HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

"Und weg ist jene alte Garde ... "

Der "Letzte" sucht nach Erinnerungen aus der Schulzeit / "Ich wünsche mir diesen Lebensabschnitt noch einmal ..." / Brief eines Absolventen des Schäßburger Gymnasiums an seine Kameraden

Als im Jahr 1976 die Absolventen des Jahrgangs 1925 ihr 50-jähriges (eigentlich 51-jähriges) Maturatreffen feierten, konnte einer von ihnen, Gyuri Bokor, nicht teilnehmen. Er schrieb seinen Kameraden aus der Schäßburger Schulzeit einen Brief, den wir hier abdrucken, weil er mit sehr viel Herzlichkeit und Humor verfasst wurde und uns Lesern von heute eine längst entschwundene Zeit lebhaft vor Augen führt: Es erfüllen sich heuer 80 Jahre seit der Matura, deren Jubiläum vor 29 Jahren gefeiert wurde.
Bokor Gyur war der Sohn des Schäßburger Gastwirten Bokor, Ungar, und dessen Frau, geb. Winter (Schwester des alten Georg Winter, bekannter Schäßburger Metzgermeister). Die Gastwirtschaft befand sich auf der linken Seite der Baiergasse, Ecke „Suezkanal“, später Gastwirtschaft Schoppelt und dann ein Eisenwarengeschäft.
Bokor Gyuri (Gyuri, ein Kürzel des ungarischen Vornamnes György), studierte, wurde Chemiker, arbeitete zunächst in Zeiden, später im Banat und zuletzt in Deutschland. Er war mit Ilse, geb. Adleff, verheiratet. J.Henning (Pforzheim)

Meine lieben alten Klassenfreunde!
Ihr, liebe Freunde, dürft nicht glauben,dass ich, seit unsere Wege sich trennten, mich mit Euch in Gedanken nicht beschäftigt hätte, im Gegenteil, Ihr habt mich all die Jahre immer begleitet, Ihr wart immer neben mir, weil die Eindrücke, die ich im Miteinanderleben in jener Zeit der Schule erhielt, viel zu tief gehende und entscheidende waren und mein späteres Leben beeinflusst und bestimmt haben. Wenigstens empfinde ich und sehe meine vergangenen Lebensjahre so.


Hier in Taufkirchen, am Rande von München, lebe ich mit Hans Lienert aus Katzendorf zusammen (er ist gleichaltrig mit uns, kam aber zwei Jahre später auf das Gym und blies bei Juchum Jack das Bassflügelhorn und nachher bei Bubi) und mit ihm wandere ich jeden Tag zwei bis drei Stunden in dem nahe gelegenen Wald herum, bei Regen und Wind, Schnee und Sonnenschein, und dann sprechen wir über unsere Studenten- und Jugendzeit in Schäßburg und über unsere Schulkameraden. Hans Lienert wundert sich jedesmal, wie nahe diese alten Schulkameraden mir auch heute noch sind, und ich wiederum bin froh und glücklich, dass es so ist. Oft habe ich Hans Lienert, wenn ich Erinnerungen und Erlebnisse auffrischte, gestanden, dass mein Leben ohne dieses alles ein gutes Stück leer geblieben wäre. Was müssen das für wunderbare menschliche Beziehungen gewesen sein, die ein ganzes Leben, über 55 Jahre, nicht in Vergessenheit versanken. Alle steht Ihr noch vor mir, so wie damals, ich höre Euch sprechen, lachen und singen. Wehmut packt mich und Trauer aber dann, wenn ich an die guten alten Gefährten denke, die nun bereits die Erde deckt. Ja, mein Gott, die Reihen beginnen sich zu lichten. Ist das aber zu verwundern? Liebe Freunde, wir sind 70 oder beinahe 70 und mit dem „beinahe“ ist kein Staat mehr zu machen, denn man kann das „beinahe“ mit ein paar Monaten erledigen. Und darum wird es einmal so kommen, dass eines Tages nur Einer noch geblieben ist, der Letzte, und weg ist jene alte Garde, die einst die Schülertreppe hinunter donnerte.
Und dieser „Letzte“ wird sich in Gedanken eines Tages dann auf die Mauer vor der Prima stellen, von wo unser ehrlich gesungenes: „Nun danket alle Gott ...“ erklang, als wir vor genau 51 Jahren von unserer geliebten Bergschule Abschied nahmen. Und er wird dann hinunter blicken auf die Stadt aller Städte, auf Schäßburg, auf diese liebliche Siedlung, in der für uns so viel Glück und Freude, wunderbares Erleben und gebliebene Freundschaft geboren wurden. Als Schüler schon las ich am Bergfriedhof eine Inschrift: „0 cara Schaesepolis, quand il invenies parem!“ (Ist es richtig zitiert? Diese Inschrift sagt alles.)


Deckengemälde im Treppenhaus der
Bergkirche - Foto WL


Und der Blick des „Letzten“ wird weiter schweifen, von der Stadt weg zum Tannenwald, wo wir Indianer spielten. Erinnerst Du Dich noch, mein lieber Kuli, als Winnetou an Deine Silberbüchse? Oder fragen wir auch, was Old Shatterhand, Dudu, in den ewigen Jagdgründen nun wohl tut. Und wenn der Letzte weiter sucht, um vergangene Erinnerungen wachzurufen, bleiben seine Blicke unweigerlich an der großen Wiese, der „Pfarrerswiese“, hängen. Mein Gott, was war das für ein Paradies! Dort rannte Kuli im schwarz-weiß gestreiften Zebradress und in weißen echten Chromleder-Fußballschuhen seinem eigenen Fußball nach, einem echten, wirklichen Fußball, welchen wir, so es uns vergönnt war, streichelten wie die Brüste einer 17-jährigen Jungfrau, welche Gott sei Dank leichter zu beschaffen waren als ein Fußball, wie ihn Kuli besaß. Dort, auf dieser Pfarrerswiese, stand der Staatsbeck, Ripa, wie eine Säule in seinem blau-weiss gestreiften Zebradress. Und wenn er traf, ich sage, wenn er traf, dann konnte man staunen. Dudu, der martialisch stürmende Zenterhalf, denn er war immer der Alibaba und wir die 40 Räuber, Karli, der wieselflinke kleine Zenter – ungarisch, denn das war die Fachsprache, Zäntär –, Bubi im Tor, Nitschmann, der elegante rasante Außenstürmer, dem man nichts zuleide tun durfte; und dann die anderen Kämpfer bis die 11 voll waren und jeder einen typischen eignen Dressstil hatte, der von Kulis Komfortdress bis zur echten siebenbürgisch-sächsischen Gatjahose reichte, wobei der Schlitz mit einer 10-cm-Sicherheitsnadel abgesichert wurde. Ich selber spielte auch im Tor. Um meine Ausrüstung komplett zu machen, schnitt ich Piks dicken sehr groben Wollstrümpfen die Röhren ab und machte sie zu meinen Knieschonern. Mit diesen Knieschonern oder besser gesagt trotz der Knieschoner kassierte ich in einem mörderischen Kampf zwei Tore am Fußballplatz und zu Hause zwei Ohrfeigen von meinem Vater, von wegen der Knieschoner.


Decke in der Aula der Bergkirche - Foto M. Zinz


Und weiter sucht der „Letzte“ nach Erinnerungen. So erreichen seine Blicke das Frauenbad am Millegroven. Das war das Elysium, das Paradies, das Dorado. Wieviele barmherzige Astlöcher hat es da in den Kabinenwänden gegeben, um unsere heißen Wünsche wahrzumachen! Und gleich gegenüber die Schwimmschule. Man glaube nicht, dass in der Schwimmschule nur geschwommen wurde, bei Gott nicht. Hier traf man sich, hier sprach man sich, hier wurde geklönt und alles besprochen. Aber hier konnten wir auch unsere Professoren „oben ohne“ treffen. Hier an diesem Ort waren sie gewöhnliche Menschen, keine Götter mehr, und erholten sich in der Sonne und im Schwimmbecken von den unmenschlichen Strapazen, vom Schlauchen durch den Unterricht. So sagte man uns damals. Und so saßen sie auch diesmal am Bretterzaun, der die „Schwimm“ vom Eisplatz trennte, der Mokan, der Petrenz und die Mützi. Ich saß unmittelbar unter ihnen am Betonrand des „Kleinen“. Die Sonne schien warm und so, wie sie nur in Schäßburg scheinen kann, man roch förmlich den Sommer. Mokan zog sich, wie geübt, die Kopfhaut vom Scheitel auf die Stirn, blinzelte in die Sonne, Petrenz pedderte mit seinen Zehen auf den Betonplatten herum, und die Mützi redete gescheit. Plötzlich hörte ich den Petrenz sagen: „Herr Kollega, et heht en äst eraus.“ Und so war es. Ich konnte mich überzeugen. Mützi hüstelte und räusperte sich verlegen, so wie wir das bei ihm viele Male erleben konnten, und trat den Weg zu den Kabinen an. Der Heraushang glangelte weiter, und dann verschwand die Mützi in irgendeiner Kabine. Warum einfach,wenn es auch kompliziert geht, hätte der Physi gesagt. Kurz darauf erschien die Mützi wieder am „Platz an der Sonne“. Könnt Ihr Euch vorstellen, dass ich nach diesem Erlebnis, selbst wenn Mützi über Klopstock sprach, ich nicht an Klopstocks Oden, sondern immer an das Geglangel denken musste?


Chalamydaten Coetus 1924 - Archivbild


Chalamydaten Coetus 1925 - Archivbild


Und dann guckt der „Letzte“ aus unserer Gemeinschaft hinauf zur Villa Franca und muss schmunzeln, denn viel Frohsinn wurde da erlebt, viele heiße Liebesworte wurden gestammelt und geflüstert, aber auch viele Humpen Bier getrunken. Bubu begleitete unseren Gesang unter der mächtigen Eiche auf seiner Gitarre, und unser Lied von der alten Burschenherrlichkeit und der wonnevollen Jugendzeit schwang hinab in die geliebte Stadt, in der tausend Lichter brannten, vom alten Stundenturm schlug die späte Stunde, man konnte es auf der Villa hören. Wir aber waren glücklich mit unseren Mädchen in dieser einzigartigen Stadt und – hatten keine Sorgen.
Aber dann wird der alte Abiturient unweigerlich mit seinen Blicken von der Villa über das Tscherkes, an der alten Kokel entlang zum Türmchen auf der Steilau bis zur Rudolfshöhe hinwandern, um endlich auf der Breite unter den herrlichen Eichen zu landen. Vielhundert stimmig wird er das Vivat froher, glücklicher Kinderstimmen wieder hören und Bubi mit seiner Blasmusik, den Taktstock schwingend, die Studentenmütze keck aufs rechte Ohr gezogen, das Sursum Corda auf der Brust, zum Tanze aufspielen. Bubu mit seinem Bassflügelhorn und Noldi als alles tragender Flügelhornist. Waren das wundervolle Erlebnisse!
Und über diese ehrwürdige „Breite“ sind wir auch mit dem Lehrer mit so viel Elan und Begeisterungsfähigkeit gewandert, haben ernste Dinge gelernt und den Schalk in uns doch nicht vergessen. Denkt nur daran, als Heinrich uns die Vogelstimmen erklärte und sie uns durch Unterricht „in natura“ geläufig machen wollte. Erinnert Ihr Euch noch, als Heinrich uns auf das Rotkehlchen aufmerksam machte und dieses Rotkehlchen der Pik war, der ganz hinten irgendwo zwitscherte?
Und in diesem einmalig schönen Kranz von reizenden Erlebnissen einer längst dahingegangenen Jugendzeit an lieben Plätzen in der Mitte sozusagen unserer Bergkirche und Bergschule, das Herz Schäßburgs, einer Stadt mit Gemüt und Humor, von wo in guten und in bösen Tagen der Lebensimpuls ausströmte. Hier auf diesem Berg mit seinem Wäldchen, wo unsere Schule steht, wird der alte Abiturient, der Letzte wie ich ihn nannte, nochmals in diese verdiente Schule eintreten und er wird es merken, dass es in den Gängen und Klassenräumen noch immer nach dem Stauböl der Fußböden riecht und G. Taeubners Kunstdrucke an den Wänden hängen und er wird in seinem Traum von der Vergangenheit uns, seine Klassenfreunde, in den Klassenzimmern oder auf den Gängen wieder sehen. Alle! Und er wird Appell machen nach dem nie vergessenen Alphabet: Arz, Bokor, Both ... Und alle werden sie „hier“ rufen, alle, denn in den Träumen an vergangene Zeiten wird keiner fehlen.


Die Bergschule - Foto W. Lingner


Über die Gänge werden unsere Lehrer mit übergroßen Katalogen eilen, Angst und Schrecken verbreitend in den Klassenzimmern, in die sie eintreten, denn das Fußballspiel vom Vortag, das „Fängasch“ in der Schwimmschule oder das Rendezvous am Törle haben das Lernen der Hausaufgaben nicht gestattet. Die Viertelstunde wiederum war nicht lange genug. Trotz der beruhigenden „functionar“, die bei der Bergkirche geraucht wurde, konnte nichts helfen, die Konzentration zu erhöhen. Ja, und nun eilen sie dahin, diese Lehrer, die uns so viel beigebracht haben, nicht selten gegen unseren Willen, und das sei ihnen gedankt, sie eilen über die Gänge: der grimmig-giftige Pumi, der peinlich saubere Neck, dessen Hemden und Taschentücher so blühweiss waren, der ewig an der Hose hebende Dupp, der elegante und voller Elan zu Sternen strebende Heinerich, der korrekte kluge Hollitzer, der nuschelnde und gescheite Physi, der humorlose Petrenz, der ewig müde intelligente Mokan und schließlich der auch noch im Ehebett das Frisch Fromm Fröhlich Frei tragende Costache. Und dann wie ein Kapitän auf seinem gut geführten Schiff der Lup. Waren das nicht prächtige Lehrer?
Und wenn der alte Abiturient eintritt in die Klassenzimmer wird er den Platz eines jeden seiner Kameraden erkennen und manchem Geschehen wird er nachträumen. Denkt doch daran, als im lauen Sommerwind während des Unterrichts der Rollvorhang in der Tertia zweimal sich nach oben empfahl und der liebe, kleine, giftige Pumi diesen zweimal wieder herunterzerrte: Als der Vorhang trotz allem zum drittenmal nach oben surrte, sprang der kleine Pumi mit einem Satz, sich etwas in seinen Bart zischend, auf das Fensterbrett, wie Tarzan, und riss den widerspenstigen Vorhang herunter, und nun stand der kleine Giftzwerg auf dem Fensterbrett, überdeckt von einem Rollvorhang. Und. Wir, die Rasselbande, lachten, und der Kleine unter dem Vorhang sah das alles nicht.
Oder wisst Ihr noch, was eines Morgens geschah, nachdem wir wie üblich unseren Choral „Der frohe Morgen weckt uns wieder“ zum Himmel stoßen mussten? Es folgte das Morgengebet, das Vaterunser, und diesmal war der gute Ditz an der Reihe. Er, der, wenn er aufgeregt war, stotterte. Nun musste er auf das Podium steigen, die Hände falten und das „Vaterunser“ sprechen. Da aber Ditz beim Beginn des Sprechens, insbesondere wenn er aufgeregt war, mit dem rechten Unterarm drei, vier leichte Auf- und Abbewegungen machen musste, er aber diesmal daran durch die ineinander gelegten Hände gehindert wurde, entrang sich seiner gequälten Brust auf Pumis Ermahnung: „Lingner, beten!“ nur ein langgezogenes Fffffffffff’ und Ditz setzte zum zweitenmal an, doch abermals wiederum nur ein mindestens so langes Fffffffffffff. Hier wurde Pik zum Retter in höchster Not, denn er flüsterte dem Ditz zu: „Pump, Ditz pump!“, und so wurde aus dem nicht enden wollenden Ffffffffffffff dann doch noch ein richtiges Vaterunser.
Oder denkt an den Geschichtsunterricht mit dem Mokan neben der Berg kirche. Wisst Ihr es noch? Die Sonne strahlend, der Himmel blau, das war die Stimmung, als wir Mokan baten, den Unterricht im Freien abzuhalten. So geschah es dann. Einer schleppte Mokans Stuhl, der andere das Riesenregister mit den schrecklichen Eintragungen. Am Rain, neben der Bergkirche, nahmen wir Schüler Platz wie in einem richtigen Hörsaal, und unten im Weg auf seinem Sessel der Mokan. Zunächst setzte er sich einmal hin und schwieg und blinzelte in die Sonne. Seine Augen waren ganz klein, und ich glaube, er dachte an so etwas wie Mittagsschläfchen. Fehdenfeld ahmte das Gurren der Tauben nach, die im gotischen Fensterbogen saßen und mit Fehden um die Wette gurrten. Sollte das Schläfchen richtig und erholsam sein, musste ein tüchtiger Historiker nun ran, denn der würde lange Zeit und richtig das Thema behandeln. Darum vom Mokan die erste Frage: „Was haben wir für heute auf?“ „Maximilian der Erste“, ertönte es von irgendwo. Die zweite Frage, die er eigentlich selten stellte: „Wer will antworten?“ Und siehe da, oh Weltwunder, das Seltene, da schnellte der Pik mit seinem Finger in die Luft. Bei soviel Niedagewesenem horchte sogar der schläfrige Mokan hin und ließ erstaunt, aber willig, Pik antreten. Ich saß neben Pik und sah das Unheil, die Katastrophe kommen, und darum raunte ich Pik zu, in Kenntnis unseres wissenschaftlichen Inventars: „ Bäst tea blöd, den Maximilian, den kennen mer doch net.“ Doch Pik ging zum Schafott, so wie einst Stoertebäcker. Warum nur diese Selbstaufopferung? Geschehen ist geschehen, und so stand er neben Mokan und schwieg. Er schwieg, und nur noch die Tauben waren zu hören oder der Fehden, der sich als Rukkes betätigte. Es musste zum Krach kommen. Aber auch der Mokan schwieg. Es war aber auch ein zu heißer Tag, und es war viel Energie nötig, um zu toben. Obendrein konnte ja auch ein großer Schweiger, wenn schon kein großer Redner da war, die notwendige Ruhe zum Dösen hervorzaubern. Und als dann später Pik sich nach seinem langer Schweigensolo neben mich setzte, fragte ich ihn nur: „Bäst tea blöd oder bäst tea en Idiot?“ Doch er in merkwürdiger Aufregung zu mir, sichtlich befriedigt über seinen Ausflug: „Meld dich uch, em kaun dem Kiki eangder den Kerl sähn.“ Das war dann freilich ein Kodde wert gewesen, eines zu den schon vorhandenen.
Ja, so könnte ich weiter schreiben und erzählen, über jeden von Euch, liebe Kaneraden, über viele Erlebnisse voller Spitzbübigkeit, aber auch Ernst, über Menschen und Geschehnisse aus der seligen Jugendzeit in Schäßburg, Dinge, die vor 51, 52, 53 und mehr Jahren passierten. Viel, viel wäre zu erzählen über jeden von Euch, aber das gäbe ein ganzes Buch. Doch noch etwas möchte ich Euch nicht, vorenthalten, etwas was einer unserer meist geachteten Lehrer in einem Gespräch mir anvertraut hat, in einem Gespräch, welches viele Jahre nach dem Schulabgang geführt wurde. Zuerst der Lehrer. Es war Hollitzer. Und dann das, was er sagte, aber da muss ich ein wenig ausholen.
Für unsere Abschlussprüfung in der Oktava hatten wir mit Schipp ein spezielles Vorbereitungssystem für die rumänische Literatur erfunden. Das sah ungefähr so aus: Wir hektografierten ein Schema in vielen Exemplaren und das lautete so: „Scriitorul ... s-a na?scut în anul ...., a urmat s¸coala la .... s¸i Universitatea la (CIuj, Viena, Roma, Paris), a editat ziarul ...., a publicat ...., a luat parte la revolut¸ia din anul 1848 s¸i a murit de o cruda? boala?.“ Wunderbar, diese Erfindung. Nur jeweils die Namen, ein paar Daten, und fertig war die Antwort und die Vorbereitung. So kam es auch, dass ich gestärkt und voller Vertrauen auf diese nicht versagende Literaturstütze zum Unterricht ging, ja, die Herausforderung von Hollitzer direkt erwartete, denn der ganze Literaturseich war auf einen einfachen, genialen Nenner gebracht worden. Wir blähten uns mit Schipp förmlich vor Erfinderstolz. Was konnte Hollitzer uns noch anhaben? In der Unterrichtsstunde, es war schon Vorbereitung zum Bak, erfuhr ich dann, dass der Augenblick gekommen sei, den Kampf mit Hollitzer auszutragen, denn er rief mich auf: „Sprechen Sie über Jacob Negruzzi.“ Haha, lachte ich in mich hinein. Heraus mit dem genialen Schema, hinein mit den lächerlichen Daten und dann Triumph des Geistes, eine Antwort, dass die Fetzen fliegen! Und so fing ich an: S-a na?scut, s¸coala, studiile,Viena, Roma und dann wischte ich ihm, dem Hollitzer, triumphierend das „a luat parte la revolut¸ia din 1848 s¸i a murit de o cruda? boala?“. Weg war er, der Negruzzi Jacob. Dann Stille, unheimliche Stille. Kein Lob von Seiten des Großen. Nichts. Und dann ein Donnerwetter, mit blitzenden Augen starrte Hollitzer mich an, mir schien, er wolle mich auffressen, und dann zischte er mich an: „Ja, das ist er, der Ungar, der ewige Revolutionär, der bicskas. Ja, wissen Sie denn nicht, dass dieser Dichter, dieser Jacob Negruzzi, der einzige aller Dichter war, die Sie kennen und können müssen, der nicht an der Revolution 1848 teilgenommen hat? Der Einzige!“ Im guten Hollitzer schien eine Welt zusammengebrochen zu sein. Ich war auch am Boden zerstört, denn mein geniales Schema, meine umwälzende Erfindung hatte beim ersten Ansatz grausam versagt.
Diese Begebenheit habe ich vor 3, 4 Jahren Hollitzer in Dinkelsbühl erzählt. Er hatte herzlich gelacht. Und weil er so herzlich gelacht hatte, nahm ich mir ein Herz und stellte die Frage, welche Eindrücke er von unserer Klasse in sein hohes Alter mitgenommen habe. Er erzählte mir, dass unsere Klasse seine liebste Klasse gewesen sei und das darum, weil, wie er sagte, diese eine seltene gute Mischung positiver Charaktere gewesen sei, und lächelnd fügte er hinzu, sie sei auch gleichzeitig seine schwerste Klasse gewesen, eben wegen der Vielfältigkeit der Charaktere mit all ihren Äußerungen, die weder im Unterricht Schablone zugelassen hätten, noch aber in der menschlichen Behandlung dieser jungen Schüler. Das war ein großes Lob, das er dieser Klasse zuteil werden ließ, so empfand ich es wenigstens, und das will ich Euch nicht vorenthalten. Und dieses Eingeständnis eines hervorragenden Lehrers hat auch heute Sinn und Wert, auch heute nach 51 Jahren.
Aber nun ist der „Letzte“, wie ich ihn nannte, auf seiner Traumwanderung inzwischen auch müde geworden, ist er doch darum auch der Letzte einer einst lebenssprühenden Gemeinschaft junger Chlamydaten, und so wird er, wenn die Erinnerung auch noch so wunderschön und noch so einzigartig ist, langsam heimwandern. Etwas wird er doch noch tun. Noch einmal davon träumen, als er im Flaus mit seinen Schulfreunden und unseren beiden Mädchen von der Mauer vor der Prima sprang und dann vor der Blasmusik über den Umweg, Schulgasse, Kleiner Platz, unter dem Stundenturm durch, auf den Markt stürmte, die Bayergasse entlang. Und Blumen, viele Blumen wurden diesen scheidenden Studenten zugeworfen, von vielen hübschen Mädchen, die ihre Studenten beglückwünschten und verabschiedeten zugleich. Die ganze Stadt war auf den Beinen, alles jubelte diesen Studenten zu, die nun die Stadt bald verlassen und darum den schönsten Lebensabschnitt nun der Erinnerung überlassen mussten. Abends aber, beim Fackelschein auf dem Marktplatz der kleinen vertrauten Stadt, als das „Nun leb wohl, Du stille Gasse“ vielstimmig erklang, vielen Mädchen Tränen über die Wangen liefen und manch Abiturient den leidigen Knödel im Halse verspürte, wurde der unwiederbringliche Lebensabschnitt verabschiedet, von einer geliebten Stadt; besiegelt wurde aber auch der Abschnitt im Leben dieser jungen Abiturienten, der nie, niemals zurückzubringen war. Und das empfand der so genannte „Letzte“ des Jahrgangs 1925 beim Träumen, beim Sich-Erinnern. Aber so schön und leider auch schmerzlich dieses Sich-Erinnern war, er, der Abiturient von einstmals, hatte aus innerer Verpflichtung seinen Kameraden zuliebe noch einmal erlebt, was einst so wundervoll gewesen war, damals, als es Wirklichkeit war, und bekannte sich zu diesem Erleben, indem er sich gestand: Wenn ich noch einmal von vorne beginnen könnte, wenn Gott mir erlaubte, nochmals jung zu sein, ich wünschte mir diesen Lebensabschnitt nochmals, genauso wie er abgelaufen ist und mit all den Kameraden, denn es war schön und hätte nie schöner werden können.
Doch, liebe Klassenfreunde, noch ist nicht nur Einer da, der Letzte, noch seid Ihr in einer großen Zahl beisammen und die, die nicht bei Euch sind, weil das Schicksal es ihnen nicht gestattet, stehen in Gedanken neben Euch, dort in Schäßburg, und erleben dieses Treffen nach 51 Jahren in Gedanken gemeinsam mit Euch. Und ich sehe jeden meiner Schulkameraden vor mir und gestehe, dass jeder ein brauchbarer und ehrenwerter Mensch geworden ist, keiner ist gescheitert, keinen müssen wir verheimlichen, die Gemeinschaft blieb, was Hollitzer von ihr hielt, als wir noch kochten und nicht ausgegoren waren, und das blieb dieser Klassenkreis über 55 Jahre. Und darüber kann man froh, zufrieden und glücklich sein. Und hier muss ich Dank sagen dem lieben Gott, Dank jener hervorragenden Bergschule mit ihrem Geist und ihrer Tradition, Dank den verehrten Lehrern, die trotz unserer Art und unseres Wesens aus uns etwas Brauchbares zusammengezimmert haben.
Aber, und das ist der Grund meines Schreibens, will ich Euch danken, Euch liebe Schulfreunde, auch denen, die nicht mehr leben, und meinen ehrlichen Dank dafür aussprechen, dass Ihr mich in der aufgenommen habt und dass ich durch Euch so viele unvergessliche Jahre erleben konnte, dass ich wundervollen, unvergesslichen Zeit, als wir zusammen zur Schule gingen, als einen der Eurigen Freunde gewann und dass ich immer den Weg der Anständigkeit gehen konnte, weil ich es von Euch so gelernt habe, in einer Zeit, als wir noch jung waren und sorglos waren und noch nicht wussten, was eine solche Kameradschaft für einen langen Lebensweg mitzugeben im Stande ist. Empfindet Ihr, liebe Freunde, beim Zuhören oder Lesen dieses Briefen an Euch, so wie ich empfand, als ich diese Zeilen schrieb, dann hat Maturatreffen, Eure Zusammenkunft nach 51 Jahren seinen tieferen Sinn erhalten.
Ich schrieb diese Epistel heute, Sonntag, den 2. Mai, rasch, dringend in einem Fluss,weil Nitschmann sie noch erhalten soll. Darum, wenn er nicht die Qualität eines richtigen deutschen Aufsatzes bei Müzi hat, dann verzeiht mir.
Und nun Ihr Jünglinge von 7o Jahren, seid alle umarmt und gegrüßt, zerpusst mir die gute Lätitia und Eure lieben Frauen, trinkt Eure Gläser leer, denn die alten Burschen leben noch!
Sursum corda!

Euer Gyur

Erklärungen:
Von den Klassenfreunden, die im Brief erwähnt werden, konnten folgende identifiziert werden: Dudu: Julius Kovacs, Arzt in Reps, Sohn des Gastwirten Kovacs und Bruder des Schäßburger Arztes Ernö Kovacs; Ripa: Richard Knall; Karli: Karl Knall; Nitschmann: Hans Markus, der spätere Sänger; Pik: Winter Pick; Bubu: Julius Roth; Bubi: Friedrich August Salmen, Apotheker; Noldi: Arnold Loy; Schipp: Hans Wohl; Arz: Julius Arz; Ditz: Andreas Lingner aus Dunnesdorf; Lätitia: Letitia Cornea, verh. Leutschaft; Fehden: Julius Fehdenfeld aus Reps. Kuli und Kiki: konnten nicht identifiziert werden.
Die Lehrer: Mokan: Dr. Hans Markus (Geschichte); Petrenz: Wilhelm Teutsch (Deutsch); die / der Mützi: Gustav Schotsch, von den folgenden Generationen Mythos genannt (Philosophie und Deutsch); Physi: Karl Roth (Mathematik, Physik); Pumi: Karl Brandsch (Griechisch, Latein); Heinrich: Heinrich Höhr (Naturkunde); Neck: Julius Unberath (Mathematik u. a.); Hollitzer: Dr. Julius Hollitzer, Spitzname Nastor (Rumänisch, Deutsch, ab 1928 Direktor); Costache: Hans Theil (Latein, Internatsleiter); Lup: Dr. Johann Wolff (Deutsch, Religion, bis 1928 Direktor); Dupp: Karl Seraphin (Geschichte).
Sursum Corda = Hoch die Herzen

 

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