HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Ursula Bedners geb. Markus †

Abschied auf dem Bergfriedhof


Ursula Bedners

In einem Interview, welches Ursula Bedners vor etwa 10 Jahren dem Österreichischen Rundfunk (ORF) gegeben hatte, sagte sie: „Wenn ich es recht bedenke, war es doch ein schönes und reiches Leben.” Selbst der Tod hat seinen Platz darin. In demselben Interview, auf den Stellenwert des Bergfriedhofs, der Ort, wo sie nun ihre Ruhestätte finden wird, befragt, sagte sie: „Man fühlt sich dazugehörig. Es ist so etwas Natürliches, dass man alt wird und stirbt; es ist gar nicht traurig.” Die Schattenseiten dieses Lebens, das Leid, sind von diesen Aussagen nicht ausgeklammert gewesen; sie hat es in ihrer ganz besonderen – ruhigen und zurückgezogenen (man kann auch sagen: stoischen) – Art getragen und natürlich sich auch von der Seele geschrieben. Klagen war nicht ihr Ding; selbst die letzten Tage, in welchen Sie ganz große Schmerzen ertragen musste.
Vorgestern, am Samstag, den 12. November 2005 schied Ursula Bedners geb. Markus in ihrem Elternhaus, an dem Ort, wo sie am 14. Mai 1920 das Licht der Welt erblickt hatte, aus diesem Leben. Zwei Tage vorher (10. November 2005) empfing sie noch im Krankenhaus das heilige Abendmahl.
Am Tag ihres Dahinscheidens stand im Herrnhuter Losungsbüchlein der Lehrtext aus dem Johannesevangelium: “Christus spricht: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke sich nicht und fürchte sich nicht.” (Johannes 14,27). Ich meine, dass dieser Bibelvers sehr gut zu dem nun zu Ende gegangenen Leben passt: zu ihrer Art zu sein und zu ihrem Verständnis menschlichen Daseins überhaupt. Sie selber hat immer Ruhe und Frieden ausgestrahlt. Wichtig und wesentlich war für sie – in enger Verbundenheit mit all dem was sie umgibt – zu leben, zu existieren. Dabei haben Natur, wir Menschen eine wichtige Rolle gespielt. Großen Trubel in ihrer Umgebung und auch um ihre Person hat sie nie gemocht, aber umso wichtiger waren ihr, ihre allernächste Umgebung: die dazugehörenden Menschen, aber auch Pflanzen oder kleine Dinge, an denen man oft gedankenlos vorbeilebt. So ist es auch zu erklären, dass sie nie Gedanken der Auswanderung gehegt hat. Ihr Dasein, besser ihr Hiersein war ein MUSS; sie verglich es mit einem Baum, der sein ganzes Leben an einer einzigen Stelle verbringt. Sie gehörte bzw. gehört zu diesem Ort, zu Schäßburg.
Wir nehmen heute Abschied von einer lieben, herzensguten Seele. Ursula Bedners geb. Markus entstammte einer Ärzte- und Buchdruckerfamilie und war die erste von zwei Töchtern der Eheleute Dr. Friedrich Markus und der Lenke geb. Cseh. Zusammen mit ihrer 5 Jahre jüngeren Schwester Lieselotte verbrachte sie ein wohl behütete Kindheit. Sie heiratete früh – erst 17-jährig – die Liebe ihres Lebens: Horst Bedners. Es ist wenigen Ehepaaren vergönnt 68 Jahre Gemeinsamkeit geschenkt zu bekommen; man kann es nur als eine besondere Gnade Gottes werten. Ursula Bedners hat keine eigene Kinder gehabt; um so mehr hat ihre Nichte Susanne ihrem Herzen nahe gestanden.
Sie hatte nie die Prätention zu studieren; das geistige Rüstzeug dazu hätte sie sehr wohl gehabt. Sie hat nie einen speziellen Berufswunsch gehegt. Nichtsdestotrotz war sie – neben den einfachen und alltäglichen Dingen des Lebens – ein geistig sehr aktiver Mensch.
Einen großen Bekanntheitsgrad hat sie natürlich durch ihre schriftstellerische Tätigkeit erreicht. Pfarrer Johannes Halmen wird anschließend ihren Beitrag zur siebenbürgisch-sächsischen Literatur würdigen.
Zum Abschluss rufen wir uns nochmals den Bibelvers aus dem Johannesevangelium in Erinnerung: “Christus spricht: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke sich nicht und fürchte sich nicht.” Im Wissen darum, dass wir durch Jesus Christus den ewigen Frieden zugesagt bekommen haben, dürfen wir glauben, dass jenseits der Leiden dieser Welt ER selber – Christus – uns mit offenen Armen erwartet. Auch Ursula Bedners. Amen.
Stadtpfarrer Hans Bruno Fröhlich (Schäßburg)

Ursula Bedners
(14. Mai 1920 – 12. November 2005)

Stellt sich jemand auf die Geschichten, aber auch auf die Geschichte wie auf die Gedichte von Ursula Bedners ein, und dazu möchte ich herzlich einladen, wird sie oder er spüren: Da liegt überall Etwas Flüchtiges, Vorläufiges darin und darum auch sprachlich Offenes, Unabgeschlossenes. Ursula Bedners war einerseits zu dieser Schwebe genötigt als auch ermutigt ; genötigt, wie ich meine, durch die zwiefache Diktatur, die sie in ihrer Jugend, aber dann auch in der Blüte ihres Lebens schnürte. Vielleicht verstehen wir ihre Dichtung aber auch ihre Prosa leichter, wenn wir sie als eine Form der inneren Protest-Emigration deuten: sie war mutig genug, sich inmitten der Diktatur zu manifestieren, zugleich verhalten genug, um in der Chiffre, in der sprachlichen Verborgenheit, zu verharren. In dieser Spannung hat sie gelebt und geschrieben: zwischen Flüchtigkeit und Beständigkeit, zwischen Bestehen und Erliegen. „STEHE AM ANFANG” heißt eines ihrer Gedichte, das ich gerne vorlesen möchte.
STEHE AM ANFANG
Ich stehe, / unerwiesen / dass / ich stehe, / am Herd, / stehe vor den Hortensien, stehe am Anfang, / schreibend, / stehe / in Gedanken / vor einem Gedicht, schlecht / und recht / stehe, / und am Ende / stehe ?
Der doppeldeutige Titel, STEHE AM ANFANG, der sowohl Aufruf als auch Zugeständnis sein könnte, spricht von ihrem Ringen um dieses Stehvermögen, wissend um die innere und äußere Gefährdung und Erschöpfung, ein Bekenntnis zum Unterwegssein, zur Selbstprüfung, ob ihr Stehen denn authentisch sei und ob sie am Ende denn wird bestehen können.
Dreierlei haben das Leben von Ursula Bedners umfangen, und Viererlei nie losgelassen: Das Eine ist das Elternhaus in Schäßburg, dem sie 85 Jahre lang die Treue hielt; das Andere ist der Andere, ihr Ehemann Horst Bedners, dem sie 67 Jahre lang die Treue hielt; das Dritte ist ihr fortwährender literarischer Umgang mit der ihr so eigenen Sprache, dem sie anscheinend seit ihrem ersten veröffentlichten Gedicht an die Treue hielt; und das Letzte ist auch das Erste, ist Der Erste und Letzte, ihr Schöpfer und Erlöser, Der ihr die Treue hielt, von der heiligen Taufe an bis zum heiligen Abendmahl am letzten wachen Tag ihres Lebens.
Zum Einen bestimmte ihre Heimatverbundenheit inhaltlich ihr literarisches Denken und Schreiben, und Frau Ursula Bedners ist ein beredtes Zeugnis dafür: Man kann ein Leben lang in seiner Geburtsstadt und in seinem Geburtshaus bleiben, ohne es restlos zu erfassen, ohne seine angestammten Bezüge vollständig zu verinnerlichen, ohne sie definitiv und detailliert aufzuarbeiten, geschweige denn die Erinnerungen alle einzuordnen und zu einem Sinngefüge zu bündeln.
Zum Anderen: Ihre innere Abgeschiedenheit führte – nach meinem Empfinden – zu einem eigenen spezifischen, nicht immer leicht verständlichen Sprachgebrauch. Vielleicht ist sie auch darum so wenig bekannt unter uns Schäßburgern. Meine Erklärung dafür liegt darin, dass sie nach all den Erfahrungen in den Jahren der Redeverbote eine eigene Überlebensstrategie entwickelte, die sich in der knappen, manchmal trockenen Sprache niederschlug, mit der sie – vielleicht auch – dem Miss¬brauch der ideologisch besetzten Sprache entgegenwirken wollte: ohne zu viel preiszugeben, ohne zu wenig anzudeuten. Später blieb sie sprachlich eine Emigrantin, inmitten ihrer alten unvertrauten Heimat, wahrscheinlich nicht mehr aus Protest, sondern, auch aus innerer Anspruchslosigkeit, in „sorgloser Hingabe und heiterer Genügsamkeit”.
Aus der Perspektive ihres Sterbens entdecken wir zudem vielleicht einiges ganz neu in ihren Gedichten und Geschichten. Ich möchte dazu Mut machen. – Möglicherweise von einem Schicksalsschlag in der Mitte des Lebens getroffen, schreibt sie das Gedicht IRGENDWO, Märzlandfahrt, S. 47, im Wissen um die Begrenztheit unserer Lebenszeit und um die Unstetigkeit und Hinfälligkeit des Lebens:
IRGENDWO
Im Juni, / mittendrin / ein Schrei / hat meine Unruh / begraben, irgendwo im November / lasse ich mich / endgültig nieder, fremde Uhren, / flügelschlagend / ums Zifferblatt, geben einmal / Lebenszeichen / von mir.
„Irgendwo im November lasse ich mich endgültig nieder” – ist das nicht gerade heute? Johannes Halmen (Bergkirche)
(Anm. der Redaktion: Originaltexte etwas gekürzt)



 

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