HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Zum Geleit

Schäßburg und die Schäßburger im Wandel der Zeiten

Vom Wandel soll die Rede sein .Vom Wandel der Stadt und unserem Wandel. Beide sind mit Händen zu greifen. Und beide kamen nicht von ungefähr, auch nicht von heut auf morgen. Dieser Wandel war mit politischen Ereignissen und Entscheidungen verbunden und wurde durch sie verursacht und nachhaltig geprägt. Für uns Ältere ist es ein überschaubarer Zeitabschnitt, die jüngere Generation wurde durch uns auf den Weg mitgenommen. Meine Ausführungen werden drei Abschnitte umfassen: erinnern – begreifen – neu anfangen.
Erinnern.


Schäßburg 1878; Ölgemälde von Ludwig Schuller, 90 x 60 cm,
Origiunal im Bruckentalmuseum - Reproduktion: Konrad Klein


Als ich am l. September 1974 meinen geistlichen Dienst in Schäßburg begann, besuchte ich in der ersten Woche, die Witwe meines zweiten Amtsvorgängers, die im Nachbarhause wohnte. Im Laufe des Gesprächs sagte sie in ihrer nüchternen Art: „ die Aussicht vom Schänzchen aus ist wunderschön, aber die Zukunftssaussichten sind nicht besonders rosig“. Die bange Existenzfrage „bleiben oder gehen“ beschäftigte damals alle Schäßburger. Die Gemeinde war aufgewühlt. Ich habe in l6 Jahren gelernt, damit umzugehen und zu leben. Das hieß damals, mit ungezählten Abschieden unterschiedlichster Art zu leben. Viele gingen unter die Haut. Ich wurde neugierig und habe nachgezählt: von 1974 – 1989 haben wir 2.689 Gemeindeglieder in Schäßburg verabschiedet. Für siebenbürgische Verhältnisse, eine große Kirchengemeinde, die sich langsam auf den Weg gemacht hatte. In den Jahren 1977 , 1978 und 1979 wanderten die meisten aus: 261, 297 sowie 261 Gemeindeglieder pro Jahr. Die hohe Zahl hing mit dem Besuch des damaligen deutschen Bundeskanzlers H. Schmidt und dem ausgehandelten Kopfgeld zusammen.1989/1990 folgte dann der Massen¬exodus, der einen grundlegenden Wandel einleitete. Kinder und Enkelkinder, aber auch andere fragen: „wie war das damals möglich? Wie konnte so etwas geschehen? Sich auf den Weg machen, Abschied nehmen und gehen?“ Wer die Zeit vor und nach dem zweiten Weltkrieg miterlebt und miterlitten hat, ist um Antworten nicht verlegen. Ich habe gelernt, dass die Antworten über jene Jahre sehr biografisch geprägt sind. Die persönliche Einfärbung des Erlebten halte ich deshalb für sehr wichtig. Sie gehört zu dem, was die Annalen als nackte Geschichtstatsachen festhalten, hinzu. Sie füllen die trocknen Geschichtstatsachen wie 23. August 1944, l3./l4. Januar 1945, 6.März 1945 etc. mit Leben und geben ihnen ein Gesicht – unser aller Gesicht. Warum erinnern wir uns? Weil das, was im Gedächtnis nicht bewahrt wird, nicht mehr unser ist.
Kann man das Erinnerte aber begreifen?
Kann man überhaupt begreifen, was in den letzten sechzig Jahren unseres Lebens geschehen ist? Das Kriegsende 1944/45, mit all dem, was es an Grausamkeiten nach dem Krieg herauf beschworen hatte, kam bekanntlich nicht wie ein Dieb in der Nacht über uns, plötzlich und überraschend. Dieses Kriegsende kam auch nicht wie eine Naturkatastrophe über uns, sondern hatte eine Vorgeschichte. Diese Vorgeschichte war die Folge einer politischen Weichenstellung der Siebenbürger Sachsen Mitte der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhundert. Die völkischen Auseinandersetzungen hatten auch in Schäßburg zu einer unvergessenen Saalschlacht geführt. Hitlers Krieg, der 1939 begonnen hatte, hatte, wie ein englischer Bischof vor Jahren einmal in Hamburg sagte, „einen dämonischen Orkan ausgelöst, der uns alle mitriss. Die Eigendynamik des Krieges“ hatte am Ende alle enthemmt. Die moralischen Prinzipien wurden verdrängt. Man rächte sich. Man zahlte heim. Wir alle standen in diesem dämonischen Orkan und wurden zum Spielball politischer Mächte. Eines Tages hatte man dann Kriegs – und Nachkriegszeit überlebt, doch die Bindekraft, die man mit Siebenbürgen bzw. Schäßburg verband, hatte nachgelassen .Eine große Entfremdung war eingetreten. Das Hauptproblem der Siebenbürger Sachsen nach dem Krieg war, wie es ein erfahrener Volks- und Kirchenmann damals formulierte : „ob sie Rumänien noch als ihre Heimat anzusehen haben“ ( Wilhelm Schunn 1965).Andrerseits nahm das Menschenrecht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit zu. Der Anspruch auf dieses Menschenrecht konnte durch das, was Regierungen, Kirchen oder Gemeinschaften als nationale oder konfessionelle Pflicht ansahen und anmahnten, nicht mehr so leicht ausgehebelt werden.
Wer das alles versucht zu begreifen, dem geht es heute weder um Anklage noch um Aufrechnung des Geschehenen. Denn menschliches Leid kann nicht saldiert werden: mein Leid gegen dein Leid (R Herzog). Aber es geht um Trauer: denn wir haben viel verloren. Der Wandel hat viele Opfer gefordert und Veränderungen gebracht. Im Angesicht Gottes gedenken wir unserer Eltern, Verwandten, Nachbarn und Freunde, die ein Teil unseres Lebens waren. Trauer ist nötig, damit wir loslassen können, damit Vertrauen wieder wachsen kann, dass Gott immer noch mitgeht und uns führt, auch wohin wir nicht wollen. Und damit komme ich zum dritten Abschnitt:

Neu anfangen

Nach dem Krieg, gab es überall die notwendigen und wichtigen Neuanfänge: in Schäßburg und in der Bundesrepublik. Nach fünfzig Jahren Kommunismus brach die „Diktatur des Proletariats“, die in Wahrheit eine Diktatur des Politbüros war, wie ein Kartenhaus zusammen. Nach der Revolution vom Dezember l989 standen wir dann noch einmal vor grundlegenden politischen sowie persönlichen Neuanfängen. Ein Wandel, den keiner mehr erwartet hatte, trat ein. Erhofftes wurde langsam möglich. Doch auf die Zeiten der Hochgefühle folgten Zeiten der Ernüchterung. Der Weg zur Demokratie entpuppte sich als dorniger Pfad. Menschen, die der Stadt Schäßburg ein vertrautes Gesicht gaben, sind inzwischen längst weg. Andere sind nachgezogen. Auch sie trugen zum Wandel bei. Ein langer Lernprozess, verbunden mit vielen unterschiedlichen Lernwegen, setzte für alle ein. Auch ein positives Ergebnis stand am Ende dieses Weges: Misstrauen vergiftet die Seelen und mit Hass lässt sich keine Zukunft gestalten. So bauen wir alle, ob in Schäßburg, in der HOG oder sonst wo, an einer Kultur des Vertrauens, die uns hilft und befähigt, einander anzunehmen um gemeinsam in ein vereinigtes Europa hineingehen zu können. Eine nützliche und menschenfreundliche Erfahrung hat uns nämlich der Wandel der Jahre mit auf den Weg gegeben: Zukunft braucht Vergangenheit und Zukunft braucht Vergebung und Versöhnung.
Damit wir auf diesem eingeschlagenen Weg bleiben können, werden wir eingeladen, uns immer wieder zu erinnern, zu begreifen und neu anzufangen. Denn Heimat darf nicht nur rückwärts gewandt gelebt und gestaltet werden. Was nicht veränderungsbereit ist, stirbt eines Tages. Heimat muss auf den Weg in die Zukunft mitgenommen werden. Dabei ist sie heute mehr personenbezogen als ortsbezogen. Doch gerade dadurch wird sie in einer Kultur des Zusammenlebens neu gestaltet. Und sie bleibt zukunftsoffen.
Im Jahre 1993 wurde die HOG Schäßburg gegründet. Sie verstand sich als Forum für den andern Neuanfang. Dem musste Rechnung getragen werden, was auch gut gelungen ist. Der Vorstand hat dabei ein immenses Arbeitspensum abarbeiten können .Dafür wollen wir ihm herzlich danken. Heute nun steht die HOG Schäßburg vor großen Umbrüchen und neuen Herausforderungen. Umbruch heißt immer auch Neuausrichtung .Der angedachte Wandel betrifft die personelle Neuaufstellung des Vorstandes und er betrifft eine sachbezogene Neuausrichtung der Arbeitsinhalte. Darum wende ich mich mit diesen Worten an die jungen und junggebliebenen Rentner und Rentnerinnen, aber auch an alle andern, die Schäßburg lieben: im Herbst findet in Dinkelsbühl das Schäßburger Treffen statt. Im Rahmen dieses Treffens findet auch die Vollversammlung der HOG- Mitglieder statt. Hier haben dann alle die Möglichkeit, mit zu helfen und mit zu denken, dass die Arbeit gut fortgeführt und zukunftsbezogen gestaltet werden kann.
Liebe Schäßburger-/ -innen, kommt, bitte, zahlreich nach Dinkelsbühl und stellt euch und eure Gaben für die unterschiedlichen Aufgaben zur Verfügung. Wir brauchen unbedingt eine Koalition der Willigen, die bereit ist, sich gemäß der alten Lebenserfahrung einzubringen: ich kann von andern nicht erwarten, was ich selber nicht bereit bin zu geben.
Zum andern: für den in Dinkelsbühl neu zu wählenden Vorstand heißt es dann weiter: was wollen wir in Zukunft und was können wir? Während der letzten Zusammenkünfte reifte eine allgemeine Erkenntnis: die Arbeit der HOG muss neu gewichtet und verschlankt werden. Diese wichtige Einsicht muss nun zukunftsfähig gemacht werden. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, alles andere hat Nachrang.
Die HOG möchte Menschen in Schäßburg helfen und sie begleiten, insoweit die vorhandenen Mittel reichen, und sie möchte im Gespräch mit den andern Organisationen und Institutionen bleiben, insoweit Gesprächsbedarf besteht. Andrerseits möchte sie hier in der neuen Heimat die Nachbarschaften im Bundesgebiet schwerpunktmäßig stärken, sowie ideel fördern, die Verbindung untereinander und Miteinander ausbauen und stärker vernetzen. Auf diese Art schaffen wir die menschlichen Voraussetzungen dafür, dass wir einander auch in Zukunft herzlich begrüßen und begegnen können.
In alter Verbundenheit und mit herzlichen Grüßen Ihr /Euer

Dr. August Schuller (Brühl)

 

 

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