Güte und Gastlichkeit einer einfachen
Frau
Ein unvergessliches erlebnis aus dem Winter 1954 / Lehrerin Friedel
Capesius erzählt
Meine erste Einstellung als Lehrerin erfolgte im Januar 1953 in Zendersch.
Ich war die einzige deutsche Lehrkraft im Dorf und hatte etwa l7 Schüler
in vier Klassen gleichzeitig zu unterrichten. Es mangelte mir an Brennholz
und an Geld; ich war auf die Gutmütigkeit anderer Menschen angewiesen.
So verschaffte mir ein sächsischer Bauer eine Fuhre Akazienholz;
trotzdem bekam ich Frostbeulen an den Fingern. Im darauf folgenden Winter
1953/54 war es noch schlimmer. Im ganzen Land, ja in ganz Europa wüteten
Schneestürme. Die Schulkinder und auch ich saßen in Mänteln
in unserem riesigen „Klassenraum“, der früher ein Gemeindesaal
gewesen war und nicht beheizt werden konnte. Ab und zu ließ ich
die Schüler in Gruppen an den großen Eisenofen nahe der Tür
kommen, damit sie ihre steifen Finger wärmten, um weiter schreiben
zu können.
Zu essen gab es in dem einzigen Dorfladen kaum etwas zu kaufen; allein
Mehl und Öl auf Karte und manchmal in flachen Kisten eine Marmelade,
die ziemlich fest eingekocht war. Der Verkäufer schnitt ein quaderförmiges
Stück heraus, schlug es in ein Blatt Papier ein, und so trug man
es nach Hause. Ich ließ mir von einer Bäuerin Brot backen,
kaufte von einer anderen jeden Abend einen halben Liter Milch und ernährte
mich hauptsächlich von diesen wenigen Lebensmitteln.

Lehrerin Friedel Petri, geb. Capesius mit einer Schulklasse
in Hammersdorf 1960 - Archivbild
Doch die Ärmlichkeit und Kälte war nicht der einzige Grund zu
klagen. Fast schwerer wog die Einsamkeit, der Mangel an Erwachsenen, mit
denen ich täglich hätte sprechen können. Zwar gab es rumänische
Kollegen, die ich manchmal besuchte, doch sie konnten mich nicht vor dem
großen Heimweh bewahren, das wohl jeden jungen Menschen befällt,
der zum ersten Mal aus der Geborgenheit des Elternhauses fortziehen muss,
um sich in einer unwirtlichen Umgebung sein karges Brot zu verdienen.
Einmal, im Februar 1954, sollte am Sonntag irgendeine Sitzung in Schäßburg
sein. Da wollte ich schon samstags nach Hause. Von Zendersch aus ging
kein Bus zur Stadt, und der nächste Bahnhof war 17 km weit; ein Fußmarsch
von über drei Stunden.
Ich ging am Nachmittag los, um den Abendzug in Dunnesdorf zu erreichen.
Erst zog sich der Weg östlich von Zendersch eine leichte Anhöhe
durch verschneite Felder hinauf, bis ich in einen Buchenwald kam. Weit
und breit sah ich keinen Menschen und kein Tier; ich war mutterseelenallein
inmitten winterlicher Natur. Nach einer Stunde endete der Wald und ich
blickte in ein Tal, wo es rechts nach Pruden und links nach Groß-Alisch
ging. Letztere Ortschaft musste ich durchqueren, wonach ich nur noch drei
Kilometer bis Dunnesdorf zurückzulegen hatte.
Inzwischen war es dunkel geworden, doch der Schnee erhellte die Gegend
und ließ den Weg an Wagenspuren erkennen. In Alisch begegnete ich
einem Kollegen, der dort arbeitete, und mit dem ich ein paar Worte wechselte.
Dann setzte ich zügig meinen Marsch fort, da es mir schon spät
erschien. Als ich etwa 200 m weit von der Bahnlinie entfernt war, hörte
ich ein wohlbekanntes Rattern: es war mein Zug, der schnaufend vorbeifuhr.
Ich hörte sein Anhalten in Dunnesdorf, das Pfeifen bei der Abfahrt
– ich hatte ihn verpasst!
Es kann sich wohl kaum jemand vorstellen, wie unglücklich ich mich
fühlte! Wohin nun? Der nächste Zug ging erst gegen Mitternacht,
so lange im kalten Warteraum des Bahnhofs sitzen, das wollte ich nicht!
Ich fasste einen verzweifelten Entschluss und sagte mir: bin ich 17 km
bis hierher gekommen, so kann ich auch noch die 9 km von Dunnesdorf nach
Schässburg gehen, das schaffe ich vielleicht in zwei Stunden.
Gesagt – getan; ich marschierte weiter auf einer breiten, verschneiten
Straße, auf der kein Mensch zu sehen war. Ich ging und ging und
ging ... wie lange, das wusste ich nicht, denn ich hatte keine Uhr, die
hatte man mir gestohlen. Der Weg führte mich immer weiter auf ebenem
Gelände, manchmal gab es kleine Biegungen. Da wurde mir endlich bewusst:
dies konnte nicht die Straße nach Schäßburg sein, denn
die zog sich in schnurgerader Linie leicht bergauf bis zur „Dunnesdorfer
Hill“, ein Bergrücken, von wo man dann abwärts ins Tal
der Kokel bei Schäßburg blicken konnte. Diesen Weg hatte ich
verfehlt! Ich war – ich weiß nicht wieso – auf die Straße
nach Peschendorf geraten. Was tun? Zurückgehen ? Nein, ich war viel
zu müde, es musste schon spät abends sein! Ich dachte: In Peschendorf
ist Geri Balthes Lehrerin. Ich gehe zu ihr und bitte sie, mich dort übernachten
zu lassen. Es wird sicher eine Möglichkeit geben, am nächsten
Morgen nach Schäßburg zu fahren.
So wanderte ich also weiter, doch es kam kein Haus in Sicht. Es war so
dunkel, nicht einmal Sterne funkelten am bedeckten Himmel, doch es war
nicht sehr kalt. Ich wurde furchtbar müde und es erfasste mich eine
niederdrückende Mutlosigkeit. Auf einer kleinen Brücke setzte
ich mich auf das Randmäuerchen, denn ich konnte nicht mehr weiter.
Der Wind schien schlafen gegangen zu sein und mir fielen die Augen zu.
Da begann es plötzlich ganz leicht zu schneien. Auch gut, dachte
ich, der Schnee deckt mich zu, so sterbe ich leichter. Doch ich war erst
zwanzig Jahre alt und der Überlebenswille trieb mich an aufzustehen
und weiter zu gehen, weiter und immer weiter.
Da hörte ich aus der Ferne Hundegebell, gleichzeitig erblickte ich
ein schwaches Licht, irgendwo vor mir auf einer Anhöhe. Ich war wie
erlöst: endlich Menschen, Tiere, ein Haus! Ich ging näher und
war plötzlich von einer Meute bellender Hirtenhunde umringt; da musste
ich eben stehen bleiben. Ich sah bald ein Licht, das sich auf mich zu
bewegte und hörte eine weibliche Stimme, die den Hunden Ruhe befahl.
Es war eine schmächtige rumänische Bäuerin mit einer Stalllaterne;
sie kam von einem Gebäude auf der Anhöhe, wohl einer Schafsfarm,
auf die Straße herunter auf mich zu Ich erzählte ihr vom verpassten
Zug und dass ich eigentlich über die Hula Danes¸ului nach Schäßburg
hätte wandern wollen. „Vai de mine, domnis¸oara?, doar
pe hula va? mîncau lupii.“ (Meine Güte, Fräulein,
auf der Hill hätten die Wölfe Sie gefressen.) Das war nun nicht
sehr weit hergeholt, denn man hatte in diesem strengen Winter schon des
öfteren Wölfe gesehen.
Nun, die Rumänin sagte, ich könne über Nacht dort bei ihnen
in der „stîna?“ (Sennhütte für Schafhirten
und ihre Tiere) bleiben, denn bis „Bes¸a“ (Peschendorf)
sei es noch weit. „Wie komme ich aber morgen früh nach Schässburg?“,
war meine Frage. Ja, da käme das Milchauto am Morgen vorbei und hole
die Schafsmilch, die in die Stadt gebracht würde, da könne ich
wohl mitfahren. Sie führte mich zu den Schafställen in eine
Küche, wo ich mich auf einen Melkschemel hinsetzen und ausruhen konnte.
Im Raum saßen noch zwei Hirten am Tisch, die offensichtlich auf
das Abendessen warteten. Die Frau – sie war nicht mehr ganz jung
– goss zähfließende Polenta auf ein Schneidbrett und
trennte sie mit einem gespannten Bindfaden in Stücke. Ähnlich
geschah es mit einem großen Stück fester Kistenmarmelade. Wie
selbstverständlich bat sie mich dazu, gab mir ein Stück Maisbrei
mit Marmelade und forderte mich auf zu essen.
Nach diesem „Abendbrot“ holte die Sennerin einen großen
Arm voll Fichtenzweige, breitete sie in einer Ecke neben dem gemauerten
Herd aus und meinte, ich könne hier schlafen. Ich legte mich –
ohne den Mantel auszuziehen – auf mein ungewohntes Lager und dankte
der „guten Fee“ und auch dem lieben Gott, dass ich mein „müdes
Haupt“ zur Ruhe legen konnte. Als ich mich ausgestreckt hatte, kam
plötzlich der jüngere der beiden Hirten herbei, kauerte sich
vor meine Ecke hin und starrte mir unentwegt ins Gesicht. Die „Hausfrau“
aber bemerkte ihn bald und jagte ihn mit barschen Worten zu seinem Schlafplatz
bei den Tieren. Ich war sehr bewegt durch die Güte und Gastlichkeit
dieser einfachen Frau, die mich in ihr primitives Zuhause aufgenommen
hatte und – ohne Erwartungen an mich – mir gab, was sie geben
konnte.
Am nächsten Morgen – es war noch dunkel – fuhr ich dann
auf dem offenen Lastwagen, neben Milchkannen kauernd und vor Kälte
zitternd, über Dunnesdorf nach Schäßburg. Ich hatte wohl
etwas Geld bei mir gehabt, doch, ob ich meiner „Samariterin“
oder dem Fahrer davon einen Schein gegeben habe? Ich glaube nicht, denn
ich brauchte es selber dringend. Zum Glück hatten mir die ganzen
Strapazen nicht geschadet, ich trug auch keine Erkältung davon.
Doch die zierliche Schäferin habe ich all die Jahre nicht vergessen
können, bin ihr aber die Wohltat schuldig geblieben, denn ich habe
sie nie wieder gesehen. Es war eine – mit großer Selbstverständlichkeit
vollzogene – hochherzige Hilfe, die ich von einem einfachen, aber
wahrhaft edlen Menschenkind entgegen nehmen durfte.
Elfriede Petri, geb. Capesius (Bielefeld)

Letztes Update:
2006-03-23
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