HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Fortsetzung aus Schäßburger Nachrichten Folge 23

60 Jahre seit der Deportation

Jahr des Erinnerns

Ein Frauenschicksal

Erinnerungen an und von Grete Roth, verh. Barth (1921 - 1984)

Es war einmal – mit diesen bekannten Worten beginnen viele Märchen, in dem das Gute gegen das Böse – oft nach verzweifeltem Ringen, nach Entbehrungen und geduldsamem Warten – endlich den Sieg davonträgt. Ähnlich ergeht es vielen Menschen im Leben, obwohl es leider nicht jedem vergönnt ist, den Kampf zu überleben. In diesem Sinne gedenken wir in tiefer Ehrfurcht all derer, mit denen wir vor 60 Jahren in eine ungewisse Zukunft nach Russland verschleppt wurden. Solche Gedanken begleiten uns, und Erinnerungen werden wach, wenn wir heute die Aufzeichnungen von Grete Roth über ihre Leidenszeit lesen, wie sie als junge Mutter von ihren Eltern und ihrem einjährigen Töchterchen Helga weggerissen wurde, um zusammen mit vielen tausenden unschuldigen Menschen das Elend, die Not, den Hunger, das Heimweh und die bedrückende Sehnsucht nach ihrem Kind und der Familie fünf Jahre lang in der Verbannung zu ertragen und zu überleben. Fast wie in einem Märchen.


Grete Barth geb. Roth

Grete Roth wurde am 2. Mai 1921 in Schäßburg als Tochter des ehemaligen bekannten Gymnasiallehrers für Mathematik und Physik am Bischof-Teutsch-Gymnasium, Karl Roth, und dessen Ehegattin Auguste geboren. Sie erlebte eine wonnige, wohlbehütete Kindheit mit ihren zwei Brüdern in ihrem Elternhaus, das von viel Liebe zur Musik erfüllt war. Das bewog Grete auch dazu, am Bukarester Konservatorium zu studieren. Sie stellte sich ihre Zukunft als Pianistin vor. Anfang der 40er Jahre heiratete sie den Leipziger Zahnarzt Gerhard Wehner, der damals als Hauptmann im Dienste der Wehrmacht stand. Er setzte sich dafür ein, dass seine junge Frau die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, ohne dass sie und ihre Eltern das ausdrücklich gewünscht hätten. Dann kam unerwartet das schwerwiegende Ereignis vom 23. August 1944, das für die Deutschen in Rumänien bedrohliche Folgen hatte. Ein Hoffnungsschimmer, mit ihrem einjährigen Töchterchen nach Deutschland zu entkommen, verblasste, als das Luftwaffenlazarett aus Schäßburg trotz des Versprechens des Chefarztes, sie mitzunehmen, über Nacht heimlich abzog, ohne dass sie benachrichtigt worden wäre. Eine Woche später überfluteten russische Truppen auch Schäßburg auf ihrem Vormarsch nach Westen. Die Angst vor Plünderungen und Vergewaltigungen ging um. Ein russischer General hatte mit seinem Stab für einige Tage bei Familie Roth Quartier bezogen, sodass der Posten vor dem Haus sie vor Übergriffen bewahrte.
Ende September begannen die Verhaftungen aller reichsdeutschen Staatsbürger, Männer, Frauen samt ihrer Kinder sowie der deutschen Beamten und Betriebsleiter, Amtswalter der deutschen Volksgruppe, Mitglieder der Deutschen Jugend u. a., die selbst nicht wussten, welches Verbrechen sie begangen hatten.
So wurde auch Grete Roth-Wehner verhaftet, und bloß ihr und ihrer Mutter Flehen und Weinen erweichte den Polizisten, sodass er davon absah, das kleine Kind auch mitzunehmen. Sie berichtet: „So nahm ich Abschied von meinen Eltern, Helga, meiner Tochter, gab ihr schnell nur einen Kuss, damit sie nicht merkt, dass ich weggehe, denn das gab bei ihr jedes Mal Geheul. ... Der Polizist führte mich über die Promenade, die Stadtmauer entlang, war höflich, trug meinen Koffer. Plötzlich küsste er mich, wurde zudringlich, ich schrie um Hilfe, da knallte er mir eine Ohrfeige, aber er ließ mich los, und wir gingen weiter bis in die Schule, wo schon viele eingeliefert worden waren. Die Panikstimmung war eigentlich gar nicht so groß, denn das wussten alle, dass in einem Krieg die Staatsbürger des Gegners in Konzentrationslagern zu¬sammengefasst und nach dem Kriegsende in ihr Heimatland entlassen würden. Die Anwesenden fühlten sich sogar sicher vor russischen und einheimischen Überfällen.“ Ihre Eltern kamen sie besuchen, brachten ihr noch einen Koffer mit warmen Kleidern und Lebensmitteln. Ihre alte Lenitante kam auch und brachte Helga im Sportwägelchen mit. Die Kleine staunte, als sie die vielen Kinder sah, es gefiel ihr recht gut . Dann gelang es Grete, durch die Sperre zu schlüpfen, um die Tante und das Töchterchen noch bis auf die Burg zu begleiten. Als sie dann, ohne sich zu verabschieden, und die Tante mit dem Kind weitergingen, fing Helga an, gotterbärmlich zu schreien, und es war noch lange zu hören, als sie schon außer Sichtweite waren. Das war der Abschied von ihrer Tochter Helga für fünf Jahre.
Am selben Nachmittag ging es in langer Reihe zum Bahnhof, und vor Sonnenuntergang fuhr der Zug los. Nach zwei Tagen erreichte er das Lager Tg.-Jiu. Etwa 6000 Insassen wurden in die Baracken zu je 200 Personen eingeteilt, Frauen und Männer in eigenen Abteilungen, die jeweils durch Stacheldrahtzäune getrennt waren. Unterkunft und Verpflegung, so dürftig auch alles war, müssen im Vergleich zu denen in Russland noch als großartig bewertet werden. Man konnte Post und Pakete erhalten, und auch was sonst noch draußen in der Welt geschah, erfuhr man heimlich und konnte nicht glauben, dass die Deutschen immer weiter zurückgedrängt wurden. Viele Kinder erkrankten an Scharlach. Ganz arg war es um die Säuglinge bestellt, für die man nur verstohlen durch die Post Milch herbeigeschmuggelt bekam. Grete war froh, dass sie Helga nicht mitgebracht hatte. Die Mütter waren mit ihren Kindern sehr geplagt. So nahm sich Grete ihrer an und pflegte 3, vier Kinder als ihre Schützlinge, für die sie sogar ihr Geld ausgab, um Milch herbeiholen zu lassen. „Immer musste ich an Helga denken, wie gut es mir käme, wenn im umgekehrten Fall mir jemand hülfe.“
Bald kam der Tag heran, an dem alle arbeitsfähigen Männer und Frauen, die keine Kinder dabeihatten, mit ihrem Gepäck antreten mussten, um zu je 60 Personen in rumänischen Viehwaggons unter russischer Bewachung abtransportiert zu werden. „Als Reiseproviant bekam jeder ein Brot, ein Stück Käse und etwas Würfelzucker. Kniehoch lag der Schnee an diesem Januarmorgen. Mir persönlich war es im Moment gar nicht so erschreckend zumute, ich war beinahe erleichtert, dass endlich was passiert und dieses ewige Auf- und Abspazieren auf dem kleinen Fleckchen Lagerhof ein Ende nimmt. Man munkelte, es gehe nach Ploiescht zum Arbeiten in eine Fabrik. Nun denn, dachte ich, wenigstens vergeht die Zeit bis zum Ende des Krieges schneller und der Erste, der dann erscheinen wird, ist Gerhard, der mich holt. Mein Vertrauen zu ihm wuchs, weil ich wusste, dass er alles für mich tut. Und plötzlich verspürte ich so etwas Ähnliches wie Sehnsucht nach ihm. Ich begann mir Sorgen zu machen, wo er wohl ist, ob sein Lazarett sich aus Jugoslawien wohl rechtzeitig zurückgezogen hat.“
Dieser Januartag aber bedeutete etwas ganz anderes, als sie sich in ihrem optimistischen Gemüt zurechtgelegt hatte. Er bedeutete den Aufbruch nach Russland.
Von Iasi ging die Fahrt weiter in russischen Viehwaggons zu je 90 Personen, Frauen und Männer wie Heringe aneinander gedrängt, um erst Ende Januar, nach 21 Tagen, das Ziel im Donetzbecken zu erreichen, wo sie wie die meisten ihrer Leidensgefährten dem unbarmherzigen Schicksal standhalten musste. Nachdem sie während der langen Fahrt erkrankt war, wurde sie zunächst mit andern Kranken in ein Lazarett gebracht. Lauter Fremde. Als sie dann zu uns stieß, war die Freude auf beiden Seiten groß: „Als wir am späten Nachmittag, auf einer Anhöhe stehend, unten im Tal 2 kleine Baracken erblickten, von einem riesengroßen Hof umfasst, mit Stacheldraht umzäunt, und ringsum weit und breit kein Haus, keinen Menschen, denke ich, hier hinter Gottes Angesicht wirst du doch nicht hinwollen. Wie wir uns dem Lager nähern, hängt im Hof bunte Wäsche am Seil und ein mir bekanntes Kleid. Schon fängt mein Herz zu springen an, da soll ich aber auch gleich einen Freudenschrei ausstoßen, denn wen erkenne ich als Ersten hinter dem Stacheldraht? Den jüngsten Insassen unseres Waggons, noch keine 17 Jahre alt. ‚Bubi, bist Du es?‘ Ein Schäßburger Freund meines Bruders Walter (Kornel Kwiezcinzky). Bubi läuft mir entgegen bis zum bewachten ‚Karaulei‘(Wachtpostenhäuschen), und wie ich dort ankomme, fällt er mir beinahe weinend um den Hals. Er konnte es nicht fassen, dass ich auch da sei. ‚Wo sind die anderen aus unserem Waggon?‘ ‚Alle hier. Auch Mausi und Christel.‘ Aber das hätte ich mir denken können, denn Christels Kleid hing ja an der Wäscheleine. Ich war so glücklich, dass ich in dieses Lager wie in ein mir vertrautes Heim einzog.“
Am Anfang betreute sie Kranke, dann wurde sie dem Bergwerk zugeteilt. „Meine Tätigkeit am Kohlenbergwerk war zuerst über Tag. Sie war zugleich auch die leichteste, die ich während der ersten 4 Jahre ausüben musste: Göpel drehen. Eine Tätigkeit, die eigentlich Tiere ausüben müssen, wahrscheinlich, weil sie so mechanisch und geisttötend ist. Die Göpel, ein großes waagerecht liegendes Rad, zieht, wenn es gedreht wird, einen Flaschenzug, in diesem Fall aus dem Schacht, an welchem Kohlenkübel hängen. 8 Stunden lang drehten wir zu viert dieses Rad, welches etwa einen Durchmesser von 8 Metern hatte. Die Nerven konnten dabei herrlich ausruhen, aber meine Nerven hatten das gar nicht nötig. Sie wollten Bewegung, Ereignisse, Leben. Im Schneckentempo ging es hier mal rechts herum, dann links herum. Gerne wären wir schneller gegangen, um nicht so zu frieren. Warme, wattierte Russenkleider haben wir erst im 2. Winter gehabt und das nur die erstklassigen Arbeiter. Diese 3 Monate, ungefähr März, April, Mai, verliefen für mich ziemlich harmlos. Nur die Läuse waren eine üble Plage. Nach der Arbeit saß jeder in seiner Baracke und knackte Läuse.“ Der Lageralltag hatte auch Grete ereilt. Sie ließ sich aber nicht unterkriegen. Mit ihrer Warmherzigkeit und unerschütterlichen Zuversicht ermunterte sie oft die in Verzweiflung niedergeschlagenen Gemüter, stärkte sie im Glauben an eine glückliche Heimkehr.
Erst am 28. November 1949 hatte sie endlich die unvorstellbaren körperlichen und seelischen Qualen überwunden, als sie, gesundheitlich schwer angeschlagen, nach Schäßburg zu ihrem inzwischen sechsjährigen Töchterchen und ihren Eltern heimkehren konnte. Es dauerte aber erst recht noch weitere sechs Jahre, bis sie 1956 endlich zu ihrem Ehemann und ihren zwei Brüdern nach Deutschland ausreisen durfte. Ihre Ehe war infolge der langen Trennung leider nicht mehr zu retten. Sie musste nun selber für sich und ihr Kind sorgen, fand Obdach und Unterstützung bei ihrem Bruder Walter, bis sie ihr neues Glück an der Seite ihres Mannes Herbert Barth fand, mit dem sie ein neues Eheleben aufbaute und auch beruflich glückliche, sonnige Jahre in freudiger Erfüllung erlebt hat. Ihren erfolgreichen Aufstieg fand sie in den Jahren 1963–1971 als Lehrbeauftragte für instrumentale Musik der Pädagogischen Hochschule Bayreuth. International bekannt wurde sie an der Seite ihres Mannes als Organisationsleiterin und Gestalterin, später als stellvertretende Vorsitzende der 1950 gegründeten Internationalen Jugend-Festspieltreffen Bayreuth. Jugendliche aus 20 Ländern waren gelegentlich in Bayreuth versammelt. Das Anliegen von Grete Roth-Barth war es, der Jugend aus osteuropäischen Ländern den völkerverbindenden Zugang zur europäischen Musikwelt zu eröffnen, wie es in der Ehrung heißt, mit der sie in dem Buch „Schäßburg – Bilder einer siebenbürgischen Stadt“ erwähnt wird.
Allzu früh starb sie im Alter von 64 Jahren im September 1984. Ein Leben voller Hingabe mit all seinen Freuden und Leiden erlosch, und alle ihr Nahestehenden sowie die vielen Freunde bewahren ihr ein ehrenvolles Andenken.

Kornel Kwieczinsky (Neu-Ulm)

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