HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Friedhöfe - Zeugen unserer Zeit

Die HOG-Schäßburg erstellt eine Dokumentation der Schäßburger evangelischen Friedhöfe

Unsere Heimatstadt Schäßburg, auch zum Weltkulturerbe erklärt, verfügt über viele Bauten und andere Zeugen seiner Vergangenheit. Doch zum Kulturgut einer Gesellschaft oder einer Epoche zählen nicht nur Bauten und Arbeiten der bildenden Kunst, sondern auch gartenarchitektonische Anlagen wie Parks, Gärten und Friedhöfe. Die Friedhöfe, als letzte Ruhestätten, sind Zeugen ihrer Zeit, sie spiegeln die Mentalität, die Lebensauffassung, den Geschmack und das Gestaltungsvermögen der Menschen ihrer Epoche, sie sind ein Zeitdokument. Der aufmerksame Besucher eines Friedhofs kann aus Anlage, Grabgestaltung und Inschriften vieles erfahren.
Schäßburg verfügt, entsprechend der Vielfalt der Konfessionen, über mehrere Friedhöfe, darunter drei evangelisch-lutherische.
Der Oberbaiergässer/Galtberger Friedhof und der Siechhof-Friedhof sind kleinere Anlagen, deren Alter aber zurzeit auch nicht genau bestimmt werden kann. Der größte und bedeutendste, sowohl wegen der Zahl der Grabstellen (über 2000) als auch der Größe des Areals, ist der Bergfriedhof.


Bergfriedhof "Alt" - Foto W. Lingner


Galtberger Friedhof - Foto W. Lingner


Der älteste Teil (Bergfriedhof-Alt) wurde spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts angelegt, als man die Friedhöfe in die Außengebiete der Städte verlegte, doch sind frühere Beerdigungen durchaus mög¬lich. Dieser „Alte Teil“ befindet sich außerhalb der alten Stadtmauer, auf der Kuppe des Schulberges, der sich nach Westen sanft abfallend zieht. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts erwies sich die Bergkuppe als zu klein, die etwa 1300 Grabstellen legte man ganz eng aneinander, sogar auch ineinander verschachtelt, es gab schon kaum Wege dazwischen, die Gräber wurden schwer zugänglich, eine Erweiterung des Friedhofs erwies sich als notwendig. Nach einem wohldurchdachten Plan des Herrn Prof. Georg Do¬nath, mit viel Verständnis und Sorgfalt konzipiert, wurden am Nordhang Terrassen und neue Wege angelegt. Der breite Hauptweg zieht sich beim unteren Tor, im Unweg beginnend, ungefähr in der Mitte der Berglehne nach Westen bis zum Hüllgässer Tor, wendet sich dann wieder nach Osten und führt auf dem Bergrücken entlang durch die Mitte des alten Teils zur Bergkirche. Oberhalb des „unteren Hauptweges“ anschließend an den Alten Teil wurden drei Terrassen (1, 2, 3) und unterhalb dieses Weges, westlich der „Betontreppe“, vier (A, B, C, D) errichtet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen noch die „Neue Terrasse“ unter der Stadtmauer und der „Sachsenheim-Garten“, wo sich das Grabmal des Heimatdichters Michael Albert befindet, dazu.
Vom Hauptweg führen etwas schmälere Wege und dem Gelände entsprechend Treppen zu den einzelnen Terrassen, sodass alle Grabstellen leicht zugänglich sind und in geordneten Reihen liegen. Zur Verkleidung der Stützmauern verwendete man die alten Grabsteine der vorhergehenden Zeit, doch da diese häufig aus Sandstein bestehen, sind sie stark verwittert und ihre Inschriften sind nicht mehr oder sehr schwer lesbar. Von jeder Stelle dieses „Neuen Friedhofs“, von jeder der etwa 450 Grabstellen hat man eine wunderschöne Aussicht in das Kokeltal und die es umgebenden Berge. Der „Neue Friedhof“ kann dank seiner Lage, Anlage und der gärtnerischen Ge¬staltung der Gruppe der schönsten Friedhöfe zu¬geordnet werden.
Zurzeit des Ersten Weltkrieges kam der Soldatenfriedhof I, im westlichen Teil, um 1920 am Südhang, oberhalb der Hüllgässer Gärten, der „Hüllgässer-Friedhof“ (87 Grabstellen) und 1944 der Soldatenfriedhof II in der nordwestlichen Ecke dazu. Es gab noch den „Fremden- und Armenfriedhof“ am Nordwesthang, mit etwa 500 Grablegungen, wo teilweise außer dem Beerdigungsdatum nicht einmal der Name der Toten angeführt wurde. Dieser Teil ist aufgelassen worden und ist wieder Wildwiese, mit Wildwuchs, Gestrüpp und Unkraut bewachsen.
Alle gärtnerischen Anlagen, auch die Friedhöfe, ändern im Laufe der Zeit ihr Gesicht, wenn das Interesse an ihrer Pflege und Erhaltung nachlässt. Die Bepflanzung beginnt zu verwildern und die zerfallenden Grabmale zu überwuchern, es ändert sich der Ge¬schmack der Grabinhaber, es treten andere Formen der Grabgestaltung auf, die besonders wenn zu viel Beton verwendet wird, sich nicht immer organisch in die Architektonik des Friedhofs einordnen. Der Bergfriedhof ist infolge seiner Hanglage besonders stark auch noch zusätzlich zerstörerischen Natureinwirkungen ausgesetzt. Oft werden, besonders an wenig begangen Stellen und besitzerlosen Gräbern, die entstandenen Schäden kaum oder sehr spät bemerkt, die Zerstörung schreitet weiter, der Friedhof verändert sich.


Grab der Katharina Zikes auf dem
Bergfriedhof; Foto W. Lingner

 

Eine Gruppe Schäßburger unter der Initiative und Leitung von Walter Lingner versucht nun, das Andenken an diesen Friedhof wenigstens so, wie er sich am Ende des 20. Jahrhunderts darstellte, zu bewahren und der Nachwelt in Wort und Bild in einer Dokumentation zu übermitteln. Zu dieser Gruppe gehören (in alphabetischer Reihenfolge): Gerhard Baku, Peter Böhm, Andreas Christiani, Dietlinde Cravciuc, Hans Donath, Odette Fabritius, Hans Bruno Fröhlich, Harald Graef, Michael Grigorovits, Karin Johannes, Dieter König, Günther Müller, Hans Orendi und Dieter Wolff. Die Zielsetzungen dieser Arbeitsgemeinschaft, die unter dem Kennwort „Friedhofsdokumentation“ arbeitet, sind: Die Erfassung aller zur Verfügung stehenden Daten und Angaben, um ein wahrheitsgetreues Bild der Friedhöfe zu vermitteln. Diese Dokumente sollen künftigen Forschern auf verschiedenen einschlägigen Gebieten, wie Ahnenforschung, soziologische, historische und ähnlichen Forschungen, als Quellenmaterial dienen und auch allen Interessierten wissenswerte Hinweise bieten.
Die Arbeiten für diese Dokumentation setzen sich aus mehreren Teilphasen zusammen.
a) Die „Feldarbeit“: Vor Ort, also auf den Friedhöfen, wurden alle Grabstellen aufgesucht und mithilfe von Grabregister,
Lageplan und vorhandenen Grabinschriften identifiziert und ihre Registernummer wieder angeschrieben, der Zustand jedes Grabes wurde vermerkt und teilweise die Daten im Register, soweit möglich, durch die Angaben der Grabmalinschriften ergänzt. (Beteiligt daran waren Cravciuc, Fabritius, Müller u. a.) Dieser Teil der Arbeiten hatte auch einen „Sofortnutzen“, da er der Friedhofsverwaltung als Grundlage für Evidenz und Inventar der Grabstellen dient.
b) Zur besseren Übersicht und Darstellung, wurden alle Grabmale fotografiert (Lingner, Donath und Grigorovits).
c) Die Erstellung der elektronischen Datenbanken. Hierbei werden alle Grabstellen erfasst, auch jene, die inzwischen nicht mehr erkennbar sind, denn auch diese dienten zur Grablegung. In der Evidenz der Verwaltung dagegen werden nur die tatsächlich benutzbaren Grabstellen geführt. Die Datei umfasst
die zu jeder Grabnummer gehörige Beschreibung der Grabstelle, die Liste der zeitlich aufeinander folgenden Eigentümer sowie alle verfügbaren Daten der Beerdigten. Dazu wurde ein spezielles Programm konzipiert (zunächst von Edith Mann und heute von Harald Graef). Das Erfassen der Daten (die elektronische Datei) ist für den Siechhofer und für den Galtberger Friedhof beendet (durch Peter Böhm), ebenso ist die Erfassung des „Hüllgässer Friedhofs“, des „Neuen Bergfriedhofs“ und der Soldatenfriedhöfe (durch Odette Fabritius) beendet. An der Aufstellung der Datei für den alten Teil des Bergfriedhofs / „Bergfriedhof-Alt“ wird noch gearbeitet (Odette Fabritius, Dieter Wolff u. a.).
d) Als krönender Abschluss aller Arbeiten erfolgt dann die Zusammenfassung in ein Gesamtdokument, das in Buch- und CD-Form allen, die Interesse daran haben, zur Verfügung stehen wird, sowie als übersichtliches Dokument und Quellenmaterial für zukünftige Forschungen dienen kann.

Odette Fabritius (Germering)


balken.gif (7924 Byte)

Letztes Update: 2006-03-23 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg