Die Orgeln unserer Kirchengemeinde
Aus dem "Bericht zur Geschichte der evangelischen Kirche A.B.
in Schäßburg, ein kunsthistorisch bedeutendes Inventar"
von Gemeindekurator Dr. Alfred Leonhardt (abgeschlossen 5.2.1963)
Die Orgeln der Bergkirche
Schriftliche Aufzeichnungen darüber, ob sich in der gotischen Bergkirche
von der Einweihung derselben bis Ende des 18. Jahrhunderts eine Orgel
befunden hat, haben wir nicht. Es ist jedoch als sicher anzunehmen, dass
diese große und reiche Kirche schon seit ihrer Fertigstellung eine
Orgel besessen hat. Aber erst nach dem Einsturz des Gewölbes im Schiff
derselben erfahren wir aus den Protokollen des Lokalkonsistoriums des
Jahres 1839, dass ein bei diesem Gewölbeeinsturz beschädigtes
Orgelwerk in die Werkstatt des hiesigen Tischlers und Orgelbauers Johann
Binder geschafft wurde, das derselbe wieder hergestellt hat. Es scheint
dieses ein veraltetes, kleines und transportables Orgelwerk, ein so genanntes
Positiv, gewesen zu sein, das wahrscheinlich schon seit dem Umbau der
Bergkirche auf der Empore gestanden ist, weil das Lokalkonsistorium noch
während der Reparatur dieser Kleinorgel sich in Kronstadt für
ein verkäufliches Orgelwerk für die Bergkirche interessiert
hat. In seinem Sitzungsprotokoll Nr. 105/1839 nimmt das Lokalkonsistorium
die Wiederherstellung der Kleinorgel durch Johann Binder zur Kenntnis.
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Bei der letzten Verwüstung der Bergkirche im Jahre 1849 wurde
dieses Positiv durch die damalige ungarische Besatzung von der Orgelempore
herabgestürzt, wodurch es wieder ganz unbrauchbar wurde. Das
Lokalkonsistorium entschloss sich erst 1857, ein neues Orgelwerk in
der Bergkirche aufzustellen, und schloss mit dem Orgelbauer Karl Schneider
aus Kronstadt einen Vertrag ab, laut welchem der Genannte verpflichtet
wurde, eine neue Orgel für die Bergkirche mit neun klingenden
Stimmen auf einem Manual mit 4 Oktaven, ohne Pedal, um 1750 Gulden
zu verfertigen.
Orgelbauer Karl Schneider stellte diese Orgel in seiner Werkstatt
in Kronstadt her, schaffte auf fünf großen Wagen das ganze
Orgelgehäuse, zwei große Blasebälge, Holzpfeifen,
Klaviatur u.s.w. nach Schäßburg und stellte die Orgel in
der Bergkirche zusammen. Am 25. April 1858 wurde die vertragsmäßig
fertig gestellte Orgel eingeweiht. |
| Die Orgel in der Bergkirche; Archivbild |
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Die Orgel der Bergkirche; Foto Rely
Im Jahre 1916 mussten die wertvollen Zinnprospektpfeifen dieser Orgel
für Kriegszwecke abgegeben werden, die erst im Jahre 1928 durch Lauckhuff-Zinkpfeifen
ersetzt wurden. Gleichzeitig baute Orgelbauer Einschenk ein pneumatisches
Pedal mit Subbas, 16 Pfeifen und mechanischer Pedalkoppel dazu. Die Spielart
oder Traktur der Orgel ist mechanisch. Die Kosten dieser Ergänzung
und Erweiterung der Orgel betrugen 28.100 Lei. Musikprofessor und Organist
Karl Theil hat im Jahre 1935, um die Klangschönheit und Klangreinheit
dieser kleinen Orgel zu vermehren, einige Pfeifen derselben in verschiedenen
Stimmen gegen Pfeifen des alten Siechhofpositivs (Samuel-Binder-Orgel),
das auf der Empore der Klosterkirche als unbrauchbar abgestellt ist, ausgetauscht,
sodass unsere heutige Bergkirchenorgel, was Fülle, Klangschönheit,
Klangfarbe und -reinheit anbetrifft, eine der besten und wunderbarsten
Orgeln Siebenbürgens ist, die ihr barockes Klangbild bewahrt hat
und in dem so überaus schönen und weiten gotischen Raum der
Bergkirche das unmittelbar ansprechende Klare ihrer Wirkung auf die Zuhörer
nie verfehlt.
Die Orgeln der Siechhofkirche
Aus den Sitzungsberichten des Presbyteriums unserer Kirchengemeinde ist
zu ersehen, dass die kleine und arme Siechhof-Kirchengemeinde, von der
Mitte des 18. Jahrhunderts angefangen, ständig um die Reparatur ihrer
Kleinorgel beim Presbyterium ansucht, bis endlich im Jahre 1861 das Presbyterium
vom hiesigen Orgelbauer Samuel Binder ein Gutachten über dieses wahrscheinlich
erste Orgelwerk der Siechhofkirche verlangt und erhält. In diesem
Gutachten wird gesagt, dass dieses ganze, aus fünf Stimmen bestehende
Orgelwerk mit Windlade, Blasebalgen, Klaviatur und Pfeifen sich in einem
so schlechten Zustande befänden, dass nichts mehr davon repariert
werden könne, und dass er deswegen die Reparatur dieser Orgel nicht
übernehmen wolle. Erst nachdem die Siechhof-Kirchengemeinde den größten
Teil der Kosten für eine neue Orgel von ihren Glaubensgenossen durch
freiwillige Beiträge eingesammelt hatte, entschloss sich das Presbyterium
im Jahre 1865, mit Samuel Binder einen Vertrag zur Aufstellung einer neuen
Kleinorgel in der Siechhofkirche abzuschließen. Laut diesem Vertrag
verpflichtete sich Samuel Binder, bis zum 24. Juni 1866 ein kleines Orgelwerk
mit fünf Stimmen, vier Oktaven, d. i. 49 Tönen, samt Gehäuse
in der Siechhofkirche um den Preis von 525 Fl. aufzustellen. Dies kleine
Orgelwerk bestand aus einer dreifachen Mixtur aus Zinn, einem Prinzipal
8?‘ (Fuß), Prinzipal 4‘ (die sechs tiefsten Töne
aus Holz), Flauto 4‘ und Flauto 8‘, beide aus Holz.

Die Orgel der Stiftskirche; Foto: W. Lingner
Diese mit ihrem barocken Klangbild rein und klar klingende Orgel ist auf
Grund des Presbyterialbeschlusses, Zahl 157/1934, aus der Siechhofkirche
leider entfernt worden und an ihre Stelle ist die neue, 1910 durch Orgelbauer
Karl Einschenk gebaute, aus fünf klingenden Stimmen bestehende Orgel
aus dem Festsaale des Gymnasiums gestellt worden, die zurzeit ihrer Erbauung
das damals moderne, so genannte romantische Klangbild, ähnlich der
heutigen Klosterkirchenorgel, hatte.
Diese klangschöne Samuel-Binder-Orgel liegt heute auf der Orgelempore
der Klosterkirche abgestellt, doch sind daraus, um die Reinheit und Klangschönheit
der Orgel der Bergkirche zu erhöhen und die Klangfarbe der Klosterkirchenorgel
zu verbessern, eine ganze Reihe von Pfeifen in einzelne Register der Bergkirchenorgel
und der Klosterkirchenorgel eingesetzt worden. Auf diese Art ist der Schaden
wieder gutgemacht worden.
Die Orgeln der Klosterkirche
Von der wahrscheinlich ersten Orgel der Klosterkirche, die beim Brande
derselben im Jahre 1676 verbrannt ist, haben wir keine Kenntnis davon,
wer sie gebaut hat und wie sie beschaffen war. Da jedoch gerade am Tage
des Brandes der Orgelbauer Vest an dieser Orgel eine größere
Reparatur durchführte, die Orgel jedoch verbrannte und Orgelbauer
Vest die neue Orgel hergestellt hat, was wir aus einer aus dem Jahre 1770
stammenden Urkunde entnehmen, ist es angebracht, diesen bis jetzt unveröffentlichten
in ihrem ganzen auf die Orgel, den Orgelbauer Vest und die Klosterkirche
bezüglichen Wortlaut anzuführen:

Die Orgel der Klosterkirche; Archivbild
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Seitenschmuck, musizierender Engel;
Foto W. Lingner |
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Blick durch das Mittelschiff auf die Orgel in der Klosterkirche;
Foto W. Lingner |
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„Es war im Jahre Christi 1676 als diese Stadt Schäßburg
durch eine unvermutet entstandene Feuersbrunst dermaßen verheret
und eingeäschert, dass nicht allein die Privathäuser der Bürgerschaft
sondern (Randnote: Suma die ganze Stadt lag in der Aschen) auch die Publikhäuser
in Sonderheit dieses Gotteshaus oder Klosterkirche dergestalt verbrennt,
dass weder Orgel noch sonstwas übrig blieben was das Feuer nicht
weggenommen außer der großen Sakristei und das Dach über
dem Rathaus, welches auf Angaben des dazumal in Arbeit gestandenen Orgelbauer
Herr Vest, von welchem diese berühmte Orgel erbauet worden (welche
Gott aus Gnaden bis auf die späteste Nachkommenschaft vor allem Verderben
bewahren wolle). Dieser hat in Eil aus dem schon verfertigten Zinnblech
zu den Orgelpfeifen, Röhren zu Spritzen gemacht, sind so durch das
zugetragene Wasser das Dach erhalten, welches schon angezündet war,
was an vielen Balken noch zu sehen ist, es ist aber durch die Bemühung
und gute Anstellung der Obrigkeit, das Dach über dem Chor noch das
Jahr und das Türmlein draufgesetzt, die Glocke aber das folgende
Jahr, als Herr Georg Schobelius Stadtpfarrer gewesen. Das Türmlein,
welches in Eil nur mit Schindeln gedeckt worden war, war in der langen
Zeit nämlich bis 1770 in Großabnehmen gekommen, dahero es höchst
notswendig war solches zu erneuern, es ist ein ehrwürdiges Konsistorium
mit einer löblichen Komunität schlüssig worden, es auf
eine runde Art mit einem ausgetriebenen Bauch und mit Blech zu decken
und mit einem kupfernen Knopf zu zieren, ist also solches alles auf das
schleunigste und nach Möglichkeit auf das beste bestellet und dazu
der kupferne Knopf welcher von wohlmeinenden Gemütern und Verehrern
der Gnade Gottes und seines Hauses ist geschenket und vergoldet. Gott
wolle solches in alle Zeiten unbeschädigt erhalten. Es ehre und preise
dich Herr unser Gott alles Volk und du Schäßburg vergiss nicht
was er dir Gutes getan hat, lobet den Herrn unsere Nachkommen und bemühet
euch zu tun was Gott gefällt dass ihr in die Länge bleibet.“
Der in dieser Urkunde genannte Orgelbauer Herr Vest ist der Vater des
Gubernialrates Samuel Vest, und zwar Johann Vest aus Bartfeld, der 1672
auch die Orgel der Hermannstädter Stadtpfarrkirche hergestellt hat.
Die Klosterkirchenorgel des Johann Vest war ein größeres Orgelwerk,
das der Schreiber der obigen Urkunde noch im Jahre 1770 eine berühmte
Orgel nennt. Die Orgel hat 1000 Fl. gekostet, wobei die Stadt Holz und
Zinn gegeben hat. Die Malerei (Vergoldung) der Orgel hat 400 Fl. gekostet
und ist von Jeremias Stranovius durchgeführt worden. In den Jahren
1859 und 1889 ist diese Orgel ohne wesentliche Umänderungen repariert
bzw. versetzt worden. Im Jahre 1910 wurde dieselbe durch die Firma Otto
Rieger, Budapest, erweitert und umgestaltet, wobei der größte
Teil der Bestandteile der alten Vest-Orgel aus dem Orgelwerk entfernt
wurden und durch Anfügung neuer Register, Kontrabässe, Subbässe
etc. so erweitert wurde, dass sie heute eine große Konzertorgel
mit pneumatischer Spielart, mit drei Manualen von je 4? Oktaven und 35
klingenden Stimmen, davon 8 Pedalstimmen, geworden ist. Der Spieltisch
der Orgel wurde 1929 versetzt und umgekehrt und gleichzeitig ein Motor
für die Betätigung des Blasebalges und eine schallsichere Abdämpfung
des Motors eingebaut.
Diese große Konzertorgel war nach ihrer Erweiterung im Jahre 1910
eine der größten und besten Orgeln unserer Landeskirche, der
der damalige Organist und Musikdirektor Gustav Fleischer die wunderbarsten
Töne entlocken konnte. Für unsere heutigen Musikern hat sie
jedoch eine unmoderne Klangfarbe, die so genannte romantische Klangfarbe,
der die reine und klare barocke Klangfarbe wie diejenige unserer Bergkirchenorgel
vorgezogen wird.
Um die Klangfarbe dieser Orgel zu verbessern, hat Organist Musikprofessor
Karl Theil im Jahre 1935/36 aus der auf der Orgelempore der Klosterkirche
abgestellten Samuel-Binder-Orgel Pfeifen dieser klangschönen Orgel
in die große Klosterkirchenorgel mit gutem Erfolge eingesetzt. Bei
der gegenwärtig notwendigen und bevorstehenden Reparatur der Klosterkirchenorgel
könnte durch weiteres Einsetzen von Pfeifen der abgestellten Siechhofkirchenorgel
die Klangschönheit und Klangfarbe unserer Klosterkirchenorgel noch
weiter verbessert werden.
Die vergoldete Inschrift der Orgel, die als schöne, ineinander verschlungene
barocke Verzierung den oberen Teil des Orgelgehäuses vom Fuße
trennt, lautet: „DIESES WERK IST GOTT ZUR EHR ERBAUET 1680“.
Alfred Leonhardt(Emlichheim)

Letztes Update:
2006-03-23
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