HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

 

 

Michael Neustädter

Arzt, selbstloser Helfer und Förderer des Fortschritts.
Zu seinem 270. Geburtstag und seinem 200. Todestag

Nachdem Kurutzenkriege und Pestepidemien Schässburg heimgesucht hatten, begann sich die Stadt ab dem dritten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts von den Folgen der Verheerungen zu erholen. In diese schwierige, jedoch friedliche Zeit Schässburgs wurde Michael Neustädter am 7. 09. 1736 hinein geboren. Hier bekam er seine schulische Ausbildung, besuchte das Gymnasium unter den Rektoren Andreas Fabritius und Paulus Paulinus Kraus und setzte dann seine Studien am Collegium in Neumarkt am Mieresch (Tg. Mures) fort. Nach Abschluss seiner Schulausbildung in Siebenbürgen studierte er ein Jahr lang Arzneiwissenschaften in Wien und bezog dann zur Fortsetzung seines Medizinstudiums die „Akademie zu Erlangen“, um es schließlich in Strassburg zu beenden. Von hier kehrte Neustädter nach Erlangen zurück, wo er sechsundzwanzigjährig mit einer Arbeit auf dem Gebiet der Chirurgie 1762 seinen Doktorgrad erwarb. Diese Arbeit widmete er dem damaligen siebenbürgischen Gubernialrat und Provinzialkanzler Samuel von Brukenthal. In Erlangen hielt er ein halbes Jahr lang auch Privatvorlesungen für junge Mediziner.


1763 kehrte Neustädter nach Siebenbürgen zurück, wo er sich in Hermannstadt als Arzt niederließ. Einen Ruf zum Kreisarzt nach Fogarsch nahm er 1770 ebensowenig an, wie einen kurz darauf nach Mühlbach und verblieb weiter als praktizierender Arzt in Hermannstadt. Dieses ist verständlich vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Hermannstadt sich zu jener Zeit, beeinflusst durch die Ideen der Aufklärung und den Aufschwung der Naturwissenschaften in Mittel- und Westeuropa, unter Gouverneur Samuel von Brukenthal zu einem bedeutenden wissenschaftlichen und kulturellen Zentrum entwickelte. Hier gab es, meist über Wien, einen regen wissenschaftlichen Austausch, hier lag der Sammelpunkt wissenschaftlicher Bestrebungen, verbunden mit einer in Aufschwung befindlichen, regen publizistischen Tätigkeit.
1774 wurde Neustädter zum ersten Stadtphysikus in Hermannstadt ernannt, eine Funktion, die er 10 Jahre lang innehatte. 1784 berief ihn Kaiser Joseph II. in das Amt des Landes– Protomedicus, eine verantwortungsvolle Funktion, die auf die Entwicklung und Verbesserung des Gesundheitswesens in Siebenbürgen ausgerichtet war und die Neustädter in beispielhafter Weise bis zu seinem Tode am 5. Juni 1806 wahrnahm.
Als oberster Vertreter des Gesundheitswesens in Siebenbürgen erhielt er 1792 den Titel eines kaiserlichen Sanitätsrates. Bereits im zweiten Jahr seiner hohen Funktion entwickelte Neustädter 1786 eine bemerkenswerte Tätigkeit zur Verhinderung der Ausbreitung der Pest in Rosenau, wobei er sich vor vielen anderen durch selbstlosen Einsatz, besondere Hilfsbereitschaft und Menschenfreundlichkeit auszeichnete. Seine Erkenntnisse fasste er in einer 1793 bei Martin Hochmeister in Hermannstadt gedruckten Abhandlung „Die Pest im Burzenlande 1786“ zusammen.
Im Auftrag der Regierung verfasste Neustädter 1795 ein Verzeichnis aller in Siebenbürgen wildwachsenden Pflanzen, das auf einem Verzeichnis seines Zeitgenossen und Freundes Peter Sigerus, Apotheker und Botaniker sowie den botanischen Forschungen des Botanikers und Normalschuleninspektors Joseph von Lerchenfeld beruht..Gelegentlich seiner Visitationen der siebenbürgischen Apotheken hatte Neustädter die Aufgabe, die Apotheker zur Nutzung der einheimischen Heilpflanzen anzuhalten. Bemerkenswert ist an Neustädters Heilpflanzenliste, dass sie 220 Arten mit Erwähnung der voilkstümlichen Namen in deutscher, rumänischer und ungarischer Sprache enthält und somit auch ethnobotanisch von Interesse ist. Neustädters Liste erschien in Klausenburg in einer Veröffentlichung, die der Förderung der Landwirtschaft, der Manufakturen und des Handels dienen sollte. Sie ist bezeichnend für die Bemühungen der Behörden, sowohl Anbau und Verwendung der einheimischen Heilpflanzen, als auch ihre Vermarktung zu fördern.


Von großer Bedeutung für den Fortschritt der medizinischen Fürsorge waren Neustädters Schriften betreffend die Kuhpockenimpfung (Hermannstadt 1803) verbunden mit Aufklärungen „zur Beherzigung für alle Familienväter in Siebenbürgen“. Durch Verordnung des Hofkriegsrates in Wien erging der Befehl, einen diesbezüglichen Unterricht zu veranlassen, worüber Neustädter dem Hofkriegsrat zur Berichterstattung verpflichtet wurde. Die Bedeutung von Neustädters Abhandlung für Siebenbürgen insgesamt lässt sich auch aus der Tatsache ablesen, dass sie in alle Landesprachen übersetzt und dann verbreitet wurde. Bereits vorher hatte Neustädter 1801 die Herausgabe der Anweisung zur Kuhpockenimpfung in Form eines Not- und Hilfebüchleins mit Fragen und Antworten veranlasst. Zur besseren Verbreitung der Information wurde die Anweisung auch dem bei Hochmeister in Hermannstadt gedruckten „Siebenbürgischen Geschichts- und Wirtschaftskalender“ beigefügt.
In der „Siebenbürgischen Quartalschrift“, der ersten wissenschaftlichen Fachzeitschrift Siebenbürgens hat Neustädter sich in vier unterschiedlichen Abhandlungen mit der Bedeutung der Mineralwasserquellen von Borsec, Homorod und Kis-Szék und ihrer gesundheitsfördernden Wirkung auseinandergesetzt und auch auf diesem Gebiet eine Pionierleistung erbracht.
Auch wenn Neustädters beruflicher Wirkungskreis außerhalb von Schässburg lag, so blieb er seiner Heimatstadt stets verbunden. Seiner Funktion als Landes-Protomedicus ist es zu verdanken, dass auf dem Gebiet der Medizin und der Farmacie Neuerungen durchgeführt wurden, die dem Fortschritt Siebenbürgens insgesamt und somit auch seiner Vaterstadt Schässburg dienten und ihr zugute kamen.

Erika Schneider (Rastatt)


 

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