HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Unser Vorsitzender wurde 75

Walter Lingner – Ingenieur, Handballer, begeisterter Schäßburger / „Verdienter Meister des Sports“ und Ehrenbürger der Stadt Schäßburg


Walter Lingner

Walter Lingner wird allseits wegen seines Engagements für die Belange der siebenbürgischen Gemeinschaft geschätzt und geehrt. Es ist anerkannt, dass seine Persönlichkeit die Hauptlast der vielseitigen Tätigkeiten der Heimatortsgemeinschaft Schäßburg trägt. Dank seines Einsatzes bestehen ausgezeichnete Beziehungen zu Schäßburg. Er hat sich ständig und konsequent um ein Zustandekommen einer Städtepartnerschaft zwischen Dinkelsbühl und Schäßburg bemüht. Die Mitarbeiter und Leser der „Schäßburger Nachrichten“ tragen ihre Namen auf der tabula gratulatoria ein und wünschen Gesundheit, Wohlergehen und Schaffenskraft im Dienste der Gemeinschaft, die er vertritt.
Den guten Ruf, den der Schäßburger Handball nach 1946 genoss und von dem Schäßburg auch heute noch zehrt, war das Resultat harter Arbeit einer handballverrückten jungen Generation, die viel dazu beigetragen hat, Schäßburg landesweit und sogar über die Grenzen hinaus bekannt zu machen. In den Nachkriegsjahren war Schäßburg nämlich zu einer Handballhochburg und Kultstätte des rumänischen Handballs aufgestiegen. Einen we¬sentlichen Beitrag dazu hat unser Schäßburger Walter Lingner geleistet.

Am Webstuhl
Walter Albert Lingner wurde am 28. September 1930 in Schäßburg geboren. Sein Vater, Walter Lingner, war Besitzer einer Baumwollweberei und einer Dampfmühle, die Mutter, Josefine geb. Broser, Hausfrau. Walter ist das zweite von fünf Geschwistern. Die Schulen bis zum Abitur durchlief er in Schäßburg. Sein Vater sorgte dafür, dass Walter beizeiten praktisch und für Arbeit und Disziplin erzogen wurde. So arbeitete er bereits als Schüler in den Ferien am Webstuhl im väterlichen Betrieb und lernte, was ihm später als Textilingenieur zugute kommen sollte. Wegen der damaligen politischen Verhältnisse war zunächst nicht daran zu denken, als Sohn eines Fabrikanten ohne weiteres zu einem Hochschulstudium zugelassen zu werden. Nach dem Militärdienst 1950–1952 war er in Bukarest Zivilangestellter beim Zentralhaus der Armee als Sportler verpflichtet und spielte in der rumänischen Feldhandball-Nationalmannschaft.
1953 heiratete er seine liebenswerte vormalige Kränzchenfreundin Gerda Adleff, die ihn mit Fleiß und Verständnis durchs Leben begleitet.
Walter widmete sich ab 1959 immer mehr dem in Bukarest begonnenen Fernstudium an der Textilfachhochschule in Jassy, das er 1966 erfolgreich als Diplomingenieur absolvierte. Durch seine fachliche Kompetenz, durch Fleiß und Gewissenhaftigkeit arbeitete er sich bis zum Chefingenieur in der Baumwollweberei in Schäßburg empor. In den siebziger Jahren erlebte die Familie die verheerenden Überschwemmungen von Schäßburg und verlor dabei ihren gesamten Hausrat. 1977 bedeutete auch für ihn und seine Familie das Jahr der großen Wende. Er wanderte mit seiner Familie in die Bundesrepublik aus, und nach kurzen Zwischenstationen in Mönchengladbach und Grevenbroich fand er eine neue Heimat in Düsseldorf. Bei Mercedes-Benz arbeitete er noch 12 Jahre bis zu seiner Pensionierung 1993 in der Produktionssteuerung.
Vier Kinder und sechs Enkel gehören heute zur Familie.

Im Sport
Walter Lingner kam als Schüler des altehrwürdigen Bischof-Teutsch-Gymnasiums schon früh mit dem Handball in Berührung. Als Gymnasiast erwarb er hier, wie so viele andere auch, die Grundlagen seiner sportlichen Fertigkeiten. Gleichzeitig entdeckte er hier die Neigung und Vorliebe für den Handball, der ihm in den folgenden Jahrzehnten viel Freude und Erfolge bescheren wird. Mit 16 Jahren ist W. Lingner (als Walle im Kreise seiner Freunde bekannt) schon körperlich gut entwickelt, ein Modellathlet mit vielseitigen Fähigkeiten: ein sehr guter Geräteturner, Schwimmer und Leichtathlet. Seine handballerischen Fähigkeiten, vor allem seine außergewöhnlich harte Wurfkraft, werden auch von seinem Trainer Prof. Hans Kraus erkannt, und so wird Walter Lingner schon als 16-Jähriger in die 1. Mannschaft des Schäßburger Sportvereins „Victoria“ eingebaut. Es beginnt also für Walle eine sportliche Erfolgsgeschichte, die bis Ende der 50er Jahre anhält und die ihn zu einer Handballlegende des Schäßburger Sports werden lässt. Gefördert im Verein von Trainer Prof. Hans Kraus, später von Rudi Eder und den älteren Spielern Hans Maurer und Walter Schmidt wird Walle schon bald Stammspieler der ersten Mannschaft. Seine Wurfkraft, sein Torinstinkt und Tordrang, gepaart mit Durchsetzungsvermögen, machen ihn zu einem gefürchteten Torjäger nicht nur Schäßburgs, sondern landesweit. Im ersten Jahr seiner jungen Spielerkarriere wird er hinter dem Torschützenkönig vom Dienst Hans Maurer der gefährlichste Torschütze der Mannschaft. In der Spielzeit 1946–1948 schießt Walle allein 99 Tore für seine Mannschaft.
Seine sportliche Erfolgsbilanz beginnt den damaligen Umständen entsprechend schon sehr früh. Mit 16 Jahren wird er 1946 zum ersten Mal mit „Victoria Schäßburg“ Rumänischer Handballmeister an der Seite der grossen Schäßburger Handballer wie Maurer, Eder, Lehni, Schmidt, Löw, Kamilli, Kartmann, Theil. Walter Lingner war wohl mit 16 Jahren der jüngste rumänische Handballmeister aller Zeiten.
Nach dem Gewinn der ersten Nachkriegsmeisterschaft hat die Mannschaft einige Abgänge wichtiger Leistungsträger zu verkraften. Der Torschütze vom Dienst H. Maurer, H. Kartmann und B. Zay verlassen den Verein Richtung Oderhellen, und Horst Müller muss aus beruflichen Gründen seine Spielertätigkeit aufgeben; H. Wulkesch kann nur noch sporadisch eingesetzt werden, weil er sich mehr dem Fußballspiel widmet. Dafür kommen nun einige junge ehrgeizige Spieler zum Einsatz (K. Adleff, M. Balazs, H. Zultner, O. Schuster, W. Theiss, H. Flechtenmacher), die zusammen unter der Regie der älteren, erfahrenen Spielern eine großartige Mannschaftsleistung erbringen. 1947 übernimmt Rudi Eder das Amt des Trainers von Prof. H. Krauss und erringt 1948 den zweiten Rumänischen Landesmeistertitel. Diesmal gewinnt die junge aufstrebende Mannschaft, der kaum jemand Meistertitelchancen eingeräumt hatte, gegen das wieder erstarkte Arsenal-Team aus Hermannstadt beide Endspiele – mit 11:5 in Schäßburg und das Auswärtsspiel in Hermannstadt 3:2. Einen wesentlichen Beitrag zum Schäßburger Doppelerfolg hat Walle mit seinen Toren beigesteuert. Nach 2-jähriger Spielerfahrung ist er inzwischen zu einer bedeutenden Spielerpersönlichkeit herangereift, hat sich zum Torschützenkönig der Mannschaft hochgeschossen und ist ein wichtiger Leistungsträger der Mannschaft geworden. Leider konnte die Mannschaft diesen einzigartigen Erfolg 1949 nicht mehr wiederholen. Es reichte im Endspiel um die Rumänische Meisterschaft nach einer 4:1-Niederlage in Hermannstadt nur zu einem 5:3-Erfolg in Schäßburg und damit „nur“ zur Vizemeisterschaft. Das bessere Torverhältnis hatte damit die Meisterschaft 1949 zu Gunsten von Hermannstadt entschieden.
Für Walle war es trotzdem ein sehr erfolgreiches Jahr, denn 1949 wird er zum ersten Mal in die Rumänische Nationalmannschaft berufen. Mit seinen 19 Jahren ist er auch hier der jüngste Spieler auf dem Platz. Gegen die spielstarken Ungarn war in Temeschburg von der bunt zusammengewürfelten Mannschaft nicht viel zu holen. Am Ende hieß es 7:1 für Ungarn. Aufs Abitur – die schriftlichen Prüfungen legt Walle wegen des Länderspiels in Temeschburg ab, folgt die Aufnahmeprüfung am Polytechnikum in Temeschburg, doch welch eine Enttäuschung für ihn: Er wird mit der Begründung, seine Eltern seien „Ausbeuter“ zum Studium nicht zugelassen. Paradoxerweise aber darf er als Ausbeutersohn in der Nationalmannschaft spielen und wird anschließend zum Zentralen Sportklub der Rumänischen Armee einberufen. Das Studium wird ihm verwehrt.
Hier, beim Armee-Sportklub CCA 1950–1958, beginnt für Walle die erfolgsreichste Zeit. Durch die Abwanderung der siebenbürgischen Spieler zu den großen Sportvereinen wie Armee und Studentenklubs geht die Erfolgsserie der Siebenbürger und Banater Mannschaften zu Ende und es beginnt die Erfolgswelle der Bukarester Militärsportklubs, im Speziellen von CCA und Dinamo Bukarest. 1950 wird CCA Bukarest zum ersten Mal Rumänischer Meister. Mit diesem Armeesportklub gewinnt Walter Lingner 6 Meistertitel und 3 Vizemeistertitel, die Schäßburger Titel dazugerechnet, wären es insgesamt 8 Landesmeister und 4 Vizemeistertitel, also eine Erfolgsbilanz, die ihn zu einem der erfolgsreichsten Handballspieler Rumäniens werden lässt. Dafür wurde er als einer der Ersten überhaupt mit dem Titel „Meister des Sports“ und „Verdienter Meister des Sports“ vom Rumänischen Handballverband ausgezeichnet.
Seine Erfolgsbilanz hätte bedeutend besser ausfallen können, wenn in den Jahren 1950/60 der internationale Handballbetrieb durch die willkürlichen Beschränkungen der damaligen kommunistischen Regierung nicht so eingeschränkt worden wäre. Internationale Begegnungen selbst unter sozialistischen „Bruderländern“ waren eine Seltenheit, und Beteiligungen an Europa- und Weltmeisterschaften vor allem im westlichen Ausland waren für Spieler mit seiner Herkunft fast unmöglich. 1958 kehrt Walter Lingner nach Schäßburg zurück, wo seine Handballkarriere ausklingt. Die Zeit des Kleinfeldhandballs ist angebrochen.

Für die Gemeinschaft
Seit 1993 ist Walter Lingner Rentner und widmet sich nun unermüdlich der Heimatortsgemeinschaft Schäßburg, deren Gründungsmitglied (1994) und Vorsitzender (1997) er ist. Ständig ist er bemüht, die Geschichte und Kultur, das gesellschaftliche Leben der Stadt in Erinnerung zu halten, sie in Wort und Bild und Schrift zu pflegen und der nachfolgenden Generation zu vermitteln. Schäßburg verlieh ihm für all diese Tätigkeiten den Titel eines Ehrenbürgers. Walter Lingner ist Anreger und Initiator der wichtigsten Projekte der Heimatortsgemeinschaft: Dokumentation des kulturellen Erbes, humanitäre Hilfe für Schäßburg, Friedhofsdokumentation, Schäßburger Treffen, Matrikelerfassung, Städtepartnerschaft Dinkelsbühl–Schäßburg.
In zwei Auflagen (1994 und 1998) erschien der Band „Schäßburg – Bild einer siebenbürgischen Stadt“, als dessen Mitherausgeber W. Lingner zeichnet. Das Buch wird zu Recht als das inhaltsreichste und zugleich schönste Buch, das jemals über Schäßburg erschienen ist, bezeichnet. Für den Ergänzungs-Bildband (2003) wählte W. Lingner aus seinem reichen Bildarchiv über 500 Abbildungen aus. Die „Schäßburger Nachrichten“, jährlich zweimal, berichten als HOG-Blatt über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Stadt. Die 23 Folgen mit über l000 Seiten Inhalt sind ebenso reich illustriert.
Walter Lingner ist ein begeisterter Fotograf, sein Bildarchiv beinhaltet viele eigene Aufnahmen, die Aspekte der Stadtgeschichte sachkundig dokumentieren.
Wir schließen die Gratulation und Laudatio zu seinem 75.Geburtstag mit dem traditionellen „Hälf Gott“ und wünschen „Alles Gute“ auch für die kommenden Jahre.

Walter Roth (Dortmund)
Hans Zultner (Heilbronn)


 


 

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