Otto Lurtz wurde Ehrenbürger der Stadt Schäßburg

Otto Lurtz
Hani Wagner, Ottos bester Freund, heute in Lippstadt zu Hause, schreibt:
„Meine Freundschaft mit Otto Lurtz begann im Jahre 1952, als wir
uns in dem Unternehmen ,Nicovala’ kennen lernten.
Seit dieser Zeit waren wir unzertrennliche Freunde. Unsere Freizeit verbrachten
wir im Sommer mit seinem Kahn an der Kokel und hatten dabei viel Spaß.
In den 60er Jahren haben wir unsere Urlaube gemeinsam in den Bergen mit
langen Wanderungen verbracht. Es war eine sehr schöne Zeit, Otto
ist ein Naturmensch.
Im Jahre 1970 war die große Überschwemmung in Schäßburg.
Otto hat dabei viele Menschen gerettet. Er verlor seinen eigenen Vater,
den er nicht retten konnte, und gleichzeitig ging sein gesamtes Hab und
Gut verloren.
Bei der nächsten großen Überschwemmung 1975 hat er sich
erneut für die Rettung vieler Menschen eingesetzt. Für seine
außergewöhnliche Leistung wurde er von der damaligen Regierung
ausgezeichnet.
Wir sind Freunde geblieben und ich bin stolz, so einen ehrlichen und tapferen
Freund zu haben.
Ich freue mich und gratuliere ihm zu der Ernennung im Juni 2005 zum Ehrenbürger
der Stadt Schäßburg.“
Mircea Purenciu, berichtet im „Jurnalul Sighis¸oara Reporter“
im Mai 2005:
... 35 Jahre nach der verheerenden Überschwemmung vom 13. Mai 1970,
von der Schäßburg heimgesucht wurde und von deren Wunden sich
Teile der Stadt bis heute noch nicht vollständig erholt haben, will
ich versuchen, der Allgemeinheit nicht die Geschichte jener schicksalhaften
Tage in Erinnerung zu rufen, sondern die Aufmerksamkeit auf einen Menschen
zu lenken, der sich in jenen Tagen besonders hervorgetan hat im Kampf
mit der Naturgewalt und dem daraus folgenden Leid – Otto Lurtz.
Ein Mensch aus unserer Mitte, dessen Leben sich bis zum 34. Lebensjahr
nicht von dem Leben seiner Mitbürger unterschied, dessen Le¬ben
sich im Gleichgewicht zwischen Arbeit und Ruhepausen bewegte ... dessen
vordergründige Schüchternheit nur im engeren Kreis seiner Freunde
und Bekannten aufbrach und einen mitteilsamen Menschen offenbarte, welcher
in der Lage war, über die kleinen und großen Wunder, die uns
umgeben und von den meisten von uns nicht wahrgenommen werden, zu erzählen
... der sich gerne zurückzog in die Natur, in die Umgebung von Schäßburg
und in die Berge so oft er konnte ... Nur diese Freunde, denen er sich
offenbarte, können nachvoll¬ziehen, was er in jenen tragischen
Tagen an Sinn für Kame¬radschaft bis zur Selbstaufgabe seinen
Mitmenschen bieten konnte.
... geboren 1936 begann Otto nach Schulabschluss mit 16 Jahren die Lehre
in der „Nicovala“, wo er bereits als junger Mitarbeiter geschätzt
und mehrfach als Vorbild ausgezeichnet wurde, zu der Zeit hieß es,
er sei ein „Held der Arbeit“

Rettungsaktion Otto Lurtz - Archivbild
Die Ereignisse des 13. Mai 1970 ... nahmen ihren Lauf. In den Abendstunden,
als das Wasser der Kokel das Flussbett verließ und die Menschen
nichtsahnend von dem gewaltigen Ausmaß dessen, was sich noch ereignen
wird, ihr Hab und Gut versuchten in Sicherheit zu bringen. ... „Sicher,
wenn ich geahnt hätte, was kommen wird, hätte ich anders gehandelt,
aber 1956 war das Wasser ,nur’ etwa einen halben Meter hoch in unserer
Straße gegenüber den 2,5 Metern 1970“... – So blieb
Ottos Vater im Haus, während seine Mutter bei seiner Schwester unterkam.
Während das Wasser stieg und stieg wollte Otto nachsehen, wie es
seiner Schwester erging, war aber durch die zunehmende Flut genötigt,
Umwege mit seinem Boot zu machen. Dabei hörte er neben dem Lärm,
den die Fluten durch die mitgerissenen Gegenstände verursachte, in
der Dunkelheit auch Hilferufe der Menschen, die in den Nachbarhäusern
eingeschlossen waren. Das Boot kenterte und wurde von Otto schwimmend
nur mit Mühe den Fluten entrissen ... Nachdem er nun völlig
unterkühlt und durchnässt das Boot vom Wasser geleert und gesichert
hatte, konnte er in der Obhut eines Bahnangestellten an der Schranke neben
der Siechhofskirche von der Familie Josef Wilhelm mit trockenen Kleidern
ausgestattet werden.
Zurückgekehrt musste er feststellen, dass mittlerweile ein Hochspannungsmast
umgestürzt war und das überschwemmte Gebiet im Dunkeln lag,
nur das Krachen einstürzender Gebäude und die Schreie der Menschen
waren zu hören ... Vom Bahndamm aus konnte er gegen 23 Uhr mit einem
Nachbarn Kontakt aufnehmen, so erfuhr er, dass sein Vater wohlauf sei
und ließ ihm ausrichten, er würde ihn rausholen, in der Dunkelheit
war allerdings nichts auszurichten ... Etwa 2 Uhr war es, als der Nachbar
ihm mitteilte, dass auch sein – Ottos – Haus eingestürzt
war und damit auch sein Vater in den Fluten verschwunden war. Etwa 4 Uhr
morgens schien das Wasser ruhiger zu fließen und im spärlichen
Licht des Morgengrauens begann Otto zunächst Kinder aus den noch
stehenden, jedoch immer noch einsturzgefährdeten Häusern zu
retten. Die Erwachsenen konnten sich ja im Notfall noch irgendwo festhalten
oder schwimmen ... Im Kampf gegen die Zeit, ohne darauf zu achten, wen
und wie viele Leute er aus den Häusern holte und zu dem rettenden
Bahndamm brachte, holte Otto jeden, der ihn um Hilfe bat, bis in den späten
Nachmittag des 14. Mai.
Das Boot von damals befindet sich in Ottos Keller perfekt konserviert...
es einem Museum zur Verfügung zu stellen hat Otto abgelehnt ... „Vielleicht
macht mir jemand einen Sarg daraus, wenn ich sterbe“”, sagt
der bescheidene und selbstlose Bürger der Kokelstadt.
Nach fast 24 Stunden der Belastung bis zur Erschöpfung kam Otto mit
hohem Fieber ins Krankenhaus, wo er unruhig ob des Schicksals seines Vaters
hoffte, bald losziehen zu können, um ihn zu suchen. Noch während
seines stationären Aufenthaltes erhielt er die Nachricht, dass die
Leiche seines Vaters gefunden wurde.
Es folgten die verschiedensten Würdigungen durch die Presse und Stadtrat,
im Deutschbuch für die sechste Klasse wurde eine Lektion mit der
Überschrift „Held der Kokelstadt“ aufgenommen, aber dennoch
... er geriet in Vergessenheit, Er war ja mit nichts als den Kleidern
auf dem Leib und dem Kahn geblieben. Das kürzlich erst vollständig
abgezahlte Haus war vollständig zerstört und damit auch der
gesamte Hausrat vernichtet.
In der Folgezeit ging es für Otto nur mühsam voran, da er es
nicht verstand oder verstehen wollte, nach den Regeln des Systems seinen
Vorteil zu suchen und damit so manche Gelegenheit ungenutzt blieb, auch
gingen etliche der damaligen Gönner auf Distanz oder waren in Bukarest
unerreichbar fern. Eine spätere Ausreise in die Bundesrepublik kam
auch nicht in Betracht, da er sich um seine kranke Mutter zu kümmern
hatte.
Als der gleiche bescheidene Mensch, den ich 1970 kennen lernte, lebt Otto
zurückgezogen mit seiner Frau Veronika in dem eigenhändig errichteten
Haus mit Blick auf Scherkes und Podei. Trotz aller Verbitterung über
so manchen Schicksalsschlag ist er niemandem nachtragend und stolz auf
das Geleistete.
Wir freuen uns und gratulieren zum Titel “Ehrenbürger der Stadt
Schäßburg”, den Otto Lurtz nach so vielen Jahren sich
redlich verdient hat.
Michael Kirschner, heute praktizierender Arzt in Solingen, erinnert sich:
„Damals, 1970, wohnten wir im Scherkes und waren Nachbarn von Otto
Lurtz. Ich war 9 Jahre alt und wurde zusammen mit meinem Bruder Udo (damals
knapp 2 Jahre alt).auch von ihm gerettet. Heute, nach den vielen Jahren,
habe ich jene dramatischen Ereignisse und Otto nicht vergessen. Als ich
ihm, mit meinem Bruder im Arm, in dem wild schaukelnden Boot gegenübersaß
und starr vor Schreck nur diesen Mann vor Augen hatte, dessen unbeschreibliche
Willenskraft, seiner Verantwortung für uns beide bewusst, mir die
Zuversicht vermittelte, uns sicher zum rettenden Bahndamm zu bringen,
vergaß ich selbst das Weinen. Er wirkte sehr ruhig, aber die Anspannung
war ihm förmlich anzusehen. Danke, lieber Otto!
Es erfüllt mich mit Freude, dass ihm, wenn auch spät, die Ehre
erwiesen und er zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde. Im Februar
2006 wird Otto 70 Jahre alt und ich wünsche ihm noch viele glückliche
und erfüllte Jahre.“
Zusammengestellt von Michael Kirschner (Solingen)

Letztes Update:
2006-04-21
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