HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Fortsetzung aus Schäßburger Nachrichten Folge 23

60 Jahre seit der Deportation

Jahr des Erinnerns

Die Elendskompanie

Warum es auf dem Weg zum Schacht kein Unkraut gab und "Unsere Rückreise war fast ein Luxus"

Dies ist der Bericht eines damals jungen Mädchens, das nach dem 23. August 1944 aus Ploies¸ti fliehen musste und dabei alles verloren hat, außer dem, was es auf dem Leib trug. Nach einer sehr kargen und behelfsmäßigen Unterkunft bei einer alten Tante in Schäßburg wurde sie im Januar 1945 mit vielen anderen Schäßburgerinnen in Viehwaggons verfrachtet und nach Russland deportiert. Sicherlich sehr schlimm für alle Beteiligten, für Baba (Else Lang) jedoch noch viel schlimmer, da sie mittlerweile nur notdürftig beschaffte Unterwäsche und keinerlei warme Kleidung besaß. Von Schuhwerk und anderen Sachen des täglichen Bedarfs ganz zu schweigen.
Ihr Vater, Wilhelm Lang, stand damals als angeblicher Kriegsverbrecher vor einem Kriegsgericht in Bukarest, wo er nach einer Untersuchungshaft von knapp einem Jahr zwar freigesprochen, jedoch sofort darauf in ein Konzentrations- und Arbeitslager nach Tg. Jiu gebracht wurde. Dass er ihr von dort keine Briefe schreiben konnte, ist sicherlich einleuchtend. Ihre Mutter war nach schwerer Krankheit bereits 1941 verstorben. Briefe, die ihr von anderen Verwandten zugeschickt worden sind, hat sie nie erhalten.
Eine bittere Enttäuschung hat sie bei ihrer Rückkehr 1948 am Bahnhof in Schäßburg erleben müssen, als niemand da war, um sie abzuholen. Alle anderen Heimkehrer wurden von ihrer Verwandtschaft freudig begrüßt, nur sie stand mit ihrem Holzköfferchen mutterseelenallein da und wusste nicht wohin. Die Postkarte mit der Ankündigung ihrer Heimkehr ist erst eine Woche später eingetroffen. Obwohl hierbei niemanden eine Schuld trifft, hat sie die tiefe Enttäuschung aus diesen Tagen bis heute nicht verwinden können. Auch bei Unheil und Pech im Leben eines Menschen gibt es offenbar noch Abstufungen: schlimm, schlimmer, am schlimms¬ten.
Einen Teil ihrer Erlebnisse in Russland schildert sie in folgendem Bericht. Wilfried H. Lang (Bad Mergentheim)

... Am 11. Mai 1945, meinem 19. Geburtstag, nachdem wir also schon drei Monate im Lager von Hanjonkowo waren, stellte man ein Häufchen Leute zusammen, die abwandern sollten. Es war eine Elendskompanie. Ich war auch darunter und konnte mir nur das Notwendigste in ein Tuch knüpfen. Wir gingen los und sollten etwa 20 km weit zu einer Kolchose kommen, um dort leichtere Arbeit zu verrichten. Von frühmorgens bis spät am Abend gingen wir auf der staubigen Straße dahin. Als wir ankamen, war dort nichts als eine Art Scheune oder besser gesagt auf ein Holzgerüst aufgetürmtes Stroh. Drinnen auch Stroh. Wir fielen in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen weckte man uns mit dem üblichen „dawai“.


Else Lang, 1950


Wir kamen ins Dorf und bekamen in der Kolchoskantine zu essen. Neben Krautsuppe mit Gemüse und einigen schwimmenden Fettaugen gab es auch einen zweiten Gang: geschroteter, gekochter Mais, für uns ein Leckerbissen. Herrlich! Danach gingen wir an die Arbeit. Auf einem großen Feld – teilweise lag noch verharschter Schnee, und die Erde war an manchen Stellen gefroren – mussten wir Radieschen ernten. Wir zupften sie aus der Erde und warfen sie in Körbe. Viele landeten in unserem Mund; sie schmeckten frisch, wunderbar frisch. Etwa vier Wochen waren wir auf der Kolchose und haben uns allesamt erholt und gekräftigt. Es war die frische Luft und das bessere Essen. Später dann haben wir den Rückweg ins Lager schon in der halben Zeit geschafft, obwohl wir nur sehr ungern zurückgegangen sind. Die Lagerinsassen haben uns kaum wieder erkannt, diesen vor vier Wochen abgeschobenen Geisterzug.
Dann gab es keine Schonung mehr. Wir wurden, wie auch die anderen Lagerinsassen, zur Arbeit eingeteilt. Ich kam in die Zementfabrik. Dort wurden Ziegel aus einer Zementmasse gefertigt, d. h. manuell gestampft. Einzelheiten dazu gäbe es noch viele, aber wozu soll ich das noch schildern? Dass es kein Zuckerschlecken war, ist klar, aber ich war nicht im Schacht, nicht unter der Erde. Dafür bekam man auch weniger Brot und musste oft zusätzliche Arbeiten verrichten. So z. B. im Winter Schnee schaufeln. Es war im Winter 1945/46. Eisige Kälte, das Thermometer zeigte minus 46 Grad C. Wir kamen aus der zweiten Schicht (15 bis 23 Uhr), hatten uns kaum gewaschen und die dünne Suppe gelöffelt, da hieß es auch schon: Zementfabrik, aufstellen, Schneewehen reinigen. Auf offener Strecke mussten wir die Schienen freilegen für die Züge, damit die Kohlebeförderung klappt. Der Wind heulte ohne Erbarmen. Wir konnten nicht heulen, denn die vor Mund und Nase gebundenen Tücher waren vereist. An einer Stelle der Eisenbahnschienen war eine so hohe Schneewehe, dass dort durch ein Tunnel gemacht werden musste. Morgens, als es hell wurde, kamen wir zurück ins Lager, doch pünktlich um 15 Uhr standen wir, wohl sehr müde, aber angeblich voll einsatzfähig in der Zementfabrik.
Ein anderes Mal wurden wir morgens geweckt: „Ihr werdet zum Einsatz nach Resnaja (ein Lager, das zu unserem Stab gehörte und 27 km entfernt war) gebracht. Für acht Stunden Arbeit!“ Die acht Stunden dauerten drei Monate. Wir mussten am Bahnhof Kohlen in Waggons schaufeln oder im Schacht auf LKWs. Wie hätte es auch anders sein können: Es war Winter und bitter kalt. Ab und zu konnten wir uns in einem geheizten Verschlag etwas wärmen. Dann steckte man die Füße an den Ofen und merkte nichts, bis die Galoschen oder die Fußtücher angebrannt rochen. Wir arbeiteten immer nachts, während die anderen Lagerinsassen schliefen. Aus Mangel an Schlafplätzen durften wir diese Entspannung nur tagsüber genießen, wenn Pritschen frei wurden. Wir hatten keine Handtücher, keinen Essnapf oder Löffel, geschweige denn Unterwäsche zum Wechseln. Einmal führte mich eine Russin in ein Badehaus. Ich glaubte, der Himmel hätte sich geöffnet. Dort fand ich eine Waage. Ich stellte fest, dass ich 49 kg. wog. Meine Größe war damals 1,73 m. Superschlank war ich.
Beim Verladen im Schacht bin ich dann eines Tages verschüttet worden. Von einem Waggon Kohle, der ohne Warnton entleert wurde. Die anderen Arbeiter konnten mich nicht mehr sehen und fingen an mich auszugraben. Ich war natürlich bewusstlos. Eine Schwester im Lager gab sich einige Mühe mit mir, bis ich wieder bei Bewusstsein war. Ich konnte jedoch nicht mehr stehen, die Wirbelsäule hatte was abbekommen.
So kam ich dann zurück nach Hanjonkowo und wurde der Brot¬ausgabe zugeteilt und konnte dann auch meine hölzerne Wanne richtig nutzen. Noch in den ersten Tagen hatte ich mir von unseren Tischlern im Lager aus Brettern einen Waschtrog machen lassen. Bezahlt habe ich mit Brot. Brot war das beste Zahlungsmittel. Alle Menschen hatten Hunger, und für Brot konnte man sich einiges erhandeln. Später kamen dann auch Russinnen an das Tor und zum Zaun und boten Ziegenmilch an. Ein halber Liter Milch für eine Portion Brot. Diesen Tausch habe ich öfters gemacht, denn ich sagte mir, Milch nützt meinem Körper mehr als das klebrige Brot, selbst wenn danach der Hunger bleibt.
Zu erwähnen wäre noch, dass ich inzwischen so viel Russisch gelernt hatte, dass ich auch notdürftig schreiben und mich mit den Leuten verständigen konnte. Also, bei der Brotausgabe war es gut, aber insoweit traurig, da wir unsere eigenen Leute betrügen mussten. Denn auf Kosten der Lagerinsassen wollten alle russischen Offiziere, Posten und Bedienstete gut leben. Jeder von ihnen ging täglich mit einem Kastenbrot heim. So ein Brot wog 3-3,5 kg. Wir waren etwa eintausend Gefangene. Von jeder Portion musste man durch ungenaues Wiegen etwas abziehen; dies Geschäft fiel mir sehr schwer.
Weil die Leute jeden Tag zu der Brotausgabe kamen, lernte ich sozusagen alle Lagerinsassen sowie ihre Gewohnheiten kennen. Zwei Männer, schon über vierzig Jahre alt, kamen immer zusammen. Einmal kam nur der eine alleine. Den nächsten Tag wieder und den dritten Tag ebenfalls. Da habe ich gefragt: „Was ist denn los mit Herrn Liebau? Wenn er krank ist, nehmen doch Sie seine Portion Brot mit!“ Darauf wurde ich gefragt, ob ich denn nichts gehört hätte von dem Unfall im Schacht? Es hätte Herrn Liebau erwischt. Wahrscheinlich habe man ihn in die „Bolnitza“ (Krankenhaus) gebracht. Und niemand wusste genauer Bescheid? Das ging doch nicht an. Ich sprach mit den Posten am Tor, die mich mittlerweile auch kannten, weil sie sich bei mir immer das Brot holten. Sie erlaubten mir, ins Krankenhaus zu gehen. Von den Küchenmädchen erbat ich etwas Essbares zum Mitnehmen und ging in die Bolnitza. Das Personal war verhältnismäßig ordentlich, und sie wiesen mich in einen Saal mit vielen Betten.
Meine Augen suchten und fanden Herrn Liebau, obwohl er sehr mitgenommen aussah. „Heute hat man mir das Bein abgenommen“, sagte er, drückte meine Hände und weinte, weinte. „Sie sind mein Engel, den mir der Himmel schickt, vielleicht kann ich noch hier herauskommen.“ Er ist herausgekommen. Wenn es nur irgendwie ging, habe ich es arrangiert und ihn besucht, dann habe ich bei unseren Tischlern Krücken bestellt und sie ihm gebracht, als er herauskam. Dann habe ich eine Rot-Kreuz-Postkarte an seine Heimatanschrift adressiert und er hat geschrieben. Die Familie hat sie auch erhalten und geantwortet.
Von der Brotausgabe wurde ich weggeholt und sollte zu dem obersten Lagerkommandanten nach Hause gehen, um seiner Frau die Hausarbeit zu machen. Das war für mich entwürdigend, ich hielt es nicht lange aus, trotzdem ich im Lager beneidet wurde, schon wegen der Freiheit. Ich meldete mich freiwillig in den Schacht. Es war großer Aufruhr; ich wurde zum NKWD-Offizier gerufen, überall Verhöre, Fragen – warum ich in den Schacht wolle? In dem Elend, in der Misere, wer verstand schon, was Ehrgefühl, was eine Schmach war? Ich wollte in den Schacht. Und ich kam hin.
Der 1. Mai 1948 sollte wieder durch Arbeit „gefeiert“ werden, und so sind schon in der Woche davor Doppelschichten angeordnet worden. Ich hatte nach meiner normalen Arbeit in einem Gang mit Kohlenabtransport die Aufgabe, die Loren zusammenzukoppeln, damit die Lok sie abfahren konnte. Ich muss dabei jedoch ein Signal überhört haben, jedenfalls ruckte die Lok an und ich war noch zwischen den Waggons. Ich trug nur drei zerbrochene Rippen davon und ein geprelltes Rückgrat. Dafür wurde ich drei Tage krankgeschrieben, denn die Rippen konnte man nicht gipsen. Die Steine konnte ich nun nicht mehr mit der Schaufel aufladen. Mit den Händen habe ich sie dann in die heran geschobene Lore geworfen. Gerade angenehm war das nicht, aber es blieb mir keine andere Wahl. Auch Unfälle muss man nehmen, wie sie kommen. Den anderen ging es auch nicht besser, jeder kann von der Deportation ein Liedchen singen. Nur diejenigen nicht, die dort geblieben sind, verscharrt in der „heiligen russischen Erde“. Wer wird noch an Friedhofspflege denken? Wo bleibt nur die Pietät? ...


Verzweifelte Blicke hinter vergitterten Wagonluken


Es wäre noch sehr, sehr viel zu erzählen, aber lohnt es sich überhaupt? Das Geschehene kann man nicht ändern. Einmal hatten die Männer einen Hund erschlagen und zum Essen in dem Waschkessel gekocht. Dafür kamen sie in den Karzer. Oder wie wir jeden Sommer einmal die Holzpritschen auseinander nehmen durften, damit wir sie im Waschkessel überbrühen und die Wanzen dezimieren konnten. Oder von der Kommission, bestehend aus den Offizieren und einer Ärztin, vor denen man zur Musterung splitternackt stehen musste. Auf dem Weg zum Schacht gab es kein Unkraut, weil wir es pflückten, um Spinat daraus zu kochen, und vieles andere mehr.
Im Juni 1948 kam ich nach Hause, im Oktober des gleichen Jahres kam noch ein Transport, und im November 1949 kehrten die Letzten heim. Der Schacht war dann voll funktionsfähig, und der Vater aller Russen, Stalin, war anscheinend zufrieden mit uns. Unsere Rückreise war fast ein Luxus. Das Beförderungsmittel – wie könnte es auch anders sein – waren Güterwagen, aber diesmal ohne Etagenpritschen, mit viel Stroh am Boden und mit offenen Türen. Es war warm, wir genossen die Landschaft, wurden auf den Bahnhöfen verpflegt, lümmelten im Stroh. So kamen wir an die rumänische Grenze, nach Focs¸ani. Dort wurden wir registriert, konnten duschen und bekamen einen Schein für freie Fahrt und die Anmeldung im Heimatort. Da ich nicht wusste, wo mein Vater war, habe ich mich nach Schäßburg aufgemacht. Ich hatte von ihm niemals Post bekommen, obwohl mein Brief aus Russland, den ich gleich nach der Ankunft dort schrieb, das erste Lebenszeichen in Schäßburg gewesen sein soll. Die Reise ging über Kronstadt, wo der Zug längere Zeit stand. Im Geist hörte ich immerfort eine Stimme: „Baba, Baba Lang“ rufen, aber in Schäßburg war niemand, der mich erwartete...
Else Lang (Bad Mergentheim)



Dieses ist ein Behang (ca. 160x60 cm) auf Leinen in Mospino 1945(Russland) von Margarete Baku gestickt und in diesem Sommer bei Irina Baku, der Frau unseres Presbyters Gerhardt Baku entdeckt. Er wurde auf unsere Bitte der Kirchengemeinde Schäßburg zur Ausstellung im Kreuzgang zur Verfügung gestellt. Viele der darauf Verewigten leben heute noch verstreut in Deutschland, Österreich, Kanada, Schäßburg u. u. Einige von Ihnen haben wir, mit der Bitte uns etwas darüber zu schreiben, erreichen können. Noch sind nicht alle Möglichkeiten erschöpft und wir bitten, alle die etwas darüber berichten können, uns zu schreiben.
Einer der dabei war, hat sich gemeldet, es ist Josef Gross ( als Seppi oder Pursch bei uns Schäßburgern bekannt, sein Name ist auf dem Behang noch nicht gestickt, nur mit Bleistift angezeichnet, damals 17 Jahre alt), er schreibt:
„Mit dem russischen Leiter vom Holzplatz hatten mein Arbeitskollege aus Polen und ich vereinbart, er solle das Lager am Sonntag anrufen, dass wir bei ihm zur Arbeit erscheinen müssen, obwohl da fast nichts zu tun war. Als Mensch mit Herz tat er dieses auch so waren wir für längere Zeit von den Schikanen und Sondereinsätzen im Lager befreit. An einem Sonntag ging ich auf eine Anhöhe von wo aus ich eine gute Sicht auf den Marktplatz hatte und beobachten konnte wann die Lageroffiziere über den Markt ins Lager gingen. Ich wollte mir zwei Becher Maismehl kaufen. Da kam eine Russin aus ihrem Haus und fragte mich wie alt ich sei, woher ich käme und ob ich nach Hause einen Brief schreiben möchte. Briefe schreiben war im Mai 1945 noch nicht möglich. Sie bat mich in ihr Haus zu kommen und gab mir ein gedrucktes Formular, zu der Zeit gab es kein Briefpapier und Briefumschläge. So schrieb ich in rumänisch ein paar Zeilen an meine Eltern. Das Papier wurde dreieckig gefaltet und sie trug es zur Post. Diese russische Frau hatte Mitleid mit mir und wollte mir eine Freude machen und sorgte dafür, dass der Brief den Weg zu meinen Eltern fand. Der Brief kam bei meinen Eltern an und war eine Überraschung für ganz Schäßburg.“

Walter Lingner (Düsseldorf)

Briefumschlag in Form eines Dreiecks, 1945 Briefinhalt Josef Groß an seine Eltern, 1945

 

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