels, die am Sonntagmorgen neugierig
aus den Fenstern guckten, beweisen, wie flink er sei, und als die „Wusch“
sich in der Schaasergasse vorbei quälte, rannte er daneben her und
schüttelte einen Topf mit Maiskörnen recht kräftig, so,
als wenn man auf dem Dorf eine Sau zum Zuchteber lockt. Auch dieser Schüler
blieb nicht ungestraft. Ein dritter Eleve behauptete, er könne in
der bekannten Schäßburger Konditorei „Martini“
zwanzig Stück Kremschnitten nach-einander verschlingen, wenn ihm
diese ein Klassenfreund bezahle. Dieser Versuch schlug jedoch fehl –
und die Wette war verloren.
Das Sem
Nach einer bestandenen Aufnahmeprüfung schrieb man sich also in das
„Sem“ (Lehrerseminar) ein und erwartete mit gemischten Gefühlen
die neuen Professoren. Zu Beginn des Schuljahres 1952/1953 waren wir rund
40 Schüler und Schülerinnen im ersten Jahrgang immatrikuliert,
von denen der größte Teil Bauernsöhne und -töchter
aus dem Umland waren. Welche Berufsmöglichkeiten hatte man denn schon
am Ende einer Ausbildung auf dem Dorf? Man konnte dort entweder als Lehrer
oder bei einem zusätzlichen theologischen Universitätsstudium
in Hermannstadt als Pfarrer arbeiten. Also wollten wir Lehrer werden.
Unser neuer Klassenleiter, der uns vier Jahre lang begleiten sollte, war
Prof. Paul Schuller, der kurz vorher das Rektorat der Bergschule aus politischen
Motiven ablegen musste. Er war ein vielseitig gebildeter Akademiker (Sprachen,
Musik, Theologie, Philosophie) mit ausgeprägtem Realitäts- und
Gerechtigkeitssinn. So lernten wir bei ihm auch das notwendige Musikinstrument
(Geige) spielen, um später als Lehrer bestehen zu können. Er
war ein Mann der Schule und ein Erzieher, und noch heute denken vier gewesene
Bergschschüler (Maria Barth, Katharina Dorfi, Edda Haiser und der
Autor dieses Beitrages), die während der beiden Weihnachtsfeiertage
mit Bahn oder Bus nicht nach Hause fahren konnten, mit zusätzlichem
Dank daran, dass er uns an einem Heiligen Abend zu seiner eigenen minderjährigen
Kinderschar in sein Haus rief, um mit allen gemeinsam die Geburt Christi
zu feiern.
Er studierte mit uns in den jeweiligen wöchentlichen Klassenstunden,
die eigentlich für politische Bildung eingesetzt werden sollten,
Volkslieder oder Einakter ein, mit denen wir dann an Wochenenden bei gelegentlichen
Ausfahrten die sächsischen Einwohner einiger umliegenden Dörfer
wie Birthälm, Keisd oder Zuckmantel erfreuen konnten. Unvergessen
ist uns allen auch eine Wanderung von Ende Juni 1954 in das Harghita-Gebirge
geblieben, nicht nur wegen der Naturschönheiten dieser Landschaft
und der guten Organisation, sondern auch wegen eines interessanten Hypnose-Abends,
den unser Professor bot.
Irgendwann an den Nachmittagen und auch am Abend saßen wir dann
regelmäßig in den Lernräumen des Internats, bestückt
mit aufklappbaren Tischen, Knaben und Mädchen brav getrennt voneinander,
um für den nächsten Tag die fälligen Hausaufgaben vorzubereiten
oder zu üben. Beobachtet mit den Argusaugen der zuständigen
Pädagogin hatte man Ruhe zu bewahren, nicht zu flüstern, nicht
zu lachen und nicht zu husten. Selbstverständlich durfte der Lernraum
in dieser Zeit unter keinen Umständen verlassen werden, und aus diesem
Grund konnte sich der eine oder der andere glücklich schätzen,
wie Freund Mathias Mosberger, eine Trinkwasserflasche sein Eigen zu nennen
und verstohlen hinter dem geöffneten Tischpult einen Schluck Wasser
zu sich zu nehmen. Und wir? Geschützt vor den Augen der Aufsicht,
getarnt durch ein offenes Lesepult, blätterte mein Klassenkollege
Hans Wagner zeitweilig in Phantasie anregenden Karl-May-Büchern,
die meine Generation mit derselben großen Begeisterung las, wie
heute eine andere Generationen die „Harry Potter“-Bände
einer englischen Autorin schätzt.
Wenn dann gegen 22 Uhr unsere Lernzeit (Ohne Unterbrechung und intensiv
zu lernen nannten einige Schüler abwertend stucken) vorbei war, sauste
der eine oder der andere noch schnell zu seinem Speckkoffer, um einige
Kalorien zu sich zu nehmen, putzte sich dann im Waschraum die Zähne
oder nicht, wusch sich vielleicht auch die Füße und eilte ins
Schlafzimmer. Mit jugendlichem Gefühl brachte dann bald darauf ein
Blechbläser, am schönsten Hans Sadler, auf den jeweiligen Korridoren,
bei den Mädchen oben, bei den Knaben unten, das Abendlied „Guten
Abend, gute Nacht“, das uns alle zur Nachtruhe motivieren sollte,
zu Gehör. Prompt nahm dann auch der Zimmerprimus seine wichtige Aufgabe
wahr, den Schalter des elektrischen Lichtes nach rechts zu betätigen,
uns zu besänftigen und für eine entsprechende Nachtruhe zu sorgen.
Was macht man jedoch mit einem schlafenden Schnarcher? Wehe dem Schnarcher!
Da gab es schon einige unorthodoxe Kniffe, wie die dicke Zehe des Schläfers
an einen Bindfaden zu befestigen und von Zeit zu Zeit kräftig daran
zu ziehen, die Wassersprühprobe sowie einige andere kleine Tricks
mit brennenden Papierstreifen.

Die Internisten unserer Klasse - Archivbild
„Lernt, lernt, lernt!“
Erwachten wir dann am Morgen, und wenn es – Gott sei Dank –
Sonntag war, konnte man etwas länger in den Betten liegen bleiben.
Den Gottesdienst durfte man aber in der Zeit der roten Diktatur auf keinen
Fall besuchen, so war es auch einige Jahre vorher nicht erlaubt gewesen,
am Religionsunterricht in der Klosterkirche teilzunehmen, um für
die Konfirmation christlich vorbereitet zu sein. Trotzdem waren wir aus
der Knabenschule insgeheim dabei und ich konnte dann am Palmsonntag, auf
Grund der vom Stadtpfarrer ausgestellten Bescheinigung über die Teilnahme
am Unterricht in meinem Heimatort von Pfarrer Johann Mild konfirmiert
werden.
Seltsamerweise wagten aber trotzdem einige Unerschrockene, wie Alfred
Binder, den Weg zur Kirche, was nicht ungefährlich war - und mein
Freund sollte einige Jahre später, nach einem zusätzlichen theologischen
Studium von vier Jahren, evangelischer Pfarrer werden und dann viele Jahre
bis zu seiner Auswanderung nach Deutschland als treuer Seelsorger in zwei
siebenbürgischen Ortschaften nacheinander wirken.
Im Großen und Ganzen waren wir während unserer Ausbildung aber
einem steten politischen Druck unterworfen, der sich auf mehreren Ebenen
bemerkbar machte. Das begann schon damit, dass im geräumigen Essraum
das Bild Lenins und seiner Weggefährten an der Vorderwand prangten
und mit dem bekannten Ausspruch versehen waren: „Lernt, lernt, lernt!“
Warum dieses in einer Kantine? Irgendwann zur Winterzeit musste man bald
regelmäßig und pünktlich, jeden Morgen 7.30 Uhr, in den
Klassenbänken der Bergschule sitzen, damit Felix (Schüler einer
höheren Klasse) aus der Biographie des „weisen Führers“
Stalin vorlese und diese Lebensdaten solle man sich merken, denn man könnte
ausgefragt werden. Wir wurden aber glücklicherweise keiner zusätzlichen
Prüfung unterzogen, da der greise Diktator erkrankte und am 5. März
1953 das Zeitliche segnete. Am Tage seiner Beisetzung im Moskauer Mausoleum
„trauerten“ dann in der Aula auch wir Schüler der Bergschule
und konnten nach einer überlangen Gedenkminute zusätzlich die
Rede der neuen sowjetischen Machthaber, selbstverständlich in russischer
Sprache, über Rundfunk wahrnehmen.
In jenen Jahren fand an Donnerstagabenden in einem geräumigen Saal
der Stadt regelmäßig auch der so genannte „Joia tineretului“
(Donnerstag der Jugend) statt, an dem kulturelle Programme mit „neuen
sozialistischen“ Inhalten angeboten wurden, an denen ebenfalls die
im Seminar gegründete Jugendorganisation (U.T.M.) mit eigenen Programmpunkten
teilnehmen musste. Auch veranstaltete die Schäßburger Parteiobrigkeit
jährlich am Tag der russischen Oktoberrevolution (7. November) ein
Wettrennen der besten Leichtathleten (Frauen und Männer), das durch
einen Teil der Stadt führte, und verlieh anschließend dem Sieger
(der Siegerin) einen Pokal. Und auch die Blasmusikkapelle der Bergschule
wurde zeitweise herangezogen, um aus Anlass „revolutionärer“
Gedenktage etliche Märsche aufzuspielen.
Die Hiobsbotschaft
Mitglied der „Blasia“ (Blaskapelle) zu sein, war für
die meisten Mitschüler sehr begehrenswert. Einige angehende Lehrer
hatten dabei schon bestimmte musikalische Vorkenntnisse vom Dorf mitgebracht,
da der Vater vielleicht bei den dortigen Adjuvanten die Klarinette, Trompete
oder Bass spielte und den Knaben in die Blastechnik schon eingeweiht hatte.
Einige andere versuchten sich kurz nach dem Mittagessen im Internat mit
Blasübungen an einer Posaune oder einem Waldhorn, um wenigstens bei
der Besetzung der restlichen freien Plätze berücksichtigt zu
werden. Immer gab es aber einen „Musikprimus“, den Besten
unter den Besten, der dann meist am Sonntag-vormittag mit der Gruppe gleicher
Instrumentalisten oder der gesamten Formation Märsche, Polkas oder
auch kleine Konzertstücke einübte. Vor musikalischen Darbietungen
oder vor allen am Vortag des Maiausfluges zur Breite, Skopationsfest hatte
man in Schäßburg das Maifest vor dem Krieg genannt, wurden
die Blechinstrumente viele Stunden lang mit dem flüssigen Putzmittel
Sidol bestrichen und mit einem weichen Lappen im Schweiße des Angesichts
abgerieben, damit diese wie neu aussahen und einfallende Sonnenstrahlen
reflektieren konnten. Während des Marsches in Richtung Breite schritten
vorne selbstbewusst wir Bläser, hinter uns die hübschen Mädchen
mit weißen Blusen und dann am Ende des Zuges die restlichen Knaben
in dunklen Hosen. Alle trugen die eleganten Studenten-Kappen. Wir liebten
Schäßburg, und die Schäßburger liebten uns, und
aus zahllosen Fenstern wurde gerufen und gewinkt. Wenn dann an diesem
Tag herrlicher Sonnenschein erstrahlte und die Blaskapelle den beliebten
Seminaristenmarsch anstimmte, dann konnten die Unannehmlichkeiten der
Zeit vergessen werden. Auf der Breite, dem bewaldeten Ausflugsziel, standen
hochbetagte Eichen, eine Unterart der Stieleiche, mit riesigen Baumkronen
und tief greifenden Wurzeln, und im Schatten dieser Baumriesen banden
die Mädchen die schönsten Kränze aus gesundem Eichenlaub.
So mancher Mitschüler sollte sich an diesem Tag „unsterblich“
verlieben.

Ausflug in die Berge - Archivbild
Unser letztes Schuljahr 1955/1956 hatte bald darauf seinen normalen Lauf
genommen. Prof. Karl Gustav Reich gab sich alle Mühe, unseren Jahrgang
in die Geheimnisse der Pädagogik und der klassischen Unterrichtsmethoden
einzuweihen. Auch etlichen Unterrichtsstunden hatten wir schon beigewohnt,
welche die Übungsschullehrerinnen mit ihren Grundschulklassen uns
als zu befolgende Modellstunden vorgeführt hatten. Da kam eines Tages
plötzlich das Gerücht auf, dass Bukarest zur Erkenntnis gelangt
sei, dass es einen Überhang an deutschen Lehrkräften in Siebenbürgen
gebe - und deshalb die Lehrerbildungsanstalt in Schäßburg umgehend
aufzulösen sei. Wir konnten nicht daran glauben, wir meinten, es
sei eine Falschmeldung, bis uns eines Morgens dann unser Klassenlehrer
diese Hiobsbotschaft selbst mitteilte und uns zugleich davon in Kenntnis
setzte, dass im Laufe des gleichen Tages ein Vertreter des Ministeriums
uns diese Verordnung persönlich vorlesen werde. Zusätzlich gab
er uns den Ratschlag: „Hört aufmerksam zu, bewahrt, bitte,
eure Gemütsverfassung und weint nicht!“ So war es dann auch
- wir saßen stumm und regungslos in unseren Bänken, keiner
traute sich, eine Frage zu stellen, denn so wurden wir deutsche Schüler
in den Nachkriegsjahren erzogen, unterwürfig und gutgläubig.
Wir hätten aufschreien, dagegen protestieren, Fragen stellen sollen.
Hätte das aber etwas gebracht? Von Bukarest wurde versprochen, unsere
Schlussprüfung als gymnasialen Abschluss anzuerkennen, doch müsste
der Lehrplan teilweise revidiert und umgekrempelt werden. So war es dann
auch. Die didaktischen Fächer fielen ab dieser Stunde weg, das Unterrichtsfach
Mathematik wurde um den Teilbereich Trigonometrie erweitert und das Fach
Französisch kam neu dazu, so dass wir zu guter Letzt Gelegenheit
fanden, auch die Sprachprofessoren Otto und Selma Roth kennen zu lernen.

Abschied von den Mädchen und der Stadt - Archivbild
Wie nahmen meine Eltern und die Eltern anderer Kollegen diese Unglücksnachricht
auf? Man hatte sich ja einiges vom Mund abgespart, um dem Kind in Schäßburg
die Lehrerausbildung zu ermöglichen. Die Briefe flatterten hin und
her, und irgendwann muss sich die große Unruhe gelegt haben –
denn man steuerte jetzt einem neuen Ziel zu, und dieses Ziel hieß
„Matura“ (Abitur).
Die gymnasiale Abschlussprüfung erfolgte dann an drei Tagen, Ende
Juni 1956, als man gemeinsam mit den Prüflingen aus Bistritz und
Hermannstadt in der Aula der Schäßburger Bergschule gewaltig
schwitzte - und es auch schaffte. Am Abend betraten dann einige Freunde
zum ersten Mal das Restaurant „Stern“, von dem man sieben
Jahre lang nur die Außenfront mit den aus Stein gemeißelten
nackten Engeln gesehen hatte, und genehmigte sich ein Glas Wein. Man fühlte
sich erwachsen.

Die Bergschule - Archivbild
Das eigentliche Abschlussfest mit Blasmusik, Volkstänzen, Lobreden
und Zeugnisverteilung erfolgte dann einige Tage später, oben neben
der altehrwürdigen Bergschule. Vater war anwesend, er sah gut aus,
ich war stolz auf ihn und er wahrscheinlich auf seinen Filius. Der neue
Direktor der Bergschule, Prof. Edmund Jambrek, der Banater war, gab allen
gut gemeinte Ratschläge und Lebensweisheiten auf den zukünftigen
Weg mit.
Bald stand ich vor dem Internatsgebäude an der Schaaser Straße
und er¬wartete den Fuhrmann, der mich mit meinem Koffer und den Restsachen
nach Jahren des Lernens wieder in Richtung Heimatdorf fahren sollte. Zeit
zum Nachdenken war da, ich war einige Monate vorher 18 Jahre alt geworden.
Hatte man alles richtig gemacht? Hatte ich in diesen sieben Schäßburger
Jahren die Zeit richtig genutzt? Hatte ich die Klosterkirche oder die
beeindruckende Bergkirche in meiner Schulzeit von innen wenigstens einmal
genau besichtigt? Hatte ich das Stadtmuseum mit seinen Altertümern
im Stundturm zur Kenntnis genommen? Hatte man sein Ziel erreicht? Da fielen
mir plötzlich die Worte ein, die ich irgendwo gelesen hatte: „Der
Weg ist alles - das Ziel zählt nicht.“
Die Erinnerungen an meine Schulzeit in Schäßburg sollten mich
ein ganzes Leben lang begleiten.
Nachtrag: Ich arbeitete anschließend als Hilfslehrer, erwarb bald
durch ein Fernstudium in Klausenburg mein Lehrerdiplom. Später legte
ich dann an der Universität „Babes¸-Bolyai“, ebenfalls
in Klausenburg, eine Aufnahmeprüfung ab und studierte dort von 1962
bis 1967 im Tageskurs Weltgeschichte. Nachher unterrichtete ich bis zu
meiner Ausreise im Jahr 1978 an verschiedenen Schulen in Mediasch und
Temeswar.
Friedrich Töpfer (Nürnberg)

Letztes Update:
2006-04-14
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
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