"Modern ist für mich kein Wertbegriff ..."
In dem Haus neben der Schülertreppe, das mit seinem Dreiecksgiebel
freundlich in die Schulgasse der Schäßburger Burg hinunterblickt,
war der Maler, Grafiker und Bühnengestalter, Kostüm-Entwerfer
und Schauspieler Gustav Adolf Binder, oder wie er unter den Schäßburgern
genannt wurde: der Binder - Bräd zuhause.

Gustav Adolf Binder
Sein älterer Bruder Franz hatte den kleinen Bruder „Bräderchen“
genannt. Und als dem Heranwachsenden das diminutive „-chen“
nicht mehr gemäß war, blieb doch der Name Bräd. Von dort
ging er auf die Bergschule und erhielt vom Zeichenlehrer Georg („Tschick“)
Donath die erste prägende Förderung seines Talentes. Eine weitere
Förderung ermöglichten ihm seine beiden kinderlosen Tanten :
er durfte in Dresden studieren! Zunächst Architektur, doch wechselte
er bald zur Kunstmalerei und wurde Meisterschüler bei den bekannten
Malern und Professoren Feldbauer und Dorsch. Der Vater, ein realistischer
Kaufmann, wollte wohl zur Stützung dieser Entscheidung vorher eine
Prognose von Prof. Feldbauer einholen. Der Antwortbrief des Professors
ist erhalten und lautet:“ Die Arbeiten, die mir Ihr Sohn, Herr Gustav
Binder, gezeigt hat, scheinen, soweit man das überhaupt behaupten
kann, Talent zu verraten. Der künstlerische Beruf hängt aber
nicht allein vom Talent ab, es müssen auch Hingabe, Ausdauer und
Bildung mitwirken, darum kann man wenig prophezeien, aber relativ kann
man wohl sagen, dass er ebenso wie andere Aussicht hat, als Künstler
seinen Weg zu finden.“ Mit seinem Leben hat Gustav Binder immer
wieder die prophetische Einsicht des Maler-Professors belegt, sowohl was
das attestierte Talent, als auch die nicht wörtlich, aber indirekt
angedeutete Unstetigkeit anbelangt.

Entwurf einer Bühnendekoration für "Eugen Onegin"
Aquarellierte Kohlezeichnung
Warum er die Architektur nicht weiter studiert hat, das Studium der freien
Malerei in Dresden eigentlich nicht abgeschlossen hat, konnte nicht ergründet
werden. Seinen Weg als Künstler hat er dennoch gemacht. Zur eigenen
Genugtuung und zur Freude seiner Freunde hat er viele Bilder, Zeichnungen
und Grafiken gemalt und gezeichnet, hat zusammen mit den bekannteren Künstlern
Hans Hermann und Trude Schullerus ausgestellt und hat beim „Salon
Oficial“ in Bukarest auch Prämien als Anerkennung bekommen.
Auch einen Abschluss als Zeichenlehrer hat er in Bukarest erworben, hat
diesen Beruf aber nie ausgeübt.

Kostümentwurf für das ungarische
Staatstheater für "Liliomfi" - Aquare-
lisierte Bleistiftzeichnung
Seine eigentliche Berufung hat er als Theatermaler beim deutschen Landestheater
in Hermannstadt, später an Oper und Theater in Bukarest und Temeschburg
gefunden. Die Phantasie und Gestaltungskraft fand hier eine konkrete Anwendung
bei der Bühnengestaltung, sowohl die einfühlsame Übersetzung
der Atmosphäre des Stückes in Formen und Farben, als auch die
reale Konstruktion dieser Visionen. So kommen freie Malerei, Architektur
und literarische Bildung mit künstlerischem Stilgefühl zusammen.
Bescheiden ordnet er sich den Erfordernissen der Regie unter und verhilft
ihr zum gewünschten Ausdruck. „Ich bin gerne bereit, mich als
Sekundus der Aufführung anzusehen, aber dann muss der Regisseur ein
K e r l sein,“ sagt er in einem Interview der Journalistin Helga
Reiter 1967 im „Neuen Weg“. Er entwirft auch Kostüme.
Und sicher sind in seinem künstlerischen Schaffen Höhepunkte
die Aufführungen, in denen er Bühne und Kostüme gestaltet
hat und seine Frau Margot Göttlinger die Hauptrolle spielte. Am Theater
hat er sie kennen und lieben gelernt , die Absolventin der Berliner Schauspielschule,
die eine Karriere in Deutschland einer umfassenden und segensreichen Theaterarbeit
am Landestheater in Hermannstadt , an der Bergschule in Schäßburg
und am Deutschen Staatstheater in Temeschburg geopfert hat, als Schauspielerin,
als Regisseurin, als Kostüm-Zeichnerin. Auch hat sie drei wohlgeratenen
Söhnen das Leben geschenkt, die in Varianten das künstlerische
Arbeiten ihrer Eltern fortsetzen, nach der Umsiedlung der Familie in Deutschland.
Gustav Binder, 1901 in Schäßburg geboren, stirbt ( nach seiner
Verrentung 1967) 1975 in Schäßburg.
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Portrait F. Binder (Bruder des Künstlers) -
Öl auf Leinwand 78 x 63 cm
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Bühnenentwurf Bauernhof für "Lugojana" Aquarell
25 x 27 cm |
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Badeszene an der Kokel-
Ölgemälde, 50 x 60 cm
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Bühnenbild für die "Entführung aus dem Serail"
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Aquarell 30 x 46 cm |
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Das Pfarrgässchen auf der Burg -
Ölgemälde 34 x 51 cm
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Selbstbildnis - Öl auf Leinwand 50 x 60 cm |
Für viele Schäßburger, die ein Gemälde oder eine
Zeichnung vom Binder - Bräd besitzen, ist er ein „täglicher
Gesprächspartner“. Aber auch jeder Besucher der Bergkirche
freut sich an einem Werk, das er gemeinsam mit seinem Freund Julius Misselbacher
in gemeinnützigem Interesse vollbracht hat: die Freilegung der mittelalterlichen
Fresken (1934). Auch das maßstabgerechte Modell der Stadt Schäßburg
des 18.Jahrhunderts (?) im Stundturm-Museum stammt von diesen beiden Freunden.
Durch die Wirren des Krieges und durch die verschlungenen Wege der ausgewanderten
Bildbesitzer ist eine Übersicht über die noch existierenden
Kunstwerke zum Bedauern der Söhne und der interessierten Kunstliebhaber
nicht möglich. So musste sich der Schreiber dieser Zeilen allein
auf die in Familienbesitz befindlichen Werke stützen. Weil aber die
Siebenbürgische Kunstgeschichte nicht so viele Maler hat, dass man
ruhig einige vergessen kann, möchte ich die Bitte von Raimund Binder
aus Wiehl (Schwalbenweg 2) an die Leser der Schäßburger Nachrichten
und an alle Besitzer von Bildern von Gustav Binder richten, ihm Motiv,
Maßangabe, Technik, am besten mit Foto, des Bildes mitzuteilen.
Mit Ruhm und Ehren des Bühnenmalers ist es eine besondere Sache:
er bietet mit seiner Ausstattung den bejubelten Schauspielern den geeigneten
Rahmen für ihr Spiel, unterstützt und steigert die Wirkung und
wird, wenns hoch kommt, in den Kritiken am Rande lobend oder dankend erwähnt.
Wenn aber Bühnenbilder nach vielen Jahren immer wieder für die
Aufführung eines Stückes verwendet werden, und das nicht aus
Gründen der Sparsamkeit, sondern dank der ausgezeichneten Qualität,
wie das bei Gustav Binders Arbeiten mehrfach geschehen ist, ist das ein
Kompliment, von dem wenig Aufhebens gemacht wird, das aber zählt
und der Erwähnung wert ist.
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Ansicht von Schäßburg vom Galgenberg ca. 1936 -
Ölgemälde 70 x 50 cm |
Helene Binder, die Mutter des Künstlers -
Öl auf Leinwand 60 x 80 cm |
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| Stilleben - Öl auf Sperrholz - 42 x 34 cm |
Entwurf Bühnenbild für "Pique Dame" - Buntstiftzeichnung |
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| Portrait des Sohnes Franz - Aquarell 24 x 30 cm |
Blick auf die Bergkirche - Öl auf Leinwand - 50 x 40 cm |
Auch wenn die Ausmaße der vielen Ölgemälde und Zeichnungen
bei weitem kleiner sind als die Bühnenbilder, erscheinen in der jeweils
aktuellen Presse Besprechungen von Bilderausstellungen Gustav Binders
regelmäßig:
so seine Ausstellungen 1936 und 1938, wo er Stilleben und Porträts,
Landschaften und Tierstudien zeigt und beifällige Kommentare erhält.
Helmut Fabini ordnet seine Bilder in die Nähe der Berliner Sezession
ein, in der „Eindruckskunst“ (Impressionismus), „Ausdruckskunst“
(Expressionismus), Symbolismus und dekorative Elemente des Jugendstils
um 1900 zusammenwirken. Ein anonymer Kommentator schreibt im Siebenbürgisch
deutschen Tageblatt zu Binders Ausstellung: „.. Aus allen seinen
Werken spricht eine hemmungslose Freiheit in der Handhabung des Technischen,
eine gelöste leichte Pinselführung voll Schwung und Sicherheit.
Dazu kommt die vornehme, immer in beherrschten Tönungen gehaltene
Farbgebung von tiefer, harmonischer Schönheit. Es ist in allem Form
und Stil, was Binder schafft, keine bizarren Absonderlichkeiten, wie sie
sonst Maler von heute gerne haben, stören die in sich geschlossene
Einheit des Kunstwerkes.“ Zur modernen Kunst sagt Gustav Binder
im oben zitierten Interview : „...wenn man sieht, wie die Technik
vorstößt und die Kunst so verzweifelte Versuche macht...Modern
ist für mich kein Wertbegriff.“ Modern“ und „interessant“
sind für mich eher Ausreden...“. Der Architekt Franz Letz würdigt
den Maler im „Großkokler Boten“ in einem ausführlichen
Artikel und streicht die Vielseitigkeit des Künstlers heraus, den
Zeichner mit seinen Tierstudien, der um das „Was“ bemüht
ist, und den Maler, dem das „Wie“ der Darstellung wichtiger
ist, der den Charakter der abgebildeten Person in Form, Malweise und Farbigkeit
zum Ausdruck bringt, in den Landschaften nicht gefühllos abgebildete
Postkartenmotive unserer Stadt als „Handelsware“ bietet, „Das,
was zwischen den Dingen liegt, gilt es zu erfassen: Abstand - Athmospäre
- Stimmung.“ Und an einigen gelungenen Beispielen beschreibt er
die erzielte Wirkung. Das Harmoniebedürfnis des Künstlers kommt
auch im folgenden Zitat zum Ausdruck: „Mit allzu kühnen Versuchen,
sehen wir von der Qualität ab, kann man einem Publikum, wie dem unseren,
das der modernen Kunst ziemlich beziehungslos und ahnungslos gegenüber
steht, höchstens eins versetzen, es leicht kopfscheu machen“,
oder: „Ich malte in Schäßburg schön brav, impressionistisch.“
In dieser duftigen Art hat er seine Bühnenbilder entworfen, mit sehr
viel Einfühlungsvermögen. Dass sein Sohn in Sankt Petersburg
frappiert vor dem „Sommer-Garten“ des Zarenpalastes in Petersburg
stand und sich über die Übereinstimmung mit dem Bühnenentwurf
des Vaters für „Pique - Dame“ wunderte, wo der doch nie
in Petersburg war!

Pferd auf dem Schäßburger Markt -
Kohlezeichnung 24 x 30 cm

Siechhofbrücke - Kohlezeichnung 35 x 35 cm
Drei Bilder vom Binder Bräd hingen bei meiner Tante an der Wand und
haben meine Jugend begleitet und sich mir tief eingeprägt: Die lebendige
Studie eines Pferdewagens vor einem dörflichen Haus, die Kreide-Zeichnung
der abgerissenen Siechhof-Brücke, an der man die Feinheiten der Holzkonstruktion
und die düstere Wirkung der überdachten Brücke erkennen
konnte, das vielfältige impressionistisch-expressive Licht- und Farbenspiel
einer heiteren Badeszene mit Pferden und Jungen, Schatten und Sonnenlicht
in Luft, Bäumen und Wasser. Eine solche Freundschaft mit Bildern
von Gustav Binder, die ein Leben lang hält und die einen bereichert,
wünsche ich vielen Lesern.
Hans Orendi (Mülheim)

Letztes Update:
2006-08-13
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
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