Sächsische Redewendungen und Redensarten
Bildhafte Vergleiche, Redewendungen und Redensarten machen einen nicht
unwesentlichen Teil des Sprachschatzes aus. „Duden Band 11, Idiomatisches
Wörterbuch der deutschen Sprache“ belegt diese Tatsache: es
enthält 10 000 feste Wendungen, Redensarten und Sprichwörter
mit Bedeutungserklärungen und die Herkunft betreffende Erläuterungen.
Die bildhaften Redewendungen und Vergleiche verleihen der Sprache Anschaulichkeit,
Kraft und Frische, ja Schönheit und Poesie. Was für die Hochsprache
ausgesagt wird, gilt gleichermaßen für die Mundart. Der siebenbürgisch
- sächsische Dialekt ist besonders reich an bildhaften Vergleichen,
Wendungen und Redensarten. Dabei lassen sich vier Arten solcher Wendungen
unterscheiden:
1. Mit der Hochsprache gemeinsame, gleiche Wendungen;
2. Wendungen, die leichte Abweichungen in der Form haben, aber die gleiche
Aussage enthalten;
3. Eigenständige Wendungen, die nur im Dialekt vorkommen;
4. Ortsübliche Wendungen, die darüber hinaus nicht gebräuchlich
sind.
1. Zahlreich sind die der Hochsprache und im Dialekt identischen Wendungen.
Wir begnügen uns mit nur einigen Beispielen: „Mit dem ist nicht
gut Kirschen essen“; „Kein Kirchenlicht“; „Dastehen
wie die Kuh vor dem neuen Tor“ u.v.a.
2. Nur in der Form leichte Abweichung von der Hochsprache. So heißt
es z.B. in der Hochsprache „die Radieschen von unten schauen“,
im Sächsischen mit gleicher Bedeutung „de Voalcher vun eangden
rechen“. Oder „dunkel wie in einer Kuh“ - „deankel
wä än er Bäffelkeah“ setzt der Dialekt noch eins
drauf. Für „ Zusammenhalten wie Pech und Schwefel“ heißt
es in der Mundart „Zesummenhalden wä der Schwengsmäst“.
„Du bist nicht durchsichtig“- „Äs de Voter Gloser?“
(wenn man jemandem die Sicht verstellt).
3. Sehr zahlreich sind die originellen Wendungen, die nur im Dialekt vorkommen.
Der vorliegende Rahmen gestattet nur eine kleine Auswahl von Beispielen:
„Iwer Ierde loan“ (aufgebahrt) ; „Eräm krohwachteln“
(nächtens herumstreunen; „Wonn de Bäffel iwwer den Turm
fläjjen“ (nie und nimmer) „De Krippes um Seangtoch hosten
hiren“ (übergescheit); „Hut Ir Lengdächer statt
Dirren?“ (wenn man die Türe nicht schließt); „Än
de dannerich Kiehl kun“ (sich verschlucken und husten ); „Zeisich
tupen“ (die Zeit unnötig vertrödeln); „Strohschneider
gohn“ (seiltanzen, balancieren); „Wä der Schaaser iwwer
de Bach pespert“ (laut); „ De Maiskern zem Backe machen“
(weinen); „E hot sich nor um Schil-Ak gewazt“ (oberflächlich
gebildet); „Wonn de Keakel affenzea flesst“ (nie); „Grimpes
zähn“ (schnarchen); „Se hun noch näckest gedilt“
(noch keine Gelegenheit zum Streiten gehabt); „Garschtich sähn
wä en Schliddenteißelt“ (stur dreinschauen). „En
Flur mät er Hink“ (erstunken und erlogen, Widerspruch ); „Hannegeschefter“
(keine ernsthafte Arbeit).
4. Ortsspezifische Wendungen am Beispiel Schäßburg: „Törle
(Terli) gohn“ : Schule schwänzen, durchs Törle entwischen.
Dabei kommt „Törle“ wahrscheinlich von „tarla“
(Lämmerweide); im Sächsischen ist der Diminutiv auf -le ungebräuchlich.
„Ken Hermestadt fähren“ : ins Narrenhaus führen,
denn in Schäßburg gab es im Spital keine Unterbringungsmöglichkeit
für Geisteskranke. „Mät dem Pierel tuppen“: totschlagen,
euphemistisch; „Af de Schil drohn (schäcken)“: etwas
minderwertiges verschenken, denn z.B. eine misslungene Speise wurde von
den Seminaristen auf dem Schulberg noch gerne angenommen! „Salt
tea än de Kate beißen?“ fragt man jemanden bei einer
bevorstehenden Reise. Dieses Bild ist nicht klar.
„Schkobate gohn”.( falsch auch Spogate gohn ) heißt:
Maifest auf der Breite feiern. Es war ursprünglich eine Schülerexkursion
mit dem Zweck, Reisig (lat. scopae ) für Besen zu sammeln, die zur
Pflege der Schule und des Schulgeländes dienten.
Redewendungen und Redensarten sind für den Sprachwissenschaftler
interessant und für den Laien zumindest vergnüglich. Man eignet
sie sich selbstverständlich nicht aus dem Lehrbuch an, sondern übernimmt
sie im lebendigen Sprachverkehr durch Nachahmung.
Walter Roth (Dortmund)

Letztes Update:
2006-08-26
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
© 2000 by kdg
|