HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Streiflichter

Aus dem Leben der Evangelischen Kirchengemeinde A. B. Schäßburg

 


Klosterkirche Frontansicht heute- Foto: D. Hubatsch

 

Das Jahr 2005 geht mit Riesenschritten seinem Ende zu. Es kommt die Advents- und Weihnachtszeit, von der wir uns gegenseitig wünschen, dass sie ruhig und besinnlich werden möge. Es lohnt sich auf alle Fälle in diesem unserem Zeitalter, welches von Stress und Hektik gekennzeichnet ist, Momente der Ruhe zu suchen, vielleicht gerade auch beim Lesen vorliegender Ausgabe der „Schäßburger Nachrichten“. Ich kann mir vorstellen, dass bei manchem Leser Interesse daran besteht, was sich in der „Heimatkirche“ noch getan hat und tut. „Streiflichter“ habe ich meinen Bericht genannt. „Licht“ ist ein zentrales Thema der Advents- und Weihnachtszeit, aber nicht nur: In dem abgelaufenen Jahr durften wir so manchen „Lichtblick“ sehen, bzw. aus Gottes Hand annehmen. Zugleich aber deuten „Streifen“ an, dass das, was ich sagen möchte, keine Vollständigkeit beansprucht. Wir Menschen können nie in vollkommener Weise Dinge wahrnehmen oder darstellen; unser Tun in dieser Welt kann – so wie es der Apostel Paulus formuliert (1. Kor. 13) – immer nur „Stückwerk“ sein.


Klosterkirche Seitenansicht heute - Foto: D. Hubatsch


Das Ereignis, welches in jüngster Vergangenheit unser Gemeindeleben geprägt hat, waren die kirchlichen Wahlen. Am Sonntag, dem 6. November 2005, wurde in der Klosterkirche die (Hälfte der) Gemeindevertretung durch die Gemeinde (versammlung) gewählt. Die neu konstituierte Gemeindevertretung kam am Sonntag, dem 20. November 2005, zusammen und wählte den Kurator und die Hälfte des Presbyteriums. Nach diesen Wahlen sieht die Zusammensetzung der beiden kirchlichen Körperschaften wie folgt aus:
Das Presbyterium:
mit Mandat bis 2007:
Helmut Polder, Kirchenvater
Annemarie Halmen (geb. Schuster), Kirchenmutter
Gerhard Baku
Carmen Karin Foaltin (geb. Theil)
mit Mandat bis 2009:
Dieter König, Kurator
Erika Duma (geb. Bartha)
Günther Müller
Dieter Zikeli
Die Gemeindevertretung:
mit Mandat bis 2007:
1. Hermann Baier
2. Ortrun Fabini (geb. Roth)
3. Johannes Halmen
4. Theodor Halmen
5. Michael König
6. Emma Machat (geb. Henning)
7. Kuno Martini sen.
8. Christa Rusu (geb. Müller)
9. Margarethe Salati (geb. Sill)
10. Horst Schwarz
mit Mandat bis 2009:
11. Andreas Christiani
12. Dietlinde Cravciuc (geb. König)
13. Wilhelm Fabini
14. Annemarie Iclozan (geb. Wolff)
15. Hermine Itoc (geb. Polder)
16. Wilhelm Kubanek
17. Winfried Lahni
18. Otto Lurtz
19. Rosemarie Rus (geb. Capesius)
20. Horst Zikeli
Ein besonderes Erlebnis und einmaliges Ereignis über das Jahr 2005 hinaus – die Schäßburger Lokalzeitung (JSR) titelte „Un OSCAR pentru Biserica din Deal“ – war die „EUROPA NOSTRA“-Preisverleihung. Im Anschluss an den Hauptgottesdienst am Sonntag, dem 4. September 2005, wurde unserer altehrwürdigen Bergkirche, aber vor allem den Menschen und Institutionen, die sich in den letzten 15 Jahren um sie bemüht haben, eine große Ehre zuteil. In seiner Ansprache betonte der leitende Architekt Sándor Benczedi, dass es selten möglich ist, so gründlich interdisziplinär zu arbeiten1.
Anwesend waren außer den Geehrten hohe Gäste: Jonathan Scheele (Botschafter der Europäischen Union in Bukarest), Mona Musc (Kultusminsterin a. D.), Andrea H. Schuller (Präsident von Europa Nostra), Wynford Evans (Vorsitzer der Jury von Europa Nostra), Ioan Opri (Staatssekretär im Kultusministerium), Sorin Savu (Vizebürgermeister), Walter Lingner (HOG-Vorsitzender). Die Predigt im Gottesdienst hielt Bischofsvikar Dr. Hans Klein aus Hermannstadt.
Die Europäische Union vergibt jährlich für besonders gelungene Restaurierungs- und Renovierungsarbeiten einen Preis und ehrt damit die Bemühungen, an solch komplexen Bauten nachhaltig und denkmalgerecht gearbeitet zu haben. Nach den umfassenden Maßnahmen ist die Bergkirche heute wieder voll nutzbar. Es finden Gottesdienste und geistliche Konzerte statt, zugleich aber ist sie auch eine Bewahrungsstätte für Altäre, Gestühle, Truhen aus andern – zum Teil verlassenen oder nicht ausreichend gesicherten – evangelischen Kirchen und daher ein touristisches Ziel ersten Ranges geworden. Wenn man bedenkt, dass es etwa 150 Jahre gedauert hat (ca. 1345–1500), bis die Bergkirche in ihrer jetzigen Form fertig gestellt worden ist, sind die ca. 15 Jahre Wiederherstellungsarbeiten eine kurze Zeitspanne. Umso mehr können sich alle (nicht nur die Schäßburger) darüber freuen, dass der befürchtete Verfall, dem die Kirche nach dem Erdbeben von 1977 und danach in den 1980er Jahren preisgegeben zu sein schien, nicht eingetreten ist. Herzlich gedankt sei der Messerschmitt-Stiftung aus München und dem Kulturministerium Rumäniens für die großzügigen finanziellen Zuwendungen, ohne die eine solche Arbeit unmöglich gewesen wäre. Die Bergkirche ist und bleibt unser aller Kleinod. Sie ist uns als Gabe und Aufgabe von unsern Vorfahren überlassen worden. Ich kann nur hoffen, dass die Fachleute, allen voran Dr. Christoph Machat, das wissenschaftliche Material, welches diese gründlichen Arbeiten zutage gefördert haben, in eine „leserliche Form“ gießen, damit jeder Interessierte sich den neuesten Wissensstand im Blick auf die Baugeschichte aneignen kann.
Kirchenbesuchern, die in den letzten 3 Jahren in großen Zahlen zu uns kommen (in der Sommerzeit sind es zwischen 100 und 300 Touristen pro Tag), sage ich gerne mit einem Augenzwinkern, dass es wenige Kirchengemeinden gibt, welche sich den Luxus leisten, zwei „Stadtkirchen“ zu besitzen und zu „betreiben“. Umso größer ist jedoch die Verantwortung, die auf uns lastet, denn kaum sind wir nun die größten Sorgen für die eine Kirche losgeworden, fordert uns das nächste Sorgenkind heraus: die Klosterkirche. Dies Gotteshaus wird ja bekanntlich für das Gemeindeleben noch mehr gebraucht als die Bergkirche; vor allem in der kalten Jahreszeit.
Im Kreuzgang ist seit dem Frühjahr dieses Jahres eine ständige Ausstellung eingerichtet, welche wir mit etwas Stolz „Gemeindemuseum“ nennen. Die Idee stammte seinerzeit von Daniel Zikeli und Walter Lingner. Die Arbeit der Herrn Wilhelm Fabini, Hermann Baier und Theo Halmen mit tatkräftiger Hilfe des alten bzw. neuen Presbyteriums (Wilhelm Kubanek, Annemarie Iclozan, Dieter König, Gerhard Baku, Günther Müller) und vor allem auch durch die Unterstützung der HOG und ihren Vorsitzenden kann sich sehen lassen.
So sehr aber der Innenraum der Klosterkirche lebt, gibt das Äußere Anlass zur Sorge. Die Fassade der Klosterkirche ist zurzeit ausgesprochen hässlich. Weitaus problematischer als ästhetische Fragen sind aber andere vitale Stellen (z. B. das Dach oder die elektrische Installation u. a.); manche dieser Stellen sind für das Auge des Laien nicht unbedingt sichtbar. Darum hat sich das Presbyterium im Mai dieses Jahres dazu entschieden, bei demselben „Atelier M“ aus Sfântu Gheorghe, welches das Projekt „Bergkirche“ erarbeitet und erfolgreich durchgeführt hat, anzusuchen, nun auch im Blick auf die Klosterkirche aktiv zu werden. Dabei sind folgende Gesichtspunkte wichtig gewesen: ein Projekt, wie es die Bergkirche war, kann die Klosterkirche aller Wahrscheinlichkeit nicht werden. Zum einen weil es die großen Probleme, die es bei der Bergkirche gab, bei der Klosterkirche Gott sei Dank nicht gibt (die statische Sicherung der Bergkirche, das, was dem Auge verborgen bleibt, war die teuerste Arbeit und kostete Summen im 6-stelligen Bereich = etwa 1/3 der gesamten Arbeiten); zum andern aber ist es fraglich, ob es die großzügige Finanzierung, die es bei der Bergkirche gab, bei der Klosterkirche geben wird (es sei denn, dass ein Wunder geschieht, was ich als Pfarrer nie ausschließen darf).
In den Verhandlungen mit dem Architekturbüro haben wir darauf bestanden, dass bei der Erarbeitung des Projektes die finanzielle Lage der Gemeinde unbedingt im Blick bleiben muss und dass wir nur schrittweise vorgehen können, weil wir eben auf Spenden angewiesen sind. Darum soll eine so genannte „Dringlichkeitsliste“ erstellt werden, bzw. eine „Etappisierung“ der vorzunehmenden Arbeiten vorgeschlagen werden. Die komplexe Dokumentationsarbeit („Documentat¸ia de cercetare, diagnostizare, expertizare s¸i studiu de fezabilitate) kostete uns bis jetzt 15.000 Euro2. Weil es sich um ein Baudenkmal ersten Ranges handelt, war es unbedingt notwendig, alle vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Schritte einzuhalten, damit alle notwendigen Genehmigungen eingeholt werden können.
Was die Fachleute zusammen getragen haben, füllt inzwischen mehrere Ordner. Ich fasse ganz kurz zusammen, was für mich, den Laien, interessant ist. Große statische Probleme (wie die bei der Bergkirche erwähnten) gibt es an der Klosterkirche Gott sei Dank nicht. Ein Problem, welches das Gutachten des Statikers erbrachte („Expertiza – fizica construct¸iilor (umiditate) cu propuneri de remediere“), ist aber die Feuchtigkeit in dem alten Gemäuer, welche bis auf eine Höhe von 2,5 m gedrungen ist. Das Problem der Fassade ist aber nicht nur die Feuchtigkeit: Die Verwendung von Zement bei kleineren Verputzarbeiten in den vergangenen Jahren hat der Mauer mehr geschadet als genutzt. Größere Verputzteile bröckeln schon seit längerer Zeit ab. Aus dem Gutachten des Steinrestaurators („Expertiza piatra“) wird unter anderem ersichtlich, dass die wertvollen Steinschnitzereien an Fenster- und Türrahmen von biologischem Befall (Flechten), Russ und wasserlöslichen Salzen gereinigt werden müssen. Das Gutachten des Archäologen („Cercetare arheologica?“) bzw. die Dokumentation in Form einer CD ist interessant und aufschlussreich. Wie vermutet sind etliche Gräber gefunden worden. Der Freskenrestaurator („Cercetare de parament si expertiza pictura murala“) machte einen interessanten Fund: An der Südseite (zum Stundturm hin) unter der Dachrinne befindet sich ein mehrere Meter langes Außenfresko, welches aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem 16. Jahrhundert stammt und interessante Blumenmotive darstellt.
Was uns als dringendste Arbeit für die nächste Zeit empfohlen wurde, sind drei Dinge: a) Den Verputz rund um die Kirche auf der Höhe von 2,5 m abzuschlagen, damit die Wand trocknen kann; b) Auf dem Aufboden hat sich im Laufe der Zeit eine dicke Schicht Taubenkot abgelagert, der unbedingt entfernt werden muss; c) Das abfließende Regenwasser muss weiter von der Kirchenmauer entfernt abgeleitet werden. Diese Arbeiten können zu jedwelcher Jahreszeit durchgeführt werden. Wenn alles gut geht, kann man dann im Frühjahr 2006 mit der Westfassade beginnen. Ob wir beginnen können, hängt letztendlich von der finanziellen Situation ab. Der Kostenvoranschlag der Baufirma für die Westfassade beträgt ca. 7.000 Euro. Jener für Steinrestaurierungsarbeiten 49.000 (!) Euro.
Es kommt mir oft so vor, dass wir als Kirchengemeinde heute – 15 Jahre nach der Wende – so ähnlich da stehen wie das Kind, welches in Großvaters Pantoffeln geschlüpft ist. Wir sind eine (knapp über) 500-Seelen-Gemeinde, besitzen aber die Strukturen einer 5.000-Seelen Gemeinde: drei Kirchen (Gott sei Dank müssen wir uns um die Siechhofkirche keine Sorgen machen; bei der griechisch-katholischen Gemeinde ist sie in guten Händen); drei Friedhöfe und wenn wir die zurückgeforderten Gebäude (Bergschule, Internat, Jungenschule, Mädchenschule, Kindergarten, Alte Post, Sauna, Altenheim alias „Vlad-Dracula-Restaurant“) oder die 501 ha Wald zurückerstattet bekommen, dann sind wir nicht nur wohlhabend, sondern haben auch gewaltige Probleme verwaltungstechnischer Natur. Sicherlich sind wir stolz darauf, im Herzen einer Stadt, die zum Weltkulturerbe gehört, Liegenschaften zu besitzen. Das macht unsere Aufgabe aber schwerer und nicht leichter.
Auch wenn wir eine zahlenmäßig kleine Gemeinde (geworden) sind, haben wir ein aktives Gemeindeleben. Außer den sonntäglichen Gottesdiensten gibt es regelmäßig: Konfirmandenunterricht, Bibelstunden, Kirchenchorproben, Kindergot¬tesdienst und Jungschar, Frauentreffen. Seit einem Jahr bringen wir auf Initiative von Frau Pfarrerin Rudolf den „Schäßburger Gemeindebrief“ heraus. Verwaltung und Büroarbeit nimmt auch hierzulande ständig zu; davon können unsere Gemeindesekretärin Frau Cravciuc und unser Buchhalter Herr Horváth ein Lied singen. Apropos „ein Lied singen“: Wir sind die einzige Institution, welche eine Sommerkonzertreihe (hauptsächlich Orgelkonzerte) in Schäßburg anbietet. Diese organisiert Kantor Theo Halmen; ebenfalls mit Fam. Halmen als Hauptorganisatoren fand am 28. Mai 2005 das Chortreffen der Kirchenchöre der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien statt. Zum musikalischen Gottesdienst in die Bergkirche und anschließend zum gemütlichen Beisammensein im Gemeindesaal in Groß-Lasseln kamen über 300 Leute aus 14 verschiedenen Kirchenchören (von Broos bis Kronstadt, von Malmkrog bis Bukarest).
Die Ökumene ist nach wie vor eines unserer Anliegen; gerade weil man eine Minderheit geworden ist, ist man gefordert, nach außen hin zu wirken bzw. Präsenz zu markieren. Ein ökumenisches Highlight war der gemeinsame Abendmahlsgottesdienst mit der reformierten Gemeinde am Reformationstag, dem 31. Oktober 2005 in der Klosterkirche.
Nicht zu vergessen sei unsere diakonisch-soziale Arbeit. Das „Pflegenest“ im „Karl-Friedrich-Müller-Haus“, geleitet von unserer Diakoniebeauftragte Frau Duma, ist voll belegt; wir haben seit der Inbetriebnahme im Jahr 1994 über 50 Bewohnerinnen gehabt; etliche von ihnen fanden hier einen würdigen Lebensabschluss.
Am Ende, aber nicht zuletzt möchte ich betonen, dass es uns wichtig ist, den Kontakt mit Ihnen, den ausgewanderten Landsleuten, zu halten. Eine wichtige Schiene für diesen Kontakt ist natürlich die Zusammenarbeit mit der HOG. Es tut gut zu sehen, dass viele von denen, die in Deutschland leben, ihre alte Heimat nicht vergessen haben und uns immer wieder unter die Arme greifen: Seit Jahren werden über die HOG Grabgebühren übermittelt, das Pflegenest wird materiell unterstützt; es kommen uns materielle Hilfen für bedürftige Personen zu. Auch für die Klos¬terkirche erhielten wir dankeswerter Weise substantielle Hilfe.
In der Hoffnung, dass wir auch weiterhin über Grenzen bzw. Entfernungen hinweg verbunden bleiben, wünsche ich allen Lesern der „Schäßburger Nachrichten“ eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit. Möge uns allen das Licht aus dem Stall von Bethlehem leuchten.
Hans Bruno Fröhlich, Stadtpfarrer (Schäßburg)



 

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